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Die Spitze des Zauberbergs

Eine fast schon laszive Trockenheit in Humor und Komposition: das neue Album von Karl Kave & Durian. (Bild: Aaron Chaudhry)

Eine fast schon laszive Trockenheit in Humor und Komposition: das neue Album von Karl Kave & Durian. (Bild: Aaron Chaudhry)

Ein Jahrhundert nach Thomas Manns Roman greifen Karl Kave & Durian das Motiv neu auf und erzählen mit Zauberberg ein vielschichtiges Konzeptalbum über Pflege, Perspektiven und gut betuchte Damen.

Der Zau­ber­berg von Tho­mas Mann ist ein Ti­tan der deutsch­spra­chi­gen Li­te­ra­tur. Der Ele­fant im Raum, der so vie­les vor­weg­nahm und bis ins Heu­te spie­gelt. So ver­wun­dert es nicht, dass die Pop­kul­tur den Ro­man ziem­lich ge­nau 100 Jah­re nach des­sen Er­schei­nen und in aber­mals in­sta­bi­len Zei­ten wie­der für sich ent­deckt. 

Heinz Strunk je­den­falls ver­öf­fent­lich­te zu­letzt Zau­ber­berg 2, und auch das Ost­schwei­zer Duo Karl Ka­ve & Du­ri­an hat sein neu­es Al­bum Zau­ber­berg ge­tauft. All die­se Wer­ke eint in­des ei­ne zen­tra­le Fra­ge: Wer sor­tiert wen wo­hin?

Er­in­ne­run­gen an bes­se­re Zei­ten

War­um man es bei der nun­mehr fünf­ten Plat­te von Karl Ka­ve & Du­ri­an nicht mit ei­nem 08/15-Po­pre­lease zu tun hat, of­fen­bart sich be­reits bei der Lek­tü­re des Pres­se­tex­tes:

«Zau­ber­berg er­zählt die Ge­schich­te ei­ner äl­te­ren, gut be­tuch­ten Da­me aus un­ter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven. Von der Ein­wei­sung ins Al­ters- und Pfle­ge­heim, ih­ren Er­in­ne­run­gen an bes­se­re Zei­ten, ih­ren Sor­gen we­gen ei­nes dro­hen­den Erb­schafts­streits zwi­schen ih­ren Kin­dern bis zu ih­rem Ab­le­ben und dar­über hin­aus.»

Das al­les er­scheint un­ter pop­dis­kur­si­ven Ge­sichts­punk­ten ma­xi­mal un­se­xy. Doch Sän­ger An­drin Uetz und Kom­po­nist Car­lo Rai­nol­ter zu­cken im An­ge­sicht der gän­gi­gen Er­war­tungs­hal­tun­gen so laut­stark mit den Schul­tern, dass ei­ne for­mi­da­ble Bass­li­ne er­tönt, die fort­an rhyth­misch durch ihr Kon­zept­al­bum rummst.

Wer macht denn heu­te noch Kon­zept­al­ben?

Über­haupt Kon­zept­al­ben! Das Gen­re er­scheint uns im Sog der im­mer scham­lo­ser nach Ver­kür­zung gie­ren­den Al­go­rith­men so an­ge­staubt wie der hö­fi­sche Ro­man. Und doch mar­kier­te es schon im­mer ei­nen fas­zi­nie­ren­den Zwi­schen­raum zwi­schen Mu­sik, Li­te­ra­tur und Thea­ter – auch wenn auf­grund der Art­ver­wandt­schaft zum Mu­si­cal vie­le Kon­zept­al­ben in Ra­sier­klin­gen­rit­ten am Ran­de des Crin­ge mün­de­ten. 

Karl Ka­ve & Du­ri­an aber ge­lingt es durch ih­re fast schon las­zi­ve Tro­cken­heit in Hu­mor und Kom­po­si­ti­on, dass je­der Song nicht nur den ro­ten Fa­den ver­näht, son­dern auch für sich selbst ar­bei­tet. Wenn Uetz im gran­dio­sen Ope­ner Die An­stalt säu­selt «Die An­stalt öff­net die Tü­ren für dich / Her­ein­spa­ziert / Bit­te, mei­ne Lie­be, ge­nie­re dich nicht / Du wirst in­spi­ziert» und dann Fal­co-ar­tig dik­tiert «Es geht ih­nen so­weit / Ei­gent­lich ganz gut / Ih­re Zu­rech­nungs­fä­hig­keit / Ist ge­ra­de noch gross ge­nug», dann schnei­det das ei­nen gan­zen Kos­mos auf, aus dem die Ideen nur so her­aus­trop­fen.

Mu­sik ist auch nur ei­ne Form von Trau­er­ar­beit

Aber wie kommt man über­haupt dar­auf, ein Al­bum über Pfle­ge zu ma­chen? «An­knüp­fungs­punk­te gibt es vie­le. Car­lo ar­bei­tet als So­zi­al­päd­ago­ge in ei­nem Heim. Mei­ne Mut­ter ar­bei­te­te als Pfle­ge­fach­frau. Aber auch ver­schie­dens­te Kli­nik­auf­ent­hal­te sind in un­se­rem per­sön­li­chen Um­feld ver­tre­ten», er­klärt Uetz im Ge­spräch. «Wir ken­nen qua­si bei­de Per­spek­ti­ven. Wahr­schein­lich geht es dar­um, sich sol­chen an sich be­las­ten­den The­men mit künst­le­ri­scher Frei­heit zu wid­men. Viel­leicht ist es ei­ne Form der Trau­er­ar­beit. Oder ei­ne Ein­la­dung, ver­schie­de­ne Per­spek­ti­ven ein­zu­neh­men auf ein kom­ple­xes und auch sehr wi­der­sprüch­li­ches The­ma.»

Wol­ke aus Post-Punk und Neu­er Deut­scher Wel­le

Und das geht kom­plett auf. Her­aus­ra­gen­de Stü­cke wie End­los­schlau­fe oder End­lich hat sie Ruh he­ben ab und wech­seln zwi­schen Wol­ken aus Post-Punk, Neu­er Deut­scher Wel­le oder ei­ner Band wie Fu­ture Is­lands ih­re Ag­gre­gat­zu­stän­de. Und das schreit laut An­drin Uetz nach er­zäh­le­ri­schen An­sät­zen in den Ly­rics: «Ich den­ke, un­se­re Mu­sik ist stark vom Er­zäh­le­ri­schen ge­prägt. Das fängt schon bei den In­stru­men­tals von Car­lo an, wel­che für mich im­mer ei­ne Ge­schich­te er­zäh­len oder zu­min­dest sehr star­ke Stim­mun­gen trans­por­tie­ren. Weil er sei­ne Tracks sehr schnell und je­weils mit ei­nem Set­up von Syn­ths und Drum Ma­chi­nes er­stellt, sind die bei je­dem Al­bum auch aus ei­nem Guss.» Da­her kön­ne er dann fast nicht an­ders, als Tex­te zu schrei­ben, die ir­gend­wie zu­sam­men­hin­gen. «Ei­gent­lich for­mu­lie­re ich ein­fach das aus, was ich in der Mu­sik hö­re.»

Da macht es nur Sinn, dass die Plat­te durch ei­nen in Ser­bi­en ge­dreh­ten Kurz­film von Re­gis­seur Aa­ron Chaudhry er­gänzt wird, der bei der Plat­ten­tau­fe am 9. Mai im Pa­lace sei­ne Pre­mie­re fei­ert: «Da gibt es dann aber noch­mals ei­ne völ­lig neue Per­spek­ti­ve und Ge­schich­te. Ich spie­le dar­in ei­nen Be­am­ten, der für ei­ne Stif­tung ei­ne Im­mo­bi­lie kau­fen soll und da­für aber die Un­ter­schrift ei­ner al­ters­de­men­ten Be­sit­ze­rin braucht.»

Tat­säch­lich steckt Zau­ber­berg vol­ler Brü­che. Al­les bricht mit al­lem. Die Er­zäh­lung mit der Äs­the­tik, der Sound mit dem Ge­fühl. Und am En­de kommt aber auch al­les wie­der zu­sam­men, und ge­nau das ist ei­ne bei­na­he hei­len­de Er­fah­rung für die Hö­rer:in­nen. 

Ei­ne ganz und gar un­iro­ni­sche Cool­ness

Un­term Strich fas­zi­niert der aus­ge­stell­te Mut zur Weird­ness im Ver­weis­sys­tem, aber auch die kon­se­quen­te, weil un­iro­ni­sche Cool­ness, mit der sich die­ses Werk re­gu­liert.

«Ich den­ke, Mu­sik und Spra­che im All­ge­mei­nen bie­ten die Mög­lich­keit, ge­ra­de auch Bruch­stel­len zu be­le­ben», sagt An­drin Uetz. Es ste­cke aber auch ein­fach viel Ar­beit dar­in. «Wir pro­du­zie­ren die Mu­sik sehr schnell, den­noch flies­sen sehr viel Re­cher­che und Er­fah­rung mit ein. Das Al­bum ist qua­si nur die Spit­ze des Zau­ber­bergs.»


Karl Ka­ve & Du­ri­an – Zau­ber­berg: er­schie­nen am 21. April auf Vi­nyl und di­gi­tal
Live: Sams­tag, 9. Mai, 20 Uhr, Pa­lace, St.Gal­len (Plat­ten­tau­fe; Sup­port: Tay­pho­on)

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