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Frage nach Solidarität

Weiss-blaue Zelte des UNHCR in einem Geflüchtetenlager im Libanon. (Bild: Filmstill)

Weiss-blaue Zelte des UNHCR in einem Geflüchtetenlager im Libanon. (Bild: Filmstill)

Wann zeigt sich unsere Gesellschaft solidarisch? Und hat Solidarität auch Schattenseiten? Der Rheintaler Filmemacher David Bernet spürt in seinem neuen Dokumentarfilm Solidarity dem Phänomen nach. 

So­li­da­ri­tät ist ein grund­le­gen­der Pfei­ler un­se­rer Ge­sell­schaft. Doch ein kur­zer Blick in die Welt ge­nügt, um zu fra­gen, wo denn die­se viel be­schwo­re­ne So­li­da­ri­tät ge­blie­ben ist. Wie zeigt sie sich und wer ist über­haupt mit wem so­li­da­risch? 

Mit dem Phä­no­men hat sich der Rhein­ta­ler Re­gis­seur Da­vid Ber­net, 1966, in sei­nem neu­en Do­ku­men­tar­film So­li­da­ri­tyaus­ein­an­der­ge­setzt. Da­bei be­trach­tet er So­li­da­ri­tät im Hin­blick auf den Um­gang der Ge­sell­schaft mit Flucht­be­we­gun­gen. 

Wäh­rend rund 90 Mi­nu­ten be­glei­tet und in­ter­viewt Ber­net et­wa die pol­ni­sche Men­schen­rechts­ak­ti­vis­tin Mar­ta Si­cia­rek oder Chris­ti­ne Go­y­er, die Re­prä­sen­tan­tin des UN-Flücht­lings­hilfs­werks UNHCR in Po­len. Aus­ser­dem kom­men Gil­li­an Triggs, die stell­ver­tre­ten­de UNHCR-Lei­te­rin so­wie Fi­lip­po Gran­di, der UN-Hoch­kom­mis­sar für Flücht­lings­fra­gen zu Wort. Der geo­gra­fi­sche Fo­kus des Films liegt mit un­ter­schied­li­cher Ge­wich­tung auf den Re­gio­nen Ukrai­ne, Po­len, Li­ba­non und Ga­za. 

Bü­ro­kra­tie und Dis­kus­sio­nen

Mit gros­ser Nüch­tern­heit folgt So­li­da­ri­ty die­sen vier Prot­ago­nist:in­nen an Grenz­über­gän­ge in Po­len oder zu Flücht­lings­la­gern im Li­ba­non, vor al­lem aber in Bü­ros und Ple­nar­sä­le. Vi­su­ell kön­nen die Auf­nah­men aus die­sen ad­mi­nis­tra­ti­ven Räu­men kaum über­zeu­gen, aber sie ha­ben ei­ne Funk­ti­on: Sie ver­deut­li­chen, was so­li­da­ri­sche Ar­beit zwangs­läu­fig mit sich bringt, näm­lich viel Bü­ro­kra­tie und noch viel mehr Dis­kus­sio­nen.

Da­bei ma­chen Si­cia­rek, Go­y­er und Triggs das wohl grund­le­gends­te Pro­blem der So­li­da­ri­täts­ar­beit deut­lich: Sie be­nö­tigt Res­sour­cen und In­sti­tu­tio­na­li­sie­rung. An bei­dem man­gelt es, wes­halb die­se Ar­beit häu­fig auf frei­wil­li­ger Ba­sis er­folgt. Je­doch sinkt mit der Zeit die Be­reit­schaft der Men­schen, Frei­wil­li­gen­ar­beit zu leis­ten, weil sie kei­ne Ka­pa­zi­tät mehr ha­ben oder weil sie schlicht das In­ter­es­se ver­lie­ren. «Die Re­ak­ti­on, So­li­da­ri­tät zu zei­gen, die­ser Im­puls ist wun­der­bar. Aber Im­pul­se bau­en kein Sys­tem auf», meint Si­cia­rek ein­mal.

Dar­aus er­ge­ben sich für ge­flüch­te­te Men­schen viel­fach ka­ta­stro­pha­le Le­bens­um­stän­de so­wie to­ta­le Per­spek­tiv­lo­sig­keit. Dass schutz­be­dürf­ti­ge Men­schen ei­ne Aus­sicht auf Staats­bür­ger­schaft ha­ben, ar­bei­ten kön­nen oder Zu­gang zum Ge­sund­heits- und Bil­dungs­sys­tem ha­ben, sei der «Gold­stan­dard», er­klärt Triggs. Die­ser «Gold­stan­dard», der für vie­le Schwei­zer:in­nen das ba­re Mi­ni­mum ist, wird für ge­ra­de mal 1 Pro­zent al­ler Ge­flüch­te­ten Rea­li­tät. 

Un­er­reich­bar bleibt er zum Bei­spiel für Gha­zi Al-Sa­lem, der mit sei­ner Fa­mi­lie seit 12 Jah­ren in ei­nem Flücht­lings­la­ger im Li­ba­non fest­sitzt. Er ist ei­ne der we­ni­gen Stim­men von Ge­flüch­te­ten, die im Film prä­sent sind. Ih­re Sicht­wei­se bleibt ten­den­zi­ell im Hin­ter­grund. Man fragt sich, ob mehr mög­lich ge­we­sen wä­re – letzt­lich geht es in So­li­da­ri­ty aber nicht um ge­flüch­te­te Men­schen selbst, son­dern um die So­li­da­ri­tät, die an­de­re ih­nen ent­ge­gen­brin­gen.

Zwei Flucht­be­we­gun­gen im Fo­kus

Sol­che Ein­bli­cke in die Funk­ti­ons­wei­sen der So­li­da­ri­täts­ar­beit mit deut­li­chem Schwer­punkt auf Po­len ver­mengt So­li­da­ri­ty mit phi­lo­so­phi­schen Re­fle­xio­nen. Im­mer wie­der hin­ter­fragt der Rhein­ta­ler, der aus der Ich-Per­spek­ti­ve durch den Film führt, das ti­tel­ge­ben­de Schlag­wort. Stel­len­wei­se zieht er den li­ba­ne­si­schen Mo­ral­phi­lo­so­phen Bashs­har Hay­dar hin­zu. Ber­nets The­se: So­li­da­ri­tät ist nicht un­ter­schieds­los, son­dern se­lek­tiv.

Flüchtende an der ukrainisch-polnischen Grenze. (Bild: Filmstill)

Flüchtende an der ukrainisch-polnischen Grenze. (Bild: Filmstill)

Zur Be­grün­dung die­ser The­se fo­kus­siert der Film haupt­säch­lich auf zwei Flucht­be­we­gun­gen, die sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren an der Gren­ze Po­lens ab­spiel­ten und die öf­fent­li­chen De­bat­ten be­stimm­ten: je­ne aus Sy­ri­en, aus­ge­löst durch den Bür­ger­krieg, und je­ne aus der Ukrai­ne in­fol­ge des rus­si­schen An­griffs­krie­ges.

Wäh­rend man die Ukrai­ner:in­nen in Po­len und auch sonst in Eu­ro­pa mit of­fe­nen Ar­men emp­fing, gab es für die Men­schen aus Sy­ri­en kaum So­li­da­ri­tät. Sie stran­de­ten in den pol­ni­schen Grenz­zo­nen, tra­fen auf Hass und Ge­walt, star­ben, oh­ne dass es je­man­den zu küm­mern schien. Der Rhein­ta­ler ver­mit­telt die­sen Hor­ror mit Auf­nah­men von den Grenz­ge­bie­ten. Bil­der, die man aus den Nach­rich­ten kennt, Bil­der, die nur schwer zu er­tra­gen sind.

«Die dunk­le Sei­te der So­li­da­ri­tät»

Dass So­li­da­ri­tät nicht al­len glei­cher­mas­sen zu­kommt, be­zeich­net Da­vid Ber­net als «die dunk­le Sei­te der So­li­da­ri­tät». Hay­dar for­mu­liert die zen­tra­le Bot­schaft des Films oh­ne zu be­schö­ni­gen, aber auch oh­ne zu mo­ra­li­sie­ren: «Die Art, wie die Eu­ro­pä­er:in­nen ukrai­ni­sche Mi­gran­ten:in­nen will­kom­men hies­sen, die viel zahl­rei­cher wa­ren als die sy­ri­schen oder afri­ka­ni­schen Mi­grant:in­nen, zeigt die Vor­ein­ge­nom­men­heit und Dop­pel­mo­ral.» Um so­li­da­risch sein zu kön­nen, er­klärt er, sei es not­wen­dig, ei­ne ge­wis­se Nä­he zu je­nen Men­schen zu spü­ren. «Je schwä­cher die Ver­bin­dung, des­to we­ni­ger ist man be­reit Op­fer zu brin­gen für Men­schen in Not.» 

Lan­ge liegt der Fo­kus des Films auf die­sen Flucht­be­we­gun­gen aus der Ukrai­ne und aus Sy­ri­en zur pol­ni­schen Gren­ze. Nur punk­tu­ell ein­ge­streut schei­nen da die Ex­kur­se in den Li­ba­non oder nach Ga­za. Dass Letz­te­res ge­gen Fil­men­de zu ei­nem wei­te­ren Schwer­punkt wird, mag na­he­lie­gend sein. Al­ler­dings rei­chen die ver­blei­ben­den Mi­nu­ten nicht aus, um an die bis­he­ri­ge Tie­fe des Films her­an­zu­kom­men.

So­li­da­ri­ty ist ein es­say­is­ti­scher Film, der die Funk­ti­ons­wei­sen des so­zia­len Phä­no­mens so­li­de auf­zeigt. Viel Neu­es er­fährt man nicht, aber zur Re­fle­xi­on an­re­gen tut So­li­da­ri­ty al­le­weil. Wo ver­hält man sich selbst so­li­da­risch, wo nicht – und wie hält es die Schweiz mit der So­li­da­ri­tät?

Film­vor­stel­lung mit Da­vid Ber­net und Mi­cha­el Eg­li, Lei­ter Fach­stel­le Mi­gra­ti­ons­po­li­tik, Ca­ri­tas, Don­ners­tag, 19. März, 19.30 Uhr, Li­ber­ty Ki­no, Wein­fel­den.

Film­vor­stel­lung mit Da­vid Ber­net und Je­le­na Co­sic, Lei­te­rin der Gra­vi­ta SRK (Zen­trum für Psy­cho­trau­ma­to­lo­gie und In­te­gra­ti­on), Frei­tag, 20. März, 19.30 Uhr, Ki­no Pas­se­rel­le. Watt­wil.

Film­vor­stel­lung mit Da­vid Ber­net im Rah­men der Ak­ti­ons­ta­ge ge­gen Ras­sis­mus: Sonn­tag, 22. März, 20.15 Uhr, Ki­no Mad­len, Heer­brugg.

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