Vor gut 20 Jahren reichte Beatrice Heilig Kirtz das Postulat «St.Galler Beteiligung an Sklaverei und transatlantischem Handel mit Sklavinnen und Sklaven» beim St.Galler Stadtrat ein. Dieser sah damals die Notwendigkeit einer stadtspezifischen Untersuchung noch nicht. Seitdem ist schweizweit viel geschehen. Die Rolle der Schweiz in Kolonialismus und Sklaverei ist durch viele zivilgesellschaftliche Aktionen, wissenschaftliche Publikationen und öffentlichkeitswirksame Ausstellungen sehr deutlich geworden. Andere Schweizer Städte und Kantone, etwa die Stadt Zürich, haben ihre Beteiligung am Sklav:innenhandel aufarbeiten lassen.
2022 zog St.Gallen nach und gab in Reaktion auf die links-grüne Interpellation zum «Umgang mit der kolonialen Vergangenheit der Stadt St.Gallen» einen Bericht zur städtischen kolonialen Vergangenheit in Auftrag. Als Resultat liegt nun der 120-seitige Überblicks- und Forschungsbericht St.Gallen, Sklaverei und Kolonialismus des Historikers Peter Müller der Öffentlichkeit vor: 50 Seiten Text, 30 Seiten Bilder, 40 Seiten Anhang. Müllers Bericht führt den kolonialen Kontext für die Sklaverei ein, gibt einen Überblick über die Beteiligten und Betroffenen und handelt ab, was man zur gegebenen Zeit schon wissen konnte.
Die Schweizer Beteiligung an der Verschleppung versklavter Menschen im Rahmen des transatlantischen Sklav:innenhandels wurde im Rahmen einer Lausanner Studie von 2005 auf 1,5 Prozent der 11 bis 12 Millionen Menschen geschätzt. Das sind rund 172 000 bis 175 000 Menschen, deren Leben Schweizer:innen vermutlich zerstört haben. Über die konkreten Biografien dieser Menschen weiss man meist sehr wenig.
Wirtschaftliche Verflechtungen, menschliche Begegnungen
Etwas mehr ist über jene bekannt, die diese Verbrechen ermöglicht, finanziert oder begangen haben. In Bezug auf die St.Galler Geschichte kamen sie etwa aus den Familien Gall, Grübel, Gsell, Sailer, Stähelin, Vonwiller, Zollikofer und Züblin. Sie waren in ganz unterschiedlichen Rollen an der Sklaverei beteiligt – als Sklavenhalter, Sklavenhändler, Aufseher über versklavte Personen, Plantagenbesitzer, Plantagenleiter, Investoren, Marchands-Banquiers, Angestellte bei letzteren, bei militärischen Unternehmungen oder im Dienst der Niederländischen Ostindien-Kompanie.
In dem Teil, der für mich das Kernstück des Berichts darstellt, spürt der Autor den versklavten Menschen nach, indem er Ereignisse beschreibt, in denen sie zumindest indirekt sichtbar werden. Zum Beispiel im Jahr 1763 während den Sklavenaufständen in Berbice in Niederländisch-Guyana: Beteiligt waren daran zwei Fortuin und Prins genannte versklavte Menschen, die auf der Plantage «Helvetia» der St.Galler Högger, Rietmann und Schlumpf arbeiteten. Auch der Richter im Prozess gegen die Aufständischen war ein St.Galler, Sollicoffre, ebenfalls ein Plantagenbesitzer.
Die Perspektive anderer von Sklaverei Betroffener konnte man auch im St.Galler Stadttheater in der Mitte des 19. Jahrhunderts, nur ein paar Jahre vor dem Ausbruch des amerikanischen Bürgerkriegs, durch die Darbietung des afro-amerikanischen Schauspielers Ira Aldrige in seiner Rolle als Sklave Mungoerfahren. In diesen Jahren berichtete die freisinnige «St.Galler Zeitung», die von 1831 bis 1881 herauskam, immer wieder «Kurioses» aus den Südstaaten der USA, der wichtigsten Herkunftsregion der Baumwolle, welche die hiesige Textilindustrie am Laufen hielt.
Und schliesslich konnte die Völkerschau ein Ort sein, wo Personen aus Afrika und St.Galler:innen sich zwar treffen, wenn auch nicht wirklich begegnen konnten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts fragte die Zeitung «Ostschweiz», beeinflusst vom katholischen Anti-Sklaverei-Engagement, unter welchen Bedingungen die Menschen aus dem Nilgebiet angestellt seien und ob sie denn nicht frei werden sollten, wenn sie «den Boden der freien Eidgenossenschaft betraten». Solche Fundstücke sprechen von Begegnungen zwischen St.Galler:innen und versklavten Menschen oder die Repräsentation davon. Hier belebt Müller eine Globalgeschichte, die nicht nur über Verflechtungen oder Vernetzungen spricht (das tut sie auch), sondern Momente des potenziellen Austauschs aufzeigt, die das Bild «vom anderen» verändern konnten.
Diskurs statt Wirtschafts-, Politik- und Sozialgeschichte
Trotz diesen Stärken überzeugt der Bericht nicht. Er ist, was den wissenschaftlichen und inklusiven Standard zu Kolonialismus und Sklaverei betrifft, unsensibel, an Stellen sprachlich mangelhaft, in der Abhandlung unwissenschaftlich, thematisch überfrachtet, inhaltlich inkohärent und bescheiden referenziert. Es bleibt unscharf, ob er Kolonialismus und Sklaverei oder Sklaverei vor dem Hintergrund des Kolonialismus behandelt. Der Bericht versucht es allen recht zu machen: den Fachpersonen, den Kritiker:innen und Skeptiker:innen, den Laien. Im Ergebnis verwirrt der Bericht alle. Müller schreibt zu Beginn, er wolle nicht moralisieren. Aber durch die Andeutungen, die Stichpunkte, und die unausformulierten Konsequenzen schafft er Raum für Interpretationen, die dem Thema nicht dienen.
Wie genau sollen die Leser:innen die Anzeige einer Beiz in St.Gallen aus dem Jahr 1888, die mit der Bedienung durch eine Person of Color aus New York (wie damals üblich mit dem N-Wort beschrieben) wirbt, deuten, ausser dass es ein nettes Fundstück ist? Wie soll man Müllers Kommentar, dass die rassistischen und kolonialapologetischen Äusserungen des Physiologen Adolf Eugen Fricks «eine Spur differenzierter» als die anderer waren, einordnen?
Müller fokussiert sich auf den Diskurs anstatt die Wirtschafts-, Politik- und Sozialgeschichte. Es ist wahrscheinlich der Versuch, eine Globalgeschichte in St.Gallen lokal zu verankern. Doch noch liest es sich nicht wie eine Geschichte, sondern wie isolierte Geschichten, die illustrierend, anekdotisch und im Detail verhaftet sind. Das System Sklaverei und die besondere Rolle einer Textilstadt werden nicht sichtbar. Der Bericht liefert damit wenig neue Grundlagen oder Thesen, um sich inhaltlich (und nicht moralisierend) zu streiten.
Man hätte zum Beispiel fragen können: Welche Unternehmen bauen bis heute auf Vermögen, die unter anderem durch versklavte Menschen erwirtschaftet wurden? Wohin flossen die Profite aus der Beteiligung der St.Galler:innen am globalen Dreieckshandel, wenn nicht nur in Häuserfassaden? Profitierte die Stadt St.Gallen durch Anlegen in Gesellschaften, die in Sklav:innenhandel und Plantagenwirtschaft tätig waren? Legten die St.Galler Marchands-Banquiers des 17. und 18. Jahrhunderts ihre Vermögen in Sklav:innenhandel an? Denn hätte man dazu Antworten, könnte man darüber diskutieren, was das nun für heute bedeutet.
Knausrige Stadt
Schliesslich bleibt unklar, ob zusätzliche Forschung erwartet wurde. Der Autor reichert Bekanntes mit neuen Quellen an, vor allem mit Zeitungsartikeln aus schon digitalisierten Beständen. Trotzdem zeigt der grosse Teil des Berichts auf, was man nicht weiss. «Man müsste es nur suchen, finden und aufarbeiten» oder ähnlich lautet es auf fast jeder Seite fasziniert bis frustriert.
Und so war der Auftrag der Stadt an nur eine Person, ausgestattet mit bescheidenen 15’000 Franken, von Anfang an ein Ding der Unmöglichkeit. Über 400 Jahre (1500 bis 1914) Kolonialismus und Sklaverei, Wissensstand «damals», Umgang damals und heute, Nutzen der Produkte aus versklavten Händen damals bis heute, Forschungsstand heute … Was sagt diese Überfrachtung und die Unterfinanzierung über den Willen der Stadt, die eigene Geschichte aufzuarbeiten, aus? Es bräuchte ein ganzes Team, das verschiedene Expertisen bezüglich Perioden, Bestände, Regionen und Methoden abdeckt, um eine erste Auslegeordnung über die Jahrhunderte hinweg machen zu können.
Nichtdestotrotz, ein Anfang ist getan. Nun finden sich – irgendwo im Bericht – die meisten Informationen, die heute zur St.Galler Beteiligung an und Verwicklung in der Sklaverei bekannt sind. Die ausführliche Bibliografie ist ein guter Ausgangspunkt für weitere Recherchen. Trotz – oder gerade wegen – der erwähnten Einschränkungen macht der Bericht sehr klar: Das kann nicht das Ende der Aufarbeitung sein, wir «stehen noch am Anfang». Dazu gehören zentral die Untersuchung der Archive privater Firmen, der zwei grossen St.Galler Museen mit ihren damaligen Trägergesellschaften St.Gallische Naturwissenschaftliche Gesellschaft und Ostschweizerische Geographisch-Commercielle Gesellschaft, sowie das Kaufmännische Directorium als Vorgänger der Industrie- und Handelskammer St.Gallen-Appenzell. Und wir sind nicht zuletzt noch am Anfang, weil die Stadt mit dem Forschungsauftrag nur knapp die Hälfte der fünf Punkte der Interpellation aufgreift. Die Frage der Reparationen, die bereits im Postulat 2003 angesprochen wurde, ist weiterhin ausstehend.
Peter Müller: St.Gallen, Sklaverei und Kolonialismus. Ein Überblicks- und Forschungsbericht. Verfasst im Auftrag der Stadt St.Gallen, St.Gallen 2026.