Dampf auf dem Kessel
Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.
Das zweite Soloalbum als Duo: Manuel Stahlberger und Marcel Gschwend alias Bit-Tuner. (Bilder: pd)
Auf das monatelange Ächzen wegen des Hitzesommers folgte vor Kurzem das Aufatmen: Die Hitze ist zerflossen [DF1] wie ein Glacé an der prallen Sonne, und der Sommer geht schon bald in den Herbst über. Doch nun bringt uns Manuel Stahlberger die Hitze zurück in die Stube. Auf seinem neuen Soloalbum Heiss, das heute erscheint, geht es um Überhitzung: um die klimatische, aber auch um die gesellschaftliche und weltpolitische. Es ist gewissermassen der Soundtrack zum ganzen Wahnsinn, der uns täglich umgibt und aus allen Ecken der Welt in unseren eigenen Mikrokosmos zu kriechen scheint.
Heiss vereint – analog zu den drei bisherigen Soloalben– die Musik aus Manuel Stahlbergers aktuellem Bühnenprogramm Es geht, das im Februar in der St.Galler Kellerbühne seine Premiere feierte. Und entführt die Hörer:innen während etwas mehr als einer halben Stunde an ganz unterschiedliche Schauplätze.
Das Album beginnt mit Iistemple, einem Song über einen «Bueb», der mit gesellschaftlichen Erwartungen und dem Druck konfrontiert wird, seinen Platz zu finden und «iistemple im Läbe» – zu funktionieren, sich anzupassen, mitzuhalten. Getragen von einem fiebrigen Loop und einem gehetzten Beat bringt er die Rastlosigkeit zum Ausdruck, die heute schon Jugendliche begleitet.
Danach folgt Ufruum-Weltmeisterschaft, eine Art Schwesterstück. Darin geht es um den Versuch, durch Ordnung die Welt – und damit auch das eigene Leben – überschaubar und kontrollierbar zu machen. Doch dieser Versuch scheitert zwangsläufig: «Ufgruumt isch nie, mir wüssed nöd wie. … Ornig für die einte isch für di andere e Puff.» Am Schluss bleibt jedoch die Erkenntnis, dass alle Mühe vergebens ist: «Es git nie en Final, nie en Pokal, es isch nie gschafft.»
Was in diesen beiden Songs im Kleinen sichtbar wird, zieht sich durch Heiss: Der Druck entsteht dabei nicht erst dort, wo die grossen Krisen sichtbar werden. Er steckt auch in den kleinen Anforderungen des Alltags – funktionieren, aufräumen, Ordnung schaffen, seinen Platz finden, mithalten. Manuel Stahlberger benennt die vielen Fehlfunktionen, die sich in der Summe zu einem Gefühl von Systemversagen verdichten können. Er tut das jedoch nicht in Form eines gesellschaftskritischen Manifests und liefert auch keine Antworten auf die Fragen, die dabei unweigerlich mitschwingen. Stattdessen besingt er diese kleinen Verrichtungen des Alltags und ihre Absurditäten – und überlässt es den Hörer:innen, ihre eigenen Schlüsse daraus zu ziehen.
Heiss ist fast schon dystopisch, sowohl textlich als auch musikalisch. Verdichtet auf ein Album wirken die Songs düsterer und schwerer, als sie es im Bühnenprogramm tun. Dort würden sie immer wieder von lustigen Geschichten durchbrochen, sagt Stahlberger selbst.
Solche finden sich trotz aller Schwere ebenfalls auf Heiss: Manuel Stahlberger streift durchs Riethüsli und entführt die Hörer:innen auf eine Rundreise von der Migros Neumarkt zu den entfernten Filialen auf den Planeten unseres Sonnensystems. Er beschreibt in Znüni in Betlehem das nicht ganz geglückte Krippenspiel, das (s)eine Primarschulklasse spielen muss(te), und liefert mit Chindertisch eine dieser herrlich abgründigen Familiengeschichten, die man auch auf früheren Soloalben findet. Chindertisch handelt von einer Tochter, die ihren getrenntlebenden Vater zum Geburtstag besucht. Die neue Partnerin schaut jedoch etwas zu tief in die Bowleschüssel und zieht der Party den Stecker.
Viele Songs handelten von den Ängsten und Sorgen, die ihn begleiteten, sagt Manuel Stahlberger. Etwa vom Erstarken der rechtskonservativen Kräfte und deren Angriffen auf die Demokratie und die Freiheit. So auch im Titelstück, das viel mehr thematisiert als bloss den Klimawandel: «Sie hend Angscht vor üsere Vielfalt, sie verbüütet wieder Wörter, sie wärded immer lüter, und sie wärded immer herter. I ha gmeint da sig verbii, i ha gmeint mir siged meh, mir sind doch meh, oder?», heisst es da.
Die politische Überhitzung macht auch vor der Kultur nicht halt. Die zunehmenden politischen Angriffe auf die Kultur machten ihm Sorge, sagt Stahlberger. Als Kulturschaffender sei er zwar selbst nicht direkt davon betroffen, da seine Produktionen gut liefen – ob solo oder mit der Band –, als Konsument aber durchaus: «Für mich ist es genauso wichtig, Kultur aufzunehmen und auf mich wirken zu lassen, wie selber auf der Bühne zu stehen.» Gerade, wenn nischige, nicht-kommerzielle Sachen mangels Finanzierung nicht mehr stattfinden könnten, gehe der Nährboden für sehr vieles verloren.
Ein Stück, das aus dieser Wut auf die Kulturfeindlichkeit heraus entstanden ist, ist Kunstlos. Darin singt Manuel Stahlberger davon, wie er seinen Job als Kulturschaffender an den Nagel hängt, weil er die Nase voll hat.
Wie schon auf I däre Show, dem Album zu seinem dritten Soloprogamm Eigener Schatten, arbeitete Manuel Stahlberger auch diesmal wieder mit Marcel Gschwend alias Bit-Tuner zusammen, der auch Bassist der Band Stahlberger ist. Damals sei die Kollaboration mehr «aus der Zeitnot heraus» entstanden, weil er selbst nicht dazu gekommen sei, die Musik zu schreiben, erzählt er. Diesmal sei es ein bewusster Entscheid gewesen, von Anfang gemeinsam die Musik zu entwickeln.
Aus Bit-Tuners reichem Fundus an (halb-)fertigen elektronischen Stücken suchten sie jene aus, die zu den – zu diesem Zeitpunkt mehrheitlich bereits fertigen – Texten passen könnten. Ausserdem schrieb der Klangtüftler und Produzent gewisse Sounds eigens für die Songs. Wie bei einem Puzzle fügten sie Texte und Sounds zusammen, bis sie passten. Das gelingt auf Heiss: Manchmal übersetzt die Musik die Texte in Klang, manchmal bildet sie einen Kontrast dazu. Nur ein Song aus dem Bühnenprogramm, bei dem sich der 52-Jährige auf der Gitarre begleitet, schaffte es nicht aufs Album, weil er zu sehr aus der Reihe tanzt. Ein bisschen Ordnung muss schliesslich sein.
Manuel Stahlberger & Bit-Tuner – Heiss (Irascible): erscheint heute auf CD und digital.
Weitere Vorstellungen von Es geht: Freitag, 11. September, Kellerbühne Grünfels, Jona; Freitag, 25. September, Kulturforum, Amriswil; Samstag, 24. Oktober, Altes Zeughaus, Herisau; Donnerstag, 29. Oktober, TapTab, Schaffhausen; Samstag, 9. Januar, Goldener Dachs, Weinfelden; Samstag, 23. Januar, Aula Sandbänkli, Bischofszell; Samstag, 20. März, Bühne am Gleis, Wil; Mittwoch, 12. Mai, bis Samstag, 16. Mai, Kellerbühne, St.Gallen.
manuelstahlberger.ch
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