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Das Gedächtnis der Zukunft

St.Gallen bewahrt nicht mehr nur 1000-jährige Handschriften. Mit dem Internet Archive Switzerland entsteht hier ein Archiv für Webseiten, künstliche Intelligenz und das digitale Gedächtnis der Zukunft.

2606 Internet Archive 01

Seit über 1000 Jah­ren ver­tei­digt St.Gal­len das Wis­sen ge­gen das Ver­ges­sen. Hin­ter den ba­ro­cken Mau­ern der Stifts­bi­blio­thek la­gern tau­send­jäh­ri­ge Hand­schrif­ten. Per­ga­ment­sei­ten, be­schrie­ben von Mön­chen, die glaub­ten, Wis­sen müs­se be­wahrt wer­den – nicht für Jah­re, son­dern für Jahr­hun­der­te. Be­reits Gal­lus, der iri­sche Mis­sio­nar und Ge­lehr­te, der die Sied­lung St.Gal­len im Jahr 612 be­grün­de­te, brach­te Bü­cher hier­her. Ab dem 8. Jahr­hun­dert ent­stand ein Skrip­to­ri­um, in dem Mön­che Hand­schrif­ten ko­pier­ten, sam­mel­ten und ar­chi­vier­ten.

Der Le­gen­de nach warn­te die spä­te­re St.Gal­ler Schutz­hei­li­ge Wi­bora­da im 10. Jahr­hun­dert die Mön­che des Be­ne­dik­ti­ner­klos­ters recht­zei­tig vor ei­nem An­griff der Un­garn, wor­auf die wert­vol­len Ma­nu­skrip­te in ei­ner Flucht­burg in Si­cher­heit ge­bracht wur­den. Die In­klu­sin selbst fand bei dem An­griff den Tod – die Hand­schrif­ten je­doch über­leb­ten (mehr da­zu im Wi­bora­da-Schwer­punkt in der Mai-Aus­ga­be und auf sai­ten.ch). Über Jahr­hun­der­te hin­weg über­stand die Bi­blio­thek Krie­ge, Brän­de und po­li­ti­sche Um­brü­che – von den Un­garn­ein­fäl­len über die Re­for­ma­ti­ons­zeit bis zur Auf­he­bung der Fürst­ab­tei An­fang des 19. Jahr­hun­derts.

Nach mehr als 1000-jäh­ri­ger Ar­chiv­ge­schich­te wird in St.Gal­len er­neut dar­über nach­ge­dacht, wie Wis­sen vor dem Ver­schwin­den be­wahrt wer­den kann. Dies­mal geht es nicht um Per­ga­ment­rol­len und Bü­cher, son­dern um Web­sei­ten, di­gi­ta­les Kul­tur­er­be, Sprach­mo­del­le und künst­li­che In­tel­li­genz. In St.Gal­len ent­steht der­zeit ei­nes der un­ge­wöhn­lichs­ten Ar­chiv­pro­jek­te Eu­ro­pas: In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land.

Das In­ter­net Ar­chi­ve ist ur­sprüng­lich ei­ne aus San Fran­cis­co stam­men­de Non­pro­fit-Or­ga­ni­sa­ti­on. Auf ar­chi­ve.org be­treibt sie ei­ne rie­si­ge di­gi­ta­le Bi­blio­thek aus Web­sei­ten, Bü­chern, Fil­men, Mu­sik, Soft­ware, Ra­dio- und Fern­seh­sen­dun­gen, Vi­deo­kunst und un­zäh­li­gen wei­te­ren di­gi­ta­len In­hal­ten. Am be­kann­tes­ten ist das Pro­jekt «Way­back Ma­chi­ne» – ei­ne Art di­gi­ta­le Zeit­ma­schi­ne, mit der sich äl­te­re Ver­sio­nen von Web­sei­ten auf­ru­fen las­sen. So wird sicht­bar, wie ei­ne Web­site vor Jah­ren aus­sah, selbst wenn sie in­zwi­schen ver­än­dert oder längst ge­löscht wur­de. Im Herbst 2025 ver­zeich­ne­te die Da­ten­bank erst­mals über ei­ne Bil­li­on ar­chi­vier­ter Web­sei­ten. Das Ziel des In­ter­net Ar­chi­ve ist, di­gi­ta­les Wis­sen und Kul­tur zu be­wah­ren und al­len Men­schen mit ei­nem In­ter­net­zu­gang zur Ver­fü­gung zu stel­len. For­schen­de, Jour­na­list:in­nen, His­to­ri­ker:in­nen, Künst­ler:in­nen, Stu­die­ren­de und die Öf­fent­lich­keit nut­zen es welt­weit als Quel­le. Mit in­zwi­schen über 200 Pe­ta­byte ge­spei­cher­ter Da­ten – das ent­spricht et­wa 200’000 Lap­tops mit je­weils ei­nem Te­ra­byte Spei­cher­platz – gilt das In­ter­net Ar­chi­ve als ei­ne der gröss­ten di­gi­ta­len Bi­blio­the­ken der Welt.

Der ur­sprüng­li­che Traum des In­ter­nets

Ge­grün­det wur­de das In­ter­net Ar­chi­ve vor ge­nau 30 Jah­ren vom US-Ame­ri­ka­ner Brews­ter Kah­le. An­ge­fan­gen hat al­les mit der Ar­chi­vie­rung von Web­sites der US-Prä­si­dent­schafts­wahl 1996 zwi­schen Amts­in­ha­ber Bill Clin­ton und dem re­pu­bli­ka­ni­schen Her­aus­for­de­rer Bob Do­le für das Smit­h­so­ni­an In­sti­tu­te, der gröss­ten Mu­se­ums-, For­schungs- und Bil­dungs­ein­rich­tung der Welt. Es war die ers­te US-Prä­si­dent­schafts­wahl des In­ter­net-Zeit­al­ters. Der Ge­dan­ke da­mals: Das In­ter­net könn­te der­einst his­to­risch be­deut­sam wer­den – und po­li­ti­sche Web­sites so wert­voll wie al­te Wahl­kampf-But­tons oder Auf­kle­ber.

Zur Person

Brewster Kahle, 1960, ist Informatiker, Unternehmer und Aktivist. Er hat 1996 das Internet Archive und 2007 die Open Library gegründet.

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Da­hin­ter stand je­doch ei­ne viel grös­se­re Idee. Das frü­he In­ter­net ver­stand sich nicht nur als tech­ni­sches Netz­werk, son­dern auch als Wis­sens­raum und Wis­sens­in­fra­struk­tur, um die ge­sam­te mensch­li­che Wis­sens­samm­lung di­gi­tal zu­gäng­lich zu ma­chen – ei­ne Art uni­ver­sel­le Bi­blio­thek für al­le. «Ei­ner der gros­sen Träu­me des In­ter­nets war es, ei­ne Bi­blio­thek zu sein», sagt Brews­ter Kah­le im Ge­spräch, das Sai­ten am Ran­de des dies­jäh­ri­gen St.Gal­len Sym­po­si­um mit ihm ge­führt hat. Die Vi­si­on: die ge­wal­ti­gen Be­stän­de der Li­bra­ry of Con­gress nicht nur als mo­nu­men­ta­le Bi­blio­thek in Wa­shing­ton, son­dern di­rekt auf dem ei­ge­nen Schreib­tisch ver­füg­bar zu ma­chen.

Was zu­nächst wie ei­ne Uto­pie klingt, wur­de für Brews­ter Kah­le zum Pro­jekt sei­nes Le­bens. Der 1960 in ei­nem Vor­ort von New York ge­bo­re­ne Kah­le stu­dier­te am Mas­sa­chu­setts In­sti­tu­te of Tech­no­lo­gy und be­schäf­tig­te sich be­reits An­fang der 80er-Jah­re am dor­ti­gen Ar­ti­fi­ci­al In­tel­li­gence Lab mit der Idee, Wis­sen di­gi­tal zu­gäng­lich zu ma­chen. Er half spä­ter beim Auf­bau der Su­per­com­pu­ter­fir­ma Thin­king Ma­chi­nes Cor­po­ra­ti­on und ar­bei­te­te – noch vor Goog­le – an frü­hen Such­sys­te­men. Mit dem Ziel, ei­ne di­gi­ta­le Bi­blio­thek zu bau­en, be­glei­te­te er den Über­gang vom AR­PA­NET, ei­nem frü­hen Com­pu­ter­netz­werk des US-Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­ums, das En­de der 60er-Jah­re ent­stan­den ist, zum heu­ti­gen In­ter­net. In den 90er-Jah­ren half Vi­sio­när Kah­le zu­dem gros­sen Zei­tun­gen wie der «New York Times» und dem «Wall Street Jour­nal» beim Schritt ins In­ter­net. Im­mer mit dem lang­fris­ti­gen Ziel, ei­ne uni­ver­sel­le di­gi­ta­le Bi­blio­thek auf­zu­bau­en.

Die Vor­stel­lung, das ge­sam­te mensch­li­che Wis­sen frei zu­gäng­lich zu ma­chen, be­schäf­tig­te Den­ker:in­nen und In­for­ma­tik­pio­nier:in­nen schon lan­ge vor Brews­ter Kah­le. Doch erst in den 90er-Jah­ren be­gann er, die­se jahr­zehn­te­al­ten Vi­sio­nen kon­kret um­zu­set­zen – mit dem Auf­bau des In­ter­net Ar­chi­ve. Für Kah­le liegt ge­nau dar­in der ei­gent­li­che Sinn des In­ter­nets: In­for­ma­tio­nen nicht zu ver­knap­pen, son­dern mög­lichst vie­len Men­schen in ei­nem of­fe­nen und und frei­en In­ter­net zu­gäng­lich zu ma­chen. Das Mot­to des In­ter­net Ar­chi­ve lau­tet des­halb: «Uni­ver­sal Ac­cess to All Know­ledge.»

St.Gal­len als Ort des lang­fris­ti­gen Den­kens

Drei Jahr­zehn­te nach der Grün­dung des In­ter­net Ar­chi­ve führt die­se Idee nun auch in die Schweiz. Un­ter dem Na­men «In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land» (in­ter­net­ar­chi­ve.ch) ent­steht in St.Gal­len – nach Van­cou­ver und Ams­ter­dam – der drit­te in­ter­na­tio­na­le Stand­ort des ge­mein­nüt­zi­gen Pro­jekts aus­ser­halb der USA. Mass­geb­lich mit­ver­ant­wort­lich da­für ist der St.Gal­ler In­ter­net-Avant­gar­dist Pie­ro Sti­nel­li. Als Brews­ter Kah­le und sein Team vor rund zehn Jah­ren be­gan­nen, nach in­ter­na­tio­na­len Stand­or­ten für das In­ter­net Ar­chi­ve zu su­chen, brach­te Sti­nel­li St.Gal­len als Ort für ein di­gi­ta­les Lang­zeit­ar­chiv ins Spiel. Nach Jah­ren der Vor­be­rei­tung ist die­ser Im­puls nun Rea­li­tät ge­wor­den. 

«Es ist ei­ne ei­gen­stän­di­ge Stif­tung, die sich als Schwei­zer Or­ga­ni­sa­ti­on für die Vi­si­on des In­ter­net Ar­chi­ve ein­setzt», sagt der In­ter­net-Pio­nier Kah­le. Für ihn ist St.Gal­len der idea­le Stand­ort: Die Stifts­bi­blio­thek be­wah­re seit über 1000 Jah­ren Wis­sen auf. 

Die Stif­tung In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land steht un­ter der Lei­tung von Ro­man Gries­fel­der. Für ihn ist die Wahl des Stand­orts kein Zu­fall. «St.Gal­len hat ei­ne sehr star­ke Ar­chiv­tra­di­ti­on.» Be­son­ders das Stifts­ar­chiv St.Gal­len sei welt­weit na­he­zu ein­zig­ar­tig: «Es gibt nicht vie­le Ar­chi­ve, die über so lan­ge Zeit un­un­ter­bro­chen ih­re Tä­tig­keit durch­ge­führt ha­ben.»

Zur Person

Roman Griesfelder, 1968, ist Soziologe und Betriebsökonom und leitet das Internet Archive Switzerland.

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Für Gries­fel­der liegt ge­nau in die­ser jahr­hun­der­te­lan­gen Kon­ti­nui­tät die Ver­bin­dung zwi­schen St.Gal­len und dem In­ter­net Ar­chi­ve. Denn wäh­rend hier Wis­sen über Ge­ne­ra­tio­nen hin­weg be­wahrt wur­de, ging es an­dern­orts im­mer wie­der ver­lo­ren. «Die Ge­schich­te der Ar­chi­ve und Bi­blio­the­ken ist ei­ne Ge­schich­te des Ver­ge­hens», so der frü­he­re Co-Di­rek­tor des Kunst­mu­se­ums St.Gal­len. Vie­le Ar­chi­ve sei­en durch Krie­ge, Brän­de oder po­li­ti­sche Um­brü­che ver­schwun­den. Die Stifts­bi­blio­thek St.Gal­len und das Stifts­ar­chiv ge­hö­ren da­ge­gen zu den we­ni­gen Or­ten Eu­ro­pas, an de­nen Wis­sen über Jahr­hun­der­te kon­ti­nu­ier­lich be­wahrt wur­de. «Wis­sen ver­schwin­det, wenn man sich nicht dar­um küm­mert.» Ge­nau die­se Hal­tung ver­bin­de mit­tel­al­ter­li­che Bi­blio­the­ken mit di­gi­ta­len Ar­chi­ven. Nur die Me­tho­den hät­ten sich ver­än­dert: Wo frü­her Per­ga­ment­rol­len la­ger­ten, ste­hen heu­te Ser­ver. Wo einst Mön­che Hand­schrif­ten ko­pier­ten, ar­chi­vie­ren heu­te Al­go­rith­men di­gi­ta­le In­hal­te.

KI als neu­es kul­tu­rel­les Ar­te­fakt

Be­son­ders deut­lich zeigt sich die­ser An­spruch in ei­nem ziem­lich am­bi­tio­nier­ten Pro­jekt, das auf den ers­ten Blick fu­tu­ris­tisch wirkt, im Kern aber die­sel­be jahr­hun­der­te­al­te Fra­ge stellt: Wie be­wahrt man Wis­sen ei­ner Epo­che, be­vor es ver­schwin­det? Ge­mein­sam mit For­schen­den der Uni­ver­si­tät St.Gal­len ar­bei­tet In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land an der Ar­chi­vie­rung von Sprach­mo­del­len – so­ge­nann­ten Lar­ge Lan­guage Mo­dels – und Sys­te­men künst­li­cher In­tel­li­genz.

Ei­ner der trei­ben­den Köp­fe da­hin­ter ist Da­mi­an Borth, In­for­ma­tik­pro­fes­sor an der Uni­ver­si­tät St.Gal­len. Für ihn sind mo­der­ne KI-Mo­del­le weit mehr als bloss Soft­ware­pro­gram­me. «Ge­ne­ra­ti­ve KI und Sprach­mo­del­le kön­nen als kom­pri­mier­te Ver­sio­nen des In­ter­nets ver­stan­den wer­den», er­klärt Borth. Wenn das In­ter­net Ar­chi­ve das Netz selbst be­wah­ren wol­le, sei es des­halb nur lo­gisch, auch je­ne Sys­te­me zu ar­chi­vie­ren, die aus die­sen Da­ten trai­niert wur­den.

Zur Person

Damian Borth, 1981, HSG-Professor für Artificial Intelligence und Machine Learning

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Generative KI

Ge­ne­ra­ti­ve KI be­zeich­net Sys­te­me künst­li­cher In­tel­li­genz, die neue In­hal­te er­zeu­gen kön­nen, et­wa Tex­te, Bil­der, Mu­sik, Vi­de­os oder Pro­gramm­codes. An­ders als klas­si­sche Soft­ware ant­wor­tet sie nicht nur nach fes­ten Re­geln, son­dern er­stellt auf Ba­sis gros­ser Da­ten­men­gen ei­gen­stän­dig neue In­hal­te. Sprach­mo­del­le sind ei­ne spe­zi­el­le Form ge­ne­ra­ti­ver KI. Sie wur­den mit rie­si­gen Men­gen von Tex­ten trai­niert und kön­nen da­durch Spra­che ver­ste­hen und selbst Tex­te for­mu­lie­ren. Sys­te­me wie ChatGPT (Ope­nAI) oder an­de­re KI-Chat­bots ba­sie­ren auf sol­chen Sprach­mo­del­len. (pbü)

Für Borth geht es bei der Ar­chi­vie­rung von KI-Mo­del­len nicht nur um Tech­nik, son­dern auch um ge­sell­schaft­li­che Nach­voll­zieh­bar­keit. «Es ist wert­voll, ei­ne chro­no­lo­gi­sche, zeit­ab­hän­gi­ge Ar­chi­vie­rung zu ha­ben», sagt der Zu­kunfts­den­ker. Nur so las­se sich spä­ter re­kon­stru­ie­ren, wel­che Sprach­mo­del­le zu ei­nem be­stimm­ten Zeit­punkt ver­füg­bar wa­ren und wie sie mög­li­cher­wei­se Mei­nun­gen, po­li­ti­sche De­bat­ten oder Ent­schei­dun­gen be­ein­flusst ha­ben. Denn Sprach­mo­del­le sei­en kei­ne neu­tra­len Ko­pien des In­ter­nets: «Es gibt un­be­kann­te Va­ria­blen, die in die ei­ne oder an­de­re Rich­tung wir­ken kön­nen: po­li­ti­scher Bi­as, be­stimm­te Fo­kus­set­zun­gen oder an­de­re Ver­zer­run­gen.» Wenn künf­tig bes­se­re Ana­ly­se­werk­zeu­ge ent­ste­hen, könn­ten ar­chi­vier­te Mo­del­le hel­fen, sol­che Ent­wick­lun­gen rück­wir­kend sicht­bar zu ma­chen.

Ar­chi­viert wer­den des­halb nicht nur ein­zel­ne Pro­gram­me, son­dern gan­ze tech­ni­sche Öko­sys­te­me. Da­zu ge­hö­ren auch die so­ge­nann­ten «Ge­wich­te» ei­nes neu­ro­na­len Net­zes, al­so je­ne Mil­li­ar­den ma­the­ma­ti­scher Pa­ra­me­ter, die das Ver­hal­ten der KI be­stim­men. Pro­fes­sor Borth be­schreibt sie als «die DNS der KI». Ne­ben den ei­gent­li­chen Mo­del­len wer­den auch Me­ta­da­ten, wis­sen­schaft­li­che Pu­bli­ka­tio­nen, Web­sei­ten, jour­na­lis­ti­sche Ar­ti­kel oder tech­ni­sche Frame­works ar­chi­viert, da­mit sich bei­spiels­wei­se ak­tu­el­le Ver­sio­nen von KI-Chat­bots auch Jah­re oder Jahr­zehn­te spä­ter mög­lichst ori­gi­nal­ge­treu wie­der star­ten las­sen.

Wer kon­trol­liert das di­gi­ta­le Ge­dächt­nis?

KI-Sys­te­me zu ar­chi­vie­ren, um ge­sell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen spä­ter nach­voll­zie­hen zu kön­nen, ist nicht nur ei­ne tech­ni­sche Auf­ga­be. Denn je stär­ker Sprach­mo­del­le be­ein­flus­sen, wie ­Men­schen Wis­sen su­chen und In­for­ma­tio­nen wahr­neh­men, des­to stär­ker stellt sich auch ei­ne po­li­ti­sche Fra­ge: Wer kon­trol­liert ei­gent­lich die­se KI-Sys­te­me und Sprach­mo­del­le – ChatGPT, Clau­de, Ge­mi­ni, Ll­ama, Co­pi­lot, Per­ple­xi­ty oder Deep­Seek –, mit de­nen Men­schen zu­neh­mend Wis­sen su­chen und In­ti­mes aus­tau­schen?

Denn Sprach­mo­del­le sind längst mehr als tech­ni­sche Werk­zeu­ge. Mil­lio­nen Men­schen be­nut­zen sie in­zwi­schen nicht nur zum Schrei­ben oder Pro­gram­mie­ren, son­dern auch als Such­ma­schi­ne, Ge­sprächs­part­ne­rin oder Ent­schei­dungs­hil­fe. Wo Goog­le einst Lis­ten von Hy­per­links prä­sen­tier­te, lie­fern Chat­bots heu­te fer­ti­ge Ant­wor­ten. Doch die­se Ant­wor­ten sind nicht neu­tral.

Ca­ro­li­ne de Cock, die im Bei­rat von In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land ist und im Mai an­läss­lich des Sym­po­si­ums in St.Gal­len war, be­schäf­tigt sich seit Jah­ren mit ge­nau die­ser Ent­wick­lung. Die bel­gi­sche For­sche­rin ar­bei­tet zu künst­li­cher In­tel­li­genz, Me­di­en­po­li­tik und di­gi­ta­ler Öf­fent­lich­keit und sieht dar­in ei­ne der zen­tra­len ge­sell­schaft­li­chen Fra­gen der Ge­gen­wart.

Zur Person

Caroline de Cock ist Juristin und Expertin für europäische Technologiepolitik, Internet- und Medienregulierung und digitale Rechte. Sie sitzt im Beirat von Internet Archive Switzerland.

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Seit Jah­ren wird dar­über dis­ku­tiert, wie so­zia­le Netz­wer­ke, Platt­for­men und das In­ter­net die Mei­nungs­frei­heit ver­än­dern. Ca­ro­li­ne de Cock sieht in­zwi­schen je­doch ei­ne noch grund­le­gen­de­re Ge­fahr: «Was be­droht ist, ist nicht nur die Mei­nungs­frei­heit», sagt sie. «Son­dern auch die Frei­heit des Den­kens.»

Denn KI-Sys­te­me lie­fern nicht ein­fach In­for­ma­tio­nen. Sie fil­tern, prio­ri­sie­ren und be­gren­zen In­hal­te. Sie be­sit­zen so­ge­nann­te Guar­drails. Das sind Re­geln, die dar­über ent­schei­den, wel­che Ant­wor­ten ge­ne­riert wer­den dür­fen und wel­che nicht. Auf den ers­ten Blick wir­ken sol­che Schutz­me­cha­nis­men sinn­voll. Sie sol­len Ge­walt, Ex­tre­mis­mus oder il­le­ga­le In­hal­te ver­hin­dern, bei­spiels­wei­se wie man ei­ne Bom­be baut. Gleich­zei­tig de­fi­nie­ren sie aber auch die Gren­zen des­sen, wor­über ein Sys­tem über­haupt spre­chen kann.

In der Lo­gik der Grund­rech­te ist es er­laubt, über al­les nach­zu­den­ken. Ge­dan­ken­frei­heit be­deu­tet auch, de­struk­tiv oder ne­ga­tiv zu den­ken. Das Pro­blem: Ei­ne Ma­schi­ne ist nicht in der La­ge zu un­ter­schei­den, in wel­chem Kon­text ein Ge­dan­ke ge­äus­sert wird. De Cock macht ein Bei­spiel: «Wenn je­mand fragt, ‹Wie tö­te ich ei­nen Men­schen, oh­ne er­wischt zu wer­den?›, kann das be­deu­ten, dass die­se Per­son po­ten­zi­ell kri­mi­nell ist – oder dass sie ei­nen Kri­mi schreibt», sagt die For­schungs­lei­te­rin des Thinktanks In­for­ma­ti­on Labs. 

Pro­ble­ma­tisch wä­re es auch, wenn Un­ter­neh­men, Re­gie­run­gen oder an­de­re Ak­teu­re Men­schen mit po­li­ti­schen Sicht­wei­sen be­ein­flus­sen, ab­sicht­lich oder un­ab­sicht­lich. Ei­ne Re­gie­rung könn­te KI-Her­stel­ler be­wusst un­ter Druck set­zen und ver­lan­gen, der Chat­bot sol­le dies oder je­nes tun, sa­gen oder be­spre­chen. «Wenn Chat­bots ent­schei­den, wor­über sie spre­chen dür­fen und wor­über nicht, be­ein­flus­sen sie auch, wor­über Men­schen nach­den­ken», so die Brüs­se­ler KI-For­sche­rin. Das Pro­blem sei da­bei sub­ti­ler als bei so­zia­len Me­di­en. Vie­le Ge­sprä­che mit KI fän­den nicht öf­fent­lich statt, son­dern pri­vat. «Man spricht al­lei­ne mit der Ma­schi­ne», so de Cock.

Ge­ra­de des­halb wer­de Trans­pa­renz ent­schei­dend: Wer de­fi­niert die Re­geln die­ser Sys­te­me? Un­ter wel­chen po­li­ti­schen, wirt­schaft­li­chen oder kul­tu­rel­len Ein­flüs­sen ent­ste­hen sie? Und wie las­sen sich sol­che Mo­del­le in Zu­kunft über­haupt noch ­kri­tisch un­ter­su­chen, wenn äl­te­re Ver­sio­nen ver­schwin­den?

Ge­nau dar­in sieht de Cock die Be­deu­tung von Pro­jek­ten wie In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land. Denn ar­chi­vier­te KI-Mo­del­le könn­ten ei­nes Ta­ges nicht nur tech­ni­sche Ar­te­fak­te sein, son­dern his­to­ri­sche Do­ku­men­te ei­ner Ge­sell­schaft – Mo­ment­auf­nah­men des­sen, wie ei­ne be­stimm­te Ge­ne­ra­ti­on dach­te, ar­gu­men­tier­te und Wis­sen or­ga­ni­sier­te.

Wahr­heit, KI-Slop und Öf­fent­lich­keit

Die Sor­ge be­trifft da­bei nicht nur ein­zel­ne Ant­wor­ten von Chat­bots, son­dern die grund­sätz­li­che Fra­ge, wie Öf­fent­lich­keit ­künf­tig funk­tio­niert. Denn wenn im­mer mehr Men­schen In­for­ma­tio­nen di­rekt von KI-Sys­te­men be­zie­hen, ver­än­dert sich nicht nur die Art, wie Men­schen den­ken und Wis­sen auf­neh­men, son­dern auch die Struk­tur des In­ter­nets selbst. Web­sei­ten könn­ten an Be­deu­tung ver­lie­ren. Klas­si­sche Such­ma­schi­nen eben­so. Und da­mit mög­li­cher­wei­se auch je­ne of­fe­ne Ver­lin­kungs­kul­tur, auf der das frü­he In­ter­net auf­ge­baut war.

Brews­ter Kah­le be­ob­ach­tet die­se Ent­wick­lung mit Sor­ge. Für den Grün­der des In­ter­net Ar­chi­ve steht da­bei nicht nur Tech­no­lo­gie auf dem Spiel, son­dern die Idee ei­ner in­for­mier­ten de­mo­kra­ti­schen Öf­fent­lich­keit. «Die Wahr­heit ist hin­ter Be­zahl­schran­ken ver­bor­gen, wäh­rend die Lü­gen frei ver­füg­bar sind.»

Tat­säch­lich ver­schwin­den qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ge In­for­ma­tio­nen zu­neh­mend hin­ter kos­ten­pflich­ti­gen Platt­for­men und Abon­ne­ments. Stu­di­en zu­fol­ge ar­bei­ten in­zwi­schen rund 70 Pro­zent der gros­sen Nach­rich­ten­sei­ten in Eu­ro­pa mit Be­zahl­schran­ken. In den USA sind es so­gar noch mehr. Wis­sen­schaft­li­che Ar­bei­ten, Qua­li­täts­jour­na­lis­mus oder his­to­ri­sche Quel­len sind des­halb oft nur ein­ge­schränkt zu­gäng­lich. Für vie­le Men­schen blei­ben vor al­lem je­ne jour­na­lis­ti­schen In­hal­te frei ver­füg­bar, die mög­lichst viel Auf­merk­sam­keit er­zeu­gen sol­len: schnell pro­du­zier­te Tex­te, emo­tio­na­li­sier­te Vi­de­os oder al­go­rith­misch op­ti­mier­te Bei­trä­ge zwei­fel­haf­ter Qua­li­tät, mit de­nen Platt­for­men und Me­di­en­un­ter­neh­men um Klicks, Reich­wei­te und Wer­be­ein­nah­men kon­kur­rie­ren. «Frei ver­füg­bar sind häu­fig Pro­pa­gan­da oder er­fun­de­ne In­hal­te», sagt Kah­le. Dar­in sieht er ei­ne der gröss­ten Ge­fah­ren für li­be­ra­le De­mo­kra­tien.

Par­al­lel da­zu pro­du­zie­ren so­zia­le Netz­wer­ke und KI-Sys­te­me enor­me Men­gen bil­li­ger In­hal­te – Tex­te, Bil­der und Vi­de­os, die kaum über­prüf­bar sind, oft kei­nen jour­na­lis­ti­schen Stan­dards ent­spre­chen und sich mil­lio­nen­fach ver­brei­ten las­sen. Ca­ro­li­ne de Cock spricht in die­sem Zu­sam­men­hang von «AI Slop», al­so ei­ner wach­sen­den Flut ma­schi­nell er­zeug­ter In­hal­te ober­fläch­li­cher Qua­li­tät. Ins­be­son­de­re rech­te Par­tei­en, rechts­extre­me In­fluen­cer:in­nen oder Ama­teur­jour­na­list:in­nen nut­zen KI, um be­wusst ma­ni­pu­lier­te In­hal­te her­zu­stel­len, mit de­nen Men­schen be­ein­flusst und ge­täuscht wer­den sol­len. Die­ser au­to­ma­tisch ge­ne­rier­te Con­tent ver­wan­delt das In­ter­net zu­neh­mend in ei­ne di­gi­ta­le Müll­hal­de.

Pro­ble­ma­tisch wird die­se Ent­wick­lung, weil KI-Sys­te­me wie­der­um mit ge­nau die­sen Bei­trä­gen trai­niert wer­den. Mo­del­le er­zeu­gen Pseu­do­in­hal­te, die­se lan­den im Netz, spä­te­re Mo­del­le ler­nen dar­aus er­neut. Da­durch ent­steht ei­ne Art Rück­kopp­lungs­schlei­fe künst­li­cher Des­in­for­ma­ti­on. Da­mi­an Borth be­schreibt die­ses Ri­si­ko als rea­le Ge­fahr für das Ni­veau zu­künf­ti­ger ­Sys­te­me. Wenn hal­lu­zi­nier­te oder feh­ler­haf­te In­hal­te im­mer wie­der in Trai­nings­da­ten zu­rück­flös­sen, kön­ne die Qua­li­tät der Mo­del­le lang­fris­tig de­ge­ne­rie­ren. «Dann trai­niert KI ir­gend­wann KI mit KI-ge­ne­rier­ten Da­ten», so Borth.

Ge­ra­de des­halb sei Ar­chi­vie­rung ent­schei­dend. Nicht nur, um In­for­ma­tio­nen zu spei­chern, son­dern um nach­voll­zie­hen zu kön­nen, wie sich di­gi­ta­le Wis­sens­sys­te­me ver­än­dern. Wel­che Quel­len ver­wen­de­ten frü­he Sprach­mo­del­le? Wel­che po­li­ti­schen oder kul­tu­rel­len Ten­den­zen ent­hiel­ten sie? Wel­che In­for­ma­tio­nen ver­schwan­den mit der Zeit? Und wie un­ter­schei­den sich die Ant­wor­ten ei­nes Sys­tems im Jahr 2026 von je­nen zehn oder 50 Jah­re in der Zu­kunft? Oh­ne ar­chi­vier­te Mo­del­le, Da­ten­sät­ze und Web­sei­ten lies­sen sich sol­che Fra­gen ir­gend­wann kaum mehr be­ant­wor­ten.

Für Brews­ter Kah­le ist das In­ter­net Ar­chi­ve des­halb mehr als ei­ne tech­ni­sche Platt­form. Es ist der Ver­such, ein kul­tu­rel­les Ge­dächt­nis des di­gi­ta­len Zeit­al­ters auf­zu­bau­en – in ei­ner Zeit, in der In­for­ma­tio­nen zwar all­ge­gen­wär­tig er­schei­nen, gleich­zei­tig aber flüch­ti­ger und in­trans­pa­ren­ter ge­wor­den sind als je zu­vor.

Schweiz und St.Gal­len als «Safe Ha­ven»

Es gibt welt­weit wohl kei­nen bes­se­ren Ort, sol­che De­bat­ten zu füh­ren und über die Zu­kunft des glo­ba­len Kul­tur­er­bes zu dis­ku­tie­ren, als St.Gal­len. Zwi­schen der Stifts­bi­blio­thek mit ih­ren jahr­hun­der­te­al­ten Hand­schrif­ten, dem Stifts­ar­chiv und den neu­en KI-Pro­jek­ten der Uni­ver­si­tät St.Gal­len ent­steht der­zeit ei­ne un­ver­gleich­li­che Ver­bin­dung zwi­schen Ver­gan­gen­heit und Zu­kunft.

So­zio­lo­ge Gries­fel­der sieht dar­in mehr als bloss Sym­bo­lik. Für ihn geht es um ei­ne kul­tu­rel­le Hal­tung, die St.Gal­len seit Jahr­hun­der­ten prägt: Wis­sen zu be­wah­ren, auch in Zei­ten po­li­ti­scher oder ge­sell­schaft­li­cher Un­si­cher­heit. Die meis­ten Bi­blio­the­ken oder Ar­chi­ve der Mensch­heits­ge­schich­te sei­en zer­stört wor­den, durch Krie­ge, Brän­de, Ideo­lo­gien oder schlich­te Ver­nach­läs­si­gung, sagt der ge­bür­ti­ge Ös­ter­rei­cher. Das be­rühm­tes­te Bei­spiel da­für ist bis heu­te die Bi­blio­thek von Alex­an­dria. Über Jahr­hun­der­te galt sie als gröss­te Wis­sens­samm­lung der an­ti­ken Welt. Hun­dert­tau­sen­de Schrift­rol­len sol­len dort ge­la­gert ha­ben. Doch po­li­ti­sche Um­brü­che und feh­len­der Schutz führ­ten da­zu, dass die­ses Wis­sen für im­mer ver­schwand. Bis heu­te steht Alex­an­dria sym­bo­lisch für die Fra­gi­li­tät kul­tu­rel­ler Er­in­ne­rung. Auch des­halb be­treibt Iner­net Ar­chi­ve in der 2002 er­öff­ne­ten Bi­blio­the­ca Alex­an­dri­na ei­nen Spie­gel­ser­ver für sei­ne In­hal­te.

Dass die St.Gal­ler Hand­schrif­ten­samm­lung über Jahr­hun­der­te hin­weg er­hal­ten blieb, ist des­halb al­les an­de­re als selbst­ver­ständ­lich. Die­se Er­fah­rung prä­ge auch die Idee von In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land, so Gries­fel­der: «In der di­gi­ta­len Ära müs­sen die­sel­ben Prin­zi­pi­en an­ge­wen­det wer­den wie in den Jahr­hun­der­ten da­vor: Sam­meln, Be­wah­ren, Or­ga­ni­sie­ren und Struk­tu­rie­ren.»

Wäh­rend frü­he­re Bi­blio­the­ken vor Feu­er, Krie­gen oder Plün­de­run­gen ge­schützt wer­den muss­ten, sind di­gi­ta­le In­for­ma­tio­nen heu­te auf an­de­re Wei­se be­droht: durch ka­put­te Links, ver­schwin­den­de Platt­for­men, pro­prie­tä­re Sys­te­me, ver­al­te­te Hard­ware, po­li­ti­sche Ein­fluss­nah­me oder man­geln­des Be­wusst­sein für di­gi­ta­les Kul­tur­er­be.

Künst­li­che In­tel­li­genz ver­schärft die­se Ent­wick­lung zu­sätz­lich: Vie­le der mäch­tigs­ten Sprach­mo­del­le wer­den von we­ni­gen ­gros­sen Un­ter­neh­men in den USA oder Chi­na kon­trol­liert. Wie die­se Sys­te­me funk­tio­nie­ren, mit wel­chen Da­ten sie trai­niert wer­den und wel­che po­li­ti­schen oder wirt­schaft­li­chen In­ter­es­sen in sie ein­flies­sen, bleibt der Wis­sen­schaft und auch den Nut­zer:in­nen oft weit­ge­hend ver­bor­gen.

Ge­nau des­halb könn­te die Schweiz lang­fris­tig ei­ne be­son­de­re Rol­le als ei­ne Art «Safe Ha­ven» spie­len. Sie gilt in­ter­na­tio­nal als sta­bil, neu­tral und ver­gleichs­wei­se ver­trau­ens­wür­dig. Ei­gen­schaf­ten, die nicht nur für Ban­ken oder in­ter­na­tio­na­le Or­ga­ni­sa­tio­nen re­le­vant sind, son­dern mög­li­cher­wei­se auch für di­gi­ta­le Ar­chi­ve. «Es ist aus mei­ner Sicht ein Men­schen­recht und ei­ne ge­sell­schaft­li­che Ver­ant­wor­tung, mög­lichst viel Wis­sen zu ar­chi­vie­ren und es mög­lichst vie­len Men­schen zu­gäng­lich zu ma­chen», so Gries­fel­der.

Ne­ben der Ar­chi­vie­rung von KI-Mo­del­len en­ga­giert sich In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land des­halb auch für den Er­halt von be­droh­ten Ar­chi­ven und di­gi­ta­len Samm­lun­gen. Das Pro­jekt «End­an­ge­red Ar­chi­ves» soll vom Ver­schwin­den ge­fähr­de­te Ar­chi­ve und Bi­blio­the­ken auch künf­ti­gen Ge­ne­ra­tio­nen zu­gäng­lich ma­chen. Ge­mein­sam mit in­ter­na­tio­na­len Part­nern wie bei­spiels­wei­se der Unesco wird un­ter­sucht, wie kul­tu­rel­les Wis­sen lang­fris­tig ge­schützt wer­den kann, selbst wenn es an­dern­orts be­droht ist – durch po­li­ti­sche Ent­wick­lun­gen, Kli­ma­wan­del oder feh­len­de In­fra­struk­tur. Da­bei geht es nicht nur um Tech­no­lo­gie, son­dern auch um Zeit.

Mit­tel­al­ter­li­che Klös­ter dach­ten in Jahr­hun­der­ten. In un­se­rer Zeit den­ken Po­li­tik und Wirt­schaft oft nur bis zu den nächs­ten Wah­len oder dem nächs­ten Pro­dukt- und Markt­zy­klus. Viel­leicht liegt ge­nau dar­in die ei­gent­li­che Be­son­der­heit von St.Gal­len: dass hier plötz­lich wie­der über Wis­sen in his­to­ri­schen Di­men­sio­nen nach­ge­dacht wird. Nicht in Mo­na­ten oder we­ni­gen Jah­ren, son­dern in Jahr­zehn­ten, Jahr­hun­der­ten und viel­leicht so­gar Jahr­tau­sen­den.

Bi­blio­thek der Zu­kunft

Seit mehr als fünf Jahr­tau­sen­den ver­su­chen Men­schen, Wis­sen über ih­re ei­ge­ne Zeit hin­aus zu be­wah­ren. Zu den äl­tes­ten be­kann­ten Ar­chiv­do­ku­men­ten der Mensch­heit ge­hö­ren Keil­schrift­ta­feln aus Me­so­po­ta­mi­en, auf de­nen be­reits vor über 3000 Jah­ren vor un­se­rer Zeit­rech­nung Han­dels­ge­schäf­te, Steu­ern oder Ern­ten fest­ge­hal­ten wur­den. Von den ers­ten Ton­ta­feln über mit­tel­al­ter­li­che Klos­ter­bi­blio­the­ken bis zu di­gi­ta­len Ar­chi­ven und KI-Mo­del­len zieht sich da­mit ei­ne er­staun­lich kon­stan­te Idee durch die Ge­schich­te der Zi­vi­li­sa­ti­on: Wis­sen soll nicht ver­schwin­den, son­dern er­hal­ten und zu­gäng­lich ge­macht wer­den. Nun wird die­se Ge­schich­te mass­geb­lich in St.Gal­len wei­ter­ge­schrie­ben.

St.Gal­len be­sitzt zwar nicht die äl­tes­ten Do­ku­men­te der Mensch­heit. Doch kaum ein an­de­rer Ort Eu­ro­pas steht so stark für die kon­ti­nu­ier­li­che und voll­stän­di­ge Be­wah­rung von Wis­sen über mehr als zehn Jahr­hun­der­te. Ge­nau hier ent­steht nun nicht ein­fach ein wei­te­res di­gi­ta­les Ar­chiv, son­dern wo­mög­lich ei­ne neue Vor­stel­lung da­von, was ei­ne Bi­blio­thek im 21. Jahr­hun­dert und dar­über hin­aus über­haupt sein könn­te. «Die Idee des lang­fris­ti­gen Den­kens passt per­fekt zu St.Gal­len», ist Brews­ter Kah­le über­zeugt.

Die­ses lang­fris­ti­ge Den­ken könn­te im di­gi­ta­len Zeit­al­ter plötz­lich wie­der geo­po­li­ti­sche Be­deu­tung er­hal­ten. Wäh­rend Wis­sen frü­her an ein­zel­nen Or­ten wie Alex­an­dria ge­sam­melt wur­de, lässt es sich heu­te theo­re­tisch welt­weit spie­geln und de­zen­tral si­chern. Ar­chi­ve müs­sen nicht mehr an ei­nem ein­zi­gen Ort exis­tie­ren. Sie kön­nen ver­teilt, ver­viel­fäl­tigt und über Kon­ti­nen­te hin­weg ab­ge­si­chert wer­den.

Für Ro­man Gries­fel­der liegt ge­nau dar­in ei­ne gros­se Chan­ce für die Schweiz. Er wün­sche sich, «dass mög­lichst vie­le Da­ten in der Schweiz ge­spei­chert wer­den und dass wir gleich­zei­tig das welt­wei­te In­ter­net Ar­chi­ve mit mehr schwei­ze­ri­schen und eu­ro­päi­schen In­hal­ten an­rei­chern kön­nen». Denn das gi­gan­ti­sche Wis­sens­ar­chiv sei bis heu­te noch stark an­glo­ame­ri­ka­nisch ge­prägt.

In ei­ner Zeit zu­neh­men­der po­li­ti­scher Span­nun­gen, wach­sen­der Platt­form­kon­trol­le und di­gi­ta­ler Des­in­for­ma­ti­on könn­te die lang­fris­ti­ge Ar­chi­vie­rung von Wis­sen und Da­ten zu ei­ner neu­en Stär­ke der Schweiz wer­den. Brews­ter Kah­le sieht dar­in ei­ne mög­li­che Zu­kunft für das Land: «Das könn­te ei­ne wich­ti­ge Ni­sche sein.»

Noch weiss nie­mand, wie Bi­blio­the­ken in 100 oder 1000 Jah­ren aus­se­hen wer­den. Mit dem Ent­scheid, die Vi­si­on des In­ter­net Ar­chi­ve nach St.Gal­len zu brin­gen, wird hier aber der Grund­stein für die Be­wah­rung des Wis­sens künf­ti­ger Ge­ne­ra­tio­nen ge­legt. Für Brews­ter Kah­le ist klar: «Die Auf­ga­be der Bi­blio­the­ken der Zu­kunft ist es, die Schät­ze des Wis­sens in neue For­men zu über­set­zen.» Denn die wich­tigs­te Form der Be­wah­rung von Wis­sen ist es, Din­ge in Be­nut­zung zu hal­ten und al­len Men­schen Zu­gang zu Wis­sen zu er­mög­li­chen. Dau­er­haft be­wahrt wird Wis­sen nicht in Ar­chi­ven al­lein, son­dern in den Men­schen, die es nut­zen und wei­ter­ge­ben. Kah­le sieht das Pro­jekt in der Tra­di­ti­on der gros­sen Wis­sens­samm­lun­gen ver­gan­ge­ner Epo­chen: «Viel­leicht wird man sich in hun­der­ten Jah­ren an uns er­in­nern, weil wir et­was Gros­ses er­reicht ha­ben, ähn­lich wie die Bi­blio­thek von Alex­an­dria in der An­ti­ke.» 

Trotz künst­li­cher In­tel­li­genz und di­gi­ta­ler Ar­chi­ve bleibt die grund­le­gen­de Fra­ge die­sel­be wie vor 1000 Jah­ren im Skrip­to­ri­um des Klos­ters St.Gal­len: Was soll von un­se­rer Zeit er­hal­ten blei­ben? Wie kön­nen künf­ti­ge Ge­ne­ra­tio­nen nach­voll­zie­hen, wie wir im 21. Jahr­hun­dert leb­ten, dach­ten und kom­mu­ni­zier­ten? Denn auch im di­gi­ta­len Zeit­al­ter ent­schei­det sich kul­tu­rel­les Ge­dächt­nis nicht von selbst. Wis­sen muss ge­sam­melt, be­wahrt und wei­ter­ge­ge­ben wer­den. Ge­nau dar­in se­hen di­gi­ta­le Bi­blio­the­ken wie das In­ter­net Ar­chi­ve ih­re Auf­ga­be. Brews­ter Kah­le bleibt op­ti­mis­tisch. Am En­de des Ge­sprächs sagt er: «Lasst uns das bau­en!»

Ei­ne ver­tie­fen­de Au­dio­re­por­ta­ge von Phil­ipp Bür­kler zum The­ma gibt es auf re­set­ter.org/re­por­ta­gen. Dar­in spre­chen Brews­ter Kah­le, Ro­man Gries­fel­der, Da­mi­an Borth und Ca­ro­li­ne de Cock aus­führ­li­cher über die Zu­kunft di­gi­ta­ler Ar­chi­ve, künst­li­che In­tel­li­genz und das di­gi­ta­le Ge­dächt­nis der Mensch­heit.

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