Wiborada – zwischen Mythos und Wahrheit
Historische Überlieferungen sagen oft mehr über die Geisteshaltung der Verfasser aus als über geschichtliche Tatsachen. Was lässt sich also gesichert über die historische Person Wiborada sagen? Eine quellenkritische Spurensuche.
Laura Tura, 1998, ist Künstlerin und lebt in Mailand. Sie arbeitet hauptsächlich mit Fotografie. Dabei dienen oft Selbstporträts als Ausgangspunkt, die sie durch digitale Bearbeitung transformiert. Für diese Bildstrecke liess sie sich von der heiligen Wiborada inspirieren. Ihre Kompositionen zeigen den Körper als wörtliche, aber auch symbolische Schwelle zwischen innen und aussen, Isolation und Kontakt. Während die Porträts Intimität und Spannung erzeugen, stellt der Körper die menschlichen Gesten des Zurückziehens und des Zuhörens dar.
Die Quellenlage für das Mittelalter ist männlich geprägt. Davon muss jede Annäherung an weibliche Lebenswelten im Mittelalter ausgehen. Was wir über Frauen wie Wiborada wissen, stammt fast ausschliesslich aus Quellen, die Männer verfasst haben. Mönche, Kleriker, Chronisten: geistliche Männer. Frauen erscheinen darin selten und wenn überhaupt, dann nicht als handelnde Subjekte, sondern vielmehr als Projektionsflächen: als Heilige, Sünderinnen oder Ideale.
Für das Frühmittelalter – also die Zeit, in der Wiborada lebte – ist die Quellenlage besonders schwierig. Biografien existieren meist in Form von Heiligenlegenden, sogenannten Viten. Diese Texte erzählen weniger von individuellen Lebensläufen als von moralischen Vorbildern, an denen sich Christen und Christinnen orientieren sollen. Sie beschreiben, wie eine fromme Frau aus Sicht des Autors sein sollte – nicht, wie sie tatsächlich war. Auch in der höfischen Literatur des Hochmittelalters erscheint beispielsweise die «vrouwe», die Edeldame, als makelloses Ideal, als Objekt ritterlicher Begierde. Ein Bild, das mehr über männliche Fantasien als über reale Lebenswelten aussagt.
Weitere Veranstaltungen und Informationen zum Verein Wiborada-Jubiläum 2026, der feministischen Bibliothek Wyborada und den Personen am Fenster der Wiborada-Zelle:wiborada-ist-da.ch wyborada.ch
Dennoch erlauben solche Quellen Einblicke in gesellschaftliche Normen, Erwartungen an und Möglichkeiten für Frauen. Diese Möglichkeiten waren begrenzt, aber vorhanden. Grundsätzlich lebten Frauen in einer patriarchal geordneten Gesellschaft. Vor der Ehe unterstanden sie ihrem Vater, danach ihrem Ehemann. Politische Mitbestimmung und rechtliche Selbstständigkeit waren stark eingeschränkt. Doch es gab Spielräume – insbesondere am Hof und im religiösen Leben.
Ein prominentes Beispiel ist Eleonore von Aquitanien, die nacheinander Königin von Frankreich und England war. Als eine der mächtigsten Frauen des 12. Jahrhunderts bewegte sie sich souverän im politischen Raum, unterzeichnete Urkunden, schloss Geschäfte ab und beeinflusste Machtkämpfe. Gleichzeitig wurde sie von klerikalen Chronisten diffamiert – ein Schicksal, das viele einflussreiche Frauen teilten. Weibliche Macht wurde misstrauisch beäugt und oft moralisch diskreditiert.
Für Frauen niedrigerer Schichten sind die historischen Quellen noch spärlicher. Über sie wissen wir kaum etwas. Archäologische Funde und indirekte Hinweise in Texten oder bildlichen und plastischen Darstellungen zeichnen das Bild eines harten Lebens: körperliche Arbeit, frühe und häufige Mutterschaft, hohe Sterblichkeit. Selbstbestimmung war selten, sowohl für Männer als auch für Frauen, doch Frauen waren in ihrer persönlichen Freiheit besonders eingeschränkt. Ihr Leben war geprägt von Notwendigkeit, nicht von Wahl.
Eine alternative Lebensform bot das religiöse Leben. Klöster eröffneten Frauen begrenzte, aber reale Handlungsspielräume: als Äbtissinnen, Verwalterinnen, manchmal auch als Autorinnen oder Schreiberinnen. Hier konnten sie Bildung erlangen und Einfluss ausüben, wenn auch innerhalb eines männlich dominierten und patriarchal strukturierten Systems.
Allerdings stand diese Option lange nur adligen Frauen offen. Die bekannteste Vertreterin dieser Welt ist Hildegard von Bingen. Als geistliche Führerin, Visionärin, Autorin und politische Beraterin sprengte sie im 12. Jahrhundert die Grenzen ihrer Zeit. Ihre Autorität bezog sie aus göttlicher Inspiration – ein entscheidender Legitimationsfaktor für weibliches Handeln. Doch nicht alle gläubigen Frauen wählten den Weg ins Kloster. Einige entschieden sich für ein noch radikaleres Leben: als Inklusinnen.
In diesem Spannungsfeld bewegt sich auch die Figur der Wiborada, eine Inklusin des 10. Jahrhunderts aus der Ostschweiz. Über ihr Leben wissen wir wenig Sicheres. Die reichhaltigsten Quellen sind zwei Viten, verfasst Jahrzehnte nach ihrem Tod.
Die Viten schildern Wiborada als fromme Frau. Sie stammte vermutlich aus wohlhabendem Haus, entschied sich jedoch früh für ein asketisches Leben. Zunächst lebte sie zurückgezogen in St.Georgen, später liess sie sich in einer Zelle bei St.Mangen einschliessen, um ein Leben in Gebet und Askese zu führen – freiwillig und endgültig. Diese Form der Abkehr von der Welt war im Mittelalter nicht einzigartig, aber selten.
Gleichzeitig war Wiborada keine weltabgewandte Person, denn ihre Zelle befand sich an einem sehr belebten Ort bei der Kirche St.Mangen in St.Gallen. Sie war klein, von Mauern umgeben, mit je einem Fenster zur Kirche und zur Aussenwelt. Durch diese Öffnungen stand Wiborada in Kontakt mit der Gemeinschaft: Sie betete, beriet Ratsuchende und wurde zunehmend als spirituelle Autorität wahrgenommen. Ihr Leben folgte strengen Regeln, doch es war zugleich ein Akt der Selbstbestimmung. Sie entzog sich bewusst der Aussenwelt und einer Ehe. Über ihre inneren Beweggründe wissen wir freilich nichts.
Die Viten berichten von Visionen, Wundern und asketischer Disziplin – typische Motive der Heiligenliteratur. Historisch greifbar wird Wiborada vor allem im Zusammenhang mit dem Ungarn-Einfall von 926, den sie vorausgesehen haben soll. Der Überlieferung zufolge warnte sie die Mönche des Klosters St.Gallen vor dem Angriff und trug so zur Rettung der Bücher und Handschriften sowie des Kirchenschatzes bei. Sie selbst blieb zurück – und wurde zur Märtyrerin, was den Grundstein für ihre Heiligsprechung legte. 1047 wurde sie als erste Frau überhaupt offiziell vom Papst kanonisiert.
Ihre Verehrung begann bereits kurze Zeit nach ihrem Tod und verbreitete sich rasch. Pilger strömten zu ihrem Grab, und ihre Vita wurde immer wieder abgeschrieben und neu interpretiert.
Doch was bleibt von der historischen Person? Sicher wissen wir, dass sich eine Frau namens Wiborada 916 in eine Zelle bei St.Mangen einmauern liess. Ihr Bruder Hitto war zu jener Zeit als Priester für die Kirche St.Mangen zuständig. Sie war vor ihrer Einmauerung gereist. Sicher nach St.Gallen, eventuell auch auf die Insel Reichenau und nach Rom, mit Hitto und ihren Mägden Kebini und Pertherat als Begleitung. 926 starb Wiborada während des Ungarn-Einfalls. Schon bald nach ihrem Tod begannen die Menschen sie zu verehren, eine erste Vita wurde etwa 960 verfasst und 1047 folgte mit der zweiten Vita ihre Heiligsprechung.
Das ist insgesamt wenig Sicheres, wenn man sich für die individuelle Person Wiborada interessiert, ihre Beweggründe und Handlungsmotive ergründen möchte. Vieles an unserer heutigen Sicht auf sie ist Konstruktion, Überformung, Deutung. Gerade darin liegt jedoch ihre Bedeutung: Wiborada ist weniger eine biografische Figur als ein kulturelles Symbol. Zugleich steht sie für die vielen Frauen, die in den Quellen des Mittelalters unsichtbar bleiben. Wiboradas Geschichte erinnert daran, dass weibliche Handlungsspielräume existierten – oft verborgen, begrenzt, aber real. Ihre Geschichte zeigt, wie schwer es ist, Frauen im Mittelalter zu fassen – und wie wichtig es ist, es dennoch zu versuchen.
Heute wird Wiborada oft als eine Art mittelalterliche Rebellin gelesen; als Frau, die sich den Zwängen ihrer Zeit entzog. Ihr Rückzug wird als emanzipatorischer Akt interpretiert, ihre Askese als bewusste Grenzziehung gegenüber einer überfordernden Welt. Diese Deutung sagt vielleicht mehr über uns aus als über sie. In einer Zeit ständiger Beschleunigung erscheint ihr Leben als Gegenentwurf: Konzentration statt Zerstreuung, Stille statt Lärm, Hingabe statt Selbstoptimierung. Wiborada ist damit mehr als eine historische Figur. Sie ist Projektionsfläche für moderne Sehnsüchte, Inspirationsquelle und Mythos zugleich.
«Wiborada – Weder vrouwe noch wîp noch nunne. Weibliche Handlungsspielräume im Mittelalter»: Vortrag von Tanja Scherrer im Rahmen der Themenreihe der Erfreulichen Universtität zum Wiborada-Jubiläum, Dienstag, 12. Mai, 19:30 Uhr, Palace, St.Gallen.
Tanja Scherrer, 1987, ist selbständige Mediävistin und als Historikerin im Museum Henry Dunant in Heiden tätig.
In diesem Jahr feiert St.Gallen den 1100. Todestag Wiboradas. Obwohl die Inklusin einen grossen Einfluss auf die Stadt hatte, ist sie den wenigsten ein Begriff. Das soll sich ändern. Wie dies gelingen soll und welche Bedeutung Wiborada heute noch hat, erzählen Jolanda Schärli und Hildegard Aepli vom Verein Wiborada-Jubiläum 2026 sowie Karin K. Bühler von der feministischen Bibliothek Wyborada im Gespräch mit Saiten.
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