Als 1994 das langersehnte MTV-Unplugged-Konzert von Nirvana ansteht, erwartet die weltweite Anhänger:innenschaft der damals grössten Band der Welt nichts weniger als eine mit Hits überladene Best-of-Playlist von Smells Like Teen Spirit bis Heart-Shaped Box.
Aber Kurt Cobain entscheidet sich einmal mehr für den Bruch der Erwartungen und spielt eine Setlist, die mit Coverversionen von teils komplett unbekannten Songs nur so überquillt. Unter anderem spielt das Trio gleich drei Songs der befreundeten Meat Puppets, aber auch Stücke von The Vaselines und Leadbelly – und nicht nur durch die Unberechenbarkeit der Fremdkompositionen im neuen Gewand gilt die Show bis heute als legendär.
Nun sollte man Team Negroni aus der Ostschweiz beim besten Willen nicht mit den Grunge-Legenden aus Seattle vergleichen, und ja, dieser Texteinstieg kann durchaus als Reach gewertet werden. Aber eine Parallele drängt sich förmlich auf: Team Negroni spielt mit Vorliebe Coverversionen und verzichtet dabei bewusst auf Evergreens und Welthits. Vielmehr sind sie auf einer ständigen Suche nach Songperlen von meist befreundeten Schweizer Weggefährt:innen, die sie dann mit ihrer ureigenen Soundrezeptur übergiessen und sich zu eigen machen. Entscheidend ist dabei auch die Vernetzung der eigenen Band- und Szenegeschichten sowie deren Archivierung, wie Mirco Koch, der das Team Negroni auf den Weg brachte, im Gespräch mit Saiten erklärt:
«Da lagen nun also tatsächlich viele alte und fast vergessene CDs und Platten von früher in meinem Musikkeller, fein säuberlich in Schachteln verpackt, und ich habe sie irgendwie wiederentdeckt. Beim Anhören kamen die Erinnerungen und die Idee, den einen oder anderen Song zu spielen. Mir gefällt der Satz: Es sind alles Songs, die gerne gespielt oder wieder aufgenommen werden wollen. Ganz ehrlich: Es ist ein Fundus von guter Musik, der immer mehr verloren geht…»
Von der Pandemie zusammengebracht
Tatsächlich war es die Corona-Pandemie, welche die Bandmitglieder von Team Negroni zusammenbrachte, als Koch aus der Sehnsucht, Musik machen zu wollen, digitale Austauschformen etablierte: «Es ist nicht so spektakulär. Mehr, dass wir uns zur richtigen Zeit wieder begegnet sind. Und es ist schon so: Distanzen spielen im Internet plötzlich keine Rolle mehr. Hindernisse sind aufgelöst. Man schickt sich Aufnahmen und bekommt Musik als Antwort. Das lässt plötzlich andere Arbeitsformen und Kreativität zu. Zeit spielt keine Rolle mehr. Online haben wir aber nie geübt. Dazu sind wir viel zu sehr Musiker. Wir wollen einander spüren. Am wohlsten fühlen wir uns im Bandraum und auf der Bühne.»
Dieser Tage erscheint die erste Vinyl-Platte der Band mit dem Titel Don't Drag Me Down, die in intensiven Sessions im Stadtpark Studio in St.Gallen unter der Anleitung von Morten Qvenild entstanden ist. Die Luzerner Band The Mothers Pride wird dabei gleich mehrfach gecovert, der Opener Silence erscheint aber als wunderbarer Startpunkt der Platte, der musikalisch konsequent aufgemachten Sehnsuchts-Country mit wohligen Neil-Young-Anleihen kombiniert.
Sich nicht allzu ernst nehmen
Das Titelstück indes stammt von The Pride aus Schaffhausen und offenbart in seiner Einfachheit eine wirklich komplexe Produktion: Mehrstimmiger Gesang, verschiedene Riffspuren, die durch das Stück galoppieren, und ein vorsichtig treibendes Schlagzeug sind alles andere als einfach in einen Guss zu bringen. Aber spätestens hier hören wir, dass Team Negroni diesen Job nicht erst seit gestern macht. Don't Drag Me Down hätte definitiv auch in Nashville aufgenommen werden können.
Oder auch nicht: Denn im Zusammenkochen der vielfältigen Werkzutaten ergibt sich ein eindeutig verankerter Zeitreisecocktail durch den Schweizer Independent-Kosmos der 90er Jahre. Längst vergessene Kompositionen werden wiederbelebt und mit neuen Impulsen versehen, unter denen sie lebhaft zu zucken beginnen oder aber zu komplett neuartigen Kompositionen reifen. Songs sind eben viel mehr als versteinerte Konstrukte. Sie haben ein Eigenleben und eine ureigene DNA, die von jedem:jeder Klangwissenschaftler:in bearbeitet werden darf. Während sich die klassische Musik durch die stetige Neuinterpretation ihrer Stoffe definiert, wird das Cover in der Popmusik immer noch stiefmütterlich behandelt. Wo aber liegt die Kunst eines richtig guten Covers?
«Es ist vielleicht der fehlende Ehrgeiz, ein Stück 1:1 covern zu wollen. Oder nein: Mir geht es oft so, dass ich beim Herausschreiben der Akkorde bereits das Original zu vergessen beginne. Das ist der Moment, in dem sich das Stück selbstständig macht. Es wächst wie neu. Es kann vorkommen, dass in diesem Moment ein Riff oder eine Melodie aus dem Original verloren geht. Ich finde das gar nicht schlecht. Aber Achtung: Wir nehmen die Songs und die Autor:innen sehr ernst! Wir verstehen unsere Version als Cover, und auf keinen Fall als Interpretation.»
Und yes, wahrscheinlich liegt genau hier das Erfolgsrezept: Team Negroni nimmt sich selbst nicht zu ernst, die Geschichte und die ursprünglichen Erschaffer:innen ihres Songmaterials aber sehr wohl.
Team Negroni – Don't Drag Me Down: auf Vinyl und Bandcamp.
Plattentaufe: Donnerstag, 7. Mai, ab 20 Uhr, Grabenhalle St.Gallen.
Live: Freitag, 22. Mai, 18.30 Uhr, Café Kunterbunt, Winterthur.