Aus eins mach zwei – fertig ist die Zauberei

In Schaan FL steht seit den 1960er-Jahren ein Einfamilienhaus – wie anderswo auch. Mit dem Haus Bretscha ist dem Architekten Dominic Spalt eine ebenso sensible und zurückhaltende wie prägnante und pragmatische Verwandlung in ein Mehrgenerationenhaus gelungen.

(Bilder: Elisa Florian)

Vom Rit­ter-Schu­ma­cher-Bus­hof Scha­an aus ge­se­hen, fällt das weis­se Haus von statt­li­cher Grös­se mit den hell­rot leuch­ten­den Git­ter­struk­tu­ren zu­min­dest zur laub­lo­sen Jah­res­zeit gleich ins Au­ge. Doch mit dem Nä­her­kom­men ver­schwin­det es zwi­schen mäch­ti­gen Ge­schäfts- und Bü­ro­neu­bau­ten und ab­schir­men­dem Ge­mäu­er und Ge­büsch. Die be­ein­dru­cken­de Er­schei­nung er­in­nert an den Schein­rie­sen Herr Tur Tur in Mi­cha­el En­des Buch Jim Knopf und Lu­kas der Lo­ko­mo­tiv­füh­rer aus der­sel­ben Zeit, den 1960ern: Aus Di­stanz über­gross und mäch­tig, aus der Nä­he freund­lich, re­spekt­voll, ge­sel­lig, bloss et­was ein­sam.

Das Wi­der­sprüch­li­che setzt sich fort, et­wa in den schmie­dei­ser­nen Fens­ter­git­tern im Erd­ge­schoss und dem prä­zis ge­setz­ten und leicht aus­grät­schen­den Aus­sen­auf­gang auf der Nord­sei­te. Das ir­ri­tiert. Wirkt das Haus Bret­scha ab­wei­send oder an­zie­hend? Die Haus­tür im Ober­ge­schoss öff­net sich. Die Fra­ge klärt sich im Nu: Hier wird Zu­gäng­lich­keit, Non­cha­lance und Prag­ma­tis­mus nicht be­haup­tet, son­dern ge­lebt. Wohl­be­fin­den statt Bluff. En­des Schein­rie­se zwin­kert er­neut durch die Jahr­zehn­te und lockt in den lich­ten Wohn­raum.

Bau­en im Be­stand

Grund- und Aus­gangs­la­ge für die Ver­wand­lung des Ein­fa­mi­li­en­hau­ses mit Um­schwung und Pool in ein Mehr­ge­ne­ra­tio­nen­haus ist die Über­zeu­gung des Ar­chi­tek­ten Do­mi­nic Spalt, dass be­stehen­de Bau­ten die­ser Art mehr Wohn­raum für mehr Par­tei­en bie­ten kön­nen. Auch fa­mi­li­en­or­ga­ni­sa­to­ri­sche Vor­tei­le lie­gen auf der Hand. Zu­dem schont Bau­en im Be­stand den um­lie­gen­den Frei­raum und an­de­re Res­sour­cen. Be­stehen­des um­bau­en und er­wei­tern statt ab­reis­sen und neu bau­en – das hat auch im Be­reich des noch im­mer als er­stre­bens­wert be­wor­be­nen Ein­fa­mi­li­en-Ei­gen­heims viel Po­ten­ti­al, ist Do­mi­nic Spalt über­zeugt. Das Ab­wä­gen und Aus­han­deln un­ter­schied­li­cher Aspek­te und Be­dürf­nis­se spie­len da­bei ei­ne wich­ti­ge Rol­le.

Gutes Bauen Ostschweiz

Die­se Ar­ti­kel­se­rie möch­te die Dis­kus­si­on um Bau­kul­tur an­re­gen und be­han­delt über­grei­fen­de The­men aus den Be­rei­chen Raum­pla­nung, Städ­te­bau, Ar­chi­tek­tur und Land­schafts­ar­chi­tek­tur. Sie wur­de lan­ciert und wird be­treut durch das Ar­chi­tek­tur Fo­rum Ost­schweiz (AFO). Das AFO ver­steht al­le For­men an­ge­wand­ter Ge­stal­tung un­se­rer Um­welt als wich­ti­ge Be­stand­tei­le un­se­rer Kul­tur und möch­te die­se in ei­ner brei­ten Öf­fent­lich­keit zur Spra­che brin­gen. Die Bei­trä­ge wer­den vom AFO, dem Kul­tur­ma­ga­zin Sai­ten und Swiss-Ar­chi­tects ge­mein­sam ver­öf­fent­licht.

a-f-o.ch
swiss-ar­chi­tects.com

Selbst im liech­ten­stei­ni­schen Rug­gell auf­ge­wach­sen und für die Aus­bil­dung zum Ar­chi­tek­ten an der Hoch­schu­le Lu­zern auf dem zwei­ten Bil­dungs­weg weg­ge­zo­gen, leb­te der ge­lern­te Bau­zeich­ner in den ver­gan­ge­nen Jah­ren mit der vier­köp­fi­gen Fa­mi­lie in Zü­rich-Wie­di­kon. Ge­mein­sam mit sei­ner in Scha­an auf­ge­wach­se­nen Part­ne­rin plan­ten sie ins Länd­le zu­rück­zu­keh­ren, fan­den aber kei­nen pas­sen­den Alt­be­stand. Bis sich das El­tern­haus der Part­ne­rin im zen­tral ge­le­ge­nen Quar­tier Bret­scha als val­ables Ob­jekt be­merk­bar mach­te. Der Schwie­ger­mut­ter war das Haus, das sie mit dem da­ma­li­gen Part­ner um 1980 er­wor­ben hat­te, stets et­was zu ge­räu­mig und nun de­fi­ni­tiv zu gross ge­wor­den. Sie er­klär­te sich zu ei­nem Um­bau be­reit.

So er­wei­ter­te Do­mi­nic Spalt als Ar­chi­tekt, Bau­lei­ter und Teil der Bau­herr­schaft mit ge­ziel­ten Ein­grif­fen das eins­ti­ge Ein­fa­mi­li­en­haus an bes­ter und be­gehr­ter La­ge mit ei­ner zwei­ten Wohn­ein­heit für sich und sei­ne Fa­mi­lie zu ei­nem Mehr­ge­ne­ra­tio­nen­haus. Ab­ge­se­hen von der In­te­gra­ti­on der durch ih­ren Wohn­teil füh­ren­den Steig­zo­ne der Haus­tech­nik und das Ab­tre­ten der obe­ren Schlaf­zim­mer, kam es im Be­reich der lang­jäh­ri­gen Be­woh­ne­rin zu kei­nen nen­nens­wer­ten Än­de­run­gen. Auch konn­te sie wäh­rend der so kurz wie mög­lich ge­hal­te­nen Bau­pha­se prak­tisch um­stands­los woh­nen blei­ben – Hin­wei­se auf den re­spekt­vol­len zwi­schen­mensch­li­chen Um­gang.

Das frü­he­re fla­che Sat­tel­dach des Ein­fa­mi­li­en­hau­ses mit nied­ri­gem Dach­bo­den wur­de gross­zü­gig an­ge­ho­ben, so dass im Gie­bel Platz für ei­ne Ga­le­rie ent­stand. De­ren Fens­ter zieht sich vom neu ge­bau­ten Haupt­raum hin­auf und gibt den Blick auf die fel­si­ge Berg­ket­te der Drei Schwes­tern frei. So ste­hen wir nun in ei­nem gross­zü­gi­gen, of­fe­nen Wohn­raum samt Kü­che, Ess- und Werk­tisch, Sitz­ecke, mit von zwei Sei­ten be­geh­ba­rem Bad-WC-Be­reich und viel Spiel-, Be­we­gungs-, Zir­ku­la­ti­ons- und Stau­raum. Wie ein die bei­den Wohn­ein­hei­ten zu­sam­men­hal­ten­der Spiess stösst der Ka­min durch das Raum­vo­lu­men und schafft ei­ne op­ti­sche Ver­ti­kal­ver­bin­dung.

Blatt­werk als Tem­pe­ra­tur­aus­gleich

Nach Sü­den öff­net sich der neu ge­schaf­fe­ne Raum auf ei­ne ge­räu­mi­ge Ter­ras­se. In der Art von Pa­vil­lon-Ge­stän­ge spannt sich ei­ne Gie­bel­sil­hou­et­te dar­über. Es ist ne­ben dem Trep­pen­zu­gang zum Hoch­ein­gang das zwei­te von drei mar­kan­ten, die Struk­tur des Hau­ses zi­tie­ren­den Stahl­ele­men­ten, die mit­tels der ro­ten Far­big­keit dem trans­for­mier­ten Wohn­haus Auf­merk­sam­keit ge­ben und die Ein­grif­fe nach aus­sen selbst­be­wusst si­gna­li­sie­ren. Das drit­te Klam­mer­ele­ment be­fin­det sich vor den Schlaf­zim­mern, bil­det ei­ne mit Well­blech ge­deck­te und auch vom Wohn­raum her di­rekt be­tret­ba­re Ve­ran­da mit Wen­del­trep­pe an der süd­west­li­chen Ecke, die di­rekt in den ge­mein­sam zu nut­zen­den Gar­ten- und Pool­be­reich führt. Die­ser Schlaf- und Kin­der­zim­mer­trakt ent­spricht weit­ge­hend dem ur­sprüng­li­chen Ge­bäu­de. Die Kin­der schla­fen im ehe­ma­li­gen Kin­der­zim­mer ih­rer Mut­ter. Der frü­he­re Auf­gang in den eins­ti­gen Dach­bo­den ist zum Re­gal ge­wor­den.

Die ro­ten, rhyth­misch ge­setz­ten Git­ter­struk­tu­ren auf der Süd­sei­te sind weit mehr als Mar­kie­run­gen. Sie ge­ben so­wohl der 40-jäh­ri­gen Gly­zi­nie als auch den neu­en Klet­ter­pflan­zen Halt. Wie der gros­se Tul­pen­baum im Gar­ten ver­lie­ren sie al­le im Herbst die Blät­ter und las­sen im Win­ter die wär­men­de Son­ne ins Haus. Im Som­mer aber bil­den sie nicht nur ei­nen Sicht­schutz, son­dern sind in ers­ter Li­nie Schat­ten­spen­der und will­kom­me­ne Tem­pe­ra­tur­reg­ler.

«Wir ha­ben un­zäh­li­ge prag­ma­ti­sche Ent­schei­de ge­trof­fen und muss­ten oft auch kurz­fris­tig han­deln», er­in­nert sich Do­mi­nic Spalt. Der un­ter vie­len Schich­ten her­vor­ge­hol­te Un­ter­lags­bo­den im Schlaf­trakt ist nun ab­ge­schlif­fen, nicht flick­stel­len­frei, aber char­mant und be­reit für den Fa­mi­li­en­all­tag. Über­gän­ge blei­ben sicht­bar, «wie Nar­ben». Mar­mor­ab­de­ckun­gen und La­v­a­bos sind er­hal­ten und neu ein­ge­setzt wor­den. Gleich­zei­tig ent­spre­che die­ser Prag­ma­tis­mus aber sei­ner tie­fen Über­zeu­gung und auch sei­ner Vor­stel­lung von Poe­sie. Er ko­che lie­ber aus dem Rest­be­stand des Kühl­schranks ein Me­nu als sämt­li­che Zu­ta­ten neu ein­zu­kau­fen, ge­steht er. «Mei­ne Am­bi­ti­on liegt im Aus­lo­ten des­sen, was vor­han­den ist. Das in­spi­riert mich mehr. Und macht sehr Freu­de.» So geht es wei­ter mit dem Bau­en im Be­stand, ein nächs­ter Um- und Er­wei­te­rungs­bau in Bal­zers ist be­reits in Pla­nung.

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