Für die geistige Fitness
Der Sport kann im Kanton St.Gallen weitgehend selbst über seine Fördermittel entscheiden. Die Kultur muss jedes einzelne Projektli vom Parlament absegnen lassen. Der Lotteriefonds gehört endlich entpolitisiert. Ein Kommentar.
Dass die Kultur im Kanton St.Gallen politisch einen schweren Stand hat, ist keine Neuheit. Am rechtsbürgerlichen Rand hat man ideologische Vorbehalte gegenüber kulturellem Schaffen und Veranstaltungen, die sich nicht der Pflege der Blüemli-Bergli-Chüeli-Schweiz, sondern einem vielfältigeren Horizont verpflichtet fühlen und zur Auseinandersetzung anregen. Der Freisinn argumentiert vor allem finanzpolitisch und spielt – trotz gegenteiliger Schutzbehauptung – den Sport gegen die Kultur aus. Es liegt in der Natur der Sache: Eine Anpassung der Quoten zieht immer Gewinner:innen und Verlierer:innen nach sich. Wenn vorderhand nicht monetär, dann zumindest in der politischen Wertschätzung, die sich nicht allein an der Geldmenge bemisst. Und genau hierin liegt der Hund begraben.
Im Gegensatz zum Sport wird die Kultur in sehr vielen Parlamentsköpfen – unbewusst oder offen zur Schau getragen – eben doch als Luxus betrachtet und nicht als gesellschaftliche Notwendigkeit. Diese Kritik ist explizit auch an die Adresse der linken Ratsseite gerichtet, die abgesehen von drei Ausnahmen in der Frühjahrssession erschreckend wenig kulturpolitisches Engagement an den Tag legte. Es muss ja nicht ein übermotiviertes «Braveheart»-Plädoyer sein wie jenes von Jens Jäger (FDP) für den Sport. Aber ein paar mehr träfe Grundsatzvoten für die Kultur und ein paar Entgegnungen in Richtung SVP, die sich in ihren schäbigen bis diskriminierenden Reden im Ratssaal einzig an ihr Wahlvolk richtete, statt sachlich zu argumentieren, sollten schon drinliegen.
Erfreulich an der ganzen Sache ist immerhin die Arbeit der ausserparlamentarischen Kulturlobby. Die IG Kultur Ost hat Lärm gemacht, Kulturschaffende haben Mails an Parlamentarier:innen verschickt und ihre Betroffenheit aufgezeigt, also eigentlich sehr still, aber wirkungsvoll gelärmt. Wer sich ständig wegduckt, hat kaum je Aussicht, von der Politik als Verhandlungspartnerin für voll genommen zu werden. Hier wurde «die Kultur» für einmal spürbar, und wenn sie damit einige Parlamentarier:innen genervt hat, dann ist das kein Weltuntergang, sondern einfach Teil des Spiels. Gewählte Politiker:innen müssen Anliegen aus der Bevölkerung ernst nehmen. Ein volles Postfach ist allemal verkraftbar.
Die Frühjahrsdebatte und unsere Recherchen zeigen, wie gut die Sportlobby im Vergleich zur Kultur im politischen System verankert ist. Die Regierung arbeitet derzeit am neuen Bewegungs- und Sportfördergesetz. Es war eine Selbstverständlichkeit, dass der Vorstand der ausserparlamentarischen IG Sport SG respektive die Sportfonds-Kommission schon früh in die Ausarbeitung miteinbezogen wurde. Es ist auch dieselbe Kommission, die über die Mittel aus dem Sportfonds verfügen kann, solange sie einen gewissen Betrag nicht überschreiten. Erst dann wird auch die Regierung involviert. Das sind aber Einzelfälle. Das Parlament hat bei der Sportgeldvergabe rein gar nichts zu melden.
Weshalb sollte es bei der Kultur anders sein? Weshalb sollte der Kantonsrat besser wissen als die Expert:innen aus Verwaltung und externer Interessenvertretung, welche Kulturprojekte Fördermittel verdienen und welche nicht? Warum sollen bauliche Massnahmen beim Sport in Teilprojekte aufgeteilt und mehrfach gefördert werden dürfen, während bei der Kultur eine Aufsplittung von Anträgen kategorisch ausgeschlossen wird?
Wenn sich die Regierung und das Kulturamt jetzt an die gesetzliche Ausarbeitung der kantonalen Lotteriefondspolitik machen, ist es zwingend, dass die IG Kultur Ost als Verhandlungspartnerin auf Augenhöhe von Anfang an in den Prozess miteinbezogen wird. Die Verwaltung muss ihre stiefmütterlichen Berührungsängste gegenüber der Kulturlobby endlich abstreifen. Beim Sport fragt ja auch niemand nach, ob es allenfalls Interessenkonflikte geben könnte, wenn die IG Sport SG als Dachverband der Sportvereine ebendiese gleich selber fördert.
Gegen sportliche Betätigung kann niemand ernsthaft etwas einwenden, auch nicht gegen ihre angemessene Förderung inner- und ausserhalb der organisierten Vereine und Verbände. Dasselbe gilt aber auch für die Kultur. Die geistige Fitness der Bevölkerung muss der Politik mindestens so viel Wert sein wie die körperliche.
Im Vorfeld der Frühjahrssession und der erneuten Debatte um die Lotteriefondsgelder haben Kultur und Politik erstmals zusammengearbeitet. Das zeigt, wie es um kulturpolitische Strategien steht.
Die Kultur bekommt künftig maximal 55 Prozent aus dem kantonalen Lotteriefonds, während der Anteil für den Sport steigt. Das hat der Kantonsrat beschlossen. An der heutigen Höhe der Kulturgelder soll sich zwar nichts ändern. Und doch schadet dieser Entscheid der Kultur.
Der Kantonsrat hat am Dienstag über die Vergabe der Lotteriefondsgelder beraten. Während von der Regierung ein konstruktiver Vorschlag vorlag, weibelten SVP und FDP für einen radikalen Kahlschlag der Kultur – mit Erfolg.
Mit dem Entlastungspaket 27 will der Bund sparen. Ein Blick in die 59 Massnahmen zeigt: Viele davon haben direkte und indirekte Folgen für die Schweizer Kultur – es sind die wohl schädlichsten seit langer Zeit.
Wie die Lotteriefondsgelder aufgeteilt und verwendet werden, unterscheidet sich von Kanton zu Kanton. Auch wer dabei mitreden darf, wird unterschiedlich gehandhabt – und ist teils umstritten. Ein Blick in die Ostschweizer Verteilpraxis.
In eigener Sache
Seit über vier Jahren entwickeln und betreiben Saiten und Thurgaukultur gemeinsam mit verschiedenen öffentlichen und privaten Partnern die grösste Ostschweizer Veranstaltungskalenderplattform Minasa, ein Angebot, das der Bevölkerung und den Veranstalter:innen gratis zur Verfügung steht und letzteren unkompliziert eine grosse Reichweite ermöglicht. Nun hat der Kantonsrat in einer Hauruckübung Mittel aus dem Lotteriefonds gekippt, die für das Projekt entscheidend sind.
Nach dem sensationellen Sieg gegen Benfica steht für den FC St.Gallen das erste Ligaheimspiel auf dem Programm. Wie starten die Espen in die Saison? Das Spiel live ab 16.30 Uhr im SENF-Ticker.
In leichten Pastelltönen und dunklen Ölfarben setzt sich der deutsche Künstler Marcel Hüppauff mit dem Profiradsport auseinander. Dabei treten in seiner Schau im Chambre Directe-Schubiger in St.Gallen nicht nur Menschen, sondern auch Katzen in die Pedale.
Mit Hildegard Fässler (1951–2026) verstarb kurz vor ihrem 75. Geburtstag eine der profiliertesten Ostschweizer Politikerinnen an den Folgen einer schweren Erkrankung. Nachruf einer langjährigen Weggefährtin.
Versteckt im Sittertal produziert die Kunstgiesserei Werke renommierter Künstler:innen. Dabei gilt es oft, Neues auszuprobieren und Lösungen zu finden – mit Zucker, Wachs und natürlich Metall. Saiten erhält einen Einblick in das verrückte Schaffen am Rande St.Gallens.
Der FC St.Gallen gewinnt gegen den haushohen Favoriten aus Lissabon mit 2:1. Die grösste Sensation, die dieses Stadion je gesehen hat. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 4: Cyprien Gaillard – «When you expect flutes, it whistles», «Komm Glüückck» und Jeremy Reeds Buch Du stirbst nur zweimal – Ein Sylvia Plath-/Victoria Lucas-Roman.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Die Baupläne sind gezeichnet, das Baugesuch liegt zur Vorprüfung bei der Stadt – doch noch ist einiges rund um den Wiederaufbau der Rorschacher Badhütte zu klären. Was passiert zum Beispiel mit all den angerosteten und teils verbogenen Scharnieren, Schlössern und anderen Eisenteilen, die die Taucher aus dem See heraufgebracht haben?
Mohsen Masoudi ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz geflohen. Heute lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Opposition. Er erzählt, warum es die Schliessung der iranischen Botschaft braucht und was sich mit den Protesten Anfang Jahr verändert hat.
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.
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Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 3: «Was der Kaiser noch sah», Olaf Breuning – «Humans» und Oriana Bruseghini – Das verlassene Rettungsboot.
Wie setzt Fotografie Mode in Szene? Und wer fotografiert dabei eigentlich wen? Das Textilmuseum St.Gallen gibt mit «Mise en Scène» Einblicke in 120 Jahre Modegeschichte. Es ist die letzte Schau vor dem Museumsumbau.
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