Beständigkeit, die erodiert
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Der Blick in die Ausstellung in Walenstadt (Bild: pd/Guido Kaspar)
Spätestens ab Sargans verändern sich Körpergefühl, Laune, Selbstwahrnehmung. Im Tal dröhnt die Autobahn, auf den Eisenbahnlinien rauscht der Personen- und Güterverkehr dahin. Die Verkehrslinien zerschneiden die Ebene. Die Abhänge werden immer steiler, kommen näher, die Felswände werden immer karger und beeindruckender. Sie sind da im Kontrast zur Winzigkeit und Mürbheit des Lebens im Tal.
Wer nicht in Walenstadt wohnt, wird über oder um einen dieser grossen Felsen herumreisen, um die Ausstellung zu besuchen. Und dieses Anreisen ist eine gute Vorbereitung darauf. Allein schon das Wissen, dass gleich eine Begegnung mit Kunst ansteht, die sich mit der Beschaffenheit der Region auseinandersetzt, verändert den Blick und lässt einmal mehr aus dem Fenster schauen. Die Fotografie von Guido Koller und der Titel auf dem Ausstellungsplakat machen deutlich, dass es in dieser Ausstellung um unmenschliche Kräfte geht, um Stoff, der sich seit Tausenden von Jahren wandelt und dies weiterhin tut. Es geht um Materie, die ineinander gepresst, aufeinander gequetscht, von der Witterung abgerieben wird. Es geht um Beständigkeit, die ständig erodiert. Es geht um Schichten, die so weich erscheinen und von einer Zeitlichkeit erzählen, die weit entfernt ist von unserem Alltag und dennoch so präsent darin.
Diese Berge sind im Ausstellungsraum nicht zu sehen. Im grossen Oblichtsaal sind Ölarbeiten wie Musiker:innen einer Band platziert, die schon auf der Bühne stehen, bevor das Konzert losgeht. Sie sind den eintretenden Gästen zugewandt, wollen von allen Seiten her betrachtet werden. Oder, um mit dem von Kuratorin Noëmi Bechtiger verwendeten Vergleich zu arbeiten: «Die räumliche Anordnung fast wie ein Wald.» Die Bildträger stehen da wie Bäume, um die man herumwandern kann. Auf ihren Vorderseiten befinden sich dicke, krustige Malschichten. Da sind Ablagerungen und Abplatzungen, harzig-klebrige, raue und dann wieder samtige Oberflächen, die an Gestein, an Fragmente von Landschaften erinnern. Es könnten Felswände sein, aber auch Baumstämme, deren Rinde mit Flechten und Moos überzogen ist. Auch die grauen, ockerfarbenen und grüngelben Farbmassen lösen diese Assoziationen aus.
Patrick Rohners Wasserzeichnung (Bild: pd/Rudolf Moser)
Der künstlerische Prozess, der aus mehrschichtigen Farbaufträgen, aus Pressungen und Reibungen, aus Ablösungen und neuem Verkleben, aus sehr mechanischen Vorgängen besteht, löst die Grenzen zwischen Malerei und Bildhauerei auf. Rohner imitiert im Atelier mit Ölfarbe auf Sperrholzplatten Vorgänge, die in der Natur stattfinden.
Für die Erfahrbarkeit dieser Prozesse sind die Informationen auf den Rückseiten der Bilder entscheidend: Rohner löst das Geheimnis der Bildrückseiten auf und nutzt sie zur Dokumentation der an den Bildern vorgenommenen Eingriffe. So schnell und dahingeworfen der dicke Farbauftrag wirkt, so besonnen werden die einzelnen Arbeitsschritte ausgeführt. Machen und visueller Ausdruck sind unzertrennbar miteinander verbunden. Das Festhalten der Prozesse ist ein Mitnehmen der Betrachter:innen auf dem Weg zum ausgestellten Bild, das vielleicht nur einmal so zu sehen ist und anschliessend wieder in den Überarbeitungsprozess im Atelier gelangt.
Zum Arbeitsrhythmus des Künstlers gehört nicht nur die ständige Reflexion über das bereits Gemachte beim Weitermachen, sondern das zeichnerische Nachdenken darüber: In einem Nebenraum sind Abzeichnungen der eigenen Ölarbeiten zu sehen. Dieses Überführen von Malerei in die Zeichnung, von Farbe ins Schwarz-Weiss, vom Plastischen ins Flächige löst ein genaues Beobachten und Befragen des eigenen Schaffens beim Künstler und ein genaues Beobachten und Befragen des Wahrnehmens bei den Betrachter:innen aus.
Rohners Rauchertagebücher Nr. 74 bis Nr. 93 (Bild: pd/Guido Kaspar)
In einem zweiten Raum werden Rohners Rauchertagebücher Nr. 74 bis Nr. 93 ausgestellt. Seit 2010 zeichnet Rohner, als Ersatz fürs Rauchen, meist mit Pigmentstiften zu festgelegten Tageszeiten. Während seine Malerei auch ohne Bezug zu Vorgängen aus der Natur betrachtet werden kann und Landschaft in ihr aufgeht, wird sie in diesen Tagebüchern konkret: Es sind Studien, die häufig aus einem Innenraum heraus entstehen. Fenster geben den Ausschnitt vor, rahmen den Blick nach draussen, machen ihn zum Bild. Architektonische Elemente wie Gepäckablagen, Lawinenverbauungen, Pendellampen, Hausdächer, Zäune schaffen ein Verhältnis zwischen Betrachter:innen und dem Gesehenen.
Wieder draussen, tastet der Blick als Erstes die steilen Südwände der Churfirsten ab. Mit den Textpassagen der Wandzeitung aus dem Klimawandelarchiv über die Mürbheit der Berge nachdenkend, drängen sich die Fragen auf: Was hat sich in dieser letzten Stunde bereits verändert, was wurde zuvor übersehen? Da fliegen Leute mit dem Gleitschirm hoch am Himmel, nutzen die Wärme, die von den Abhängen aufsteigt. Die Wälder wechseln gerade ihre Farben. Ein schnurgerader Weg führt zum See. Kinder und Hunde baden darin, Durchreisende halten an für eine Pause und sitzen einfach ein bisschen da, bevor sie auf einer dieser Spuren, die durchs Tal führen, weiterziehen.
«Faltungen»: bis am 22. November, jeweils Freitag, Samstag und Sonntag von 14 bis 17 Uhr, im Museum Bickel, Walenstadt.
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