Analyse des mütterlichen Wahnsinns
In ihrem Romandebüt Ausser mir schickt Micha Friemel eine Frau in die Berge – auf der Suche nach Ruhe vor ihrer Familie und vor allem vor sich selbst. Entstanden ist ein kluger Text über Beziehungen, Mutterschaft und die Frage, warum wir manchmal einfach ausrasten.
Marie wirft im Streit ein Glas Holundermarmelade an die Wand. Der Fleck lässt sich nicht mehr abwaschen – ebenso wenig wie ihre Selbstvorwürfe und -zweifel. Sie ist Mutter zweier Töchter, Ehefrau, sie arbeitet und schreibt an einem Buch. Und sie rastet aus, zertrümmert Geschirr, einen Stuhl, eine Bodylotion, ihren Laptop und eben die Marmelade. Als Reaktion auf ihre unkontrollierbare Wut flieht sie in ein abgelegenes Haus in den Bergen und reflektiert dort ihren Wahnsinn. Wie ist es so weit gekommen? Sind ihre Beziehungsprobleme ursächlich oder ihre labile Psyche? Was folgt ist eine schonungslose Ursachenforschung.
Micha Friemel, aufgewachsen in St.Gallen, bislang Kinderbuchautorin, selbst Mutter von vier Kindern und Inhaberin einer Pension für kreativen Rückzug, nützt in ihrem Debütroman Ausser mir die Psychoanalyse, um ihre Protagonistin bei diesen Fragen zu begleiten. Es wird dabei vieles verhandelt: die On-off-Beziehung von Marie und Mattia, das Experimentieren mit Polyamorie, der fehlende Bezug zum eigenen Körper, die eigene Kindheit oder die der Eltern.
Was aber kaum zur Sprache kommt, ist die strukturelle Überforderung als Mutter in einer Kleinfamilie. Ohne Anleitung, ohne Unterstützung, ohne Auszeiten. An einer Stelle wird sie kurz angedacht: «Vielleicht war es der haltlosen Müdigkeit wegen, vielleicht war es der Stress, uns vier zu organisieren, vielleicht etwas ganz anderes.» Und da diese strukturelle Ebene der Protagonistin nicht ausreicht, folgen wir ihr auf der Suche nach möglichen Fehlbarkeiten in ihrer individuellen Persönlichkeit, die sie hart von allen Seiten beleuchtet.
Marie führt Gespräche mit Menschen, die nicht anwesend sind, schreibt Nachrichten, die sie nicht abschickt, und arbeitet sich an Figuren aus der Literatur ab – von Parzival bis zu den Brüdern Grimm.
Der Text birgt sprachlich wie inhaltlich Überraschungen. Immer wieder kommt die Liebe hindurch, die als Basis von allem vorhanden ist, und deren Schattenseite es nun mal ist, dass wir nirgends verletzlicher sind als dort, wo uns jemand besonders nah kommt – und niemand kennt unsere empfindlichen Stellen besser als langjährige Partner:innen.
Es geht hier nicht wirklich um eine Ehekrise, sondern vielmehr um die Geschichten, die wir uns über uns selbst erzählen – wie auch Maries Psychoanalytiker und ihre Therapeutin immer wieder kommentierend anmerken. Marie versucht herauszufinden, warum sie geworden ist, wie sie ist – und stellt sich der unbequemeren Frage: Wie gehen wir um mit dem, was wir geworden sind?
Der doppeldeutige Titel zeigt dabei zum einen eine Protagonistin, die «ausser sich» gerät, wenn sie die Kontrolle verliert, gleichzeitig aber auch ausserhalb ihres gewohnten Umfeldes Antworten findet: in der Abgelegenheit der Berge ebenso wie in der Tiefe der Psychoanalyse. Ausser mir ist dabei keinesfalls ein düsteres Therapietagebuch, sondern ein buntes und vielschichtiges Manifest einer Frau in der Rushhour des Lebens, eine Hommage an die Mutterschaft («Ich heulte vor Glück.») und an die Einsamkeit der Berge. Es ist ein philosophisch und psychologisch kluges und ungewöhnliches Buch.
Micha Friemel: Ausser mir. Dörlemann Verlag, Zürich 2026. Sofalesung: Sonntag, 8. November, 17 Uhr, St.Georgenstrasse 104 (bei Andrea), St.Gallen; Moderation: Vera Zatti.
doerlemann.ch
Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun
Daniel Badraun beleuchtet in Mondläufer ungelebte Möglichkeiten und körperliche Grenzen. Der Autor aus dem Thurgau greift in seinem Roman auch philosophische Fragen auf.
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In seinem Romandebüt Réduit nimmt der St.Galler Autor Alexander Raschle die Leser:innen mit in die alpine Festungsanlage – und in die Zeit des Kalten Krieges, als die Welt auch in der Schweiz am Abgrund stand.
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In seinem zweiten Krimi schickt Christian Johannes Käser den Polizisten Jock Kobel erneut auf eine Ermittlung im Appenzellerland. Ein Roman, der geschickt eine Brücke zwischen Tradition und Progression baut und dabei immer wieder poetisches Potential entfaltet.
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Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann