Unterschrift als Reliquie
Der 1100. Todestag von Wiborada – Inklusin, Stadtheilige und Projektionsfläche – ist zurzeit Thema vielfältiger Aktivitäten. Zu den Highlights gehört eine mutmassliche Unterschrift, zu besichtigen in der Ausstellung im St.Galler Regierungsgebäude.
Das «Verbrüderungsbuch» des Klosters Reichenau wird heute in der Zentralbibliothek in Zürich aufbewahrt. Rotmarkiert die angeblichen Unterschriften von Wiborada (Vviberat) und Rachilt. (Bild: pd/e-codices)
Was wäre Gallus ohne seinen Bären? Wiborada fehlt ein solch sympathischer Sidekick. Dafür gibt es von ihr etwas, das es zu Gallus nicht gibt: eine Unterschrift. Der St.Galler Stiftsarchivar Peter Erhart fand bei seinen Recherchen zum diesjährigen Wiborada-Jubiläum im Gedenkbuch des Klosters Reichenau eine Unterschrift, die mit grosser Wahrscheinlichkeit von Wiborada stammt, der ersten Frau überhaupt, die von einem Papst heiliggesprochen worden ist.
Ein bemerkenswerter Fund, zweifelsohne. Er nimmt in der Wiborada-Ausstellung des Stiftsarchivs einen prominenten Platz ein, und auch medial erhielt Wiboradas Unterschrift allerlei Beachtung. Erhart sagt in einem Interview: «Wiborada wäre die erste namentlich bekannte Frau im Bodenseeraum, die lesen und schreiben konnte. Wir gehen davon aus, dass sie diese Fertigkeit von ihrem Bruder Hilto gelernt hat. Hilto besuchte in St.Gallen die Klosterschule. Ich denke, dass Lesen und Schreiben bei dem langen Leben von Wiborada in einer Zelle für sie eine wichtige Beschäftigung waren. Man darf ihre Gelehrsamkeit nicht unterschätzen.»
Wertvoll ist dieser Fund auch für die Kommunikation des Jubiläums. Die plötzlich aufgetauchte Unterschrift einer historischen Persönlichkeit – das zieht. Im Jahr 2000 geschah etwas Vergleichbares. Aus der Papyrussammlung des Ägyptischen Museums in Berlin wurde gemeldet, man sei auf eine mutmasslich originale Unterschrift von Königin Kleopatra VII. gestossen, der Kleopatra, berühmt durch Shakespeare, Asterix & Obelix und Hollywood. Die Meinungen über diesen Papyrus und die Unterschrift sind in der Fachwelt zwar geteilt, das spielte aber keine Rolle.
Der Papyrus Berolinensis P 25239 aus dem Jahr 33 vor unserer Zeit, geschrieben auf Altgriechisch. Das einzelne Wort rechts unten («So möge es geschehen») dürfte von Königin Kleopatra persönlich geschrieben sein – so argumentieren einige Fachleute. (Bild: pd/Wikipedia)
Im Fall der Wiborada-Unterschrift scheint der Fall klarer zu sein, und doch kann man auch hier auf Distanz gehen. Wenn diese Unterschrift fasziniert, dann wohl vor allem emotional, intuitiv: Wiborada ist in den historischen Quellen schwer fassbar, die Unterschrift im Gedenkbuch des Klosters Reichenau holt sie nahe heran – zumindest scheinbar. Wir stellen uns vor, Wiborada habe den Federkiel eben wieder ins Tintenfass gesteckt, die Schrift sei noch nicht trocken. Zudem ist eine Unterschrift für uns ein wichtiger Teil der Persönlichkeit. Pointiert formuliert: Die Unterschrift im Gedenkbuch des Klosters Reichenau ist eigentlich eine Wiborada-Reliquie.
Wirklich spannend wirds, wenn man einen Blick in die Geschichte der Unterschrift wirft. Zur Illustration ein paar Schlaglichter: Unterschriften bekannter Persönlichkeiten sind seit dem Frühmittelalter überliefert. Im 16. Jahrhundert kam – im Zug von Humanismus und Reformation – das Sammeln von Unterschriften und handschriftlichen Dokumenten bekannter Persönlichkeiten auf. Solche Handschriften erzählen oft viel von der betreffenden Person – man muss dazu kein Graphologe sein. Napoleon etwa – vielbeschäftigter Kaiser und General – schrieb wie ein Haudegen. Wenn er signierte, tat er das so schwungvoll, dass die Tinte nur so herumspritzte. Aus Zeitgründen beschränkte er sich oft auf ein «N», ein «Napol» oder etwas dergleichen. Dass er mit einem solchen «N» ganze Armeen verschieben oder Staaten auslöschen konnte, ist beeindruckend.
Die Unterschrift eines Bauern oder Handwerkers aus derselben Zeit konnte demgegenüber entsprechend wenig bewegen: ein paar Kaufverträge, ein Ehevertrag, ein Testament. Auf ihre Art ist sie aber nicht weniger beindruckend. Historische Untersuchungen zeigen zudem, dass um 1800 lange noch nicht jeder und jede den eigenen Namen schreiben konnte. Es gab noch viele «Ochsen», wie eine bekannte volkspädagogische Kalendergeschichte die Analphabeten verspottet. In dieser Geschichte lehrt ein Scherzbold einen schreibunkundigen Bauern, mit einem Kreuz («X») und einem «O» unterschreiben.
Mit Blick auf unsere Gegenwart ist vor allem auf die digitale Unterschrift zu verweisen, welche die handschriftliche massiv konkurrenziert. Zudem haben inzwischen viele Zeitgenoss:innen Mühe, überhaupt noch von Hand zu schreiben. Und andere würden es gerne, können es aber nicht mehr – wegen einer Parkinson-Erkrankung etwa. Für Menschen, die ihre Unterschrift jahrzehntelang in einem aktiven Leben verwendet, damit Verantwortung übernommen haben, ist das bitter.
Mit der Digitalisierung lässt sich aber auch wieder der Bogen zum Thema «Reliquien» schlagen. Sie bringt uns Menschen der Vergangenheit näher als jede Unterschrift. Wie das? Es ist ganz einfach: Man sucht Fotos, Tonschnipsel oder Filmaufnahmen dieser Person. Die Stimme, die Mimik und Gestik, die Gesamterscheinung. Schon ein kurzer Clip aus Youtube oder aus dem Archiv von SRF kann da Erstaunliches liefern – ob für Persönlichkeiten aus der Weltgeschichte oder der Regionalgeschichte, der Politik oder der Kultur. Wers noch nie gemacht hat: Ausprobieren lohnt sich.
«Vviberat & Rachilt»: zum Wiborada-Jubiläum, bis 23. Februar 2027, Stiftsarchiv St.Gallen.
wiborada-ist-da.ch
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