Zwischen Liebe und Leiden
Unwucht, der neue Roman von Sarah Elena -Müller, führt in die Tiefen einer vergifteten Beziehung. Die rasante Geschichte von Alice und Rio mäandert zwischen Alptraum und Rausch, verliert aber nie ihren Witz.
«Und ich habe die Kunst. Aber sie will mich nur so halb. Deshalb hat mich auch die Gastro. Auch nur halb. Alles nur halb. Wir sind Halbkatzen, sagt Rio. Und auch das stimmt nur halb. Wie so einiges, was Rio sagt und mit dem Pronomen wir beginnt.» Alice lebt ein Leben voller Halbheiten. Nichts funktioniert richtig, nichts ist ganz kaputt. So wie ihr Fiat, so wie ihre Beziehung zu Rio.
Rio ist drogensüchtig, verschwindet immer wieder aus der gemeinsamen Wohnung, manchmal tagelang, ohne ein Lebenszeichen, taucht dann wieder auf, ist doch nicht wirklich da, kommt ins Gefängnis, von den Drogen aber nicht los. «Ich kenne das, du liebst jemanden, der etwas anderes mehr liebt als dich. Das bindet stärker als jedes erwiderte Gefühl», sagt eine Freundin von Alice. Selbst in den Momenten, in denen sich das Paar nahekommt, ist es auf eigenartige Weise distanziert. Alice erkennt die Ausweglosigkeit der Situation, genauso wie sie mit ihrem Röntgenblick Rio durchleuchtet. Aber sie gibt die Hoffnung nicht auf.
In ihrem zweiten Roman Unwucht, der – wie ihr Debüt Bild ohne Mädchen (2023) – für den Schweizer Buchpreis nominiert ist, erzählt Sarah Elena Müller die Geschichte einer toxischen Liebesbeziehung. Einer Beziehung, die so irreparabel ist wie der durchgerostete Fiat, aber genau wie er einfach nicht auseinanderbrechen will, allen Schäden zum Trotz.
Diese Geschichte, erzählt aus der Ich-Perspektive von Alice, spielt sich auf zwei zeitlichen Ebenen ab: 2025 sind Alice und Rio seit sieben Jahren getrennt. Sie arbeitet nun in einem Roman die siebenjährige Beziehung auf. Die Erinnerung daran ist jedoch verschwommen. Gemeinsam mit Rio will sie jene Zeit rekonstruieren. Doch bringt das Schreiben mehr Klarheit oder wird die Erinnerung nur noch trüber?
Dabei geht es auch um Macht: 2017 ist die ohnmächtige Alice Rios Sucht komplett ausgeliefert. 2025 reisst die mächtige Alice dank ihres Buchs die Deutungshoheit über diese toxische Zeit an sich, auch indem sie es in den Druck gibt, bevor es Rio lesen konnte. «Und was, wenn der, den du beschreibst, dann für immer ich bin?»
Die Haupthandlung spielt sich 2017/18 ab. Sarah Elena Müller, die in Amden aufgewachsen ist und seit einigen Jahren in Bern lebt, nimmt die Leser:innen mit in die Abgründe dieser unwuchtigen Beziehung. Ihre bildstarke Sprache und ihr pointierter Wortwitz stellen der unglaublichen Tragik dieser Geschichte eine Komik entgegen, ohne dass das je gekünstelt wirkt. So entsteht eine rasante Geschichte, eine Achterbahnfahrt zwischen Liebe und Leiden, zwischen Verzweiflung und Wut, zwischen Ohnmacht und Überforderung.
Es geht auch um Abhängigkeiten: sie von ihm, er von Meth, aber auch von ihr. «Die Halbkatzen sind einander gewogen, nicht, weil sie zusammen eine ganze, anständige Katze hergeben würden, nein, weil sie eine offene Seite haben, hin zum anderen. Zum Reinkriechen, zum Rumstochern, zum Ausweiden, zum Brauchen. Es ist schön, gebraucht zu werden.» Das ist eben auch ein Teil dieser Abhängigkeit: Alice liebt Rio, kämpft um ihn, aber ihre Aufgabe ist nicht die Liebe, sondern von Rio gebraucht zu werden. Trotz allem gibt sie nicht auf – bis ihr irgendwann dämmert, dass das Ende unausweichlich ist. Um sich von ihm lösen zu können, muss sie sich jedoch selbst verlieren. Am Ende weiss man nicht, was Wahn ist und was Wirklichkeit.
Müllers Erzähltempo ist atemlos, die Sprache atemberaubend. An einigen wenigen Stellen geht diesem so fesselnden Buch etwas die Luft aus. Dennoch: An Unwucht kann man sich in den Rausch lesen.
Sarah Elena Müller: Unwucht. Limmat Verlag, Zürich 2026. Lesung: Mittwoch, 11. November, 19:30 Uhr, TapTab, Schaffhausen.
limmatverlag.ch
Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun
Daniel Badraun beleuchtet in Mondläufer ungelebte Möglichkeiten und körperliche Grenzen. Der Autor aus dem Thurgau greift in seinem Roman auch philosophische Fragen auf.
Bücherherbst: Réduit von Alexander Raschle
In seinem Romandebüt Réduit nimmt der St.Galler Autor Alexander Raschle die Leser:innen mit in die alpine Festungsanlage – und in die Zeit des Kalten Krieges, als die Welt auch in der Schweiz am Abgrund stand.
Jock Kobels zweiter Fall
In seinem zweiten Krimi schickt Christian Johannes Käser den Polizisten Jock Kobel erneut auf eine Ermittlung im Appenzellerland. Ein Roman, der geschickt eine Brücke zwischen Tradition und Progression baut und dabei immer wieder poetisches Potential entfaltet.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Gion Mathias Cavelty nimmt in seinem neuen Roman die Schweizer Uhrmacherkunst auf die Schippe. Seine mit viel Humor geschriebene Chronik ist so unterhaltsam wie skurril.
Neues Buch von Christine Fischer
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann
Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.
Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.
Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf fragwürdigen Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.
Die St.Galler Tanzkompanie feierte vergangenen Samstag mit From England with Love Premiere. Das Stück wagt sich abermals aus dem Gleichschritt – mit unmissverständlichen Gesten.
Das Kunsthaus Bregenz zeigt in der neuen Ausstellung Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Torkwase Dyson. Ausgangspunkt ihrer grossformatigen geometrischen Skulpturen und poetischen Malereien bildet das Leben und die Befreiung Schwarzer Menschen.
Wie stehts heute um die Gleichstellung? Und wie war das früher? Die Pop-up-Ausstellung «Frauenspuren im Hallenbad» in Gossau arbeitet ein Stück Gesellschaftsgeschichte auf. Zeigt, wo es heute noch hakt, und dass es nicht bleiben muss, wie es ist.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Theater