Laute Einsamkeit
Jonas Ulrich taucht mit seinem ersten Spielfilm in die Black-Metal-Welt ab. Wolves ist eine bildstarke Geschichte über Einsamkeit und das Dazugehören, voller Gegensätze und mit etwas holprigen Dialogen.
Selma Kopp, alias Luana, verliert sich auf der Flucht vor der Einsamkeit. (Bild: pd)
«Ich bin die falsche Person für dich», sagt Wiktor zu Luana. Sie antwortet leise: «Ich denke, du bist nicht schlechter als andere.» Noch weiss Luana nicht, wie recht Wiktor hat – und vermutlich auch nicht, woher ihre Antwort rührt.
Denn Wolves, der erste Spielfilm des Zürcher Regisseurs Jonas Ulrich, dreht sich um Einsamkeit, den Wunsch auszubrechen, irgendwo dazuzugehören. Und darum, wie schnell man auf der Suche nach diesen Dingen auf einem Auge blind werden – in diesem Fall auf dem rechten – und so an die falschen Leute geraten kann.
Man könnte Wolves als Coming-of-Age Geschichte sehen. Luana, gespielt von Selma Kopp, arbeitet als Erzieherin. Die Beziehung zu ihrer Mutter (Judith Hofmann), bei der sie lebt, ist verhalten. Jene zu ihrem Vater (Thomas Ott), mit dem sie scheinbar einige Interessen teilt, ist nicht viel besser. Ob Luana seiner Krankheit wegen auf Distanz geht, bleibt unklar. Sicher ist: Luana ist einsam. Und Luana möchte fliehen. Ulrich vermittelt dies in langsamen, weitwinkligen Aufnahmen, in denen die junge Frau mitten im Wald steht oder etwas abseits einer schnatternden Gruppe Menschen – allein. Oder solchen, die einen Blick auf einen Insta-Post auf ihrem Handy freigeben: das Bild eines Hasen-Kadavers, dazu die Hashtags «endless» und «solitude» – unendliche Einsamkeit. Dann bricht sie aus, flieht, entwickelt sich.
Völlig konträr zur Stille, die Luanas Gedankenwelt einnimmt, sind die Konzertaufnahmen: laut, hektisch, dröhnend. Dann lacht Luana, sonst tut sie das nicht. Es sind Konzerte von Wlvs, der Black-Metal-Band ihres Cousins Domi (Fabian Künzli), bei der gerade der neue Sänger Wiktor (Bartosz Bielenia) angeheuert hat.
Jonas Ulrich ist selbst Metal-Fan, ihm war wichtig, die Konzert-Aufnahmen möglichst authentisch zu gestalten, auch damit die Erfahrung für Selma Kopp – die vor den Dreharbeiten nichts mit Metal am Hut hatte – physisch erlebbar wird. Also bat der Regisseur den Basler Musiker Manuel Gagneux, bekannt für sein Metal-Gospel-Projekt Zeal & Ardor, um Hilfe. Gagneux schrieb die Songs für die Band Wlvs, die eigens für den Film gegründet wurde, Konzerte spielte und Merchartikel produzieren liess. Die Arbeit, die in die Musik gesteckt wurde, zahlt sich aus.
So sind viele der Rollen im Film mit Musiker:innen besetzt. Als Schlagzeuger Domi spielt Fabian Künzli eine Version von sich selbst. Genauso wie die meisten anderen Musiker:innen, darunter auch Anna Sauter McDowell. Thomas Ott ist ebenfalls kein Schauspieler, sondern bekannt als Illustrator düsterer Logos oder Comics. Auch für Selma Kopp ist es die erste Rolle auf der Kinoleinwand. In einem Interview mit dem Zurich Film Festival sagte die 23-Jährige, dass sie die anfängliche Unsicherheit am Set gegen Ende immer mehr ablegen konnte und so auch ihre Rolle Luana an Sicherheit gewann.
Bartosz Bieniale macht als Sänger Wiktor eine genauso gute Figur wie als Schauspieler. (Bild: pd)
Diese Unsicherheit ist spürbar, doch passt sie zu Luana, die selbst nicht weiss, wo sie hingehört. Gleichzeitig wirken viele der Dialoge im Film holprig. Dies dürfte jedoch kaum an der Auswahl der Schauspielenden liegen. Vielmehr sind diese vermutlich schon im Drehbuch nicht sehr organisch geschrieben, so dass sie oft unlogisch oder unsicher wirken.
Bartosz Bieniale dürfte einem grösseren Publikum bekannt sein. Er spielte die Hauptrolle in Corpus Christi, einem polnischen Spielfilm, der zahlreiche Preise gewann und 2019 sogar für einen Oscar nominiert war. Für Wolves nahm der 34-jährige Schauspieler Gesangsunterricht, übte Screaming und Growling. Er bringt Bewegung in die erste, etwas langatmige Filmhälfte. In der zweiten sind zwar die Bilder und der Sound genauso stark wie in der ersten, doch erst hier beginnt die Geschichte wirklich interessant zu werden.
Luana flüchtet aus ihrem Alltag, geht mit Wlvs auf Tour, verkauft Merch, fotografiert und filmt. Und kommt endlich, zwischen langen Busfahrten und kurzen Nächten, dem charismatischen Wiktor näher. Dieser erregt bald nicht nur Luanas Aufmerksamkeit, sondern auch die der Fans, als bei einem Konzert sein Tattoo auffällt: ein Sonnenrad. Gemeinhin ein Symbol aus der Neonazi-Szene. Laut dem Regisseur Ulrich gab es im Black Metal schon immer rechte Tendenzen und Strömungen. NSBM – National Socialist Black Metal – wird das Genre dann genannt. Das sorgt für Druck auf die gesamte Szene, gerade auch weil gemäss Ulrich solche Gesinnungen relativ lange toleriert werden. Wolves zeigt dies anschaulich.
So besitzt der Schlagzeuger Domi selbst eine NSBM-Platte, die ihm «einmal geschenkt» wurde. Nach einer Tattoo-Aktion kommt es innerhalb der Band zu Streitigkeiten, Wiktors Ideologie wird immer offensichtlicher. Und das Chaos immer grösser. Aber Luana schaut weg. Versuche von Vater und Cousin, ihr die Augen zu öffnen, scheitern. Sie rennt immer schneller, wird von Wiktors Freunden auf ihrer Flucht aufgefangen. Nur zaghaft, zwischen heidnischen Bräuchen und düsteren Mustern, beginnt sie zu begreifen, wo sie gelandet ist.
Wolves: Premiere in Anwesenheit des Regisseurs Jonas Ulrich und des Schauspielers Fabian Künzli, Dienstag, 2. Juni, 20 Uhr, Kinok, St.Gallen; Moderation: David Gadze, Saitenredaktor. Weitere Termine im Juni.
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