Musik über die Ureinwohner:innen Nordamerikas

Heroes & Honey mit Renato Cedrola (3. von rechts) bei den Proben in der Industrie 36 in Rorschach. (Bild: dag) 

Heroes & Honey mit Renato Cedrola (3. von rechts) bei den Proben in der Industrie 36 in Rorschach. (Bild: dag) 

Mit seinem neuen Projekt Heroes & Honey veröffentlicht Renato Cedrola ein Album, das der indigenen Bevölkerung Nordamerikas gewidmet ist. The Return Of The Buffalo ist dabei ein audiovisuelles Gesamtkunstwerk. Am Wochenende ist Premiere in der Grabenhalle.

Mit sei­ner Band Un­der Your Skin ist Re­na­to Cedro­la in den ver­gan­ge­nen Jah­ren mehr­fach in Er­schei­nung ge­tre­ten. Nun hat der St.Gal­ler, der haupt­be­ruf­lich als Be­ra­ter von Pro­fi­fuss­bal­lern ar­bei­tet und mit sei­nem Bru­der Mi­che­le die Agen­tur Front Group führt, mit sei­nem neu­en Pro­jekt He­roes & Ho­ney ein Al­bum auf­ge­nom­men: The Re­turn Of The Buf­fa­lo er­scheint die­ses Wo­chen­en­de und wird zwei­mal in der Gra­ben­hal­le auf­ge­führt 

Da­mit will Cedro­la auf die Schwie­rig­kei­ten der in­di­ge­nen Be­völ­ke­rung Nord­ame­ri­kas auf­merk­sam ma­chen. De­ren oh­ne­hin pre­kä­re Si­tua­ti­on hat sich un­ter US-Prä­si­dent Do­nald Trump wei­ter ver­schlech­tert. Kaum war die­ser zum zwei­ten Mal im Amt, kürz­te er An­fang 2025 Mit­tel für in­di­ge­ne Pro­gram­me, et­wa für Bil­dung oder Ge­sund­heit. 

Cedro­la ist seit sei­ner Kind­heit fas­zi­niert von der in­dia­ni­schen Kul­tur. Wo­her die­se Fas­zi­na­ti­on kommt, weiss der 61-jäh­ri­ge selbst nicht so ge­nau. «Die My­tho­lo­gie, die Glau­bens­sät­ze – das gab mir schon im­mer mehr als die Re­li­gi­on», sagt er. Seit Jah­ren be­fasst er sich mit der Kul­tur und der Le­bens­wei­se der in­di­ge­nen Be­völ­ke­rung Nord­ame­ri­kas, hat schon meh­re­re Rei­sen in die Re­ser­va­te un­ter­nom­men und pflegt Kon­tak­te zu den Men­schen. 

Neue Band mit al­ten Mit­mu­si­ker:in­nen 

Die In­iti­al­zün­dung für die Grün­dung von Un­der Your Skin im Jahr 2018 war die Un­ter­stüt­zung ei­ner Schu­le im Pi­ne-Ridge-Re­ser­vat in South Da­ko­ta, ei­nem der gröss­ten, aber auch ärms­ten Re­ser­va­te in den USA, in dem über­wie­gend Og­la­la La­ko­ta le­ben. Seit­her ha­ben Un­der Your Skin mehr­fach Kon­zer­te ge­spielt, um Geld für wohl­tä­ti­ge Zwe­cke zu sam­meln, das ver­schie­de­nen In­sti­tu­tio­nen in der (Ost-)Schweiz und im Aus­land zu­gu­te­kam. 

Aus dem Wunsch her­aus, ein Pro­jekt zu rea­li­sie­ren, des­sen Fo­kus aus­schliess­lich auf der Welt der Ur­ein­woh­ner:in­nen Nord­ame­ri­kas liegt, zog sich Cedro­la im Ok­to­ber 2024 für ei­ne Wo­che in die Block­hüt­te ei­nes Ho­tels im Ap­pen­zel­ler­land zu­rück. Dort er­ar­bei­te­te er das gan­ze Kon­zept, ent­warf ers­te Song­skiz­zen und schrieb al­le Ly­rics. Es kris­tal­li­sier­te sich je­doch schnell her­aus, dass The Re­turn Of The Buf­fa­lo nicht zu Un­der Your Skin pass­te, nicht zu­letzt des­halb, weil es mu­si­ka­lisch in ei­ne an­de­re Rich­tung geht. Wäh­rend Un­der Your Skin In­die Rock spie­len, ver­mi­schen sich bei The Re­turn Of The Buf­fa­lo Rock und Pop mit elek­tro­ni­schen Klän­gen und der tra­di­tio­nel­len Mu­sik der in­di­ge­nen Be­völ­ke­rung, im vor­letz­ten Stück 1978 ist so­gar ein in­dia­ni­scher Kin­der­chor, be­stehend aus vier Ge­schwis­tern, zu hö­ren. 

Für He­roes & Ho­ney spann­te Cedro­la mit dem St.Gal­ler Mu­si­ker und Pro­du­zen­ten Ti­bor Lö­rin­cz, der auf dem Al­bum Pia­no, Key­boards und Syn­ths spielt, zu­sam­men. Ge­mein­sam schrie­ben sie die Songs fer­tig und nah­men sie in Lö­rin­cz’ Stu­dio in Ror­schach auf. Und doch schliesst sich bei He­roes & Ho­ney ge­wis­ser­mas­sen ein Kreis: Mit Walo Bor­to­let­to (Bass), Thö­mi Pitsch (Per­kus­si­on) und den bei­den Back­ground-Sän­ge­rin­nen Anik de Heer und Ju­dith Schef­fer spiel­te Cedro­la auch schon bei Un­der Your Skin. Da­bei sind aus­ser­dem der Gi­tar­rist Tho­mas Bür­gin und Ti­bor Lö­rin­cz’ Sohn Leroy (Schlag­zeug). 

Gross­flä­chig und sphä­risch 

Mit ei­ner Spiel­zeit von ins­ge­samt 74 Mi­nu­ten for­dert das Al­bum den Hö­rer:in­nen viel Zeit ab – und viel Hin­ga­be, will man es in sei­ner Ge­samt­heit er­fas­sen. Denn Cedro­la und Lö­rin­cz neh­men sich Zeit, die Ge­schich­ten zu er­zäh­len, und las­sen da­bei auch die Mu­sik spre­chen. Ge­ra­de die aus­ge­dehn­te­ren Stü­cke – fünf Songs dau­ern mehr als sie­ben Mi­nu­ten, Dance The Sun knackt gar die Elf-Mi­nu­ten-Mar­ke – sind nicht bloss lang, son­dern mu­si­ka­lisch gross­flä­chig, stel­len­wei­se auch sphä­risch. Zwar fin­den sich hie und da ein paar Län­gen, doch un­ter dem Strich ist das Al­bum rund und nicht über­la­den. Es wirkt wie ein mu­si­ka­li­scher Streif­zug durch die Re­ser­va­te.

The Re­turn Of The Buf­fa­lo ist mehr als nur Mu­sik: Das Kon­zept­al­bum wächst sich live zu ei­nem au­dio­vi­su­el­len Ge­samt­kunst­werk aus. An Kon­zer­ten wer­den die Songs durch Be­wegt­bil­der er­gänzt. Und in je­dem Song greift Cedro­la ein an­de­res The­ma auf. 

A Red Dress han­delt von ver­miss­ten, er­mor­de­ten oder ver­ge­wal­tig­ten in­di­ge­nen Frau­en – in Nord­ame­ri­ka ha­ben fast 85 Pro­zent von ih­nen laut Cedro­la Ge­walt er­fah­ren. My Fri­end Al­bert the­ma­ti­siert die ab­surd ho­he Ar­beits­lo­sig­keit und die ex­tre­me Ar­mut in den Re­ser­va­ten so­wie die Hoff­nungs­lo­sig­keit ins­be­son­de­re der jun­gen Men­schen, von de­nen sich vie­le in Al­ko­hol und Dro­gen flüch­ten oder sich so­gar das Le­ben neh­men. Al­lein im Pi­ne-Ridge-Re­ser­vat ha­be es zwi­schen 2017 und 2020 rund 460 Sui­zid­ver­su­che ge­ge­ben. 1978 the­ma­ti­siert die Ab­schaf­fung der In­ter­nats­pflicht für in­dia­ni­sche Kin­der in je­nem Jahr, die fast 100 Jah­re Be­stand hat­te und zu ei­nem star­ken Iden­ti­täts­ver­lust bei der in­di­ge­nen Be­völ­ke­rung führ­te. Ganz nach dem Mot­to «Kill the In­di­an in him, and sa­ve the man», dem Leit­satz der US-ame­ri­ka­ni­schen As­si­mi­la­ti­ons­po­li­tik im spä­ten 19. und frü­hen 20. Jahr­hun­dert.

I’m Just Leo­nard ist Leo­nard Pel­tier ge­wid­met, ei­nem in­dia­ni­schen Ak­ti­vis­ten des Ame­ri­can In­di­an Mo­ve­ment (AIM), der nach dem Mord an zwei FBI-Agen­ten im Pi­ne-Ridge-Re­ser­vat in ei­nem um­strit­te­nen Pro­zess 1977 zu le­bens­lan­ger Haft ver­ur­teilt wur­de. Trump-Vor­gän­ger Joe Bi­den wan­del­te – als ei­ne sei­ner letz­ten Amts­hand­lun­gen – die Haft­stra­fe An­fang 2025 in Haus­ar­rest um. Ein klei­ner Schön­heits­feh­ler: Im Song­text heisst es, der Mord an den bei­den FBI-Agen­ten ha­be 1973 statt­ge­fun­den – im glei­chen Jahr wie die Be­set­zung des Dor­fes Woun­ded Knee durch das AIM –, tat­säch­lich war er 1975. 

Son­nen­tanz, Süss­gras und Büf­fel

The Re­turn Of The Buf­fa­lo han­delt aber auch von Bräu­chen, et­wa dem Son­nen­tanz (Dance The Sun), dem Ein­satz von Süss­gras in Hei­lungs­ri­tua­len (Sweet Grass) oder die Macht der Träu­me (See­king A Vi­si­on). Das Ti­tel­stück schliess­lich greift die Bei­na­he-Aus­rot­tung der Bi­sons in Nord­ame­ri­ka auf, de­ren Be­stand sich ge­mäss Cedro­la im 19. Jahr­hun­dert durch ge­ziel­te De­zi­mie­rung von et­wa 20 Mil­lio­nen auf noch 500 Tie­re re­du­ziert hat­te, um der in­di­ge­nen Be­völ­ke­rung die Le­bens­grund­la­ge zu ent­zie­hen. Heu­te le­ben dort wie­der et­wa 350’000 Bi­sons. 

Vor­erst sind drei Kon­zer­te ge­plant, im Herbst sol­len wei­te­re da­zu­kom­men. He­roes & Ho­ney soll je­doch nicht ein ein­ma­li­ges Pro­jekt blei­ben, son­dern künf­tig ne­ben Un­der Your Skin exis­tie­ren – und wei­ter­hin Ge­schich­ten der in­di­ge­nen Be­völ­ke­rung ver­to­nen. 


He­roes & Ho­ney – The Re­turn Of The Buf­fa­lo: er­scheint am 11. April di­gi­tal und ist et­was spä­ter auf CD und Vi­nyl er­hält­lich. 
Live: Sams­tag, 11. April, 20.30 Uhr, und Sonn­tag, 12. April, 17 Uhr, Gra­ben­hal­le, St.Gal­len; Sams­tag, 18. April, 16 Uhr, Al­te Ka­ser­ne, Win­ter­thur. 
heroesandho­ney.com 

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