Das Gedächtnis der Zukunft
St.Gallen bewahrt nicht mehr nur 1000-jährige Handschriften. Mit dem Internet Archive Switzerland entsteht hier ein Archiv für Webseiten, künstliche Intelligenz und das digitale Gedächtnis der Zukunft.
Seit über 1000 Jahren verteidigt St.Gallen das Wissen gegen das Vergessen. Hinter den barocken Mauern der Stiftsbibliothek lagern tausendjährige Handschriften. Pergamentseiten, beschrieben von Mönchen, die glaubten, Wissen müsse bewahrt werden – nicht für Jahre, sondern für Jahrhunderte. Bereits Gallus, der irische Missionar und Gelehrte, der die Siedlung St.Gallen im Jahr 612 begründete, brachte Bücher hierher. Ab dem 8. Jahrhundert entstand ein Skriptorium, in dem Mönche Handschriften kopierten, sammelten und archivierten.
Der Legende nach warnte die spätere St.Galler Schutzheilige Wiborada im 10. Jahrhundert die Mönche des Benediktinerklosters rechtzeitig vor einem Angriff der Ungarn, worauf die wertvollen Manuskripte in einer Fluchtburg in Sicherheit gebracht wurden. Die Inklusin selbst fand bei dem Angriff den Tod – die Handschriften jedoch überlebten (mehr dazu im Wiborada-Schwerpunkt in der Mai-Ausgabe und auf saiten.ch). Über Jahrhunderte hinweg überstand die Bibliothek Kriege, Brände und politische Umbrüche – von den Ungarneinfällen über die Reformationszeit bis zur Aufhebung der Fürstabtei Anfang des 19. Jahrhunderts.
Nach mehr als 1000-jähriger Archivgeschichte wird in St.Gallen erneut darüber nachgedacht, wie Wissen vor dem Verschwinden bewahrt werden kann. Diesmal geht es nicht um Pergamentrollen und Bücher, sondern um Webseiten, digitales Kulturerbe, Sprachmodelle und künstliche Intelligenz. In St.Gallen entsteht derzeit eines der ungewöhnlichsten Archivprojekte Europas: Internet Archive Switzerland.
Das Internet Archive ist ursprünglich eine aus San Francisco stammende Nonprofit-Organisation. Auf archive.org betreibt sie eine riesige digitale Bibliothek aus Webseiten, Büchern, Filmen, Musik, Software, Radio- und Fernsehsendungen, Videokunst und unzähligen weiteren digitalen Inhalten. Am bekanntesten ist das Projekt «Wayback Machine» – eine Art digitale Zeitmaschine, mit der sich ältere Versionen von Webseiten aufrufen lassen. So wird sichtbar, wie eine Website vor Jahren aussah, selbst wenn sie inzwischen verändert oder längst gelöscht wurde. Im Herbst 2025 verzeichnete die Datenbank erstmals über eine Billion archivierter Webseiten. Das Ziel des Internet Archive ist, digitales Wissen und Kultur zu bewahren und allen Menschen mit einem Internetzugang zur Verfügung zu stellen. Forschende, Journalist:innen, Historiker:innen, Künstler:innen, Studierende und die Öffentlichkeit nutzen es weltweit als Quelle. Mit inzwischen über 200 Petabyte gespeicherter Daten – das entspricht etwa 200’000 Laptops mit jeweils einem Terabyte Speicherplatz – gilt das Internet Archive als eine der grössten digitalen Bibliotheken der Welt.
Gegründet wurde das Internet Archive vor genau 30 Jahren vom US-Amerikaner Brewster Kahle. Angefangen hat alles mit der Archivierung von Websites der US-Präsidentschaftswahl 1996 zwischen Amtsinhaber Bill Clinton und dem republikanischen Herausforderer Bob Dole für das Smithsonian Institute, der grössten Museums-, Forschungs- und Bildungseinrichtung der Welt. Es war die erste US-Präsidentschaftswahl des Internet-Zeitalters. Der Gedanke damals: Das Internet könnte dereinst historisch bedeutsam werden – und politische Websites so wertvoll wie alte Wahlkampf-Buttons oder Aufkleber.
Brewster Kahle, 1960, ist Informatiker, Unternehmer und Aktivist. Er hat 1996 das Internet Archive und 2007 die Open Library gegründet.
Dahinter stand jedoch eine viel grössere Idee. Das frühe Internet verstand sich nicht nur als technisches Netzwerk, sondern auch als Wissensraum und Wissensinfrastruktur, um die gesamte menschliche Wissenssammlung digital zugänglich zu machen – eine Art universelle Bibliothek für alle. «Einer der grossen Träume des Internets war es, eine Bibliothek zu sein», sagt Brewster Kahle im Gespräch, das Saiten am Rande des diesjährigen St.Gallen Symposium mit ihm geführt hat. Die Vision: die gewaltigen Bestände der Library of Congress nicht nur als monumentale Bibliothek in Washington, sondern direkt auf dem eigenen Schreibtisch verfügbar zu machen.
Was zunächst wie eine Utopie klingt, wurde für Brewster Kahle zum Projekt seines Lebens. Der 1960 in einem Vorort von New York geborene Kahle studierte am Massachusetts Institute of Technology und beschäftigte sich bereits Anfang der 80er-Jahre am dortigen Artificial Intelligence Lab mit der Idee, Wissen digital zugänglich zu machen. Er half später beim Aufbau der Supercomputerfirma Thinking Machines Corporation und arbeitete – noch vor Google – an frühen Suchsystemen. Mit dem Ziel, eine digitale Bibliothek zu bauen, begleitete er den Übergang vom ARPANET, einem frühen Computernetzwerk des US-Verteidigungsministeriums, das Ende der 60er-Jahre entstanden ist, zum heutigen Internet. In den 90er-Jahren half Visionär Kahle zudem grossen Zeitungen wie der «New York Times» und dem «Wall Street Journal» beim Schritt ins Internet. Immer mit dem langfristigen Ziel, eine universelle digitale Bibliothek aufzubauen.
Die Vorstellung, das gesamte menschliche Wissen frei zugänglich zu machen, beschäftigte Denker:innen und Informatikpionier:innen schon lange vor Brewster Kahle. Doch erst in den 90er-Jahren begann er, diese jahrzehntealten Visionen konkret umzusetzen – mit dem Aufbau des Internet Archive. Für Kahle liegt genau darin der eigentliche Sinn des Internets: Informationen nicht zu verknappen, sondern möglichst vielen Menschen in einem offenen und und freien Internet zugänglich zu machen. Das Motto des Internet Archive lautet deshalb: «Universal Access to All Knowledge.»
Drei Jahrzehnte nach der Gründung des Internet Archive führt diese Idee nun auch in die Schweiz. Unter dem Namen «Internet Archive Switzerland» (internetarchive.ch) entsteht in St.Gallen – nach Vancouver und Amsterdam – der dritte internationale Standort des gemeinnützigen Projekts ausserhalb der USA. Massgeblich mitverantwortlich dafür ist der St.Galler Internet-Avantgardist Piero Stinelli. Als Brewster Kahle und sein Team vor rund zehn Jahren begannen, nach internationalen Standorten für das Internet Archive zu suchen, brachte Stinelli St.Gallen als Ort für ein digitales Langzeitarchiv ins Spiel. Nach Jahren der Vorbereitung ist dieser Impuls nun Realität geworden.
«Es ist eine eigenständige Stiftung, die sich als Schweizer Organisation für die Vision des Internet Archive einsetzt», sagt der Internet-Pionier Kahle. Für ihn ist St.Gallen der ideale Standort: Die Stiftsbibliothek bewahre seit über 1000 Jahren Wissen auf.
Die Stiftung Internet Archive Switzerland steht unter der Leitung von Roman Griesfelder. Für ihn ist die Wahl des Standorts kein Zufall. «St.Gallen hat eine sehr starke Archivtradition.» Besonders das Stiftsarchiv St.Gallen sei weltweit nahezu einzigartig: «Es gibt nicht viele Archive, die über so lange Zeit ununterbrochen ihre Tätigkeit durchgeführt haben.»
Roman Griesfelder, 1968, ist Soziologe und Betriebsökonom und leitet das Internet Archive Switzerland.
Für Griesfelder liegt genau in dieser jahrhundertelangen Kontinuität die Verbindung zwischen St.Gallen und dem Internet Archive. Denn während hier Wissen über Generationen hinweg bewahrt wurde, ging es andernorts immer wieder verloren. «Die Geschichte der Archive und Bibliotheken ist eine Geschichte des Vergehens», so der frühere Co-Direktor des Kunstmuseums St.Gallen. Viele Archive seien durch Kriege, Brände oder politische Umbrüche verschwunden. Die Stiftsbibliothek St.Gallen und das Stiftsarchiv gehören dagegen zu den wenigen Orten Europas, an denen Wissen über Jahrhunderte kontinuierlich bewahrt wurde. «Wissen verschwindet, wenn man sich nicht darum kümmert.» Genau diese Haltung verbinde mittelalterliche Bibliotheken mit digitalen Archiven. Nur die Methoden hätten sich verändert: Wo früher Pergamentrollen lagerten, stehen heute Server. Wo einst Mönche Handschriften kopierten, archivieren heute Algorithmen digitale Inhalte.
Besonders deutlich zeigt sich dieser Anspruch in einem ziemlich ambitionierten Projekt, das auf den ersten Blick futuristisch wirkt, im Kern aber dieselbe jahrhundertealte Frage stellt: Wie bewahrt man Wissen einer Epoche, bevor es verschwindet? Gemeinsam mit Forschenden der Universität St.Gallen arbeitet Internet Archive Switzerland an der Archivierung von Sprachmodellen – sogenannten Large Language Models – und Systemen künstlicher Intelligenz.
Einer der treibenden Köpfe dahinter ist Damian Borth, Informatikprofessor an der Universität St.Gallen. Für ihn sind moderne KI-Modelle weit mehr als bloss Softwareprogramme. «Generative KI und Sprachmodelle können als komprimierte Versionen des Internets verstanden werden», erklärt Borth. Wenn das Internet Archive das Netz selbst bewahren wolle, sei es deshalb nur logisch, auch jene Systeme zu archivieren, die aus diesen Daten trainiert wurden.
Damian Borth, 1981, HSG-Professor für Artificial Intelligence und Machine Learning
Generative KI bezeichnet Systeme künstlicher Intelligenz, die neue Inhalte erzeugen können, etwa Texte, Bilder, Musik, Videos oder Programmcodes. Anders als klassische Software antwortet sie nicht nur nach festen Regeln, sondern erstellt auf Basis grosser Datenmengen eigenständig neue Inhalte. Sprachmodelle sind eine spezielle Form generativer KI. Sie wurden mit riesigen Mengen von Texten trainiert und können dadurch Sprache verstehen und selbst Texte formulieren. Systeme wie ChatGPT (OpenAI) oder andere KI-Chatbots basieren auf solchen Sprachmodellen. (pbü)
Für Borth geht es bei der Archivierung von KI-Modellen nicht nur um Technik, sondern auch um gesellschaftliche Nachvollziehbarkeit. «Es ist wertvoll, eine chronologische, zeitabhängige Archivierung zu haben», sagt der Zukunftsdenker. Nur so lasse sich später rekonstruieren, welche Sprachmodelle zu einem bestimmten Zeitpunkt verfügbar waren und wie sie möglicherweise Meinungen, politische Debatten oder Entscheidungen beeinflusst haben. Denn Sprachmodelle seien keine neutralen Kopien des Internets: «Es gibt unbekannte Variablen, die in die eine oder andere Richtung wirken können: politischer Bias, bestimmte Fokussetzungen oder andere Verzerrungen.» Wenn künftig bessere Analysewerkzeuge entstehen, könnten archivierte Modelle helfen, solche Entwicklungen rückwirkend sichtbar zu machen.
Archiviert werden deshalb nicht nur einzelne Programme, sondern ganze technische Ökosysteme. Dazu gehören auch die sogenannten «Gewichte» eines neuronalen Netzes, also jene Milliarden mathematischer Parameter, die das Verhalten der KI bestimmen. Professor Borth beschreibt sie als «die DNS der KI». Neben den eigentlichen Modellen werden auch Metadaten, wissenschaftliche Publikationen, Webseiten, journalistische Artikel oder technische Frameworks archiviert, damit sich beispielsweise aktuelle Versionen von KI-Chatbots auch Jahre oder Jahrzehnte später möglichst originalgetreu wieder starten lassen.
KI-Systeme zu archivieren, um gesellschaftliche Entwicklungen später nachvollziehen zu können, ist nicht nur eine technische Aufgabe. Denn je stärker Sprachmodelle beeinflussen, wie Menschen Wissen suchen und Informationen wahrnehmen, desto stärker stellt sich auch eine politische Frage: Wer kontrolliert eigentlich diese KI-Systeme und Sprachmodelle – ChatGPT, Claude, Gemini, Llama, Copilot, Perplexity oder DeepSeek –, mit denen Menschen zunehmend Wissen suchen und Intimes austauschen?
Denn Sprachmodelle sind längst mehr als technische Werkzeuge. Millionen Menschen benutzen sie inzwischen nicht nur zum Schreiben oder Programmieren, sondern auch als Suchmaschine, Gesprächspartnerin oder Entscheidungshilfe. Wo Google einst Listen von Hyperlinks präsentierte, liefern Chatbots heute fertige Antworten. Doch diese Antworten sind nicht neutral.
Caroline de Cock, die im Beirat von Internet Archive Switzerland ist und im Mai anlässlich des Symposiums in St.Gallen war, beschäftigt sich seit Jahren mit genau dieser Entwicklung. Die belgische Forscherin arbeitet zu künstlicher Intelligenz, Medienpolitik und digitaler Öffentlichkeit und sieht darin eine der zentralen gesellschaftlichen Fragen der Gegenwart.
Caroline de Cock ist Juristin und Expertin für europäische Technologiepolitik, Internet- und Medienregulierung und digitale Rechte. Sie sitzt im Beirat von Internet Archive Switzerland.
Seit Jahren wird darüber diskutiert, wie soziale Netzwerke, Plattformen und das Internet die Meinungsfreiheit verändern. Caroline de Cock sieht inzwischen jedoch eine noch grundlegendere Gefahr: «Was bedroht ist, ist nicht nur die Meinungsfreiheit», sagt sie. «Sondern auch die Freiheit des Denkens.»
Denn KI-Systeme liefern nicht einfach Informationen. Sie filtern, priorisieren und begrenzen Inhalte. Sie besitzen sogenannte Guardrails. Das sind Regeln, die darüber entscheiden, welche Antworten generiert werden dürfen und welche nicht. Auf den ersten Blick wirken solche Schutzmechanismen sinnvoll. Sie sollen Gewalt, Extremismus oder illegale Inhalte verhindern, beispielsweise wie man eine Bombe baut. Gleichzeitig definieren sie aber auch die Grenzen dessen, worüber ein System überhaupt sprechen kann.
In der Logik der Grundrechte ist es erlaubt, über alles nachzudenken. Gedankenfreiheit bedeutet auch, destruktiv oder negativ zu denken. Das Problem: Eine Maschine ist nicht in der Lage zu unterscheiden, in welchem Kontext ein Gedanke geäussert wird. De Cock macht ein Beispiel: «Wenn jemand fragt, ‹Wie töte ich einen Menschen, ohne erwischt zu werden?›, kann das bedeuten, dass diese Person potenziell kriminell ist – oder dass sie einen Krimi schreibt», sagt die Forschungsleiterin des Thinktanks Information Labs.
Problematisch wäre es auch, wenn Unternehmen, Regierungen oder andere Akteure Menschen mit politischen Sichtweisen beeinflussen, absichtlich oder unabsichtlich. Eine Regierung könnte KI-Hersteller bewusst unter Druck setzen und verlangen, der Chatbot solle dies oder jenes tun, sagen oder besprechen. «Wenn Chatbots entscheiden, worüber sie sprechen dürfen und worüber nicht, beeinflussen sie auch, worüber Menschen nachdenken», so die Brüsseler KI-Forscherin. Das Problem sei dabei subtiler als bei sozialen Medien. Viele Gespräche mit KI fänden nicht öffentlich statt, sondern privat. «Man spricht alleine mit der Maschine», so de Cock.
Gerade deshalb werde Transparenz entscheidend: Wer definiert die Regeln dieser Systeme? Unter welchen politischen, wirtschaftlichen oder kulturellen Einflüssen entstehen sie? Und wie lassen sich solche Modelle in Zukunft überhaupt noch kritisch untersuchen, wenn ältere Versionen verschwinden?
Genau darin sieht de Cock die Bedeutung von Projekten wie Internet Archive Switzerland. Denn archivierte KI-Modelle könnten eines Tages nicht nur technische Artefakte sein, sondern historische Dokumente einer Gesellschaft – Momentaufnahmen dessen, wie eine bestimmte Generation dachte, argumentierte und Wissen organisierte.
Die Sorge betrifft dabei nicht nur einzelne Antworten von Chatbots, sondern die grundsätzliche Frage, wie Öffentlichkeit künftig funktioniert. Denn wenn immer mehr Menschen Informationen direkt von KI-Systemen beziehen, verändert sich nicht nur die Art, wie Menschen denken und Wissen aufnehmen, sondern auch die Struktur des Internets selbst. Webseiten könnten an Bedeutung verlieren. Klassische Suchmaschinen ebenso. Und damit möglicherweise auch jene offene Verlinkungskultur, auf der das frühe Internet aufgebaut war.
Brewster Kahle beobachtet diese Entwicklung mit Sorge. Für den Gründer des Internet Archive steht dabei nicht nur Technologie auf dem Spiel, sondern die Idee einer informierten demokratischen Öffentlichkeit. «Die Wahrheit ist hinter Bezahlschranken verborgen, während die Lügen frei verfügbar sind.»
Tatsächlich verschwinden qualitativ hochwertige Informationen zunehmend hinter kostenpflichtigen Plattformen und Abonnements. Studien zufolge arbeiten inzwischen rund 70 Prozent der grossen Nachrichtenseiten in Europa mit Bezahlschranken. In den USA sind es sogar noch mehr. Wissenschaftliche Arbeiten, Qualitätsjournalismus oder historische Quellen sind deshalb oft nur eingeschränkt zugänglich. Für viele Menschen bleiben vor allem jene journalistischen Inhalte frei verfügbar, die möglichst viel Aufmerksamkeit erzeugen sollen: schnell produzierte Texte, emotionalisierte Videos oder algorithmisch optimierte Beiträge zweifelhafter Qualität, mit denen Plattformen und Medienunternehmen um Klicks, Reichweite und Werbeeinnahmen konkurrieren. «Frei verfügbar sind häufig Propaganda oder erfundene Inhalte», sagt Kahle. Darin sieht er eine der grössten Gefahren für liberale Demokratien.
Parallel dazu produzieren soziale Netzwerke und KI-Systeme enorme Mengen billiger Inhalte – Texte, Bilder und Videos, die kaum überprüfbar sind, oft keinen journalistischen Standards entsprechen und sich millionenfach verbreiten lassen. Caroline de Cock spricht in diesem Zusammenhang von «AI Slop», also einer wachsenden Flut maschinell erzeugter Inhalte oberflächlicher Qualität. Insbesondere rechte Parteien, rechtsextreme Influencer:innen oder Amateurjournalist:innen nutzen KI, um bewusst manipulierte Inhalte herzustellen, mit denen Menschen beeinflusst und getäuscht werden sollen. Dieser automatisch generierte Content verwandelt das Internet zunehmend in eine digitale Müllhalde.
Problematisch wird diese Entwicklung, weil KI-Systeme wiederum mit genau diesen Beiträgen trainiert werden. Modelle erzeugen Pseudoinhalte, diese landen im Netz, spätere Modelle lernen daraus erneut. Dadurch entsteht eine Art Rückkopplungsschleife künstlicher Desinformation. Damian Borth beschreibt dieses Risiko als reale Gefahr für das Niveau zukünftiger Systeme. Wenn halluzinierte oder fehlerhafte Inhalte immer wieder in Trainingsdaten zurückflössen, könne die Qualität der Modelle langfristig degenerieren. «Dann trainiert KI irgendwann KI mit KI-generierten Daten», so Borth.
Gerade deshalb sei Archivierung entscheidend. Nicht nur, um Informationen zu speichern, sondern um nachvollziehen zu können, wie sich digitale Wissenssysteme verändern. Welche Quellen verwendeten frühe Sprachmodelle? Welche politischen oder kulturellen Tendenzen enthielten sie? Welche Informationen verschwanden mit der Zeit? Und wie unterscheiden sich die Antworten eines Systems im Jahr 2026 von jenen zehn oder 50 Jahre in der Zukunft? Ohne archivierte Modelle, Datensätze und Webseiten liessen sich solche Fragen irgendwann kaum mehr beantworten.
Für Brewster Kahle ist das Internet Archive deshalb mehr als eine technische Plattform. Es ist der Versuch, ein kulturelles Gedächtnis des digitalen Zeitalters aufzubauen – in einer Zeit, in der Informationen zwar allgegenwärtig erscheinen, gleichzeitig aber flüchtiger und intransparenter geworden sind als je zuvor.
Es gibt weltweit wohl keinen besseren Ort, solche Debatten zu führen und über die Zukunft des globalen Kulturerbes zu diskutieren, als St.Gallen. Zwischen der Stiftsbibliothek mit ihren jahrhundertealten Handschriften, dem Stiftsarchiv und den neuen KI-Projekten der Universität St.Gallen entsteht derzeit eine unvergleichliche Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft.
Soziologe Griesfelder sieht darin mehr als bloss Symbolik. Für ihn geht es um eine kulturelle Haltung, die St.Gallen seit Jahrhunderten prägt: Wissen zu bewahren, auch in Zeiten politischer oder gesellschaftlicher Unsicherheit. Die meisten Bibliotheken oder Archive der Menschheitsgeschichte seien zerstört worden, durch Kriege, Brände, Ideologien oder schlichte Vernachlässigung, sagt der gebürtige Österreicher. Das berühmteste Beispiel dafür ist bis heute die Bibliothek von Alexandria. Über Jahrhunderte galt sie als grösste Wissenssammlung der antiken Welt. Hunderttausende Schriftrollen sollen dort gelagert haben. Doch politische Umbrüche und fehlender Schutz führten dazu, dass dieses Wissen für immer verschwand. Bis heute steht Alexandria symbolisch für die Fragilität kultureller Erinnerung. Auch deshalb betreibt Inernet Archive in der 2002 eröffneten Bibliotheca Alexandrina einen Spiegelserver für seine Inhalte.
Dass die St.Galler Handschriftensammlung über Jahrhunderte hinweg erhalten blieb, ist deshalb alles andere als selbstverständlich. Diese Erfahrung präge auch die Idee von Internet Archive Switzerland, so Griesfelder: «In der digitalen Ära müssen dieselben Prinzipien angewendet werden wie in den Jahrhunderten davor: Sammeln, Bewahren, Organisieren und Strukturieren.»
Während frühere Bibliotheken vor Feuer, Kriegen oder Plünderungen geschützt werden mussten, sind digitale Informationen heute auf andere Weise bedroht: durch kaputte Links, verschwindende Plattformen, proprietäre Systeme, veraltete Hardware, politische Einflussnahme oder mangelndes Bewusstsein für digitales Kulturerbe.
Künstliche Intelligenz verschärft diese Entwicklung zusätzlich: Viele der mächtigsten Sprachmodelle werden von wenigen grossen Unternehmen in den USA oder China kontrolliert. Wie diese Systeme funktionieren, mit welchen Daten sie trainiert werden und welche politischen oder wirtschaftlichen Interessen in sie einfliessen, bleibt der Wissenschaft und auch den Nutzer:innen oft weitgehend verborgen.
Genau deshalb könnte die Schweiz langfristig eine besondere Rolle als eine Art «Safe Haven» spielen. Sie gilt international als stabil, neutral und vergleichsweise vertrauenswürdig. Eigenschaften, die nicht nur für Banken oder internationale Organisationen relevant sind, sondern möglicherweise auch für digitale Archive. «Es ist aus meiner Sicht ein Menschenrecht und eine gesellschaftliche Verantwortung, möglichst viel Wissen zu archivieren und es möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen», so Griesfelder.
Neben der Archivierung von KI-Modellen engagiert sich Internet Archive Switzerland deshalb auch für den Erhalt von bedrohten Archiven und digitalen Sammlungen. Das Projekt «Endangered Archives» soll vom Verschwinden gefährdete Archive und Bibliotheken auch künftigen Generationen zugänglich machen. Gemeinsam mit internationalen Partnern wie beispielsweise der Unesco wird untersucht, wie kulturelles Wissen langfristig geschützt werden kann, selbst wenn es andernorts bedroht ist – durch politische Entwicklungen, Klimawandel oder fehlende Infrastruktur. Dabei geht es nicht nur um Technologie, sondern auch um Zeit.
Mittelalterliche Klöster dachten in Jahrhunderten. In unserer Zeit denken Politik und Wirtschaft oft nur bis zu den nächsten Wahlen oder dem nächsten Produkt- und Marktzyklus. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Besonderheit von St.Gallen: dass hier plötzlich wieder über Wissen in historischen Dimensionen nachgedacht wird. Nicht in Monaten oder wenigen Jahren, sondern in Jahrzehnten, Jahrhunderten und vielleicht sogar Jahrtausenden.
Seit mehr als fünf Jahrtausenden versuchen Menschen, Wissen über ihre eigene Zeit hinaus zu bewahren. Zu den ältesten bekannten Archivdokumenten der Menschheit gehören Keilschrifttafeln aus Mesopotamien, auf denen bereits vor über 3000 Jahren vor unserer Zeitrechnung Handelsgeschäfte, Steuern oder Ernten festgehalten wurden. Von den ersten Tontafeln über mittelalterliche Klosterbibliotheken bis zu digitalen Archiven und KI-Modellen zieht sich damit eine erstaunlich konstante Idee durch die Geschichte der Zivilisation: Wissen soll nicht verschwinden, sondern erhalten und zugänglich gemacht werden. Nun wird diese Geschichte massgeblich in St.Gallen weitergeschrieben.
St.Gallen besitzt zwar nicht die ältesten Dokumente der Menschheit. Doch kaum ein anderer Ort Europas steht so stark für die kontinuierliche und vollständige Bewahrung von Wissen über mehr als zehn Jahrhunderte. Genau hier entsteht nun nicht einfach ein weiteres digitales Archiv, sondern womöglich eine neue Vorstellung davon, was eine Bibliothek im 21. Jahrhundert und darüber hinaus überhaupt sein könnte. «Die Idee des langfristigen Denkens passt perfekt zu St.Gallen», ist Brewster Kahle überzeugt.
Dieses langfristige Denken könnte im digitalen Zeitalter plötzlich wieder geopolitische Bedeutung erhalten. Während Wissen früher an einzelnen Orten wie Alexandria gesammelt wurde, lässt es sich heute theoretisch weltweit spiegeln und dezentral sichern. Archive müssen nicht mehr an einem einzigen Ort existieren. Sie können verteilt, vervielfältigt und über Kontinente hinweg abgesichert werden.
Für Roman Griesfelder liegt genau darin eine grosse Chance für die Schweiz. Er wünsche sich, «dass möglichst viele Daten in der Schweiz gespeichert werden und dass wir gleichzeitig das weltweite Internet Archive mit mehr schweizerischen und europäischen Inhalten anreichern können». Denn das gigantische Wissensarchiv sei bis heute noch stark angloamerikanisch geprägt.
In einer Zeit zunehmender politischer Spannungen, wachsender Plattformkontrolle und digitaler Desinformation könnte die langfristige Archivierung von Wissen und Daten zu einer neuen Stärke der Schweiz werden. Brewster Kahle sieht darin eine mögliche Zukunft für das Land: «Das könnte eine wichtige Nische sein.»
Noch weiss niemand, wie Bibliotheken in 100 oder 1000 Jahren aussehen werden. Mit dem Entscheid, die Vision des Internet Archive nach St.Gallen zu bringen, wird hier aber der Grundstein für die Bewahrung des Wissens künftiger Generationen gelegt. Für Brewster Kahle ist klar: «Die Aufgabe der Bibliotheken der Zukunft ist es, die Schätze des Wissens in neue Formen zu übersetzen.» Denn die wichtigste Form der Bewahrung von Wissen ist es, Dinge in Benutzung zu halten und allen Menschen Zugang zu Wissen zu ermöglichen. Dauerhaft bewahrt wird Wissen nicht in Archiven allein, sondern in den Menschen, die es nutzen und weitergeben. Kahle sieht das Projekt in der Tradition der grossen Wissenssammlungen vergangener Epochen: «Vielleicht wird man sich in hunderten Jahren an uns erinnern, weil wir etwas Grosses erreicht haben, ähnlich wie die Bibliothek von Alexandria in der Antike.»
Trotz künstlicher Intelligenz und digitaler Archive bleibt die grundlegende Frage dieselbe wie vor 1000 Jahren im Skriptorium des Klosters St.Gallen: Was soll von unserer Zeit erhalten bleiben? Wie können künftige Generationen nachvollziehen, wie wir im 21. Jahrhundert lebten, dachten und kommunizierten? Denn auch im digitalen Zeitalter entscheidet sich kulturelles Gedächtnis nicht von selbst. Wissen muss gesammelt, bewahrt und weitergegeben werden. Genau darin sehen digitale Bibliotheken wie das Internet Archive ihre Aufgabe. Brewster Kahle bleibt optimistisch. Am Ende des Gesprächs sagt er: «Lasst uns das bauen!»
Eine vertiefende Audioreportage von Philipp Bürkler zum Thema gibt es auf resetter.org/reportagen. Darin sprechen Brewster Kahle, Roman Griesfelder, Damian Borth und Caroline de Cock ausführlicher über die Zukunft digitaler Archive, künstliche Intelligenz und das digitale Gedächtnis der Menschheit.
Bibliothek
Der Megatrend Digitalisierung löst auch in Bibliotheken Veränderungen aus. Die technischen Lösungen sind weit entwickelt, doch abseits von Tools stellen sich grundsätzlichere Fragen: Was sammeln wir? Wie bereiten wir es auf? Und wo machen wir es zugänglich?
Jonas Ulrich taucht mit seinem ersten Spielfilm in die Black-Metal-Welt ab. Wolves ist eine bildstarke Geschichte über Einsamkeit und das Dazugehören, voller Gegensätze und mit etwas holprigen Dialogen.
St.Gallen bewahrt nicht mehr nur 1000-jährige Handschriften. Mit dem Internet Archive Switzerland entsteht hier ein Archiv für Webseiten, künstliche Intelligenz und das digitale Gedächtnis der Zukunft.
Mit Internet Archive Switzerland entsteht in St.Gallen ein Ableger des grössten Archivs für Websiten und Künstliche Intelligenz weltweit. Ausserdem im Juniheft: Männer unter Generalverdacht, das grosse St.Galler 80er-Buch, das Abschiedsinterview mit dem langjährigen Kellerbühnenchef und die Flaschenpost aus Venedig.
Der WWF St.Gallen wird 50 Jahre alt. Sein Geschäftsleiter Lukas Indermaur zieht bei der Beurteilung der aktuellen Situation von Natur und Umwelt eine durchzogene Bilanz.
«Urs Frei. A – Z» im Kunstmuseum St. Gallen ist die erste Retrospektive zum ausserordentlichen Schaffen von Urs Frei (1958 – 2023). Rund 140 Arbeiten geben Einblick in ein Werk, das kaum zu fassen ist. Das gehört zu seiner Qualität.
Wie wollen wir künftig leben und unsere Nahrungsmittel produzieren? Die Ausstellung «How goes Tomorrow» der Ostschweizer Künstlerin Claude Bühler in der Shedhalle in Frauenfeld sensibilisiert für nachhaltige Handlungsstrategien.
«Das Kind zurücklassen? Wie kann man so dumm und herzlos sein», schreibt der Schweizer Autor Lukas Bärfuss über seine Mutter, die keine Mutter für ihn sein konnte. In seinem neuen Buch schaut er in die Vergangenheit und hat Verständnis, nicht für die Mutter, aber doch für diese Frau, die nie Glück und immer zu wenig Geld hatte.
Gaal, Görtler und Witzig schiessen St. Gallen zum langersehnten Cupsieg!
Die Medikamentenversuche von Münsterlingen als Teil eines Vampir-Musicals? Auf die Idee muss man erst einmal kommen. Die Bühne Mammern wagt den Versuch. Ab 29. Mai im Zirkuszelt.
Die diesjährige Kulturlandsgemeinde findet entlang der Bahnlinie zwischen Gossau und Wasserauen statt. Es ist ein interdisziplinäres Experimentzwischen Kunst, Gesellschaft und Aktivismus. Ausserdem stellt die Kulturlandsgemeinde künstlerisch und organisatorisch die Weichen für die Zukunft.
Am Samstag findet in St.Gallen erstmals das Punkfestival El Cartel statt. Es soll dazu beitragen, die Szene zu stärken. Dabei fehlt es gerade in St.Gallen an Nachwuchs.
Seit 40 Jahren macht die Bibliothek Wyborada in St.Gallen sichtbar, was lange fehlte: Literatur von und über Frauen. Heute sind Autorinnen und feministische Themen zwar stärker präsent in der Öffentlichkeit, doch die Relevanz der Bibliothek ist nach wie vor gross.
Mit einer Interpellation greifen SVP und EDU im St.Galler Kantonsrat den ausserschulischen Aufklärungsunterricht an. Und mit Unterstützung des «Lehrernetzwerks Schweiz» wollen Eltern aus Bütschwil eine Mitarbeiterin der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen vor Gericht bringen. Dahinter steckt eine orchestrierte Aktion.
«Dieci», die italienische Zahl für zehn, ist das Motto des diesjährigen Heiden-Festivals. Es verweist dabei nicht nur auf das Jubiläum, sondern auch auf eine kulturpolitische Haltung.
Naturmuseum Thurgau
Das St.Galler Theater Trouvaille entdeckt den Musiker und Juristen Mani Matter neu. «’S isch einisch eine gsy»– 90 Jahre Mani Matter verbindet zahlreiche Lieder und literarische Texte des Berners zu einem abendfüllenden Programm. Saiten hat mit dem Theaterleiter Matthias Flückiger gesprochen.
Vier Jahre nach ihrem Debüt kehren Lev Tigrovich mit einer neuen EP zurück. Diese handelt von Kontrollverlust, Illusionen und grossen Gefühlen – und enthält erstmals einen Song, der nicht auf Russisch gesungen ist.
Im letzten Spiel der Saison trifft der FC St.Gallen auf den neuen Schweizer Meister aus Thun - einen Sieger gibt es nicht.
Caline Aoun interessieren die Momente der Veränderung, die Übergänge und Zustände. Ihre Ausstellung in Kunstmuseum und Kunsthalle Appenzell wird zum Ende der sechsmonatigen Laufzeit eine andere sein als zu Beginn.
Der 1100. Todestag von Wiborada – Inklusin, Stadtheilige und Projektionsfläche – ist zurzeit Thema vielfältiger Aktivitäten. Zu den Highlights gehört eine mutmassliche Unterschrift, zu besichtigen in der Ausstellung im St.Galler Regierungsgebäude.