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St.Galler Erinnerungen an den Sklavenhandel

Einer der gutbesuchten Workshops am diesjährigen Sufo war die Diskussionsrunde «Auf den Spuren des Sklavenhandels in St.Gallen» samt zugehörigem Spaziergang. Ein Thema, das mehr mit heute zu tun hat, als auf den ersten Blick zu vermutet.  
Von  Katharina Flieger , 

Das Klassenzimmer im Schulhaus Kirchgasse ist bestens gefüllt: Die von der Stiftung cooperaxion veranstaltete Diskussionsrunde mit Hans Fässler (Historiker und Kabarettist), Urs A. Müller-Lhotska (Wirtschaftshistoriker) und Rainer Schweizer (Professor für Rechtswissenschaft) zu den Spuren der Sklaverei in St.Gallen stösst am Sufo auf reges Interesse. Ein Besucher raunt: «Man würde nicht denken, dass die Auswüchse des Sklavenhandels bis nach St.Gallen reichten!»

Dass die wirtschaftlichen Verstrickungen von Imperialismus, Kolonialismus und Menschenhandel bis ins Innere der Schweiz reichten und Regionen wie das Glarnerland oder die Ostschweiz involviert waren, ist spätestens seit Fässlers Publikation «Reise in Schwarz-Weiss. Schweizer Ortstermine in Sachen Sklaverei» einer interessierten Öffentlichkeit bekannt.

Kohle ohne Kolonien

Obschon die Schweiz weder Kolonien noch Seeflotte besass, waren auch helvetische Bürger und Akteure in den transatlantischen Menschenhandel verstrickt, die daraus resultierenden Profite vielseitig. Hans Fässler macht gleich zu Beginn der Veranstaltung klar: «Menschen, die in der damaligen Eidgenossenschaft lebten, waren auf unterschiedliche Weise involviert: Durch Finanzierung von Sklaverei-Schiffen (wie beispielsweise die der Basler Familie Burckhardt), durch Handel, etwa mit Textilien wie den Indiennes, durch den Besitz von Plantagen (samt Sklaven) oder als Soldaten im Dienste von Kolonialmächten, die an der Niederschlagung von Sklavenaufständen beteiligt waren.»

Sufo_Podium

Hans Fässler, Rainer Schweizer, Urs A. Müller-Lhotska und Marianne Naeff von Cooperaxion (v.l.n.r.)

Die Handelsstadt St.Gallen unterhielt dank der seit dem 13. Jahrhundert ansässigen Leinwandindustrie früh ökonomische Beziehungen in ganz Europa und darüber hinaus. Textilkaufleute der Stadt und Umgebung wie die Zyli, Zollikofer, Zellweger, u.a., beteiligten sich seit dem 18. Jahrhundert im internationalen Geschäft mit überseeischen Destinationen. Inwiefern sie dabei auch am sogenannten Dreieckshandel mit Sklaven beteiligt waren, darüber sind sich die Historiker uneinig.

Ein St. Galler Bürger, der Handelsmann Jakob Laurenz Gsell, der 1836 mit 20 Jahren nach Rio de Janeiro ging, war einer von ihnen. In Rio war er zunächst für ein deutsches und später französisches Kaufmannshaus tätig, bevor er 1844 zusammen mit dem St. Galler Jakob Friedrich Billwiller eine eigene Handelsfirma namens «Billwiller, Gsell & Co.» gründete, die Stoffe im- und Kaffee exportierte. Gsell selber besass während seines sechzehnjährigen Aufenthaltes in Rio die drei Haussklaven Antonio, Joaquin und Thomaz. Das geht aus seinen über 100 Briefen hervor, die er an seine Mutter in der Ostschweizer Heimat schickte.

Der Historiker Urs A. Müller-Lhotska zeichnet in seinem Buch über Jakob Laurenz Gsell ausführlich dessen globale Geschäftstätigkeiten nach. Dabei stützt er sich auf die von der Familie Gsell transkribierten Briefe, welche heute im St.Galler Staatsarchiv einsehbar sind. Müller betont in der Diskussionsrunde die Motivation der Schweizer, die damals in der Fremde ihr (finanzielles) Glück suchten: «Man muss verstehen, warum die Leute damals ausgewandert sind. Das war aus reiner Not – hier hatten sie keinerlei wirtschaftlichen Möglichkeiten». Ein Argument, welches heute im Zusammenhang mit Migranten und Migrantinnen, die aus wirtschaftlichen Gründen aus ehemaligen Kolonialstaaten Richtung Europa strömen, gesellschaftlich kaum mehr akzeptiert ist.

«Die Sklaverei gibt es schon so lange, wie es die Menschheit gibt», meint Müller-Lhotska; der einzige Unterschied bestehe darin, welche Institutionen jeweils an der Macht seien. Deshalb mache es auch wenig Sinn, einzelne Personen herauszupicken und an den Pranger zu stellen – «so wird man der Sache nicht gerecht.» Letztlich ist es Zufall, von welchen Akteuren überhaupt Informationen über Geschäftsbeziehungen und kulturelle Gegebenheiten überliefert sind: Gsells Briefe blieben erhalten; während andere in den Sklavenhandel verstrickte Schweizer keine Spuren hinterliessen und somit aussagekräftige Zeugnisse fehlen.

«Wir müssen über Sklaverei reden»

Weshalb es heute unabdingbar ist, den Spuren zu folgen und sich mit dem Unrecht der Vergangenheit auseinanderzusetzen, macht Strafrechtsprofessor Rainer Schweizer unmissverständlich klar: «Wir müssen über Sklaverei reden, um uns bewusst zu machen, was heute geschieht!» Der jüngst erschienene Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation IAO (einer Sonderorganisation der vereinten Nationen) kommt zum Schluss, dass heute weltweit über 21 Millionen Männer, Frauen und Kinder zu Zwangsarbeit, Schuldknechtschaft oder Arbeit in sklavereiähnlichen Bedingungen gezwungen werden. «Wir haben ein andauerndes Problem mit Zwangsarbeit. Es braucht grosse Anstrengungen, um dies zu ändern. Dazu gehört auch Auseinandersetzung mit Vergangenheit»

Dürrenmattstr

Geschichtsträchtige Station: Die ehemalige Krügerstrasse in St.Gallen.

So ist auch der zweite Teil der Veranstaltung am Nachmittag, ein Stadtspaziergang mit Hans Fässler, mehr Erinnerungsarbeit denn minutiöse Spurensuche. An drei Schauplätzen zeigt der St.Galler Historiker auf, wie die Ereignisse in der Zeit der Sklaverei und der Apartheid bis hierher reichen. Am Beispiel der heutigen Dürrenmattstrasse im Lachen-Quartier, welche vor ihrer Umbenennung dem Vordenker der Apartheid Paul Krüger huldigte, legt Fässler unterschiedliche Umgangsweisen mit vergangenem Unrecht dar.

Auf der Kreuzbleiche erinnert Fässler, umgeben von fussballspielenden Jugendlichen, an die Ostschweizer Textilindustrie, die mit dem Aufkommen der Baumwolle indirekt von Sklavenarbeit auf Plantagen profitierte. Dabei kommt der engagierte St.Galler auf die Diskussion rund um die Aufarbeitung und Wiedergutmachung von Sklaverei und Sklavenhandel zu sprechen. In einem Vorstoss der SP-Politikerin Claudia Friedl wird eine Stellungnahme des Bundesrats verlangt, in welcher Weise dieser gewillt sei, sich dem Thema anzunehmen und konkrete Schritte einzuleiten. Hans Fässler betont, ihm gehe es dabei nicht um konkrete Geldbeträge, sondern primär um den Prozess der Aufarbeitung.

Beim Autobahnanschluss Kreuzbleiche erinnern zum Schluss Reste der Einfriedung an die Villa von Jakob Gsell. Der Stadtrundgang führt nicht zuletzt in einen Erinnerungsraum, in dem die gut 30 teilnehmenden Personen – junge Menschen bis Nachkommen einstiger Handelstreibender in hohem Alter – mit vergangenem und aktuellem Unrecht konfrontiert werden. Inmitten von Strassenlärm und Freizeitsportlern regt sich das Bewusstsein für die eigene Nähe zu den daraus resultierenden Privilegien.

Bilder: Izabel Barros von Mühlenen (Cooperaxion)

 

St.Gal­ler Kul­tur gehts an den Kra­gen

Die St.Gal­ler Re­gie­rung spart ge­gen ih­ren Wil­len wei­te­re 60 Mil­lio­nen Fran­ken ein und rech­net für 2027 mit ei­nem Plus von 55 Mil­lio­nen Fran­ken. Kul­tu­rel­le Ar­beit wird da­bei wei­ter pre­ka­ri­siert – mit ei­ner gros­sen Aus­nah­me.

Von Roman Hertler,
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Ausstellung

Nur Vor­wärts

Von Daria Frick,

Win­tis Glücks­fall

Die al­ten Fa­brik­hal­len sind aus Win­ter­thurs Kul­tur­le­ben nicht mehr weg­zu­den­ken. Sie wä­ren aber nichts oh­ne en­ga­gier­te und gut ver­netz­te Men­schen. Sai­ten konn­te auf Ein­la­dung des Kul­tur­ma­ga­zins «Coucou» ei­ni­ge von ih­nen tref­fen. Ein klei­ner Stadt­rund­gang

Von Roman Hertler, Bilder: Daria Frick,
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Sai­son­start mit pu­rem Wahn­sinn

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Es kratzt, knallt und schep­pert

Viel En­er­gie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neu­en Al­bum Now To Ru­in der Thur­gau­er Band S.G.A.T.V.. Ge­tauft wird am 1. Ok­to­ber im Win­ter­thu­rer Kraft­feld. Sai­ten hat vor­ab rein­ge­hört.

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Bak­te­ri­en und ein Fun­ke Hoff­nung 

Wie kön­nen wir un­se­ren Kon­sum nach­hal­ti­ger ge­stal­ten? In «Next Re­la­ti­ons – Zu­kunft ge­stal­ten» zeigt das Ge­wer­be­mu­se­um Win­ter­thur an­hand von Ar­bei­ten von Stu­die­ren­den mög­li­che An­sät­ze. Ei­ne an­spruchs­vol­le Schau, die Hoff­nung macht.

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Tra­gi­ko­mö­die über das Le­ben

Ein Schre­ber­gar­ten wird im neu­en Ro­man Ver­tei­di­gung ei­nes Gar­tens von Chris­ti­na Wal­ker zum Zu­fluchts­ort. Dar­in lässt die Vor­arl­ber­ger Au­torin viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re eben­so auf­blü­hen wie Ap­fel­baum und Jo­han­nis­strauch. 

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Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

Der Kan­ton St.Gal­len hat Kunst- und Kul­tur­schaf­fen­de zur jähr­li­chen Kul­tur­kon­fe­renz nach Wil ein­ge­la­den. Spie­le­risch wur­de ver­sucht, die Aus­rich­tung der Kul­tur­för­de­rung zu klä­ren und Mög­lich­kei­ten der neu­en Kul­tur­stra­te­gie zu dis­ku­tie­ren. Doch die zen­tra­le Fra­ge blieb of­fen: Wie stark kann die Kul­tur­sze­ne den In­halt der Stra­te­gie tat­säch­lich mit­be­stim­men?

Von Philipp Bürkler,
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Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

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Sound­track für den Herbst

Hu­man Hu­man spie­len me­lan­cho­li­schen und fra­gi­len In­die-Pop, der trotz­dem warm und licht­durch­flu­tet ist. Das St.Gal­ler Duo hat jetzt sei­ne ers­te EP ver­öf­fent­licht und tritt am Wo­chen­en­de gleich zwei­mal im Bahn­hof Brug­gen auf – erst­mals mit ei­ner Band.

Von David Gadze,
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Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat

Men­schen­wür­de, nicht Bud­get­pos­ten

Von Christoph Keller,

Der Neo­na­zipfar­rer

1976 lässt sich Gerd Zi­keli in der evan­ge­li­schen Kirch­ge­mein­de St.Gal­len-Strau­ben­zell zum Pfar­rer wäh­len. Drei Jah­re spä­ter wird er als gut ver­netz­ter Ho­lo­caust-Leug­ner und Vor­stands­mit­glie­der der ers­ten Neo­na­zi­grup­pe der Schweiz ent­tarnt. Heu­te be­ob­ach­tet er Lauf­enten.

Von Roman Hertler,
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Das Glück, bei Pe­ter Kamm Stein zu sein

Bild­hau­er Pe­ter Kamm haut kei­ne Stei­ne mehr im Ate­lier. Trotz­dem ent­ste­hen neue Skulp­tu­ren, die ak­tu­ell in Steck­born zu se­hen sind. Wie geht das?

Von Ursula Badrutt,
Peter Kamm Kunst am Bau Erweiterungsbau Paedagogische Hochschule Kreuzlingen

Die Stick­ma­schi­ne steht still

In vie­len Aus­ser­rho­der Dör­fern klap­per­ten frü­her Web­stüh­le und spä­ter Stick­ma­schi­nen. In­zwi­schen sind sie al­le ver­stummt. Der Film Das En­de ei­ner Ära por­trä­tiert die Sti­cker Wal­ter Son­der­eg­ger Se­ni­or und Ju­ni­or aus Re­he­to­bel und setzt der Bran­che ein Denk­mal.

Von René Hornung,
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Nur das Jetzt zählt

Der Schwei­zer Fil­me­ma­cher Kas­par Ka­sics über­lässt in sei­nem neu­en Film Das un­end­li­che Jetzt Men­schen, die mit De­menz le­ben, die Büh­ne. Ein Ex­pe­ri­ment mit ei­nem aus­ser­ge­wöhn­li­chen Sto­rytel­ling, auf das es sich ein­zu­las­sen lohnt.

Von Vera Zatti,
Still das unendliche jetzt christian sonderegger johanna rensing vinca film distant lights

Das Kro­ko­dil schnappt wie­der zu

Die Schwei­zer Rock­le­gen­den Kro­ko­dil ha­ben kürz­lich ihr neu­es Al­bum Bey­ond The Eye ver­öf­fent­licht. Ur-Kro­ko­dil Dü­de Dürst schwärmt von der En­er­gie der 2019 wie­der­be­leb­ten Band – und hat noch lan­ge nicht ge­nug. Am Frei­tag spie­len sie in der Gra­ben­hal­le.

Von Pius Frey und David Gadze,
Krokodil 2026 pd

24/7 Traumacore

Heat Girl Sum­mer

Von Mia Nägeli,

Kunst in Oberuzwil

Spu­ren der Hei­mat

Von Vera Zatti,
Dieses

Musik

Mehr als Jazz im Kult­bau

Von Richard Butz,
GP Trio MF90302 k

«Die Wahr­neh­mung nicht be­die­nen, son­dern schär­fen»

Pa­trick Kess­ler er­hält den Aus­ser­rho­der Kul­tur­preis 2026. Der Kon­tra­bas­sist, Klang­künst­ler und Ku­ra­tor aus Gais reist mit al­ten Laut­spre­chern nach Wien und Ha­noi, tritt mit In­sek­ten in ei­nen mu­si­ka­li­schen Dia­log und fin­det sei­ne wich­tigs­ten Lek­tio­nen nicht un­be­dingt an Hoch­schu­len.

Von Philipp Bürkler,
Bassilikum 04