Wo bleibt die Diversität in Kunst und Kultur?

Am vergangenen Samstag hat der Kanton St.Gallen zur Kulturkonferenz nach Gossau eingeladen. Die Ausgabe 2022 stand unter dem Titel «Inklusiv und vielfältig: Wer ist dabei?» Bis zur vollen Teilhabe und Inklusion ist es noch ein weiter Weg, selbst innerhalb der Kulturbranche.
Von  Philipp Bürkler
Auch das Werk 1 in Gossau ist nicht barrierefrei. (Bilder: Philipp Bürkler)

Kultur ist Vielfalt, genauso vielfältig sind auch die Menschen in einer Gesellschaft. Florian Eugster, Mitglied des Vereins «Kultur für alle», bringt es an der Kulturkonferenz am vergangenen Samstag auf der Bühne im Werk 1 Gossau auf den Punkt: «Auf dem Weg von zuhause hierher, erlebt man auch Kultur, man sieht verschiedene Menschen, das ist auch Teil der Kultur.»

Die Vielfalt der Gesellschaft mache uns stark, egal ob Kinder, Ausländer:innen oder Menschen mit einer Behinderung, so der 44-jährige, der aufgrund eines Hirntumors seit seiner Kindheit aus eigener Erfahrung weiss, wie es ist, mit einer Behinderung in einer Gesellschaft zu leben, die hauptsächlich für nicht behinderte Menschen gestaltet ist.

Neuer Verein möchte Kultur für alle Menschen

Gerade im kulturellen Bereich gibt es für Menschen mit Beeinträchtigungen noch immer grosse Hürden bei der Teilhabe. Eine ist beispielsweise die fehlende Rollstuhlgängigkeit bei Museen oder Theatern, eine andere Hürde ist die eher schwierige Sprache auf den Webseiten der Kulturinstitutionen. Zusammen mit der Fachstelle «Kultur inklusiv», der Behindertenorganisation Pro Infirmis sowie der Unterstützung des Kantons St.Gallen ist Eugster derzeit daran, einen Verein zu gründen, mit dem Zweck, solche Hürden in den Ostschweizer Kulturinstitutionen mehr und mehr zu beseitigen.

Sara Stocker, Fachstelle Kultur inklusiv von Pro Infirmis und Florian Eugster, Kultur für ALLE. Illustration von Harlis Schweizer Hadjidj

Eine inklusive Kultur soll aber nicht nur Menschen mit Beeinträchtigungen zugutekommen, sondern auch fremdsprachigen oder sogenannt bildungsfernen Bevölkerungsgruppen einen niederschwelligen Zugang zu Kultur ermöglichen. Ausserdem möchte Pro Infirmis mit dem neuen Verein «Kultur für alle» auch Künstler:innen und Kulturschaffenden mit einer Behinderung neue Möglichkeiten der künstlerischen Ausdrucksweise ermöglichen.

Konzertbühnen sind noch immer stark männerdominiert

Stark untervertreten in der Kultur sind nicht nur Menschen mit Behinderung, sondern nach wie vor auch Frauen, inter, non-binäre und trans Menschen. Gerade im Bereich Jazz, Pop und Rock sind die Bühnen in der Schweiz noch immer fest in Männerhand.

Der Verein Helvetiarockt setzt sich seit 2009 das Ziel, den Anteil von Frauen und non-binären Menschen in der Musikbranche zu erhöhen. Noch immer gebe es sogar Festivals, auf denen keine einzige Frau auf der Bühne stehe, erklärt Yvonne Meyer von Helvetiarockt während eines Workshops an der Konferenz.

«Das Line-up von Moon & Stars in Locarno bestand dieses Jahr ausschliesslich aus Männern», so Meyer. Das Bewusstsein für die Thematik sei bei männlichen Konzertveranstaltern noch nicht sehr weit verbreitet, das müsse sich ändern. Meyer fordert deshalb eine Frauen-Quote bei Konzerten und Festivals in der Schweiz. «Sobald sich der Frauenanteil stabilisiert, können wir die Quote wieder aufheben, bis dahin ist sie aber nötig», so Meyer.

Harlis Schweizer Hadjidj hat die Kulturkonferenz zeichnerisch dokumentiert. Sie ist ausgebildete Theatermalerin und seit 1996 als bildende Künstlerin tätig. 2021 wurde sie mit dem Anerkennungspreis der St.Gallischen Kulturstiftung ausgezeichnet.

Um Frauen, inter, non-binäre und trans Menschen in der Schweizer Musikszene sichtbarer zu machen, wurde vor einiger Zeit von Helvetiarockt die Music Directory ins Leben gerufen. Die Music Directory ist eine Plattform, um Künstlerinnen, Technikerinnen und Veranstalterinnen aus der Schweiz zu finden und zu vernetzen. Daneben hat Helvetiarockt eine «Diversity Roadmap» initiiert, die Clubs und Festivals Empfehlungen gibt, wie sie sich für mehr Diversität und Gleichstellung einsetzen können.

Erinnerungskultur als Prozess des Verstehens der Vergangenheit

Einen weiteren spannenden Ansatz, kulturelle Teilhabe und Inklusion zu fördern, bietet das Institut Neue Schweiz (INES), das sich als «Think & Act Tank mit Migrationsvordergrund» versteht. INES arbeitet vor allem mit Erinnerungskultur und Geschichte. Ein zentrales Projekt ist beispielsweise die Aufarbeitung der Schwarzenbach-Initiative in den frühen 1970er-Jahren. Das rechtsextreme Bündnis der «Nationalen Aktion gegen die Überfremdung von Volk und Heimat» wollte damals den Anteil von Ausländer:innen in den Kantonen auf maximal zehn Prozent begrenzen.

Die Initiative wurde im Sommer 1970 mit 54 Prozent Nein-Stimmen an der Urne abgelehnt. Dennoch hatte die Debatte damals einen tiefen Graben in der Schweizer Gesellschaft hinterlassen, insbesondere unter Menschen, die zuvor in die Schweiz zugezogen waren, war die Verunsicherung und Ausgrenzung gross.

INES versucht, die damalige Ausgrenzungsgeschichte aufzuarbeiten. «Wir interessieren uns dabei für verschiedene Fragen, wie beispielsweise, was hat das damals mit den Menschen gemacht, was bedeutet diese Initiative für die Menschen heute und wie hängt die Entwicklung mit Black Lives Matter zusammen?», erklärt Tarek Naguib von INES. Die geschichtliche Aufarbeitung soll dabei spielerisch und künstlerisch  vermittelt werden, beispielsweise mit Late Night Shows sowie einer Sendung auf Radio RaBe, dem «Salon Bastarde».

Die Kulturkonferenz in Gossau hat gezeigt, dass es noch ein weiter Weg ist, bis Inklusion und kulturelle Teilhabe für alle Menschen Wirklichkeit ist. Selbst die Kulturkonferenz stand am Samstag mit den eigenen Forderungen und Wünschen einer inklusiven und barrierefreien Gesellschaft im eigenen Widerspruch. Eine Rollstuhlrampe auf die Bühne im Werk 1 gab es nämlich nicht. Speaker:innen in Rollstühlen sprachen deshalb nicht auf der Bühne, sondern davor auf der Publikumsebene.

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Pamela Dürr,  

Liebe alle, einfach zur Ergänzung: Die Kulturkosmonauten bieten seit 3 Jahren ein kostenloses Montagstraining für alle Menschen im Talhof, Torstrasse 14 St.Gallen an (jeden Montag außer Schulferien) Daraus entstehen immer wieder kleine und grosse Projekte, die partizipativ entwickelt werden- hier findet Inklusion ganz organisch statt, und jede:r kann Teil sein. Keine Hexerei, eigentlich! Kommt einfach vorbei.

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