Baukultur im ländlichen Raum, Bauen in Appenzell Innerrhoden: Sofort tauchen vor dem geistigen Auge Bilder von rustikalen Fassaden mit Holzschindeln und Täfern in Naturholz oder farbig gestrichen auf. Was jedoch, wenn es sich bei der Bauaufgabe weder um ein landwirtschaftliches Gebäude noch um ein Wohn- oder Gasthaus handelt? Wie sieht ein zeitgenössischer Gewerbebau an einer repräsentativen Lage am Ortseingang aus? Und worauf nimmt seine Gestaltung Bezug?
Alles begann 1902 in der «Konzerthalle», einer stattlichen Stickfabrik aus dem Jahr 1875, unweit des Bahnhofs Appenzell. Später als Gasthaus betrieben, wurden hier die ersten Appenzeller Alpenbitter mit einer fahrbaren Brennerei hergestellt. Für die Verfeinerung des Rezepts degustierten in der Anfangszeit die Gäste. Mit wachsendem Erfolg konnte die Produktion bald auf das Areal einer ehemaligen Sägerei beim Eisenbahnviadukt verlegt werden.
Entwickeln und verdichten
Mit rund 40 Mitarbeitenden zählt die Appenzeller Alpenbitter AG heute zu den erfolgreichsten Getränkeherstellern im Appenzellerland. Seit vier Generationen als Familienunternehmen geführt, war von Beginn an klar, dass die Entwicklung und Verdichtung des bestehenden Areals mittels eines qualifizierten Konkurrenzverfahrens erfolgen sollte. Denn Verantwortung und Nachhaltigkeit in all ihren Dimensionen gehören zu den zentralen Unternehmenswerten – «nicht als blosse Floskeln, sondern als gelebte Haltung», wie Geschäftsführer Pascal Loepfe-Brügger sagt. Die Firmenstrategie richtet sich nicht an der nächsten Quartalsbilanz aus, sondern an einem «enkeltauglichen» Zeithorizont von 25 Jahren. Für die geplante Erneuerung bedeutet dies, den Bestand mit nachhaltigen Materialien weiterzubauen und neue Volumina geschickt so zu platzieren, dass genug Baulandreserven für zukünftige Entwicklungen erhalten bleiben und die Ressource Boden geschont wird.
Das Firmenareal wird im Norden durch den Flussraum der Sitter, im Süden durch malerische Bauten in der Ortsbildschutzzone und im Osten durch das denkmalgeschützte Eisenbahnviadukt der Appenzeller Bahnen begrenzt. Das Programm des Studienauftrags beschränkte sich auf das Wesentliche, die Jury war professionell zusammengesetzt. Die vielschichtige Aufgabe lösten Lukas Imhof und sein Team 2019 am überzeugendsten. Verblüffend selbstverständlich wurden zwei Bestandsbauten um ein beziehungsweise zwei Geschosse aufgestockt und eine neue Lagerhalle aus Holz am südöstlichen Ende hinzugefügt. Die vorhandene Höhenstaffelung wurde so weitergeführt und mit dem Neubau zu einem neuen städtebaulichen Ganzen verwoben.
Das Herzstück der Erweiterung ist die neue Lagerhalle. Sie besteht aus Fichtenholz, geschlagen in den vier nahegelegenen firmeneigenen Wäldern – während der Coronapandemie ein willkommener Vorteil, um der Verteuerung der Rohstoffe nicht vollends ausgeliefert zu sein. Aus der Perspektive der Zugreisenden ist das Firmenareal heute zusammen mit dem Kunstmuseum von Gigon Guyer Architekten die Visitenkarte von Appenzell. Die ehemalige «Rückseite» der Appenzeller Alpenbitter AG wird dieser neuen Bedeutung mehr als gerecht und bildet mit der verbesserten An- und Auslieferung den repräsentativen Auftakt der Firma. Die Wertigkeit des neuen Empfangs manifestiert sich in mehreren gestalterischen Elementen, die ein hohes Mass an handwerklichem Können voraussetzen. Eine in scharfkantigem Sichtbeton skulptural ausgebildete Stütze gliedert den Bereich zwischen Anlieferungsrampe und Empfangsbüro. Das Firmenlogo – der stolze Landsgemeindemann – ziert als scheinbar schwebender Betonknopf mit Relief den Empfangsbereich und kaschiert gleichzeitig die Zuluftöffnung des Technikraums.
Zeitgenössisch und doch vertraut
Die gestaffelten Satteldächer sind an der Giebelseite ohne Vordach ausgeführt: So zeigt sich das mit grossformatigen, gehobelten und unbehandelten Fichtenholzbrettern neu interpretierte Fassadenkleid besonders wirkungsvoll und nahezu textil. Dieser überdimensionierte Schindelschirm transformiert das vertraute Motiv der Appenzeller Schindelfassade spielerisch in eine zeitgenössische Industriearchitektur und verleiht dem grossvolumigen Baukörper eine feine Massstäblichkeit. Diese setzt sich in den überhohen Fluchttüren fort. Zusätzlich sind die aussen geführten Dachentwässerungen auf der Nordseite sowie die leicht nach aussen versetzten südseitigen Stützen wie die bekannten Strickköpfe der Appenzeller Häuser unter der Verkleidung verborgen und rhythmisieren mit weichen Wölbungen die lange Fassade wohltuend.
Im Inneren der Lagerhalle erzeugen raumwirksame Brettschichtholz-Binder einen attraktiven, stützenfreien Raum, der eine effiziente Anordnung der Regale mit kurzen Wegen ermöglicht. Oberlichter im ortsüblichen Satteldach sowie ein grosszügiges, nach aussen geklapptes Fensterband fluten die Halle mit Tageslicht und schaffen zusammen mit der Holzstruktur einen angenehmen Arbeitsort mit hoher Aufenthaltsqualität. Das objektspezifische Brand- und Explosionsschutzkonzept ist unaufdringlich in die Architektur integriert und erlaubt trotz hoher Sicherheitsanforderungen einen offenen Hallenraum: Geschlossene Rückwände der Regale sowie die Begrenzung der Alkohollagerung mit einer maximalen Höhe von 7,5 Metern ermöglichen den Verzicht auf einzelne Brandabschnitte. In das architektonische Gesamtkonzept integrierte Deckensprinkler löschen im Brandfall zuverlässig. Eine kluge Lösung wurde auch für den Umgang mit der Explosionsgefahr gefunden: Die Bildung einer explosionsfähigen Atmosphäre wird durch die konstante Kühllagerung bei 21 Grad Celsius unterbunden.
Im Rahmen der wöchentlich angebotenen Führungen durch die gesamte Produktionsanlage wird die Lagerhalle als Teil eines ganzheitlichen räumlichen und olfaktorischen Erlebnisses der Kräuterwelt für die Besucher:innen erfahrbar.
Vor dem Firmengebäude wächst der Gelbe Enzian.