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Auf der Suche nach (Un)Ruhe

Olga, der Defender der Baumelers, sorgt immer wieder für Probleme. (Bilder: pd)

Olga, der Defender der Baumelers, sorgt immer wieder für Probleme. (Bilder: pd)

Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.

Auf der Web­site steht, gleich ne­ben dem Fir­men­na­men, das Zi­tat: «Es gibt für al­les ei­ne Lö­sung.» Das Ehe­paar Bau­me­l­er hält Vor­trä­ge und hilft, Rei­sen zu pla­nen, so steht es dort. Denn Mar­ti­na und To­bi­as Bau­me­l­er ha­ben vor ei­ni­gen Jah­ren mit ih­rem De­fen­der selbst die Welt be­reist. Von St.Gal­len bra­chen sie 2021 auf und fuh­ren im­mer wei­ter, über un­zäh­li­ge Gren­zen, durch ins­ge­samt 44 Län­der, drei Kon­ti­nen­te, zwei­ein­halb Jah­re lang. Und do­ku­men­tier­ten die Rei­se un­ent­wegt mit der Ka­me­ra, auch auf In­sta­gram. Nun ha­ben sie das Ma­te­ri­al auf­ge­ar­bei­tet und zu ei­nem rund ein­ein­halb­stün­di­gen Film ge­schnit­ten. Das Zi­tat auf der Web­site fasst Im­mer wei­ter gut zu­sam­men.

To­bi­as ist heu­te 36 Jah­re alt, Mar­ti­na 32. Auf den ers­ten Blick se­hen die bei­den nicht aus wie das ty­pi­sche «Van­li­fer»-Pär­chen, das sein Mo­bil zu ei­nem Glam­per in Mil­len­ni­al-Grey aus­baut. Und trotz­dem drängt sich die Fra­ge auf: Hat die Welt nicht ge­nü­gend Rei­se­do­kus, Tra­vel­b­logs und In­sta­gram­vi­de­os von jun­gen, weis­sen Pär­chen, die um die Welt rei­sen, ge­se­hen? Vor nicht all­zu lan­ger Zeit er­schien Weit, ein Film über die Rei­se von Gwen­do­lin Weis­ser und Pa­trick All­gai­er, die zu Fuss von Frei­burg im Breis­gau um die Welt reis­ten.

Das Be­dürf­nis, die Welt zu ent­de­cken, mö­gen vie­le Men­schen tei­len, doch nur die We­nigs­ten ha­ben die Mög­lich­keit da­zu. Frü­her wa­ren es Ca­da­mos­to, Ko­lum­bus oder Vespuc­ci, die über die Welt­mee­re se­gel­ten und neue Wel­ten «ent­deck­ten». In der Fol­ge be­gan­nen ins­be­son­de­re rei­che Län­der des heu­ti­gen Eu­ro­pas die rest­li­che Welt zu ko­lio­nia­li­sie­ren und sys­te­ma­tisch aus­zu­beu­ten. Heu­te sind die «Ent­de­cker:in­nen», die al­les hin­ter sich las­sen und für Mo­na­te am Stück rei­sen kön­nen, im­mer noch mehr­heit­lich weis­se Eu­ro­pä­er:in­nen. Sie ver­fü­gen über die Mit­tel und Mög­lich­kei­ten, Gren­zen zu pas­sie­ren und frem­de Län­der zu be­rei­sen, wäh­rend ei­nem Gross­teil der Mensch­heit – ins­be­son­de­re je­nen, die seit je­her «ent­deckt» und zum Teil bis heu­te aus­ge­beu­tet wer­den – die­se struk­tu­rell ver­wehrt blei­ben.

Zwi­schen Au­then­ti­zi­tät und Wer­be­film

Die Bau­mel­ers be­gan­nen ih­re Rei­se 2021 in St.Gal­len. «Un­ser Ziel war es, in Rich­tung Os­ten zu fah­ren. Als auf­grund Co­ro­na al­le Gren­zen zu­ge­macht wur­den, fuh­ren wir dann bald süd­lich: in den Na­hen Os­ten und nach Afri­ka», schrei­ben sie auf ih­rer Web­site. Fünf Jah­re spä­ter zei­gen sie nun ih­ren Film in Ost­schwei­zer Ki­nos.

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Der Ti­tel mag zwar aus­tausch­bar klin­gen, der Film selbst ist es aber nicht. Im Ge­gen­teil, Im­mer wei­ter ist au­then­tisch. Mar­ti­na und To­bi­as Bau­me­l­er zei­gen ih­re Un­si­cher­hei­ten, fal­sche Ent­schei­dun­gen, Hür­den, Strei­tig­kei­ten und den sel­ten nicht ka­put­ten De­fen­der Ol­ga, aber auch be­ein­dru­cken­de Droh­nen­auf­nah­men und sol­che in­ti­mer Be­geg­nun­gen mit frem­den Kul­tu­ren. Dass die bei­den hin und wie­der et­was hemds­är­me­lig wir­ken, das Hoch­deutsch in den O-Tö­nen min­des­tens so holp­rig ist wie die Stras­sen und der Mu­sik­ge­schmack des Ehe­paars mehr als frag­wür­dig ist, tut dem Film kei­nen Ab­bruch. Im Ge­gen­teil, es macht die Bau­mel­ers nah­bar und ehr­lich.

So be­ginnt der Film mit der Nah­auf­nah­me ei­ner wei­nen­den Mar­ti­na. Es geht um den De­fen­der. Er ist ka­putt und wird in sei­ne Ein­zel­tei­le zer­legt, am En­de der Welt. Die Zeit drängt. Ein er­schöpf­ter To­bi­as sitzt bar­fuss zwi­schen den Trüm­mern. Dann wird die Ge­schich­te auf­ge­rollt: «Aber, wie kam es ei­gent­lich da­zu?», fragt Mar­ti­na rhe­to­risch aus dem Off. Es folgt ein Ein­stieg, der et­was Zeit braucht. Es fühlt sich an, als müss­ten die Zu­schau­er:in­nen die bei­den und ih­re Art erst ken­nen­ler­nen, um ih­nen auf die Rei­se fol­gen zu kön­nen.

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«Wir sind auf der Su­che nach Aben­teu­ern, nach Frei­heit, nach Ant­wor­ten, nach Ru­he», tönt es pa­the­tisch aus dem Off, wäh­rend Bil­der von atem­be­rau­ben­den Land­schaf­ten ein­ge­blen­det wer­den. Kurz wähnt man sich in ei­nem Wer­be­film für ein Out­door-Un­ter­neh­men (oder für De­fen­der). Doch nach et­wa 20 Mi­nu­ten und ei­nem spek­ta­ku­lä­ren Un­fall, der das Ehe­paar und die Rei­se nach­hal­tig prägt, ge­winnt der Film an Fahrt und die bild­ge­wal­ti­ge Ge­schich­te des Ehe­paars fes­selt.

Es geht im­mer wei­ter

Auf­nah­men von im­po­san­ten Ge­birgs­ket­ten, Fluss­läu­fen, un­end­li­chen Wüs­ten und traum­haf­ten Küs­ten rei­hen sich an­ein­an­der, ei­ne be­ein­dru­cken­der als die nächs­te. Da­zwi­schen: ein stets ka­put­ter – aber nie to­ter – De­fen­der. Ol­ga. Und blan­ke Ner­ven. «Es ist frus­trie­rend», ruft Mar­ti­na. To­bi­as, der stän­dig un­ter dem Au­to liegt, ir­gend­ein Teil an- oder ab­schraubt, lä­chelt da­bei zwar meis­tens, der Stress nagt aber auch an ihm. Frei nach dem Mot­to «es gibt im­mer ei­ne Lö­sung» geht es aber im­mer wei­ter. 

Die Bau­mel­ers be­geg­nen un­ter­schied­li­chen Kul­tu­ren, la­chen, tan­zen und es­sen mit Ein­hei­mi­schen in der Tür­kei, im Iran, in Ägyp­ten. Weit­läu­fi­ge Auf­nah­men wech­seln sich mit in­ti­men Nah­auf­nah­men ab, Land­schaf­ten mit Ge­sich­tern. Mar­ti­na und To­bi­as, wie sie er­zäh­len, die Zu­schau­er:in­nen teil­ha­ben las­sen an ih­ren Ge­dan­ken, Ängs­ten und Sor­gen. Und an ih­ren Späs­sen – so schmug­geln sie Weiss­wein in den Oman: «Man hat uns ja nur nach Whis­key ge­fragt.»

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Es fol­gen Vi­sa­pro­ble­me, Sand­stür­me und löch­ri­ge Was­ser­tanks – auf ei­ner Off­road-Ex­pe­di­ti­on durch die Rub al Cha­li, die gröss­te Sand­wüs­te der Er­de. Und zwei Ta­ge in ei­nem äthio­pi­schen Ge­fäng­nis. Ein Er­eig­nis, das das Ehe­paar so schnell nicht wie­der los­lässt. Auch dar­über spre­chen Mar­ti­na und To­bi­as of­fen. Ge­nau­so wie über die Art und Wei­se, wie ih­nen be­geg­net wird, wie hilfs­be­reit vie­le sind und wie auf­dring­lich an­de­re. Im Lau­fe ih­rer Rei­se wer­den die bei­den auch fest­stel­len, dass Ru­he oder eben auch Un­ru­he bei ei­nem selbst be­ginnt, man auf vie­le Fra­gen kei­ne Ant­wor­ten fin­det – auch nicht am an­de­ren En­de der Welt.

Weis­se Pri­vi­le­gi­en

Das al­les ist au­then­tisch. Zu­wei­len aber wir­ken ein­zel­ne Kom­men­ta­re über Frem­des in ih­rer Ehr­lich­keit platt, so­gar et­was ab­schät­zig – wenn auch un­ge­wollt. So be­rich­ten die bei­den, vor dem De­fen­der sit­zend, von ih­rem Be­such bei ei­nem äthio­pi­schen Volk, dem Ba­na Tri­be, und ei­ner tra­di­tio­nel­len Ze­re­mo­nie, der sie bei­woh­nen durf­ten: «Al­le wer­den be­malt und es wird gmacht und tue.» Hät­te man hier nicht re­spekt­vol­ler be­schrei­ben kön­nen? Oder viel wich­ti­ger: Die ei­ge­ne Rol­le als Be­ob­ach­ter:in re­flek­tie­ren? Dann er­zäh­len Bau­mel­ers, dass nack­te Haut in Afri­ka ein ganz an­de­res The­ma sei und «al­le al­les zei­gen», wäh­rend die Ka­me­ra et­was gar lan­ge auf dem nack­ten Ge­säss ei­nes jun­gen Man­nes ruht.

Dass die bei­den dank­bar und sich ih­rer Pri­vi­le­gi­en be­wusst sind, er­wäh­nen sie in der Do­ku­men­ta­ti­on. Doch wie tief sit­zen Mus­ter und (west­lich ge­präg­te) Denk­wei­sen, mit de­nen weis­se Eu­ro­pä­er:in­nen die Welt be­rei­sen? Hier hät­te dem Film ei­ne Ein­ord­nung ge­hol­fen. Viel­leicht in Form ei­nes Ge­spräch über die Sicht­wei­sen der Ein­hei­mi­schen mit ei­nem der Gast­ge­ber:in­nen, mit ei­ner der di­ver­sen Be­kannt­schaf­ten, die das Ehe­paar auf sei­ner Rei­se ge­schlos­sen hat, oder mit ei­nem der un­zäh­li­gen Me­cha­ni­ker, die sich auf der Rei­se um Ol­ga ge­küm­mert ha­ben. 

Doch viel­leicht ist auch ein sol­cher Film – al­so ei­ne Do­ku­men­ta­ti­on aus der Sicht Eu­ro­päi­scher Rei­sen­der –  per se die Re­pro­duk­ti­on weis­ser Pri­vi­le­gi­en. Ei­ne Sze­ne wie die Be­geg­nung der Bau­mel­ers mit dem Ba­ni Tri­be ist, aus weis­ser Sicht, ei­ner­seits be­rei­chernd und an­de­rer­seits voy­eu­ris­tisch. Die Dis­kus­si­on dar­über wür­de den Rah­men die­ser Re­zen­si­on spren­gen. Und es ist na­tür­lich leicht, als Zu­schau­er:in über die Ge­dan­ken zwei­er Rei­sen­der (wäh­rend über zwei Jah­ren) zu ur­tei­len, wenn die­se auf ein Mi­ni­mum, auf ein­ein­halb Stun­den Film­ma­te­ri­al, her­un­ter­ge­kürzt wur­den.

Im­mer wei­ter: Don­ners­tag, 3. Sep­tem­ber, 19:30 Uhr, Ci­ne­treff, He­ris­au (Pre­mie­re, aus­ge­bucht). Da­nach noch am Sams­tag, 5. Sep­tem­ber, und am Sonn­tag, 17 Uhr. Aus­ser­dem im re­gu­lä­ren Pro­gramm der fol­gen­den Ki­nos: Sca­la, St.Gal­len; Ci­ne­wil, Wil; Ki­no Rex, Uz­nach; Ki­no Mad­len, Heer­brugg; Ki­no Pas­s­a­rel­le, Watt­wil;, Ki­no Ro­sen­thal, Hei­den;, Li­ber­ty Ci­ne­ma, Wein­fel­den.

Auf der Su­che nach (Un)Ru­he

Von St.Gal­len bis nach Süd­afri­ka. Ein Ost­schwei­zer Ehe­paar reist im Land­ro­ver De­fen­der um die Welt. Ih­re Er­leb­nis­se hal­ten die Bau­mel­ers mit ei­ner Ka­me­ra fest. Nun er­scheint ihr Film Im­mer wei­ter in Ost­schwei­zer Ki­nos – ei­ne ehr­li­che Do­ku­men­ta­ti­on, der ei­ne Ein­ord­nung gut ge­tan hät­te.

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Mehr Di­ver­si­tät, mehr Durch­mi­schung

An sei­ner ers­ten Pres­se­kon­fe­renz als Lei­ter der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne schil­dert Hü­sey­in Cir­pi­ci sei­ne Ein­drü­cke der Stadt und ver­rät, was das Pu­bli­kum un­ter sei­ner Re­gie er­war­tet.

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Ei­ne Por­ti­on Kunst

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