400 Franken für ein zweistündiges Konzert? Das tönt erstmal nach einer anständigen Gage. Aber, erzählt Sandro Heule, Jazzmusiker und Konzertorganisator: Diese «zwei Stunden» fangen am Vormittag an mit Einspielen, Packen, Autoladen, gehen weiter mit der Fahrt zum Konzertort, mit Aufbau, Technik, Soundcheck und Gesprächen – und nach dem Konzert das ganze Prozedere von vorne beziehungsweise zurückgespult, bis man vielleicht morgens um drei todmüde ins Bett fällt. Noch nicht einberechnet seien dabei die Proben, der Aufbau einer Band, die Werbung, die Konzertsuche – geschweige denn eine Altersvorsorge.
«Honorar: immer schwierig», sagt der Zeichner Beni Bischof, der die diesjährige St.Galler Kulturkonferenz mit einem witzigen Laser-Magazin zum ernsten Thema bei Laune gehalten hat.
Künstlerhonorare als Manövriermasse
Zum Erfahrungsbericht von Kontrabassist Heule kommen vier weitere, die das schwierige Bild spartenübergreifend bestätigten. Ilona Ruegg, Künstlerin mit internationaler Vernetzung, stellt klar, dass Künstlerhonorare meist in die Produktion der Werke einfliessen – statt in einen Lohn. Stephan Zbinden, Co-Leiter des Figurentheaters, versucht den Profi-Spielern die branchenüblichen Honoraransätze zu bezahlen – aber das Budget des Figurentheaters reicht nicht ganz dafür. Ursula Badrutt, Leiterin der Kulturförderung des Kantons, erklärt an Beispielen, wie selbst erfolgreiche und gut unterstützte freie Theaterproduktionen unterfinanziert bleiben – und am Schluss bleibt das künstlerische Personal die «Manövriermasse»: Gratisarbeit wird als Eigenleistung verbucht, das Budget «stimmt», aber um den Preis selbstausbeuterischer Arbeitsbedingungen.
Nelly Bütikofer, Tänzerin und Choreographin, sagt: Gesuche sind das täglich Brot.
Nelly Bütikofer schliesslich erläutert aus jahrzehntelanger Erfahrung den Alltag im freien Tanztheater zwischen künstlerischer Arbeit und finanzieller Verantwortung – «Gesuche sind das täglich Brot», Veranstalter seien wenig experimentierfreudig und oft selber knapp bei Kasse, die Förderpraxis sei auf die Erarbeitung von Produktionen ausgerichtet, aber reiche nicht für die Aufführungen selber. Ein Stück Selbstausbeutung gehöre zwar zum Beruf. Ihr Wunsch wäre dennoch: «bezahlt zu werden dafür, dass wir spielen, und nicht zahlen zu müssen, damit wir spielen können».
Die Berichte bestätigen, was Studien (zum Beispiel von Suisseculture) erhärtet haben: Nur rund ein Fünftel der Kunstschaffenden können von ihrer Kunst leben, der Medianlohn liegt je nach Sparte zwischen 10’000 und 30’000 Franken pro Jahr, viele leben unter der Armutsgrenze. Das Jahrbuch 2019 der Visarte, des Berufsverbands visuelle Kunst Schweiz, informiert unter dem Titel «Survival» umfassend über das Thema – an der Kulturkonferenz kamen Zahlen kaum zur Sprache, dafür persönliche Lösungen.
Die Kunstschaffenden reagieren individuell: Nelly Bütikofer diversifiziert ihre Arbeit, bietet Coachings und Workshops an, hat Regieaufträge, leitete früher ein Theater, bezieht jetzt AHV und deckt damit ihre Fixkosten. Sandro Heule ergänzt die Konzerttätigkeit mit Unterricht, Tontechnik und Mechanikerjobs, Josef Felix Müller ist neben der Kunst auch Verleger und Visarte-Präsident. Ilona Ruegg lobt Mandate wie zum Beispiel Jurierungen, die fair bezahlt seien – «das entspannt».
Die Streichaktion des St.Galler Kantonsrats
Die Bestandesaufnahme macht deutlich, dass das Thema brennt. Und es ist unterdessen auch in der Politik angekommen: Die Kulturbotschaft des Bundes 2021-24, aktuell in der Vernehmlassung, setzt sich ausdrücklich zum Ziel, «die Einkommenssituation von Kulturschaffenden zu verbessern» und Institutionen dazu zu verpflichten, die Honorarrichtlinien der Branchenverbände einzuhalten. Ein ähnliches Postulat stand auch im Entwurf für das neue Kulturfördergesetz des Kantons, wie Kulturamtsleiterin Katrin Meier in Erinnerung ruft. «Professionelles Kulturschaffen wird fair entschädigt», sollte der Satz dort heissen; der Kantonsrat strich ihn jedoch aus dem Gesetz.
Den gesellschaftlichen Horizont spannt im einleitenden Referat Dorothea Strauss auf, in den 1990er Jahren Leiterin der St.Galler Kunsthalle, heute für Corporate Social Responsibility der Mobiliar Versicherung zuständig. Künstlerberufe seien gefragt und «en vogue»; trotz schlechter Löhne herrsche interessanterweise alles andere als Nachwuchsmangel. Zu dieser Attraktivität trage unter anderem die «mediale Mythenbildung» bei, welche die materielle Not banalisiere im Blick auf späteren Ruhm und Erfolg.
Den Ball nimmt das anschliessende Podium auf: Josef Felix Müller kritisiert den Starkult um Millionenverdiener wie Gerhard Richter oder Damian Hirst, welcher mit der Lebensrealität von Künstlerinnen und Künstlern nichts zu tun habe. Sandro Heule sieht dasselbe in der Musik: Bands mit Renommee sahnten an den Festivals ab, den «kleinen» regionalen Bands bleibe im besten Fall die Nebenbühne.
Mehr Geld? Neue Förderformen? Weniger Kultur?
Was tun? Eindeutige Antworten gibt es nicht auf dem Podium unter Leitung von Saiten-Redaktorin Corinne Riedener. Müller kritisiert das Übergewicht von Konzert und Theater St.Gallen, den Abbau von Fördermitteln für freie Projekte, die Blockade der St.Galler Lokremise für die Freien (ein Vorwurf, den Kulturminister Klöti empört zurückweist) und das mangelnde Interesse von Kunstmuseum und Kunsthalle St.Gallen am regionalen Kunstschaffen. Nelly Bütikofer sagt, Veranstalter und Kulturämter hinkten hintennach, was neue Formen betreffe: Heute werde spartenübergreifend und interdisziplinär gearbeitet, der Werkbegriff löse sich auf – das rufe nach einem erweiterten Kulturbegriff auch bei den Geldgebern.
Gossmaulpuppe Gertrud (Mitte), sonst nie um Antworten verlegen, weiss auf dem Podium zur Kulturkonferenz auch keine Lösung.
Programme reduzieren? Das geschehe teils bereits, aber dürfe, mahnt Heule, nicht auf Kosten experimenteller Projekte gehen. Höhere Eintrittspreise? Die Frage bleibt auf dem Podium ohne Antwort. Mehr Kulturfördergeld? Das fordert in der abschliessenden Publikumsdiskussion Kantonsrat Martin Sailer: Die heute geltende Kulturplafonierung blockiere alle Entwicklungen, es brauche den politischen Kampf gegen diese Blockade.
Oder generell höhere Wertschätzung? Dass Kultur in vielen Köpfen noch lange nicht selbstverständlich ihren Preis habe, darin ist man sich einig. Die Unverzichtbarkeit von Kultur hat einleitend schon Regierungsrat Martin Klöti beschworen: Sie sei überlebenswichtig in einer Gesellschaft, die von allen Seiten verunsichert werde.
«Keine Naturgewalt» Die sich immer weiter ausbreitende Armut im Kunst- und Kultursektor ist keine Naturgewalt. Sie ist historisch gewachsen und damit politisch verhandelbar sowie veränderbar.
Yvonne Gimpel in «Survival», dem Jahrbuch 2019 von Visarte
Künstlerin = Unternehmerin
Unter dem Titel «Geld stinkt nicht, doch das ist nicht das einzige Kapital» zeigt Dorothea Strauss Alternativen auf. Künstlerinnen und Künstler müssten sich als Unternehmerinnen und Unternehmer verstehen. Kunst sei – zumindest «auch» – ein Produkt und eine Dienstleistung mit dem Anspruch und dem Anrecht, korrekt entlöhnt zu werden. Voraussetzung dafür sei, dass Kunstschaffende eine «starke Vision» für ihr eigenes Schaffen entwickelten und lern- und reflexionsfähig blieben.
Dorothea Strauss (rechts) und Künstlerin Ilona Ruegg.
Die Gesellschaft ihrerseits brauche Veränderungsbereitschaft und ein erweitertes Kulturverständnis: Kunstschaffende hätten Kompetenzen und Talente, die sie zu wichtigen «Playern» in der Öffentlichkeit und auch in der Wirtschaft machen könnten. Das Bonmot «Kunst ist Kunst, alles andere ist alles andere» sei nicht mehr zeitgemäss. Hier die «böse» Wirtschaft, dort die «gute» Kultur: Damit sei längstens Schluss.
Klötis Demokratiekritik
Im Schlusswort kritisiert Kulturdirektor Martin Klöti seinerseits die Frontenbildungen (hie die Freien, dort die Institutionen) als überholt und warnt davor, die grossen St.Galler Institutionen an den Pranger zu stellen – sie seien entscheidend dafür, «Exzellenz zu fördern». Mittelmass statt Exzellenz drohe hingegen in unserem demokratischen System. Klötis Verdacht: Demokratie sei nicht die geeignetste Basis für eine erspriessliche Kulturpolitik. Der wahre «Feind» der Kultur sei aber nicht die Politik, sondern Oberflächlichkeit, Mobilität, Digitalisierung und die Medien, welche diese Oberflächlichkeit noch verstärkten. Ein weiteres Problem könnte das Überangebot an Kultur werden.
Damit schloss Klöti seine achte und letzte Kulturkonferenz als Regierungsrat mit zwiespältigen Botschaften an die Kulturschaffenden. Die Diskussion hätte gleich nochmal von vorne beginnen können. Sie ging, bei Chäshörnli und Ghacktem im prächtigen Innenhof des Hofs zu Wil, dann informell weiter.
Ausstellung
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.
Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.
Human Human spielen melancholischen und fragilen Indie-Pop, der trotzdem warm und lichtdurchflutet ist. Das St.Galler Duo hat jetzt seine erste EP veröffentlicht und tritt am Wochenende gleich zweimal im Bahnhof Bruggen auf – erstmals mit einer Band.
Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat
1976 lässt sich Gerd Zikeli in der evangelischen Kirchgemeinde St.Gallen-Straubenzell zum Pfarrer wählen. Drei Jahre später wird er als gut vernetzter Holocaust-Leugner und Vorstandsmitglieder der ersten Neonazigruppe der Schweiz enttarnt. Heute beobachtet er Laufenten.
Bildhauer Peter Kamm haut keine Steine mehr im Atelier. Trotzdem entstehen neue Skulpturen, die aktuell in Steckborn zu sehen sind. Wie geht das?
In vielen Ausserrhoder Dörfern klapperten früher Webstühle und später Stickmaschinen. Inzwischen sind sie alle verstummt. Der Film Das Ende einer Ära porträtiert die Sticker Walter Sonderegger Senior und Junior aus Rehetobel und setzt der Branche ein Denkmal.
Der Schweizer Filmemacher Kaspar Kasics überlässt in seinem neuen Film Das unendliche Jetzt Menschen, die mit Demenz leben, die Bühne. Ein Experiment mit einem aussergewöhnlichen Storytelling, auf das es sich einzulassen lohnt.
Die Schweizer Rocklegenden Krokodil haben kürzlich ihr neues Album Beyond The Eye veröffentlicht. Ur-Krokodil Düde Dürst schwärmt von der Energie der 2019 wiederbelebten Band – und hat noch lange nicht genug. Am Freitag spielen sie in der Grabenhalle.
24/7 Traumacore
Kunst in Oberuzwil
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Patrick Kessler erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2026. Der Kontrabassist, Klangkünstler und Kurator aus Gais reist mit alten Lautsprechern nach Wien und Hanoi, tritt mit Insekten in einen musikalischen Dialog und findet seine wichtigsten Lektionen nicht unbedingt an Hochschulen.
Die Mobilitätsallianz Ostschweiz will Pendler:innen zum Umstieg vom Auto auf Bus, Bahn und Velo bewegen. Bei den zehn beteiligten Grossunternehmen lässt bereits jede fünfte Person das Auto am Morgen stehen. Nun sollen 500 weitere Firmen folgen.