Karl Kave & Durian veröffentlichen ihr viertes Studioalbum «Wiener Linien» und schichten darin Themen wie das Enden in Wien, Existenzängste und Unsicherheiten übereinander. Heraufbeschworen wird die Neue Deutsche Welle.
«Bodenlose Tristesse, langsames Sein, Untergang und Finsternis» sind nur wenige Stichworte, die in Lalala fallen. Es ist ein lückenhafter Song, in dem die Verben in den Sätzen meist fehlen, den Bildern dafür umso mehr Gewicht verliehen wird und Bedeutung zukommt. Und gerade diese Ästhetik der Unvollkommenheit wird in den Texten von Andrin Uetz mit den vernebelten Synthesizerwellen und treibenden Drums von Carlo Rainolter gepaart. Zum Gesamtbild eines Spaziergangs durch Wien, «aber nur im Kopf», wie Andrin Uetz über die Musik sagt. Ein Fiebertraum, wie er zum Beispiel in Würstelmaus besungen wird.
Dabei überraschen die Themen so weit im Album fortgeschritten nicht, denn der Ton wird vom ersten Song an angegeben: «Du ziehst zum Sterben nach Wien, du machst dir deine Welt mit deinem Rentengeld, sodass sie dir gefällt.» Existenzängste in Kombination mit einem Aufruf zum letzten Coup: «Lass uns noch einmal ziehn, reich mir den Rosenkranz.»
Station Wien
Mit dem Stichwort Fiebertraum ist man auch gar nicht so weit von der Wirklichkeit entfernt: Wie Andrin Uetz in einer kurzen Beschreibung mitteilt, sei er zum Zeitpunkt der Aufnahmen erkältet gewesen. Das tut dem Album allerdings keineswegs unrecht – im Gegenteil macht es die Atmosphäre authentisch und greifbar.
Andrin Uetz und Carlo Rainolter sind Karl Kave & Durian
Die Nähe beim Hören rührt auch daher, dass Uetz seine persönliche Beziehung zu gewissen Orten und Eindrücken in Wien einfliessen lässt oder diese sogar als Ausgangspunkt für die Texte nimmt. Die Annäherung führt auch zu einer Distanzierung, die besonders gut gefällt: Wien scheint dem Ich in den Liedern durch das Erwähnen ganz spezifischer Orte zwar nah, ein endgültiges Ankommen in der Stadt bleibt aber aus. Auch hier kommt die Lückenhaftigkeit zum Ausdruck, die den Sänger bewegt und inspiriert.
Karl Kave & Durian: Wiener Linien, erscheint am 1. November auf Vinyl und digital.
Inspiriert war er auch von den Instrumentals, die Carlo Reinolter ihm kurzum geschickt hatte – für Uetz der passende Sound zur Stadt. Dieser reiht sich aber auch in eine Bewegung ein, die sich der Bezeichnung der neuen Neuen Deutsche Welle annimmt und zu welcher etwa auch BIBIZA, Edwin Rosen und Gwen Dolyn gehören. Sie trifft mit der Überlagerung von Synthesizern, hohen Geschwindigkeiten, Lo-Fi-Qualität und wiederholenden Rhythmen einen Nerv. Zwischen Melancholie und Tanzbarkeit, Sehnsüchten und Abgestumpftsein, Beginnen und Enden.
Der Song Würstelmaus verkörpert und verarbeitet das alles in einem Zug. Gerade die Bassline zieht beim Hören ordentlich mit und schafft einen reibend schönen Kontrast zu den hohen Synthesizerklängen, die im darauffolgenden Song Böhmischer Prater dann nochmals Einzug halten. Der letzte Song hält das ganze Gerüst zusammen. Von «Ich will zurück nach Hongkong» zu «Im Böhmischen Prater, Sonnenuntergang» liegen nur wenige Minuten und grosse Distanzen.
Nach Wien zum Sterben, ins Glück taumeln
Und damit schliesst sich auch ein Kreis: Ein Zuzug nach Wien zum Sterben endet in der Karussellfahrt am Rande Wiens. «Plastik vergilbt langsam, nur der Tod ist schnell» zeichnet das Bild der schnellen Vergänglichkeit des Menschen, sein Ableben im Zuge der Erschöpfung. Diese Texte hinterlassen mich aber nicht ratlos. Genau wie sich das Karussell im Kreis weiterdreht, dreht das Ich die Zeit zurück und taumelt ins Glück.
Das Album dann ebenfalls zurückzudrehen und wieder beim Sterben anzugelangen, scheint dann nicht trostlos, sondern zeugt von Selbstbestimmung innerhalb einer nicht-klarsichtigen Welt. Und selbst wenn «vor lauter Innerlichkeit» eine Überforderung eintritt (Obers und nicht Rahm), können die Wiener Linien wieder behutsam eine Richtung angeben.
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