Zugegeben, die Songs der Band Europa: Neue Leichtigkeit können teils abstrus und provokant wirken, aber sie sind keineswegs ironisch, sondern ernst gemeint. Am 27. April spielen sie in der Tankstell in St.Gallen.
Die «Schaffhauser Nachrichten» besprachen am 11. April das neue Album «Kultur & Gesellschaft» der Band Europa: Neue Leichtigkeit. Der Autor stellt da fest, dass die Band auf dem schmalen Grat zwischen Ironie und bedrohlichem Zynismus spaziere und findet: «Ironie ist gefährlich». In der sonst musikalisch bezogen meist freundlichen Kritik schimmert durch, dass zwar die Platte aufmerksam gehört wurde, jedoch darüber hinaus kaum eine Recherche stattfand.
Der Co-Texter der Band Andrin Uetz, erklärt in seinem Essay «Die Musik der neuen Leichtigkeit», dass ihre Songs, welche teils abstrus und provokant wirken können, keineswegs ironisch, sondern ernst gemeint sind. Im Unterschied zur «Musik der neuen Sachlichkeit» (zb. Kurt Weill) habe der Stil der neuen Leichtigkeit keine politischen oder ideologischen Absichten, sondern sei eher eine ästhetische Haltung. Die neue Leichtigkeit sei ein Kniefall vor dem Leben, der Schönheit und der menschlichen Natur, mit all ihrer Absurditäten. Sie distanziert sich vor misanthropischem Sarkasmus und nihilistischer Gleichgültigkeit, vielmehr sucht sie das «Erhabene», bei welchem die Lust aus der Unlust hervorgeht. Assoziiert man die Begriffe Schlager und Kitsch mit schlechter Qualität, wird man von diesen vier Jungs eines Besseren belehrt, sie schrieben ausserordentliche Texte und ihre Instrumente, die können sie spielen.
Das «Spielen» kommt bei Uetz von der Souveränität und umgekehrt; «Erst wer sich selbst aufs Spiel setzt, wer den Mut hat, alles zu verschwenden und zu verlieren, zu sterben, der ist wirklich souverän» (frei nach Hegel). Auf diese Weise kriegt das Spielen eine Leichtigkeit die Nonsens erlaubt, «pathetischen Kitsch» bedenkenlos zelebrieren darf und ironischen Schlager mit «ernsthaft» bezeichnen kann. Die ursprünglichen Ostschweizer gaben 2011 in der Café-Bar la buena onda in St.Gallen ihr Debut. Neben einigen Konzerten in der ganzen Schweiz spielten sie inzwischen auch schon mal in Berlin und Hongkong.
Ihre Konzerte und Publikationen können kaum in Kategorien wie «ironisches Liedermachen» gehandelt werden. Sie stellen fragen ans Gesamtkunstwerk «Musik – Aufführung», und zelebrieren eine Art Operette einer «wasted generation». Sie beleben «in Zeiten pornographischer Reizüberflutung eine subtilere Erotik mit den traditionellen Mitteln Musik, Tanz und Poesie». Ihre künstlerische Arbeit hat einen gesellschaftsphilosophischen Charakter, der auch mal «Glanz & Gloria hackt» durch «Überschreitung, Verschwendung und Souveränität», aber trotzdem nicht zwingend kritisch sein muss. Dazu ist die neue Leichtigkeit zu unbefangen, ja zu freigeistig im Sinne eines Marquis de Sade: «Schönheit, Frische wirkt immer nur auf den gewöhnlichen Sinn, Hässlichkeit und Verkommenheit greifen tiefer ein, die Erschütterung ist viel stärker, die Erregung muss also lebhafter sein.» – Wenn man dies dann noch mit Schlager oder Kitsch bezeichnen kann, dann war Kitsch nie ehrlicher und Schlager niemals vollständigere Kunst.
Europa: Neue Leichtigkeit spielen ihr Tourabschluss-Konzert in der «neuen» Tankstell Bar in St.Gallen am 27. April
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