«Speed bonnie boat like a bird on the wing / Onward, the sailors cry / Carry the lad that's born to be king / over the sea to Skye». Diese Zeilen erzählen von dem Widerstand und dem Kampf der Jakobiner:innen in Schottland, von ihrem Aufgebehren gegen die Englische Krone und dem leidenschaftlichen Verlangen nach Unabhängigkeit. Noch heute wird das Lied inbrünstig in schummrigen, schottischen Pubs gesungen. Und noch heute durchströmt die Singenden dabei ein Gefühl von Kampfeslust, von Leidenschaft aber auch Ohnmacht.
Das macht Gesang. The Skye Boat Song spielt neben anderen Liedern eine Rolle im Dokumentarfilm Melodie. Die Schweizer Künstlerin und Regisseurin Anka Schmid widmet sich darin der Kraft des Singens. Während 87 Minuten geht es darum, was Lieder, Melodien und Gesang bewirken können. Unkommentiert lässt die Regisseurin dafür Personen aus unterschiedlichen Kulturen erzählen oder einfach nur singen. Entstanden ist ein berührender Film, der bis zum Schluss die Spannung hält und leise aber dennoch kräftig Lust macht, selber (öfter) zu singen. Auf die Frage, ob die Welt ein besserer Ort wäre, würden wir alle öfter singen, antwortet die Regisseurin: «Hundertprozentig! Gemeinsam zu singen bedeutet ja genauso, sich gegenseitig zuzuhören.» Und das sei in der aktuell sehr schweren Zeit besonders wichtig.
Tröstendes, beruhigendes Singen
Melodie feierte seine Weltpremiere kürzlich am Zürcher Filmfestival. Zuvor waren Anka Schmids Filme Mit dem Bauch durch die Wand und Wild Women – Gentle Beasts an der Berlinale und am Filmfestival in Locarno zu sehen. Mit Techqua Ikachi, Land – mein Leben hat die bald 65-Jährige schon 1992 international Aufmerksamkeit erlangt – damals am Sundance Film Festival in Utah.
Trailer Melodie von Anka Schmid
Schmid beschreibt die Sterbebegleitung ihres Vaters als Moment der Initialzündung für ihr neustes Werk Melodie – obschon sie die Musik bereits ein Leben lang umgibt. So besammelte sich 2020 die Familie während mehrerer Tage am Sterbebett des Vaters und sang. Damit beruhigte und tröstete sie ihn aber vor allem auch sich selbst. Schon Schmids Eltern sangen und machten Musik, alle ihre Geschwister singen, spielen teilweise mehrere Instrumente und auch die spätere Regisseurin selbst sang in den 1980er-Jahren in zwei Zürcher Punk- und New-Wave-Bands. Noch heute singe sie oft, erzählt sie im Gespräch mit Saiten: «Wenn ich auf dem Velo singend durch die Stadt fahre, gehört sie mir!»
Denn das Singen gebe Kraft. Auch weil es so eng mit dem Atmen verknüpft sei. «Gesang begleitet uns von der Geburt bis in den Tod, weltweit in allen Kulturen und Religionen», schreibt Schmid auch im Begleittext zum Film. Für Melodie begab sie sich also auf die Suche nach Menschen, welche die Kraft des Singens aktiv nutzen. Und fand viele davon in der Ostschweiz.
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Im gemischten Chor Go And Sing aus Gossau und Andwil singt Joanna Kora mit ihrer Schwester Myriam und ihrer Mutter. Joanna erzählt in einer der ersten Einstellungen, was das Singen mit ihrer Identität zu tun hat und wie es ihr hilft, sich mit gesellschaftlichen oder politischen Themen auseinanderzusetzen. Ausserdem gewährt auch der Männerchor Salmsach-Langrickenbach einen Einblick in eine Probe. An anderer Stelle folgt die Kamera dem Dirigenten Marcello Wick, der sonst im Klanghaus Toggenburg anzutreffen ist.
Die Black Lives Matter-Bewegung hat Joanna Kora politisiert. Ihre Gedanken verarbeitet sie beim Singen. (Bild: pd/Frenetic)
Gesang kann aber auch anders genutzt werden, wie der Dokumentarfilm zeigt. So vermittelt die Musiktherapeutin Friederike Haslbeck auf der Neonatologie den Frühchen mit Hilfe eines Monochords und ihres Gesangs ein Gefühl von Geborgenheit, weil sie die Geräusche des Mutterleibs simuliert – «so als ob man in der Badewanne den Kopf unter Wasser halten würde». Und die Appenzellerin Mina Inauen weiht mit einem durch einen leeren Milchkessel verstärkten Alpsegen die Wiesen und das Vieh, das auf ihnen grast.
Beeindruckend sind auch die Szenen mit Panagiota Georgila, einer älteren Griechin, die auf einem abgelegenen kleinen Bauernhof lebt, zwischen steilen Hügeln, auf denen Olivenhaine gedeihen. Während es draussen stürmt, krächzt sie vor einer kleinen Kapelle, im Garten sitzend oder während sie Kräuter pflückt, Klagelieder. Klagelieder für ihren verstorbenen Ehemann. Sie erzählt, dass sie nicht verstehen könne, weswegen ihre Enkelin stets sage, sie werde nicht singen können an ihrem Grab, weil sie doch weinen werden müsse – «das Singen ist doch das Weinen».
Fokus auf Audio
Dabei ist die Kamera manchmal Gesprächspartnerin, zuweilen auch zufällige Beobachterin des Geschehens. Oft in Totalen oder Halbtotalen. Es wird nicht kommentiert, die einzelnen Orte werden weder mündlich noch schriftlich erläutert oder eingeblendet – auch die Namen der Protagonist:innen erfährt man nur aus dem Pressedokument. Das stört oder fehlt aber überhaupt nicht. Unweigerlich liegt dadurch die Kraft der Szenen eben auch im Auditiven. Denn in Sachen Licht und Komposition sind die Szenen unaufdringlich und ruhig. So wirken die Stellen, an denen die Protagonist:innen direkt in die Kamera sprechen teilweise beinahe ein wenig invasiv und fallen so etwas ab von den sehr starken Momenten, in denen nur gesungen wird.
Ilyas Soyal sang im Gefängnis, um seinen Kummer und seine Sorgen zu verarbeiten (Bild: pd/Frenetic)
Panagiota Georgila singt täglich Klagelieder (Bild: pd/Frenetic)
Beispielhaft dafür ist diese Szene: Ein junger Mann steht an einem unbekannten Strand. Halbtotale. Über der Einstellung hängt eine Art Orange-Filter. Anka Schmid erzählt dazu im Gespräch mit Saiten vom Saharastaub, der an diesem Tag über der griechischen Küste hing. Meeresrauschen im Hintergrund. Dann singt der Mann ein bengalisches Volkslied. Im Untertitel heisst es: «Geh nicht in den Himmel, mein Freund / Ich kann dich nicht erreichen / Geh nicht in die Hölle, mein Freund / Ich kann dich nicht berühren». Sonst hört man nichts.
Hingegen gibt es auch Geschichten, die den Liedern der Protagonist:innen erst recht Bedeutung verleihen. Wie im Falle des kurdischen Ehepaars Ilyas und Hülya Soyal. Gemeinsam auf dem grauen Sofa sitzend, erzählt er, wie er verhaftet wurde, sieben Tage vor der gemeinsamen Hochzeit und wie seine Frau danach sieben Jahre auf ihn warten musste. Dann singt er ein Lied, dessen Schmerz das etwas kahl wirkende Wohnzimmer zu zerschneiden droht. Er ist ein guter Sänger.
Auch die Rapperin Jhon Riot (Natalia Beretta) aus dem Tessin, erklärt, was ihr das Rappen, die Musik, das Singen bedeutet und mit einem Mal wird ihr Gesang schwerwiegender. Kurz darauf berichtet die Engländerin Heather Edwards in einer weiteren Sequenz wie das Singen Demenzkranken hilft: «Singen hilft allen Menschen. Wir müssen uns dazu richtig hinsetzen und bewusst Atmen. (...) Demenzkranke sind es leid, gefragt zu werden, ob sie sich an dies oder jenes erinnern. Weil sie sich natürlich nicht erinnern. Aber sie können wieder Dinge fühlen, die sie schon einmal gefühlt haben. Ich möchte den Menschen helfen, sich lebendig zu fühlen, in jedem Moment in dem sie leben.» Heather besucht regelmässig Betroffene in verschiedenen Heimen oder Bibliotheken und singt mit ihnen. Unter anderen auch den Skye Boat Song: «Speed bonnie boat like a bird on the wing / Onward, the sailors cry / Carry the lad that's born to be king / over the sea to Skye».
Melodie: Premiere mit Regisseurin Anka Schmid und Produzentin Franziska Reck, 5.März, 20 Uhr, Kinok
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