Ein Kurztrip durch Scheinwelten
Vier Jahre nach ihrem Debüt kehren Lev Tigrovich mit einer neuen EP zurück. Diese handelt von Kontrollverlust, Illusionen und grossen Gefühlen – und enthält erstmals einen Song, der nicht auf Russisch gesungen ist.
Das Duo Lev Tigrovich mit Xenia Wiener und Janos Mijnssen gründete sich nach einer Auftragskomposition für ein Theaterstück. (Bilder: Lena Frei)
Ehe man sich versieht, ist man mittendrin: Eine tänzelnde Synth-Figur zieht einen sofort in den Song hinein, nach sieben Sekunden setzen der Beat und der Gesang ein, der funky Bass kommt hinzu, und spätestens, als nach 35 Sekunden der Pre-Chorus beginnt, ist man gefangen in diesem Spiegelkabinett, von dem der Track handelt. «Colours bend / Shapes unravel / I am lost in time / Am I trapped by what’s unfinished / Or just lost inside my mind?», heisst es da. Das Neonlicht flackert, die Orientierung geht flöten, der Puls steigt.
Film Noir heisst der Opener und das Titelstück der neuen EP von Lev Tigrovich. Es ist aber weniger der Auftakt zu einem musikalischen Krimi, sondern vielmehr der Beginn eines knapp 20-minütigen Trips, der von Kontrollverlust und Selbstreflexion geprägt ist.
Drehbuch und Regie, wenn man so will, stammen von der Basler Pianistin Xenia Wiener und dem Rorschacher Multiinstrumentalisten Janos Mijnssen, Bassist von Panda Lux und von Faber. «Drama Pop» – so bezeichnen sie ihre Musik selbst. Es ist eine Mischung aus Sowjet-Pop, Synthwave und italienischem Giallo-Soundtrack. Da paaren sich Western-Gitarren mit osteuropäischer Melodik, elektronische Klänge treffen auf klassische Instrumente. Alles mit einem retrofuturistischen Anstrich, der in dunklen Farben glitzert. Anziehend, tanzbar, mal melancholisch, mal an der Grenze zum Kitsch.
Wer Lev Tigrovich kennt, wird bereits gemerkt haben: Die Lyrics von Film Noir sind auf Englisch – zum ersten (und weiterhin einzigen) Mal. Sonst singt das Duo auf Russisch, der zweiten Muttersprache von Wiener: ihre Mutter ist Russin. «Für mich war immer klar, dass ich mich nicht von dieser einen Sprache einschränken lassen will», sagt die 35-jährige Musikerin. Sie arbeite auch schon länger an einem schweizerdeutschen Songtext, doch es falle ihr schwer, in ihrer «Vatersprache» zu singen. Es sei für beide spannend gewesen herauszufinden, ob die russischen Texte Lev Tigrovich ausmachen oder ob ihre Musik auch mit anderen Sprachen funktioniert. Der Song zeigt: das tut es.
Entstanden sind Lev Tigrovich aus einer Auftragskomposition. Wiener und Mijnssen, die beide Film- und Theaterkomposition studiert haben, sollten die Musik schreiben zur Theateradaption einer Oper, die in Ungarn vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion gespielt hätte. Das Stück kam wegen der Coronapandemie jedoch nie auf die Bühne. Die Musik aber blieb: Mijnssen und Wiener formten sie zu Songs, und daraus entstand schliesslich ihr Debütalbum Opera Semiseria, das 2022 erschien.
Die russischen Texte sind zum einen der Verortung des Theaterstücks in Osteuropa geschuldet. Zum anderen sei ihre ganze musikalische Bildung auf Russisch gewesen, erzählt Wiener. «Meine russischen Grosseltern haben bei uns in Basel gewohnt. Die Grossmutter begann, mir das Klavierspielen beizubringen, als ich fünf Jahre alt war. Meine ersten Erfahrungen mit der Musik waren also komplett auf Russisch.»
Wegen des ursprünglichen Settings des Theaterstücks hatte die Musik auf dem Debüt einen starken 80er-Einschlag. Film Noir kommt nun in einem moderneren, experimentelleren Gewand daher. Ohne einen vorgegebenen Rahmen musste das Duo diesmal die Dramaturgie der Musik selber entwickeln. Im Filmmusikstudium lerne man zwar, jeden Stil anzuwenden, sagt Mijnssen. «Du bist ein Dienstleister und musst für jedes denkbare Projekt jede denkbare Musik liefern können, von Klassik über Jazz bis zu Pop.» Das öffne den Horizont, was ein Vorteil sei. «Aber wenn du dich plötzlich in deiner eigenen musikalischen Sprache ausdrücken musst, wird es oft schwierig.»
Zentral bei diesem Ausdruck sind für Lev Tigrovich unter anderem klassische Instrumente wie Streicher oder Flöte. Auch deshalb hört sich Film Noir stellenweise wie ein Soundtrack an. Und die EP ist gewissermassen die Vorbotin des nächsten Albums, das Ende 2026 oder Anfang 2027 erscheinen wird. Darauf werden sich nebst fast allen Tracks der EP und neuen Songs auch rein instrumentale Stücke finden, was die cineastische Wirkung der Musik zusätzlich verstärken dürfte.
Lev Tigrovich bauen immer wieder Brüche in ihre Tracks ein. Etwa nach drei Minuten in Film Noir, als plötzlich ein «diabolic electric death metal violoncello», wie es im dazugehörigen Video heisst, ins Klangbild fräst. Oder in Cameo, als nach zweieinhalb Minuten die Stimmung ins Beklemmende kippt.
Was sich thematisch wie ein roter Faden durch das Album zieht, sind Illusionen – oder «Scheinwelten», wie es Xenia Wiener nennt. Das beginnt beim eingangs erwähnten Opener und dem Spiegelkabinett, geht weiter über Fantaziory, einen Song über die eskapistische Bedeutung der Fantasie, und Cameo, laut Wiener ein (selbst-)ironischer Blick auf das Thema Selbstinszenierung, bis zu Iljusija Kontrolja. Der Song handelt vom Leben in der Schweiz, von diesem Gefühl, hier trotz der weltweiten Krisen und Kriege sicher zu sein, von der Illusion, alles unter Kontrolle zu haben.
Das Schlussstück Titanic ist der älteste Song auf der EP, er wurde bereits im Frühling 2024 digital veröffentlicht und entstand losgelöst von den anderen vier, passt aber dennoch in dieses Päckli: Es geht um inszenierte Liebesgefühle in Filmen, die noch so übertrieben oder schmerzhaft sein können – und das Verlangen danach, sie selber zu haben.
Die Lyrics entstehen kollaborativ, obwohl Mijnssen nur wenig Russisch versteht. Das Duo tauscht sich stets über die Inhalte aus. Und Mijnssen schreibt auch mal mit: Der Titelsong basiert auf einem Text, den er in Schweizerdeutsch verfasst hatte. Wiener übersetzte ihn dann auf Englisch. Auf dem Debüt schrieb er sogar einen Refrain selber auf Russisch.
Da die russische Sprache den meisten Hörer:innen fremd ist, kommt dem Sprachrhythmus eine besondere Bedeutung zu, weil der Gesang quasi als zusätzliches Instrument funktionieren muss. «Wenn Xenia eine Strophe ändert, damit sie inhaltlich präziser ist, geht für mich manchmal der sprachliche Flow verloren», sagt Mijnssen. Umgekehrt ist es schon vorgekommen, dass er die Musik überarbeitet, sie dann aber für Xenia nicht mehr zum Text gepasst habe.
Der Angriff Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 stellte Lev Tigrovich vor die Frage, ob sie weiterhin auf Russisch singen sollen. Insbesondere für Xenia Wiener ging es darum, sich stark mit ihrer Identität und Herkunft, aber auch dem Umgang mit der politischen Situation auseinanderzusetzen. «Es ist für mich heute komplett anders zu sagen, ich sei zur Hälfte Russin», sagt sie. «Aber der Krieg wäre der falsche Grund gewesen, die Sprache aufzugeben.» Vielmehr gehe es genau darum, der Putin-Propaganda mit der Musik eine andere Botschaft entgegenzusetzen: jene der verbindenden Kraft der Musik. Und das gelingt Lev Tigrovich mit Film Noir erneut.
Lev Tigrovich – Film Noir: ist am 24. April digital erschienen. Live: Samstag, 8. August, 16 Uhr, Sur le Lac Festival, Eggersriet.
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