Faustkeil festhalten!

Manuel Stahlberger ist wieder solo unterwegs. Im Programm Es geht, diese und nächste Woche in der St.Galler Kellerbühne uraufgeführt, wird die Welt einmal mehr aufgeräumt, dringender und unmöglicher denn je.

Manuel Stahlberger ist seit dieser Woche mit seinem neuen Programm Es geht unterwegs. (Bild: Adrian Elsener)

Ei­ner der tref­fends­ten, de­pri­mie­rends­ten, lus­tigs­ten Sät­ze (im­mer al­les zu­gleich, ty­pisch Stahl­ber­ger) gilt ei­nem bis­her kaum be­sun­ge­nen St.Gal­ler Quar­tier. End­lich er­fährt es die ul­ti­ma­ti­ve Wür­di­gung und kann hof­fen, künf­tig in ei­ner Rei­he mit Eg­gers­riet, dem Rhein­tal, der Mi­gros Neu­markt und an­de­ren Stahl­ber­ger-Hot­spots ge­nannt zu wer­den. Der Satz heisst: «Wenn al­li gnoo händ, was wönd, bliibt s Riet­hüs­li als Rest.» 

Dort, wo die Blech­la­wi­ne aus Teu­fen durch­rollt, «Riet­hüs­li Rush­hour», wo frü­her ei­ne Ski­sprung­schan­ze und heu­te bloss ei­ne Tank­stel­le steht und die Bus-End­sta­ti­on das Mit­tel­mass al­ler Din­ge ist – dort­hin, in sein Quar­tier, will der Sän­ger zu­rück. Zu­rück ins Un­auf­fäl­li­ge, Ge­wöhn­li­che. Er, der im­mer nur ei­nen Baum spie­len woll­te, ei­nen von vie­len: Für ihn muss Riet­hüs­li das Pa­ra­dies sein.

Die Hym­ne aufs Riet­hüs­li ist ei­ner der vie­len Glücks- und Not­fäl­le im neu­en Stahl­ber­ger­pro­gramm. Es geht, heisst der Abend, ei­ne Über­trei­bung. Denn in Wahr­heit geht gar nichts mehr. Gleich im ers­ten Lied ver­ab­schie­det sich Stahl­ber­ger, hängt die Co­me­dy, die er bloss noch aus Ge­wohn­heit be­trie­ben hat, an den Na­gel, ist ja auch kein Le­ben, Abend für Abend ein Auf­tritt an Or­ten, die al­le «ir­gend­wie us­gsehnd wie Aar­gau». 

Nicht mal der Som­mer kann es

Ein Frust­song, ent­schul­digt er sich an­schlies­send. Aber man weiss aus vor­her­ge­gan­ge­nen Pro­gram­men: Die Kar­rie­re war im­mer schon am Aus­fran­sen, von früh an. «Wa isch los, Bueb» fra­gen die Er­wach­se­nen im nächs­ten Lied. Der Bub steht über­all am Rand, macht sich die Schu­he nicht dre­ckig, kann die Sät­ze nicht, die man im­mer brau­chen kann, soll jetzt end­lich, mit ei­ner wei­te­ren die­ser gran­di­os la­ko­ni­schen Stahl­ber­ger-For­meln, «iisch­temp­le is Lä­be». 

Bloss in wel­ches? Die Welt rund­her­um ist ein Alp­traum, nicht mal der Som­mer kann es, das Piz­za­schiff de­fekt, die Gla­cé im Ge­strüpp, die Stadt an­triebs­los im Dau­er­ne­bel. Und die Ali­ens vom fer­nen Pla­ne­ten, die dank neu­em Wun­der­te­le­skop end­lich ent­deckt wor­den sind, er­wei­sen sich als die glei­chen welt­zer­stö­re­ri­schen Lang­wei­ler wie wir Erd­lin­ge sel­ber. «Al­li lau­fed öp­pi­sem hin­der­her oder vor öp­pi­sem de­voo.»

Über Stahl­ber­gers epo­cha­le pla­ne­ta­ri­sche Ent­täu­schung kom­men wir grad noch hin­weg. End­gül­tig im Loch sind wir aber mit der na­men­lo­sen Frau im Lied Sie sitzt im Zug. Sie hat es end­lich ge­schafft, von ih­rem Mann weg­zu­ge­hen und an sich sel­ber zu den­ken. Aber es ist nur ein Traum, sie er­wacht und weiss: «d’Welt und sie gh­ei­ed so­wie­so dri». 

Al­so Schluss ma­chen? Aus­stem­peln? Das wä­re nur die hal­be Stahl­ber­ger-Wahr­heit. Die an­de­re heisst: Wi­der­stand. Nicht laut, son­dern fast bei­läu­fig grun­diert auch sei­ne neu­en Lie­der die Re­vol­te. Der Hit­zesong nennt die Schul­di­gen, je­ne, die Angst vor der Di­ver­si­tät ha­ben, die wie­der an­fan­gen, Wör­ter zu ver­bie­ten. Das harm­lo­se Krip­pen­spiel wird zur ge­sell­schafts­kri­ti­schen Ab­rech­nung. Und am En­de vom En­de, «wem­mer nü­me weiss wa ma­che», weil aus­ser dem gros­sen Nichts gar nichts ist – in die­ser um­wer­fen­den Dys­to­pie blitzt fast so et­was wie Zu­ver­sicht auf: Plötz­lich ist im Lee­ren ein Raum, «Ru­um för un­end­lich vil Neus». 

Dia­lek­te aus Lehm

Ma­nu­el Stahl­ber­gers Zeit­dia­gno­sen und Bit-Tu­n­ers Mu­sik sind auch an­no 2026 gna­den­los. Zum Glück hat er ein paar Hob­bys, die ihn und uns aus dem Schla­mas­sel zie­hen. Ei­ni­ge kennt man schon, die Poe­sie­al­ben, die Ent­wür­fe für sein ei­ge­nes Denk­mal und al­len vor­an die Mai­län­der­li, Lieb­ling je­des Stahl­ber­ger-Pu­bli­kums, ak­tu­ell er­wei­tert um ver­zier­te Guetz­li­por­träts von Tan­te Mi­ne­li oder Es­sig­gur­ken, die als Del­fi­ne in die Kunst­ge­schich­te ein­zie­hen. 

Neu­er­dings hat es Stahl­ber­ger mit der Che­mie. Mit Mar­ro­ni, Cher­ry­to­ma­ten, Rös­lic­h­öhl, Knall­erb­sen und Zahn­sto­chern formt er Mo­le­kü­le, dass ei­nem der Kopf schwirrt. Oder er kne­tet mit Lehm die Schwei­zer Dia­lek­te nach, mit dem wür­fel­för­mig ecki­gen Thur­gau­er Idi­om an der Spit­ze – ein Bei­trag, der im ver­gan­ge­nen Jahr be­reits in der Mu­sik-Do­ku Das Ge­heim­nis von Bern zu se­hen ge­we­sen war. Auch die Skiz­zen­hef­te fül­len sich wei­ter, al­te Su­per-8-Fa­mi­li­en­fil­me geis­tern über die Lein­wand, und in die Höh­len­ma­le­rei­en sei­ner tro­glo­dy­ti­schen Vor­fah­ren bricht das Bag­ger­zeit­al­ter ein.

Aus Ord­nung wird Cha­os, aus Kin­der­spiel Welt­un­ter­gang, aus All­tag Apo­ka­lyp­se: So geht es Mal für Mal. Stahl­ber­ger lan­ciert drum ei­ne Auf­räum­welt­meis­ter­schaft. Man kann ger­ne mit­ma­chen, sie ist schon ewig lang im Gang, die Re­geln sind so un­klar wie die Teams, flie­gen­de Wech­sel und flies­sen­de Gren­zen ma­chen die Sa­che kom­pli­ziert, si­cher ist nur: Es geht im­mer wei­ter, «uf­gr­umt isch nie». Zum Glück.

Stahl­ber­gers Schluss­ap­pell an der Pre­mie­re war dann de­fi­ni­tiv nicht zum La­chen: Wir müs­sen zu­sam­men­ste­hen ge­gen die Grös­sen­wahn­sin­ni­gen die­ser Welt. Al­so Faust­keil fest­hal­ten. Und iisch­temp­le is Lä­be!


Ma­nu­el Stahl­ber­ger – Es geht: bis Mitt­woch, 11. Fe­bru­ar, je­weils 20 Uhr, Kel­ler­büh­ne, St.Gal­len; Sams­tag, 14. März, 20 Uhr, Dio­ge­nes Thea­ter, Alt­stät­ten; Don­ners­tag, 21. Mai, 20 Uhr, Ca­si­no­thea­ter, Win­ter­thur; Frei­tag, 25. Sep­tem­ber, Kul­tur­fo­rum, Am­ris­wil. 
ma­nu­el­stahl­ber­ger.ch

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.