Getrennt gemeinsam und mit guter Aussicht
Forrer Stieger Architekten gelingt mit dem Dreifachkindergarten und der Tagesbetreuung im Heiligkreuzquartier in St.Gallen die Quadratur des Kreises.
(Bilder: Ladina Bischof)
Egal, aus welcher Richtung die Annäherung an den Dreifachkindergarten und die Tagesbetreuung erfolgt, sie wird zu einem kleinen Freizeiterlebnis. Durchlässig und zugänglich angelegt, korrespondieren die Wege mit dem architektonischen Programm. Von der Iddastrasse herkommend den schmalen Schubertweg hoch erste Blicke auf die Holzstruktur des Gebäudes, am Sportplatz vorbei, das Primarschulhaus Gerhalde von 1907 an der Lessingstrasse und die Turnhalle von 2013 umrundend.
Dann mit Blick ins reizvolle Tobel dem Tanneneichenbach folgend durchs Wäldchen wieder runter und nach weiteren Schlenkern schlussendlich durch den öffentlichen Spielplatz nahtlos über die sanft ansteigende Treppe rauf ins Kindergartenareal und durch die Eingangstüre in die Tagesstätte; oder besser durch zwei Eingangstüren.
Am von der Stadt St.Gallen ausgeschriebenen öffentlichen Wettbewerb für einen Neubau von drei Kindergärten und einer Tagesbetreuung beteiligten sich insgesamt 185 Architekturbüros. Im Sommer 2020 wurde das Siegerprojekt von Forrer Stieger Architekten aus St.Gallen als betrieblich, architektonisch und städtebaulich überzeugendster Vorschlag ausgewählt. Fünf Jahre später waren Kindergarten und die Tagesbetreuung bereits bezogen. Die komplexen Anforderungen im zu zwei Seiten abfallenden Gelände und die unterschiedliche Grösse der Nachbarbauten, aber auch die Aufgabe selbst reizten die Architekten. Es sei ihnen von Anfang an wichtig gewesen, alles unter einem Dach zusammenzuhalten, sagt Jürg Stieger. Als Folge wurde das Grundstück nicht vollständig bebaut, und ein Teil der wertvollen Landreserve blieb erhalten.
Das Architektur Forum Ostschweiz feiert sein 30-Jahr-Jubiläum unter anderem mit einem Buch mit ausgewählten Artikeln aus der «Gutes Bauen Ostschweiz»-Reihe der letzten fünf Jahre.
Architektur Forum Ostschweiz, Elias Baumgarten (Hrsg.): Die Gemeinschaft spricht Architektur – Anthologie zur Baukultur. Triest Verlag, St.Gallen 2026.
Vier gestaffelte Längskörper schmiegen sich parallel zur Hangkante an das Gelände und aneinander, wobei der oberste Baukörper ein grösseres Volumen aufweist: Die Tagesbetreuung ist zweigeschossig ausgebildet, teilweise unterkellert und reicht bis fast an den Tobelrand. Sie überragt die drei Kindergärten und stellt städtebaulich und betrieblich die Verbindung zum Sportplatz und zur Schule her. Der Zugang erfolgt talseitig über eine Art offenen Flur, der als Scharnier zum Kindergarten auch als Pausenraum bei Regenwetter dient. Zwei gleichwertige Eingänge führen in die Tagesbetreuung für vier- bis zwölfjährige Kinder. Die Verdoppelung bietet Entflechtung, gewährleistet eine fliessende Bewältigung von Kommen und Gehen zu Stosszeiten und ist im Innern mit doppelten Treppenläufen weitergeführt. Das verkürzt die Verbindungswege, gibt zusätzliche Sichtachsen frei und ermöglicht ebenso effizienzsteigernde wie verspielte Kreisläufe durchs Haus. Das Verschlungene und Verspielte setzt sich auf der Dachterrasse fort, die Gross und Klein zur Verfügung steht. Von hier aus gleitet der Blick nicht nur weit über St.Gallen, sondern auch der eigenen Dachlandschaft entlang. Aktuell begrünt und mit PV-Anlagen ausgestattet, steht sie Nutzungsänderungen offen. Sie könnten als weitere Dachterrassen dienen oder auch aufgestockt werden.
Ging es bei der Ausschreibung noch um 60 Kinder, erhöhte sich deren Anzahl bereits während der Planungsphase auf 85. Die flexible Modulstruktur erlaubte eine rechtzeitige Planänderung: Um mehr Raum für Essen, Spielen und Lernen zu bieten, wanderte der anfangs im Obergeschoss geplante Bewegungsraum, nun fensterlos, ins Untergeschoss. Geeignet für Sport und Austoben, verfügt er auch über die Atmosphäre eines Proberaums für Bands oder anderes. Der zentralen Bedeutung der Küche im Erdgeschoss wird durch Einblicke von aussen wie innen Rechnung getragen. Überhaupt sind die Transparenz und die lichte Leichtigkeit im ganzen Gebäude augenfällig. Alle scheinen sich wohlzufühlen und gerne hier zu sein.
Dass sich die Bedürfnisse schnell ändern können, war den Architekten bewusst. Der modulare Skelettbau ist als Holzfachwerk in Lärche ausgebildet und prägt die Struktur von Tagesbetreuung und Dreifachkindergarten. Es sind kaum tragende Wände vorhanden. Dies ermöglicht einerseits eine Anpassung der Raumaufteilung, andererseits sind raumhohe Fensterfronten möglich, die mit umlaufendem Oblicht versehen sind und ihrerseits die Gebäudeteile verbinden. Diese Fensterbänder holen nicht nur Licht der Hangneigung entlang in die Räume, sondern ermöglichen auch Sicht- und Blickkontakte, verstärken das Gefühl von Zusammengehörigkeit, ohne an Intimität einzubüssen. Sanitär- und Stauräume sind als von der Struktur losgelöste Boxen ausgebildet und über Treppen besteig- und als Spielraum benutzbar. Sie unterstützen die Gleichzeitigkeit von Gemeinschaftsaktivität und Eigenständigkeit.
Auch im Freien verfügen die drei eingeschossigen Kindergartensegmente beidseitig über eigene Spielbereiche und Eingänge, die über Treppen miteinander verbunden sind. Die unterste Einheit ist barrierefrei zugänglich.
Mit grosser Selbstverständlichkeit ist auf der Eingangsseite des Dreifachkindergartens der Beitrag des in Berlin lebenden Ostschweizer Künstlers Rolf Graf positioniert. Die sechs ringartigen, beweglichen Objekte aus Polymergips wurden während des Aufrichtens in die horizontalen Balken eingeschlauft. Sie brechen verspielt die orthogonale Struktur, erinnern an Zählrahmen, Perlenschnur, Glücksbringer und geben als eine Art Nummerierung von Eins bis Drei auch den kleinsten Nutzer:innen Orientierung. Wie ein lachendes Echo antwortet rückseitig bei der Tagesbetreuung ein eingefädelter Pneu.
Das lustvoll und klug inszenierte Zusammenspiel in sich widersprüchlicher Eigenschaften charakterisieren die Anlage durchgehend. Klare Strukturen und freier Rundlauf, Separierung und Zusammenschluss, Weitläufigkeit und kurze Wege, Geborgenheit und Offenheit, Austausch und Rückzug, grosszügig und manche Ressourcen schonend. Es sind kindergerecht zur Verfügung gestellte Erfahrungsmöglichkeiten zu Widersprüchen und Geheimnissen, die zum Leben gehören.
Die Artikelserie «Gutes Bauen Ostschweiz», lanciert und betreut durch das Architektur Forum Ostschweiz (AFO), möchte die Diskussion um eine regionale Baukultur anregen. Die Beiträge werden vom AFO, Swiss‑Architects und Saiten gemeinsam veröffentlicht. Die Serie behandelt übergreifende Themen aus den Bereichen Raumplanung, Städtebau, Architektur und Landschaftsarchitektur. Sie geht unter anderem den Fragen nach, welchen Beitrag das Bauen zur Bewältigung der Klimakrise leisten oder wie die Verdich-tung historischer Dörfer und Stadtteile gelingen kann.
a-f-o.ch/gutes-bauen, swiss-architects.com
Das AFO, das Architektur Forum Ostschweiz, diskutiert und vermittelt seit 30 Jahren Baukultur. Am kommenden Freitag wird das Jubiläum gefeiert und die neuste Artikelserie der guten Bauten als Buch präsentiert.
Gutes Bauen Ostschweiz (XXXVI)
Die Patiosiedlung Jonagold bietet klassische Einfamilienhausqualitäten in einer gemeinschaftlich gedachten Struktur mit grosser räumlicher Vielfalt. Inspiriert von mediterranen Stadtanlagen verbindet sie verdichtetes Bauen mit lebendigen Freiräumen für unterschiedliche Lebensentwürfe.
Gutes Bauen Ostschweiz (XXXIV)
Im Appenzellerland sind Traditionen lebendig, weil sie immerzu erneuert werden. Der Appenzeller Alpenbitter besteht aus 42 Kräutern und wird seit bald 125 Jahren erfolgreich verkauft. Für das Familienunternehmen Appenzeller Alpenbitter AG entwickelte Lukas Imhof mit seinem Team aus der Bautradition der Region eine zeitgenössische Industriearchitektur.
Gutes Bauen Ostschweiz (XXXIII)
In Schaan FL steht seit den 1960er-Jahren ein Einfamilienhaus – wie anderswo auch. Mit dem Haus Bretscha ist dem Architekten Dominic Spalt eine ebenso sensible und zurückhaltende wie prägnante und pragmatische Verwandlung in ein Mehrgenerationenhaus gelungen.
Das Kulturarchiv Oberengadin platzt aus allen Nähten und eine Stiftung sucht für ein Patrizierhaus in Zuoz nach einer geeigneten Nutzung. Ein umsichtiger Architekt führt die beiden Institutionen zusammen.
Seit zehn Jahren gibt es die Residency in der Bibliothek Andreas Züst im Alpenhof, diesem so schwer zu fassenden Ort in Innerrhoden. Der runde Geburtstag wird nun mit einem vielfältigen Festival gefeiert.
Bevor die Kunsthalle St.Gallen im Dezember wegen Umbauarbeiten voraussichtlich bis April 2027 schliesst, dreht sie nochmals voll auf. In der Ausstellung «House of Change: Pre-Construction-Warm-Up-Galore» präsentiert sie im laufenden Monat ein dichtes, buntes Programm an Kunst und Kultur.
In der Ausstellung «Smile maniacally we’re alive» verbindet Jala Wahid scheinbar getrennte Welten. Sie schlägt darin eine Brücke zwischen Erinnerung, Emotion, Wissenschaft und Politik.
Die erneuten Sparvorschläge der St.Galler Regierung stossen auf breite Ablehnung. Die Kulturszene solidarisiert sich gegen die Abbaupläne. Die Kulturlobby hat sich in Stellung gebracht. Obs hilft?
Kunstausstellung
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.