Kategorie
Autor:innen
Jahr

«Ich verstehe mich als Kunsthandwerker»

Seit Donnerstag ist das Drama «Jakobs Ross» in den Schweizer Kinos zu sehen. Das Drehbuch dazu hat der St.Galler Urs Bühler geschrieben. Geri Krebs hat ihn vor der Premiere an den Solothurner Filmtagen getroffen.
Von  Geri Krebs
Urs Bühler (rechts) zusammen mit Pierre Monnard bei der Storyarbeit an «Ewigi Liebe». Das gleichnamige Musical von Roman Riklin wird von Regisseur Pierre Monnard verfilmt. (Bilder: zvg)

Die gestrige Premiere von Jakobs Ross der Zürcher Regisseurin Katalin Gödrös war ein erstes Highlight der 59. Solothurner Filmtage, die am Mittwoch ihre Tore öffneten und bis zum 24. Januar dauern. Das Drehbuch zu Jakobs Ross, dem um 1870 in einem Schweizer Bergdorf spielenden Drama über eine musikalisch hochbegabte Magd, Elsie, und ihren wortkargen Ehemann, den Rossknecht Jakob, schrieb der St.Galler Urs Bühler. Die literarische Vorlage dazu ist der 2014 erschienene gleichnamigen Roman von Silvia Tschui.

Der 1959 in Flawil geborene Urs Bühler ist seit 1984 in der Schweizer Filmwelt und auch international präsent. Neben vielem anderem hat er Drehbücher für einige der grossen Namen des Schweizer Films geschrieben, etwa für Sabine Boss oder für Michael Steiner, ausserdem ist er der Autor von einigen der erfolgreichsten Luzerner Tatort-Folgen.

Dennoch ist der seit vielen Jahren in St.Gallen lebende Vater von zwei erwachsenen Söhnen nur wenig bekannt. «Es ist das Schicksal von uns Drehbuchautoren, dass wir, im Gegensatz zu denen, die vor und hinter der Kamera stehen, meist nur wenig wahrgenommen werden», sagt Bühler – und fügt dann aber gleich hinzu, er wolle diese Feststellung nicht als Klage verstanden wissen.

Angefangen hat Urs Bühlers Filmkarriere ganz handfest handwerklich. Zuerst war er Beleuchter, dann Dolly Grip. Er war derjenige, der die Kameras auf den Schienen schiebt. «Davor habe ich an der Uni Zürich Germanistik studiert, beim grossen Peter von Matt», erzählt er und lacht. «Aber ich habe eine Leseschwäche, darum schreibe ich lieber». Im 11. Semester brach er das Studium ab. Es waren die wilden 1980er Jahre.

Seinen Einstieg in die Szene der Beleuchter fand er beim Zürcher Theater Spektakel, einem kulturellen Grossanlass, der damals noch in den Anfängen steckte. Bald kamen für Bühler dann auch Aufträge bei Werbefilmen hinzu. «Mein allererster Job als Beleuchter auf einem Filmset war ein Werbeclip mit Walter Roderer für Mitsubishi», erzählt er mit sichtlicher Freude. An diesem Tag sei ihm klar geworden, dass er selber Filme machen wollte. Er beschaffte sich also Standardwerke über das Filmhandwerk und brachte sich im Selbststudium («von der Uni her wusste ich, wie man Fachliteratur effizient liest») das nötige Rüstzeug bei.

Im zweiten Anlauf ans American Film Institute

1991 realisierte er einen ersten Kurzfilm, Karl. Die Geschichte spielte im und um das traditionsreiche – kürzlich geschlossene – Zürcher Kino Alba. Bühler hatte es geschafft, immerhin 20’000 Franken Fördergelder für das Projekt aufzutreiben. An Frechheit habe es ihm nie gefehlt, gesteht er, und so habe er den Film dann an diverse Verleiher verschickt. Bei der Zürcher Filmcoopi hatte er Erfolg. Sie setzten Karl als Vorfilm von Dany Levys I Was On Mars ein, eine Erfolgskomödie, die damals über 30’000 Eintritte erzielte.

Urs Bühler am Zürich Film Festival 2021 anlässlich des Eröffnungsfilms Und morgen seid ihr tot von Michael Steiner, zu dem er das Drehbuch verfasst hat.

Unter anderem dank dieses Erfolgs konnte Bühler weiter Fuss fassen in der Filmwelt. Als Techniker war er bei unzähligen Schweizer Koproduktionen dabei, unter anderem mit dem Schweizer Produzenten Pierre-Alain Meier, der diverse Filme mit afrikanischen Regisseuren, wie etwa Idrissa Ouedraogo oder Djibril Diop Mambéty, produzierte. Mit diesem Hintergrund bewarb sich Bühler 1995 am renommierten American Film Institute (AFI) in Los Angeles, wurde aber abgelehnt.

Er liess sich davon nicht entmutigen, realisierte erneut einen Kurzfilm, Die zweite Hand, einen Halbstünder mit einem Budget von 200’000 Franken. Inspiriert war die Geschichte von einem realen Fall aus der Region: Ein betrunkener Mann war im vorarlbergischen Fussach auf einem Polizeiposten in der Ausnüchterungszelle buchstäblich vergessen worden. Mit diesem Film wurde Bühler dann schliesslich doch am AFI aufgenommen.

Von 1997 bis 1999 studierte er dort, «an der besten Filmschule der USA», wie er stolz und ganz ohne Ironie sagt. «Und mit Leuten wie Frank Pierson, dem Drehbuchautor von Sidney Lumets Dog Day Afternoon, oder Gill Dennis (Walk the Line von James Mangold) hatte ich auch die besten Lehrer, die man sich vorstellen kann.»

Der amerikanische Film habe ihn schon immer stark beeinflusst, erklärt er. Dort, in den USA, und nicht an einer der gerade neu eröffneten Filmschulen in der Schweiz, habe er studieren wollen, das sei für ihn klar gewesen. «Ich war ja auch bereits seit über zwölf Jahren professionell im Film tätig, ich stand also an einem anderen Ort als jemand, der gerade erst anfing.» Und er habe schon damals seinen Platz weniger im Bereich des Arthouse-Kinos gesehen, sondern vielmehr im Mainstream für ein grosses Publikum.

Kommerzielle Filme mit inhaltlichen Ansprüchen

Auch Jakobs Ross sieht er nicht als Arthouse-Film. Die Geschichte der Magd Elsie, die den Traum von einem Leben als Musikerin hat, und die ihres Ehemannes Jakob, der von einem Fuhrunternehmen träumt, sei zwar ein anspruchsvolles Drama, inszeniert von einer Regisseurin, die eine klare Handschrift habe. «Aber mit einem Budget von über fünf Millionen fühlt man sich irgendwo verpflichtet, etwas zu machen, dass dann auch viele Leute sehen wollen», gibt sich Bühler überzeugt.

Jakobs Ross: jetzt in den Ostschweizer Kinos, in St.Gallen im Scala und Kinok

Vorstellung und Filmgespräch mit Urs Bühler: 23. Januar, 20 Uhr, Kinok St.Gallen

kinok.ch

Die Solothurner Filmtage dauern noch bis 24. Januar.

solothurnerfilmtage.ch

Bühler betont, dass er selber durchaus auch gerne Arthouse-Filme schaue. So sei für ihn etwa Soul of a Beast, jenes hochartifizielle, delirierende Drama von Lorenz Merz, das 2021 am Locarno Film Festival Furore machte, einer der besten Schweizer Filme seit Jahren. «Aber ich selber könnte, glaube ich, so etwas gar nicht schreiben. Ich sehe mich mehr als Kunsthandwerker denn als Künstler», sagt er und macht auf Understatement. Er strebe in seinem Schaffen etwas an, das man vielleicht so umschreiben könnte: Inhaltlich anspruchsvoll mit kommerzieller Upside, oder: kommerzielle Filme mit inhaltlichen Ansprüchen.

Soul of a Beast und Jakobs Ross haben dennoch einen gemeinsamen Bezug: Luna Wedler, die bei Lorenz Merz Soul of a Beast die drogensüchtige, psychisch kranke junge Mutter Zoé spielte, verkörpert in Jakobs Ross die Magd Elsie. Als weibliche Hauptfigur trägt Luna Wedler den Film um Selbstermächtigung und Emanzipation in einer Zeit rigider gesellschaftlicher Gewaltverhältnisse zu einem bedeutenden Teil.

Urs Bühler hat Silvia Tschuis 2014 erschienenen Roman – damals als «magischer Realismus in den Innerschweizer Bergen» (NZZ) hoch gelobt – in seinem Drehbuch zu einer Beziehungsgeschichte zwischen zwei Menschen umgeschrieben, deren Träume unkompatibel sind. Die grösste Herausforderung sei es gewesen, die Geschichte, die weitgehend vom Atmosphärischen lebt, mittels Dialogen nachvollziehbar zu machen, sagt er.

Herausgekommen ist ein wortkarger, mit grossartigen Landschaftsbildern und dem Gesang von Luna Wedlers Figur geprägter Kostümfilm, der laut Urs Bühler durchaus auch aktuelle Themen anspricht: So spiegle sich in der Figur des von Max Hubacher verkörperten jenischen Musikers Ricco, der eines Tages im Dorf auftaucht und ein Unheil in Gang setzt, jene Kulturfeindlichkeit und Angst vor dem Fremden, die auch heute in Teilen der Bevölkerung immer noch sehr präsent ist.

Musiktheater

Auf See im Park­haus

Von  Vera Zatti
Bild 08 07 24 um 07 42

Ein tem­po­rä­res Kunst­haus am Ro­ten Platz

Zum 36-jäh­ri­gen Be­stehen sei­ner Ga­le­rie Macel­le­ria d'ar­te trans­for­miert Fran­ces­co Bo­n­an­no ein leer­ste­hen­des Ge­bäu­de am Ro­ten Platz in St.Gal­len in ein bun­tes Haus vol­ler Kunst. Was als klei­nes Pro­jekt be­gann, wuchs zu ei­nem Ge­mein­schafts­werk von fast 100 Kunst­schaf­fen­den. 

Von  Lilli Kim Schreiber
Kunsthaus am roten platz lilli kim schreiber 1

Das Schö­ne an der Pro­vinz

St.Gal­len und Lu­zern ha­ben mehr ge­mein­sam, als man zu­nächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Sai­ten-Re­dak­ti­on in St.Gal­len un­ter­wegs.

Von  Giulia Bernardi Robyn Muffler  und  Raphael Albisser , Bilder:  Claudia Schildknecht
2609 Staetevergleich 4 D3 A9291

Auf der Su­che nach (Un)Ru­he

Von St.Gal­len bis nach Süd­afri­ka. Ein Ost­schwei­zer Ehe­paar reist im Land­ro­ver De­fen­der um die Welt. Ih­re Er­leb­nis­se hal­ten die Bau­mel­ers mit ei­ner Ka­me­ra fest. Nun er­scheint ihr Film Im­mer wei­ter in Ost­schwei­zer Ki­nos – ei­ne ehr­li­che Do­ku­men­ta­ti­on, der ei­ne Ein­ord­nung gut ge­tan hät­te.

Von  Daria Frick
B 8

«Open House St.Gallen»

Of­fe­ne Tü­ren – tie­fe Ein­bli­cke

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 17 40

Museum Herisau

Zeit­rei­se zu den An­fän­gen der Schul­bil­dung

Von  Redaktion Saiten
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 08 43

Ein Rück­blick auf die ver­ges­se­ne Künst­le­rin Mag­gy Mau­ritz

Das Küefer-Mar­tis-Hu­us in Rug­gell wid­met sich in ei­ner Re­tro­spek­ti­ve der Wie­der­ent­de­ckung ei­ner völ­lig über­se­he­nen Künst­le­rin: Mag­gy Mau­ritz war ei­ne Pio­nie­rin der Graf­fi­ti­kunst und des Lett­ris­mus.

Von  Sieglinde Wöhrer
IMG 5826 Paul Trummer 2

Der lan­ge Weg nach Hau­se – ein Stol­per­stein für Ja­kob Lütschg

Ja­kob Lütschg kehr­te nie nach Bal­gach zu­rück. 82 Jah­re nach sei­nem Tod im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Bu­chen­wald kehrt we­nigs­tens sein Na­me heim. Der ers­te Stol­per­stein im St. Gal­ler Rhein­tal er­in­nert an ein Le­ben, das bei­na­he ver­ges­sen ging.

Von  Shqipton Rexhaj
IMG 1558

Musik am See

Pia­no­klän­ge für al­le

Von  Vera Zatti
IMG 0757 2

FC St.Gal­len vs. FC Thun 3:4 – Es wird heu­te nicht mehr bes­ser

Tor­reich, span­nend und doch ent­täu­schend - nur ei­ne Vier­tel­stun­de gu­ter Fuss­ball reicht halt nicht zum Punkt ge­gen Thun. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Fast ein gan­zes Le­ben spä­ter 

Nach Jahr­zehn­ten tref­fen sich Eva und Franz wie­der. Bei­de im fort­ge­schrit­te­nen Al­ter. Viel ist pas­siert und doch ist da noch Zu­nei­gung. Schwind­lig heisst der neue Ro­man der Ost­schwei­zer Au­torin Chris­ti­ne Fi­scher, in dem viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re auf fei­nes Sprach­ge­fühl tref­fen. 

Von  Vera Zatti
Abutz DSC 9766 Portrait wahl fischer klein cmky

Neu­start für Me­ter und Off­cut

Die­ses Wo­chen­en­de er­öff­net die of­fe­ne Werk­statt Me­ter den neu­en Stand­ort an der Burg­stras­se. Und im No­vem­ber zü­gelt Off­cut nach St.Fi­den. Das ist der An­fang vom En­de der Ge­mein­schaft «Ul­men5» – zu­min­dest in ih­rer bis­he­ri­gen Form. Denn 2027 könn­te es zur teil­wei­sen Wie­der­ver­ei­ni­gung kom­men.

Von  David Gadze
Meter 6 david gadze

WG gaf­fen

Ei­ne neue SRF-Se­rie por­trä­tiert ei­ne elf­köp­fi­ge WG aus St.Gal­len. End­lich wie­der mal ei­ne se­hens­wer­te SRF-Pro­duk­ti­on, fin­det Sai­ten-Au­tor An­di Gi­ger.

Von  Andi Giger
6085807

FC St.Gal­len vs. FC Nordsjæl­land 2:3 – St. Gal­len un­ter­liegt Nordsjæl­land

St. Gal­len schlägt sich am En­de auch selbst und muss den Traum von Eu­ro­pa be­gra­ben. Ent­schei­dend war er Platz­ver­wei­se ge­gen Mihai­lo Steva­no­vic vor der Pau­se.

Von  SENF Kollektiv
Senf
Heftvorschau 09/26
Luzern Winti St.Gallen, Neonazipfarrer, A(nita) bis Z(immermann)

Drei Kul­tur­ma­ga­zi­ne tun sich zu­sam­men, ver­glei­chen ih­re Städ­te und die Her­aus­for­de­run­gen, de­nen die Kul­tur ge­gen­über­steht. Sai­ten hat die Kol­leg:in­nen vom «Coucou» in Win­ter­thur be­sucht und das «Null41» war in St.Gal­len zu Be­such. Aus­ser­dem im Sep­tem­ber­heft: lau­ter Ju­bi­lä­en – von Ani­ta Zim­mer­mann über das Fi­gu­ren­thea­ter bis zur Mu­se­ums­nacht –, ein Pfar­rer auf brau­nen Ab­we­gen, ei­ne Fla­schen­post aus Af­gha­ni­stan und ein In­ter­view zum Hit­ze­som­mer und dem Kli­ma­wan­del.

Saiten 2609 Cover 01

Mehr Di­ver­si­tät, mehr Durch­mi­schung

An sei­ner ers­ten Pres­se­kon­fe­renz als Lei­ter der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne schil­dert Hü­sey­in Cir­pi­ci sei­ne Ein­drü­cke der Stadt und ver­rät, was das Pu­bli­kum un­ter sei­ner Re­gie er­war­tet.

Von  Daria Frick
Whats App Image 2026 08 26 at 08 36 26

Him­mels­stür­mend und oh­ren­be­frei­end

Der St.Gal­ler Kom­po­nist Charles Uz­or hat ei­ne Art po­li­ti­sches Ora­to­ri­um ge­schrie­ben. Am Sonn­tag wur­de es in der Kir­che Tro­gen auf­ge­führt: The Gre­at Wall. A La­by­rinth mit dem gran­dio­sen New Yor­ker Vo­kal­ensem­ble Ek­me­les.

Von  Peter Surber
Charles Uzor photo Michel Canonica

Ma­schi­nen­in­tel­li­genz trifft den Ton, aber nicht die Mu­sik

An den Ap­pen­zel­ler Bach­ta­gen er­klär­te die Me­di­en­wis­sen­schaft­le­rin Mer­ce­des Bunz, wes­halb die künst­li­che In­tel­li­genz krea­tiv sein kann – und war­um sie den­noch grund­le­gend an­ders ar­bei­tet als der Mensch. 

Von  Philipp Bürkler
Bachtage ki und musik 1

Kunstausstellung

Kunst öff­net Tü­ren

Von  Vera Zatti
Arthur Stobete nah

Weis­ses Va­ku­um und ei­ne ro­te Kra­wat­te

Ge­sell­schafts­kri­tik, Wir­bel­säu­len und Ge­len­ke, die kei­ne sind. Im Rah­men ei­ner Zwi­schen­nut­zung zei­gen vier Kunst­schaf­fen­de noch bis zum 29. Au­gust ih­re Ar­bei­ten im Ku­bik-Are­al in St. Gal­len.

Von  Vera Zatti
Transluzent Saiten 5