«Das Internet vergisst nie», lautet ein weitverbreiteter Irrtum. Es kommt zwar vor, dass Unangenehmes oder Unwahrheiten oft länger als erwünscht im Netz schwirren. Mit wenigen Klicks sind teils Jahrzehnte zurückliegende persönlich-peinliche oder auch politisch relevante Fehltritte oder Straftaten wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Und dennoch «vergisst» auch das Internet, einfach wesentlich langsamer als Menschen: Links verfallen, Websites werden gelöscht, alte Informationen weg-upgedatet. (Im schlechtesten Fall beschleunigen gutbezahlte Anwält:innen und andere Imagepfleger:innen die digitalen Vergessensprozesse aktiv.) Mit Liegengelassenem, Updates und Löschungen verschwinden aber nicht nur die kleinen und grossen menschlichen Schweinereien, sondern auch viel Erinnerungswertes und potenziell nützliches Wissen, das einzelne oder Schwarm-Intelligenzen einmal produziert haben.
Hier setzt das Internet Archive an, das mit seiner Wayback Machine alte, gelöschte und erneuerte Internetseiten öffentlich zugänglich hält. Gegründet hat das Non-Profit-Megaprojekt der kalifornische Informatiker und Aktivist Brewster Kahle. Mit der gemeinnützigen Stiftung Internet Archive Switzerland eröffnet er jetzt einen Standort in St.Gallen. In Zeiten, in denen es Bibliotheksprojekte politisch schwer haben, ist das ein gutes Zeichen. Philipp Bürkler hat mit Kahle und weiteren Digitalarchivexpert:innen, die kürzlich in St.Gallen waren, gesprochen und erklärt in seinem Beitrag, welche Informationen auf den Ostschweizer Servern gespeichert werden, was das mit einer alten St.Galler Tradition zu tun hat und warum Datenarchivierung kein reiner Akt des Sammelns, sondern immer auch hochpolitisch ist. Und David Gadze berichtet, wie es einem St.Galler Internetpi(n)onier gelungen ist, Brewster Kahle vom Standort St.Gallen zu überzeugen.
Ausserdem im geschichtsträchtigen Juni: die Besprechung des neuen Buchs von Ralph Hug und Corinne Schatz über die St.Galler Kulturaufbrüche der 80er-Jahre, ein Expert:innengespräch zu zunehmender häuslicher Gewalt, Femiziden in der Ostschweiz und Männern unter Generalverdacht, die Flaschenpost von der Biennale in Venedig und das Abschiedsinterview mit Matthias Peter, der zum Ende dieser Spielzeit die Leitung der Kellerbühne abgibt.Roman Hertler