Traditionen enkeltauglich weiterstricken

(Bilder: Elisa Florian)

Im Appenzellerland sind Traditionen lebendig, weil sie immerzu erneuert werden. Der Appenzeller Alpenbitter besteht aus 42 Kräutern und wird seit bald 125 Jahren erfolgreich verkauft. Für das Familienunternehmen Appenzeller Alpenbitter AG entwickelte Lukas Imhof mit seinem Team aus der Bautradition der Region eine zeitgenössische Industriearchitektur.

Bau­kul­tur im länd­li­chen Raum, Bau­en in Ap­pen­zell In­ner­rho­den: So­fort tau­chen vor dem geis­ti­gen Au­ge Bil­der von rus­ti­ka­len Fas­sa­den mit Holz­schin­deln und Tä­fern in Na­tur­holz oder far­big ge­stri­chen auf. Was je­doch, wenn es sich bei der Bau­auf­ga­be we­der um ein land­wirt­schaft­li­ches Ge­bäu­de noch um ein Wohn- oder Gast­haus han­delt? Wie sieht ein zeit­ge­nös­si­scher Ge­wer­be­bau an ei­ner re­prä­sen­ta­ti­ven La­ge am Orts­ein­gang aus? Und wor­auf nimmt sei­ne Ge­stal­tung Be­zug?

Al­les be­gann 1902 in der «Kon­zert­hal­le», ei­ner statt­li­chen Stick­fa­brik aus dem Jahr 1875, un­weit des Bahn­hofs Ap­pen­zell. Spä­ter als Gast­haus be­trie­ben, wur­den hier die ers­ten Ap­pen­zel­ler Al­pen­bit­ter mit ei­ner fahr­ba­ren Bren­ne­rei her­ge­stellt. Für die Ver­fei­ne­rung des Re­zepts de­gus­tier­ten in der An­fangs­zeit die Gäs­te. Mit wach­sen­dem Er­folg konn­te die Pro­duk­ti­on bald auf das Are­al ei­ner ehe­ma­li­gen Sä­ge­rei beim Ei­sen­bahn­via­dukt ver­legt wer­den.

Ent­wi­ckeln und ver­dich­ten

Mit rund 40 Mit­ar­bei­ten­den zählt die Ap­pen­zel­ler Al­pen­bit­ter AG heu­te zu den er­folg­reichs­ten Ge­trän­ke­her­stel­lern im Ap­pen­zel­ler­land. Seit vier Ge­ne­ra­tio­nen als Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men ge­führt, war von Be­ginn an klar, dass die Ent­wick­lung und Ver­dich­tung des be­stehen­den Are­als mit­tels ei­nes qua­li­fi­zier­ten Kon­kur­renz­ver­fah­rens er­fol­gen soll­te. Denn Ver­ant­wor­tung und Nach­hal­tig­keit in all ih­ren Di­men­sio­nen ge­hö­ren zu den zen­tra­len Un­ter­neh­mens­wer­ten – «nicht als blos­se Flos­keln, son­dern als ge­leb­te Hal­tung», wie Ge­schäfts­füh­rer Pas­cal Loep­fe-Brüg­ger sagt. Die Fir­men­stra­te­gie rich­tet sich nicht an der nächs­ten Quar­tals­bi­lanz aus, son­dern an ei­nem «en­kel­taug­li­chen» Zeit­ho­ri­zont von 25 Jah­ren. Für die ge­plan­te Er­neue­rung be­deu­tet dies, den Be­stand mit nach­hal­ti­gen Ma­te­ria­li­en wei­ter­zu­bau­en und neue Vo­lu­mi­na ge­schickt so zu plat­zie­ren, dass ge­nug Bau­land­re­ser­ven für zu­künf­ti­ge Ent­wick­lun­gen er­hal­ten blei­ben und die Res­sour­ce Bo­den ge­schont wird. 

Das Fir­men­are­al wird im Nor­den durch den Fluss­raum der Sit­ter, im Sü­den durch ma­le­ri­sche Bau­ten in der Orts­bild­schutz­zo­ne und im Os­ten durch das denk­mal­ge­schütz­te Ei­sen­bahn­via­dukt der Ap­pen­zel­ler Bah­nen be­grenzt. Das Pro­gramm des Stu­di­en­auf­trags be­schränk­te sich auf das We­sent­li­che, die Ju­ry war pro­fes­sio­nell zu­sam­men­ge­setzt. Die viel­schich­ti­ge Auf­ga­be lös­ten Lu­kas Im­hof und sein Team 2019 am über­zeu­gends­ten. Ver­blüf­fend selbst­ver­ständ­lich wur­den zwei Be­stands­bau­ten um ein be­zie­hungs­wei­se zwei Ge­schos­se auf­ge­stockt und ei­ne neue La­ger­hal­le aus Holz am süd­öst­li­chen En­de hin­zu­ge­fügt. Die vor­han­de­ne Hö­hen­staf­fe­lung wur­de so wei­ter­ge­führt und mit dem Neu­bau zu ei­nem neu­en städ­te­bau­li­chen Gan­zen ver­wo­ben.

Das Herz­stück der Er­wei­te­rung ist die neue La­ger­hal­le. Sie be­steht aus Fich­ten­holz, ge­schla­gen in den vier na­he­ge­le­ge­nen fir­men­ei­ge­nen Wäl­dern – wäh­rend der Co­ro­na­pan­de­mie ein will­kom­me­ner Vor­teil, um der Ver­teue­rung der Roh­stof­fe nicht voll­ends aus­ge­lie­fert zu sein. Aus der Per­spek­ti­ve der Zug­rei­sen­den ist das Fir­men­are­al heu­te zu­sam­men mit dem Kunst­mu­se­um von Gi­gon Guy­er Ar­chi­tek­ten die Vi­si­ten­kar­te von Ap­pen­zell. Die ehe­ma­li­ge «Rück­sei­te» der Ap­pen­zel­ler Al­pen­bit­ter AG wird die­ser neu­en Be­deu­tung mehr als ge­recht und bil­det mit der ver­bes­ser­ten An- und Aus­lie­fe­rung den re­prä­sen­ta­ti­ven Auf­takt der Fir­ma. Die Wer­tig­keit des neu­en Emp­fangs ma­ni­fes­tiert sich in meh­re­ren ge­stal­te­ri­schen Ele­men­ten, die ein ho­hes Mass an hand­werk­li­chem Kön­nen vor­aus­set­zen. Ei­ne in scharf­kan­ti­gem Sicht­be­ton skulp­tu­ral aus­ge­bil­de­te Stüt­ze glie­dert den Be­reich zwi­schen An­lie­fe­rungs­ram­pe und Emp­fangs­bü­ro. Das Fir­men­lo­go – der stol­ze Lands­ge­mein­de­mann – ziert als schein­bar schwe­ben­der Be­ton­knopf mit Re­li­ef den Emp­fangs­be­reich und ka­schiert gleich­zei­tig die Zu­luft­öff­nung des Tech­nik­raums.

Zeit­ge­nös­sisch und doch ver­traut

Die ge­staf­fel­ten Sat­tel­dä­cher sind an der Gie­bel­sei­te oh­ne Vor­dach aus­ge­führt: So zeigt sich das mit gross­for­ma­ti­gen, ge­ho­bel­ten und un­be­han­del­ten Fich­ten­holz­bret­tern neu in­ter­pre­tier­te Fas­sa­den­kleid be­son­ders wir­kungs­voll und na­he­zu tex­til. Die­ser über­di­men­sio­nier­te Schin­del­schirm trans­for­miert das ver­trau­te Mo­tiv der Ap­pen­zel­ler Schin­del­fas­sa­de spie­le­risch in ei­ne zeit­ge­nös­si­sche In­dus­trie­ar­chi­tek­tur und ver­leiht dem gross­vo­lu­mi­gen Bau­kör­per ei­ne fei­ne Mass­stäb­lich­keit. Die­se setzt sich in den über­ho­hen Flucht­tü­ren fort. Zu­sätz­lich sind die aus­sen ge­führ­ten Dach­ent­wäs­se­run­gen auf der Nord­sei­te so­wie die leicht nach aus­sen ver­setz­ten süd­sei­ti­gen Stüt­zen wie die be­kann­ten Strick­köp­fe der Ap­pen­zel­ler Häu­ser un­ter der Ver­klei­dung ver­bor­gen und rhyth­mi­sie­ren mit wei­chen Wöl­bun­gen die lan­ge Fas­sa­de wohl­tu­end. 

Im In­ne­ren der La­ger­hal­le er­zeu­gen raum­wirk­sa­me Brett­schicht­holz-Bin­der ei­nen at­trak­ti­ven, stüt­zen­frei­en Raum, der ei­ne ef­fi­zi­en­te An­ord­nung der Re­ga­le mit kur­zen We­gen er­mög­licht. Ober­lich­ter im orts­üb­li­chen Sat­tel­dach so­wie ein gross­zü­gi­ges, nach aus­sen ge­klapp­tes Fens­ter­band flu­ten die Hal­le mit Ta­ges­licht und schaf­fen zu­sam­men mit der Holz­struk­tur ei­nen an­ge­neh­men Ar­beits­ort mit ho­her Auf­ent­halts­qua­li­tät. Das ob­jekt­spe­zi­fi­sche Brand- und Ex­plo­si­ons­schutz­kon­zept ist un­auf­dring­lich in die Ar­chi­tek­tur in­te­griert und er­laubt trotz ho­her Si­cher­heits­an­for­de­run­gen ei­nen of­fe­nen Hal­len­raum: Ge­schlos­se­ne Rück­wän­de der Re­ga­le so­wie die Be­gren­zung der Al­ko­hol­la­ge­rung mit ei­ner ma­xi­ma­len Hö­he von 7,5 Me­tern er­mög­li­chen den Ver­zicht auf ein­zel­ne Brand­ab­schnit­te. In das ar­chi­tek­to­ni­sche Ge­samt­kon­zept in­te­grier­te De­cken­sprink­ler lö­schen im Brand­fall zu­ver­läs­sig. Ei­ne klu­ge Lö­sung wur­de auch für den Um­gang mit der Ex­plo­si­ons­ge­fahr ge­fun­den: Die Bil­dung ei­ner ex­plo­si­ons­fä­hi­gen At­mo­sphä­re wird durch die kon­stan­te Kühl­la­ge­rung bei 21 Grad Cel­si­us un­ter­bun­den.

Im Rah­men der wö­chent­lich an­ge­bo­te­nen Füh­run­gen durch die ge­sam­te Pro­duk­ti­ons­an­la­ge wird die La­ger­hal­le als Teil ei­nes ganz­heit­li­chen räum­li­chen und olfak­to­ri­schen Er­leb­nis­ses der Kräu­ter­welt für die Be­su­cher:in­nen er­fahr­bar.

Gutes Bauen Ostschweiz

Die­se Ar­ti­kel­se­rie möch­te die Dis­kus­si­on um Bau­kul­tur an­re­gen und be­han­delt über­grei­fen­de The­men aus den Be­rei­chen Raum­pla­nung, Städ­te­bau, Ar­chi­tek­tur und Land­schafts­ar­chi­tek­tur. Sie wur­de lan­ciert und wird be­treut durch das Ar­chi­tek­tur Fo­rum Ost­schweiz (AFO). Das AFO ver­steht al­le For­men an­ge­wand­ter Ge­stal­tung un­se­rer Um­welt als wich­ti­ge Be­stand­tei­le un­se­rer Kul­tur und möch­te die­se in ei­ner brei­ten Öf­fent­lich­keit zur Spra­che brin­gen. Die Bei­trä­ge wer­den vom AFO, dem Kul­tur­ma­ga­zin Sai­ten und Swiss-Ar­chi­tects ge­mein­sam ver­öf­fent­licht.

a-f-o.ch
swiss-ar­chi­tects.com

Vor dem Firmengebäude wächst der Gelbe Enzian.

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