Das heilende Organ

Ein junger Mann singt ein bengalisches Volkslied. Anka Schmid begegnete ihm eher zufällig in einer griechischen Küstenstadt. (Bild: pd/Frenetic)

In ihrem neusten Werk Melodie erforscht Regisseurin Anka Schmid die Kraft der Stimme. Dabei begegnet sie unterschiedlichen Protagonist:innen und diversen Effekten des Singens – bis ins tiefste Appenzellerland.

«Speed bon­nie boat li­ke a bird on the wing / On­ward, the sail­ors cry / Car­ry the lad tha­t's born to be king / over the sea to Skye». Die­se Zei­len er­zäh­len von dem Wi­der­stand und dem Kampf der Ja­ko­bi­ner:in­nen in Schott­land, von ih­rem Auf­ge­beh­ren ge­gen die Eng­li­sche Kro­ne und dem lei­den­schaft­li­chen Ver­lan­gen nach Un­ab­hän­gig­keit. Noch heu­te wird das Lied in­brüns­tig in schumm­ri­gen, schot­ti­schen Pubs ge­sun­gen. Und noch heu­te durch­strömt die Sin­gen­den da­bei ein Ge­fühl von Kamp­fes­lust, von Lei­den­schaft aber auch Ohn­macht.

Das macht Ge­sang. The Skye Boat Song spielt ne­ben an­de­ren Lie­dern ei­ne Rol­le im Do­ku­men­tar­film Me­lo­die. Die Schwei­zer Künst­le­rin und Re­gis­seu­rin An­ka Schmid wid­met sich dar­in der Kraft des Sin­gens. Wäh­rend 87 Mi­nu­ten geht es dar­um, was Lie­der, Me­lo­dien und Ge­sang be­wir­ken kön­nen. Un­kom­men­tiert lässt die Re­gis­seu­rin da­für Per­so­nen aus un­ter­schied­li­chen Kul­tu­ren er­zäh­len oder ein­fach nur sin­gen. Ent­stan­den ist ein be­rüh­ren­der Film, der bis zum Schluss die Span­nung hält und lei­se aber den­noch kräf­tig Lust macht, sel­ber (öf­ter) zu sin­gen. Auf die Fra­ge, ob die Welt ein bes­se­rer Ort wä­re, wür­den wir al­le öf­ter sin­gen, ant­wor­tet die Re­gis­seu­rin: «Hun­dert­pro­zen­tig! Ge­mein­sam zu sin­gen be­deu­tet ja ge­nau­so, sich ge­gen­sei­tig zu­zu­hö­ren.» Und das sei in der ak­tu­ell sehr schwe­ren Zeit be­son­ders wich­tig.

Trös­ten­des, be­ru­hi­gen­des Sin­gen

Me­lo­die fei­er­te sei­ne Welt­pre­mie­re kürz­lich am Zür­cher Film­fes­ti­val. Zu­vor wa­ren An­ka Schmids Fil­me Mit dem Bauch durch die Wand und Wild Wo­men – Gent­le Be­asts an der Ber­li­na­le und am Film­fes­ti­val in Lo­car­no zu se­hen. Mit Tech­qua Ika­chi, Land – mein Le­ben hat die bald 65-Jäh­ri­ge schon 1992 in­ter­na­tio­nal Auf­merk­sam­keit er­langt – da­mals am Sun­dance Film Fes­ti­val in Utah.

Trailer Melodie von Anka Schmid

Schmid be­schreibt die Ster­be­be­glei­tung ih­res Va­ters als Mo­ment der In­iti­al­zün­dung für ihr neus­tes Werk Me­lo­die – ob­schon sie die Mu­sik be­reits ein Le­ben lang um­gibt. So be­sam­mel­te sich 2020 die Fa­mi­lie wäh­rend meh­re­rer Ta­ge am Ster­be­bett des Va­ters und sang. Da­mit be­ru­hig­te und trös­te­te sie ihn aber vor al­lem auch sich selbst. Schon Schmids El­tern san­gen und mach­ten Mu­sik, al­le ih­re Ge­schwis­ter sin­gen, spie­len teil­wei­se meh­re­re In­stru­men­te und auch die spä­te­re Re­gis­seu­rin selbst sang in den 1980er-Jah­ren in zwei Zür­cher Punk- und New-Wa­ve-Bands. Noch heu­te sin­ge sie oft, er­zählt sie im Ge­spräch mit Sai­ten: «Wenn ich auf dem Ve­lo sin­gend durch die Stadt fah­re, ge­hört sie mir!»

Denn das Sin­gen ge­be Kraft. Auch weil es so eng mit dem At­men ver­knüpft sei. «Ge­sang be­glei­tet uns von der Ge­burt bis in den Tod, welt­weit in al­len Kul­tu­ren und Re­li­gio­nen», schreibt Schmid auch im Be­gleit­text zum Film. Für Me­lo­die be­gab sie sich al­so auf die Su­che nach Men­schen, wel­che die Kraft des Sin­gens ak­tiv nut­zen. Und fand vie­le da­von in der Ost­schweiz.

Al­le Deut­schen Se­quen­zen aus der Ost­schweiz

Im ge­misch­ten Chor Go And Sing aus Gos­sau und And­wil singt Jo­an­na Ko­ra mit ih­rer Schwes­ter My­ri­am und ih­rer Mut­ter. Jo­an­na er­zählt in ei­ner der ers­ten Ein­stel­lun­gen, was das Sin­gen mit ih­rer Iden­ti­tät zu tun hat und wie es ihr hilft, sich mit ge­sell­schaft­li­chen oder po­li­ti­schen The­men aus­ein­an­der­zu­set­zen. Aus­ser­dem ge­währt auch der Män­ner­chor Salm­sach-Lang­ri­cken­bach ei­nen Ein­blick in ei­ne Pro­be. An an­de­rer Stel­le folgt die Ka­me­ra dem Di­ri­gen­ten Mar­cel­lo Wick, der sonst im Klang­haus Tog­gen­burg an­zu­tref­fen ist.

Die Black Lives Matter-Bewegung hat Joanna Kora politisiert. Ihre Gedanken verarbeitet sie beim Singen. (Bild: pd/Frenetic)

Ge­sang kann aber auch an­ders ge­nutzt wer­den, wie der Do­ku­men­tar­film zeigt. So ver­mit­telt die Mu­sik­the­ra­peu­tin Frie­de­ri­ke Hasl­beck auf der Neo­na­to­lo­gie den Früh­chen mit Hil­fe ei­nes Mo­nochords und ih­res Ge­sangs ein Ge­fühl von Ge­bor­gen­heit, weil sie die Ge­räu­sche des Mut­ter­leibs si­mu­liert – «so als ob man in der Ba­de­wan­ne den Kopf un­ter Was­ser hal­ten wür­de». Und die Ap­pen­zel­le­rin Mi­na In­au­en weiht mit ei­nem durch ei­nen lee­ren Milch­kes­sel ver­stärk­ten Alp­se­gen die Wie­sen und das Vieh, das auf ih­nen grast.

Be­ein­dru­ckend sind auch die Sze­nen mit Pa­nagio­ta Ge­or­gi­la, ei­ner äl­te­ren Grie­chin, die auf ei­nem ab­ge­le­ge­nen klei­nen Bau­ern­hof lebt, zwi­schen stei­len Hü­geln, auf de­nen Oli­ven­hai­ne ge­dei­hen. Wäh­rend es draus­sen stürmt, krächzt sie vor ei­ner klei­nen Ka­pel­le, im Gar­ten sit­zend oder wäh­rend sie Kräu­ter pflückt, Kla­ge­lie­der. Kla­ge­lie­der für ih­ren ver­stor­be­nen Ehe­mann. Sie er­zählt, dass sie nicht ver­ste­hen kön­ne, wes­we­gen ih­re En­ke­lin stets sa­ge, sie wer­de nicht sin­gen kön­nen an ih­rem Grab, weil sie doch wei­nen wer­den müs­se – «das Sin­gen ist doch das Wei­nen».

Fo­kus auf Au­dio

Da­bei ist die Ka­me­ra manch­mal Ge­sprächs­part­ne­rin, zu­wei­len auch zu­fäl­li­ge Be­ob­ach­te­rin des Ge­sche­hens. Oft in To­ta­len oder Halb­to­ta­len. Es wird nicht kom­men­tiert, die ein­zel­nen Or­te wer­den we­der münd­lich noch schrift­lich er­läu­tert oder ein­ge­blen­det – auch die Na­men der Prot­ago­nist:in­nen er­fährt man nur aus dem Pres­se­do­ku­ment. Das stört oder fehlt aber über­haupt nicht. Un­wei­ger­lich liegt da­durch die Kraft der Sze­nen eben auch im Au­di­tiven. Denn in Sa­chen Licht und Kom­po­si­ti­on sind die Sze­nen un­auf­dring­lich und ru­hig. So wir­ken die Stel­len, an de­nen die Prot­ago­nist:in­nen di­rekt in die Ka­me­ra spre­chen teil­wei­se bei­na­he ein we­nig in­va­siv und fal­len so et­was ab von den sehr star­ken Mo­men­ten, in de­nen nur ge­sun­gen wird.

Ilyas Soyal sang im Gefängnis, um seinen Kummer und seine Sorgen zu verarbeiten (Bild: pd/Frenetic)

Panagiota Georgila singt täglich Klagelieder (Bild: pd/Frenetic)

Bei­spiel­haft da­für ist die­se Sze­ne: Ein jun­ger Mann steht an ei­nem un­be­kann­ten Strand. Halb­to­ta­le. Über der Ein­stel­lung hängt ei­ne Art Oran­ge-Fil­ter. An­ka Schmid er­zählt da­zu im Ge­spräch mit Sai­ten vom Sa­ha­ra­staub, der an die­sem Tag über der grie­chi­schen Küs­te hing. Mee­res­rau­schen im Hin­ter­grund. Dann singt der Mann ein ben­ga­li­sches Volks­lied. Im Un­ter­ti­tel heisst es: «Geh nicht in den Him­mel, mein Freund / Ich kann dich nicht er­rei­chen / Geh nicht in die Höl­le, mein Freund / Ich kann dich nicht be­rüh­ren». Sonst hört man nichts.

Hin­ge­gen gibt es auch Ge­schich­ten, die den Lie­dern der Prot­ago­nist:in­nen erst recht Be­deu­tung ver­lei­hen. Wie im Fal­le des kur­di­schen Ehe­paars Ily­as und Hü­lya Soy­al. Ge­mein­sam auf dem grau­en So­fa sit­zend, er­zählt er, wie er ver­haf­tet wur­de, sie­ben Ta­ge vor der ge­mein­sa­men Hoch­zeit und wie sei­ne Frau da­nach sie­ben Jah­re auf ihn war­ten muss­te. Dann singt er ein Lied, des­sen Schmerz das et­was kahl wir­ken­de Wohn­zim­mer zu zer­schnei­den droht. Er ist ein gu­ter Sän­ger.

Auch die Rap­pe­rin Jhon Ri­ot (Na­ta­lia Beret­ta) aus dem Tes­sin, er­klärt, was ihr das Rap­pen, die Mu­sik, das Sin­gen be­deu­tet und mit ei­nem Mal wird ihr Ge­sang schwer­wie­gen­der. Kurz dar­auf be­rich­tet die Eng­län­de­rin Hea­ther Ed­wards in ei­ner wei­te­ren Se­quenz wie das Sin­gen De­menz­kran­ken hilft: «Sin­gen hilft al­len Men­schen. Wir müs­sen uns da­zu rich­tig hin­set­zen und be­wusst At­men. (...) De­menz­kran­ke sind es leid, ge­fragt zu wer­den, ob sie sich an dies oder je­nes er­in­nern. Weil sie sich na­tür­lich nicht er­in­nern. Aber sie kön­nen wie­der Din­ge füh­len, die sie schon ein­mal ge­fühlt ha­ben. Ich möch­te den Men­schen hel­fen, sich le­ben­dig zu füh­len, in je­dem Mo­ment in dem sie le­ben.» Hea­ther be­sucht re­gel­mäs­sig Be­trof­fe­ne in ver­schie­de­nen Hei­men oder Bi­blio­the­ken und singt mit ih­nen. Un­ter an­de­ren auch den Skye Boat Song: «Speed bon­nie boat li­ke a bird on the wing / On­ward, the sail­ors cry / Car­ry the lad tha­t's born to be king / over the sea to Skye».

Me­lo­die: Pre­mie­re mit Re­gis­seu­rin An­ka Schmid und Pro­du­zen­tin Fran­zis­ka Reck, 5.März, 20 Uhr, Ki­nok
Wei­te­re Ter­mi­ne im März

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