«Ich lebe hier, aber ich bin nicht von hier»
Der Dokumentarfilm Anders Anders – Was uns verbindet von Hao Hohl erzählt wortmächtig – und manchmal auch bildgewaltig – von Zugehörigkeiten und Fremdheiten. Er wird aktuell an den Solothurner Filmtagen gezeigt.
Musiker Charles Uzor und Filmerin Hao Hohl unter der Kinderfest-Linde in St.Gallen. (Bild: pd/Filmstill)
Migration als Stoff für einheimisches Dokumentarfilmschaffen: das hat nicht gerade Seltenheitswert im Schweizer Film der letzten Jahrzehnte. Auch die Solothurner Filmtage, die vorgestern eröffnet wurden und die bis zum 28. Januar dauern, vermitteln dies einmal mehr. Das zeigte sowohl der Eröffnungsfilm wie auch mit der optische Auftritt des Programmheftes.
Der Eröffnungsfilm The Narrative von Bernhard Weber und Martin Schild (Die Wiesenberger) zeichnet das Schicksal eines jungen Londoner UBS-Top-Traders nach, der 2012 wegen angeblichen Milliardenbetrugs zu einer dreieinhalbjährigen Gefängnisstrafe verurteilt und später in sein Heimatland Ghana ausgeschafft wurde. Und das Titelblatt des Programmhefts zeigt zwei afrikanische Männer auf einem Motorrad. Dabei blickt der eine nach Vorne und der andere nach Hinten: ein Symbolbild für die Filmtage als Werkschau des Schweizer Films, bei der zukünftiges und vergangenes Filmschaffen gleichberechtigt nebeneinander stehen.
Was das Migrationsthema im Schweizer Dokumentarfilm betrifft, so hatten sich ihm in der Vergangenheit meist Filmschaffende «von hier» angenommen, also gebürtige Schweizer:innen. Seit einigen Jahren hat sich das jedoch verändert. Erinnert sei beispielsweise an den Gewinner des Publikumspreises der Filmtage von 2024, Echte Schweizer. Sein Regisseur, der gebürtige Serbe Luka Popadic porträtierte darin mit viel Witz und Selbstironie eine Handvoll Offiziere der Schweizer Armee, die, so wie er selber, einst als Migranten in die Schweiz gekommen und in deren Armee die Karriereleiter hochgeklettert waren.
Aus der Ostschweiz hatte vier Jahre zuvor, an den Solothurner Filmtagen vom Januar 2020, eine Regisseurin aus der Fremde sich in einem so persönlichen wie bewegenden Dokumentarfilm in erster Person über ihr Fremdsein ausgedrückt: Hao Hohl, 1977 in Nordchina als Yu Yao geboren, in Plötzlich Heimweh. Die Regisseurin, die sich bereits in China als Autorin von TV-Dokumentationen einen Namen gemacht hatte, war 2004 als Mitglied eines chinesischen Fernsehteams für eine längere Reportage in die Schweiz gekommen. Bei dieser Gelegenheit lernte sie ihren späteren Ehemann, den Appenzeller Fotografen und Kulturmäzen Ernst Hohl, kennen und übersiedelte schliesslich 2005 zu ihm nach Urnäsch.
Hao Hohl: Anders anders – was uns verbindet. Samstag, 24.Januar, 11.45 Uhr, Kino Uferbau; Montag, 26.Januar, 11.30 Uhr, Kino Canva Blue; Kinostart unbekanntBernhard Weber und Martin Schild: The Narrative. Freitag, 23. Januar, 17.30 Uhr, Konzertsaal; Sonntag, 25.Januar, 13.30 Uhr, Reithalle; ab 12.März in den Schweizer Kinos solothurngerfilmtage.ch
Für Plötzlich Heimweh filmte Hao Hohl, die anfänglich noch kein Deutsch sprach, über einen Zeitraum von zwölf Jahren Begegnungen mit Menschen im Appenzellerland, fing dabei mit der Kamera einfach alles ein, was sie spannend fand. Herausgekommen ist dabei «Ein Film über den Wunsch nach Zugehörigkeit», so der Untertitel. Im Zentrum stand dabei das Finden eines Ortes, an dem sie, die Protagonistin, sich nicht mehr fremd fühlte.
In den Kinos avancierte der Film in kurzer Zeit zu einem regionalen Grosserfolg. Die Tatsache, dass besagter Ort das Appenzellerland war – und dass Yao Yu für ihr selbstreflexives Verwundern über diese Tatsache die passenden Bilder fand – trafen beim lokalen Publikum offensichtlich einen Nerv. Denn bis zum Ausbruch der Pandemie und dem Beginn des Lockdown im März 2020, lief Plötzlich Heimweh ununterbrochen in den Ostschweizer Kinos, wurde zum mit Abstand erfolgreichsten Schweizer Dokumentarfilm jener Monate. Fast 10 000 Kinoeintritte erzielte er in den Schweizer Kinos, davon allein 2000 im Kinok in St.Gallen.
Mit ihrem neuen Dokumentarfilm Anders Anders – Was uns verbindet, der nun dieser Tage in Solothurn seine Weltpremiere feiert, hat Hao Hohl nun ein Stück weit an jenen Vorgänger von 2020 angeknüpft. Dabei taucht Anders Anders aber noch tiefer in das Thema der Zugehörigkeit ein als Plötzlich Heimweh. Was unter anderem damit zu tun hat, dass Hao Hohl nun schweizerdeutsche Dialekte perfekt versteht und sich selber auf Hochdeutsch äusserst eloquent, differenziert und auch in komplexen Sachverhalten auszudrücken versteht. Und im Gegensatz zu Plötzlich Heimweh, bei dem die Protagonist:innen fast ausnahmslos «gewöhnliche Leute» waren, wartet Anders Anders, mit einigen prominenten Namen aus Schweizer Kultur und Politik auf.
An erster Stelle Pedro Lenz, den man wohl nicht mehr vorstellen muss – aber den man schon längere Zeit nicht mehr in einem Film gesehen hat und dem zuzuhören stets ein Genuss ist. Der Berner Slam-Poet, Wortakrobat und Mundartdichter ist eigentlicher Hauptprotagonist in Anders Anders, denn während Hao Hohl als Erzählerin durch ihren Film führt, ist Lenz die «Reflexionsfigur», wie ihn die Regisseurin nennt.
Als in Langenthal geborener Sohn einer spanischen Mutter und eines Berner Vaters ist Pedro Lenz einer, für den es nie ganz selbstverständlich war, gerade hier zu sein – wie er es im Film ausdrückt. Von da komme wohl sein besonderes Interesse am Schweizerischen, sagt er, der in seinen Spoken-Word-Programmen ja wie kaum ein anderer mit dem Dialekt zu spielen versteht. An anderer Stelle im Film fügt er hinzu: «Wir sollten nicht glauben, dass Heimat etwas Angeborenes ist wie etwa die Haarfarbe – und selbst die wandelt sich ja im Laufe des Lebens».
Eine weitere wichtige Person im Film ist der in St.Gallen lebende Komponist Charles Uzor. Er, von dem im Film auch kurze Ausschnitte seiner Werke zu hören sind, kam Anfang der 1970er-Jahre als Kind aus dem Bürgerkrieg in Nigeria zu Pflegeeltern nach St.Gallen und sagt von sich: «Ich bin ein totaler Schweizer, ich spreche lieber St.Galler Dialekt als Hochdeutsch.» Und doch gebe es ein Ich, das in Afrika geblieben sei, fährt er weiter. Aber jedes Mal, wenn er dorthin zurückgehe, werde ihm bewusst, dass dieses Afrika nur eine Sehnsucht sei, Erinnerungen, tiefe Bilder, die durch die Jahre verfälscht seien. Visualisiert werden diese Bilder im Film durch animierte Scherenschnitte, die Hao Hohl geschaffen hat und die mit zum Bewegendsten gehören, was der manchmal etwas gar wortlastige Film zu bieten hat.
Im weiteren sind mit Roland Inauen, dem ehemaligen Appenzeller Landammann und Kulturforscher, sowie Kendra Alder, der in fünfter Generation aus der bekannten Urnäscher Musikerfamilie stammenden Szenografin, zwei prominente Appenzeller Personen aus Hao Hohls engerer Wahlheimat vertreten.
Auf der anderen Seite reflektiert Hao Hohl mit Theres und Toni Durrer, einem aus dem Wallis zugewanderten Bauernpaar, das Fremdsein im eigenen Land, während sie mit der Ukrainerin Veronika Matiashenko, die heute als Steinmetzin arbeitet, auch noch eine Frau zu Wort kommen lässt, die erst vor kurzem gezwungen war, ihr Land zu verlassen.
Mit all diesen Menschen schafft es der Film, etwas davon zu vermitteln, wie komplex und widersprüchlich das mit der Heimat und dem Fremdsein sein kann - und wie man schliesslich doch seiner Herkunft nie ganz entkommt. In seiner unvergleichlichen Art bringt es Pedro Lenz so auf den Punkt: «Man kann Pedro Lenz locker aus Langenthal rausnehmen, aber man kann Langenthal nicht aus ihm rausnehmen.»
60. Solothurner Filmtage
Seit Mittwoch laufen die 60. Solothurner Filmtage. Am Freitag feiert dort ein in der Ostschweiz entstandenes Erstlingswerk seine Weltpremiere: Galaxi Urnäsch 3000.
Weltpremiere eines Ostschweizers an den 60. Solothurner Filmtagen: In Asphalte public erzählt der in Biel lebende St.Galler Jan Buchholz wie in seiner Wahlheimat auf 5082 Quadratmetern Asphalt zwei Welten aufeinander prallen. Ein reines Vergnügen.
An den Solothurner Filmtagen feiern die Geister von 1968 ein Revival. Das zeigt sich exemplarisch in vier Filmen, in denen es unter anderem um den israelisch-palästinensichen Konflikt oder um die Schweizer Armee geht. Letzterer gefällt selbst dem Armeechef.
An den Solothurner Filmtage feierten auch zwei Dokumentarfilme von Ostschweizer Filmschaffenden ihre Weltpremiere: Sound and Silence von Thomas Lüchinger und Klassenverhältnisse am Bodensee von Ariane Andereggen.
Luzia Schmids Film «Trained to See – Three Women and the War» feiert an den Solothurner Filmtagen Premiere. Der Film besteht ausschliesslich aus bisher unveröffentlichtem Archivmaterial und erzählt die Geschichte dreier amerikanischer Kriegsreporterinnen.
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
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An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.