Einer der treffendsten, deprimierendsten, lustigsten Sätze (immer alles zugleich, typisch Stahlberger) gilt einem bisher kaum besungenen St.Galler Quartier. Endlich erfährt es die ultimative Würdigung und kann hoffen, künftig in einer Reihe mit Eggersriet, dem Rheintal, der Migros Neumarkt und anderen Stahlberger-Hotspots genannt zu werden. Der Satz heisst: «Wenn alli gnoo händ, was wönd, bliibt s Riethüsli als Rest.»
Dort, wo die Blechlawine aus Teufen durchrollt, «Riethüsli Rushhour», wo früher eine Skisprungschanze und heute bloss eine Tankstelle steht und die Bus-Endstation das Mittelmass aller Dinge ist – dorthin, in sein Quartier, will der Sänger zurück. Zurück ins Unauffällige, Gewöhnliche. Er, der immer nur einen Baum spielen wollte, einen von vielen: Für ihn muss Riethüsli das Paradies sein.
Die Hymne aufs Riethüsli ist einer der vielen Glücks- und Notfälle im neuen Stahlbergerprogramm. Es geht, heisst der Abend, eine Übertreibung. Denn in Wahrheit geht gar nichts mehr. Gleich im ersten Lied verabschiedet sich Stahlberger, hängt die Comedy, die er bloss noch aus Gewohnheit betrieben hat, an den Nagel, ist ja auch kein Leben, Abend für Abend ein Auftritt an Orten, die alle «irgendwie usgsehnd wie Aargau».
Nicht mal der Sommer kann es
Ein Frustsong, entschuldigt er sich anschliessend. Aber man weiss aus vorhergegangenen Programmen: Die Karriere war immer schon am Ausfransen, von früh an. «Wa isch los, Bueb» fragen die Erwachsenen im nächsten Lied. Der Bub steht überall am Rand, macht sich die Schuhe nicht dreckig, kann die Sätze nicht, die man immer brauchen kann, soll jetzt endlich, mit einer weiteren dieser grandios lakonischen Stahlberger-Formeln, «iischtemple is Läbe».
Bloss in welches? Die Welt rundherum ist ein Alptraum, nicht mal der Sommer kann es, das Pizzaschiff defekt, die Glacé im Gestrüpp, die Stadt antriebslos im Dauernebel. Und die Aliens vom fernen Planeten, die dank neuem Wunderteleskop endlich entdeckt worden sind, erweisen sich als die gleichen weltzerstörerischen Langweiler wie wir Erdlinge selber. «Alli laufed öppisem hinderher oder vor öppisem devoo.»
Über Stahlbergers epochale planetarische Enttäuschung kommen wir grad noch hinweg. Endgültig im Loch sind wir aber mit der namenlosen Frau im Lied Sie sitzt im Zug. Sie hat es endlich geschafft, von ihrem Mann wegzugehen und an sich selber zu denken. Aber es ist nur ein Traum, sie erwacht und weiss: «d’Welt und sie gheied sowieso dri».
Also Schluss machen? Ausstempeln? Das wäre nur die halbe Stahlberger-Wahrheit. Die andere heisst: Widerstand. Nicht laut, sondern fast beiläufig grundiert auch seine neuen Lieder die Revolte. Der Hitzesong nennt die Schuldigen, jene, die Angst vor der Diversität haben, die wieder anfangen, Wörter zu verbieten. Das harmlose Krippenspiel wird zur gesellschaftskritischen Abrechnung. Und am Ende vom Ende, «wemmer nüme weiss wa mache», weil ausser dem grossen Nichts gar nichts ist – in dieser umwerfenden Dystopie blitzt fast so etwas wie Zuversicht auf: Plötzlich ist im Leeren ein Raum, «Ruum för unendlich vil Neus».
Dialekte aus Lehm
Manuel Stahlbergers Zeitdiagnosen und Bit-Tuners Musik sind auch anno 2026 gnadenlos. Zum Glück hat er ein paar Hobbys, die ihn und uns aus dem Schlamassel ziehen. Einige kennt man schon, die Poesiealben, die Entwürfe für sein eigenes Denkmal und allen voran die Mailänderli, Liebling jedes Stahlberger-Publikums, aktuell erweitert um verzierte Guetzliporträts von Tante Mineli oder Essiggurken, die als Delfine in die Kunstgeschichte einziehen.
Neuerdings hat es Stahlberger mit der Chemie. Mit Marroni, Cherrytomaten, Röslichöhl, Knallerbsen und Zahnstochern formt er Moleküle, dass einem der Kopf schwirrt. Oder er knetet mit Lehm die Schweizer Dialekte nach, mit dem würfelförmig eckigen Thurgauer Idiom an der Spitze – ein Beitrag, der im vergangenen Jahr bereits in der Musik-Doku Das Geheimnis von Bern zu sehen gewesen war. Auch die Skizzenhefte füllen sich weiter, alte Super-8-Familienfilme geistern über die Leinwand, und in die Höhlenmalereien seiner troglodytischen Vorfahren bricht das Baggerzeitalter ein.
Aus Ordnung wird Chaos, aus Kinderspiel Weltuntergang, aus Alltag Apokalypse: So geht es Mal für Mal. Stahlberger lanciert drum eine Aufräumweltmeisterschaft. Man kann gerne mitmachen, sie ist schon ewig lang im Gang, die Regeln sind so unklar wie die Teams, fliegende Wechsel und fliessende Grenzen machen die Sache kompliziert, sicher ist nur: Es geht immer weiter, «ufgrumt isch nie». Zum Glück.
Stahlbergers Schlussappell an der Premiere war dann definitiv nicht zum Lachen: Wir müssen zusammenstehen gegen die Grössenwahnsinnigen dieser Welt. Also Faustkeil festhalten. Und iischtemple is Läbe!
Manuel Stahlberger – Es geht: bis Mittwoch, 11. Februar, jeweils 20 Uhr, Kellerbühne, St.Gallen; Samstag, 14. März, 20 Uhr, Diogenes Theater, Altstätten; Donnerstag, 21. Mai, 20 Uhr, Casinotheater, Winterthur; Freitag, 25. September, Kulturforum, Amriswil.
manuelstahlberger.ch