100 Jahre Einsamkeit
(Illustration: Jeremias Heppeler)
Im Jahr 1989 kann ein Team von Meeresbiolog:innen plötzlich seinen Geräten nicht mehr trauen: Unter den aufgezeichneten Walgesängen singt ein einzelnes Tier auf einer Frequenz wie kein Wal vor ihm. Blauwale schmettern ihre Arien normalerweise mit etwas mehr als 15 Hertz, Finnwale kredenzen ihre Gesänge im Bereich um 20 Hertz. Das aufgezeichnete Signal aber ist viel höher und der Mythos des 52-Hertz-Wals ist geboren. Von 1992 bis 2004 konnte der vielleicht einsamste Wal der sieben Weltmeere, der auf seinen Wanderrouten Eigenheiten von Finn- und Blauwalen kombiniert, eindeutig aufgezeichnet werden, das letzte offizielle Lebenszeichen stammt aus dem Jahr 2015. Forscher:innen vermuten heute, dass es sich beim 52-Hertz-Wal entweder um eine Fehlbildung oder einen Hybriden handelte.
Das Schicksal, der letzte (oder einzige) seiner Art zu sein, teilt das Stimmwunder mit manch anderen tragischen Tierexistenzen: Benjamin, der letzte Tasmanische Tiger, wurde 1935 in Gefangenschaft fotografiert, ehe er ein Jahr später in seinem Käfig verstarb. Die Wandertaube war für viele Jahrhunderte eine der am häufigsten vorkommenden Tierarten unseres Planeten. Das letzte Tier in freier Wildbahn wurde im Jahr 1900 geschossen. Martha, die letzte Taube ihrer Art, starb 1914 in Gefangenschaft. Fakt ist: Wo Menschen auftauchen, beginnt das Aussterben. Der Falklandfuchs, 1833 von Charles Darwin entdeckt, galt bereits 40 Jahre später als ausgerottet.
Ein Tier indes weiss nichts davon, dass es das letzte seiner Art ist. Die Einsamkeit, falls es diese überhaupt verspürt, erscheint ihm ganz singulär und keinesfalls diskursiv dramatisch aufgeladen. Wir Menschen, die wir gegenwärtig für ausnahmslos alles Aussterben auf diesem Planeten verantwortlich sind, laden diese vereinzelten Tierschicksale mit Narrativen und Bedeutungen auf, und vielleicht ist das auch gut so (diese Kolumne funktioniert natürlich ganz ähnlich), um Zugang zu grösseren Zusammenhängen herstellen zu können.
Und natürlich muss dieser Text mit einem kurzen Exkurs zum wohl berühmtesten letzten Vertreter einer Tierart enden: Lonesome George, dessen Name die Einsamkeit schon zum Programm machte, war eine Galápagos-Riesenschildkröte der Pinta-Insel-Unterart. Er wurde 1971 auf seiner Heimatinsel gefangen und lebte fortan auf der Forschungsstation der Charles Darwin Foundation auf der Galápagosinsel Santa Cruz. Walfänger hatten die Schildkröten als lebende Konserven missbraucht und verschleppt und dabei beinahe ausgerottet. Als Forscher:innen feststellen mussten, dass es auf Pinta keine weiteren Vertreter aus Georges Familie mehr gab, sollte sich das betagte Männchen mit verschiedenen Unterarten von anderen Inseln paaren, doch alle Züchtungsversuche blieben ohne Erfolg. Vollkommen irre: 1995 stürmte eine Gruppe verzweifelter Fischer die Forschungsstation und wollte George als Geisel nehmen, nachdem die Regierung die Gewässer rund um das ecuadorianische Archipel zu einer Schutzzone erklärt hatte.
So starb Lonesome George nach einem hundertjährigen Leben voller Einsamkeit am 24. Juni 2012. Und doch enden wir mit einem Hauch von Hoffnung: Im Jahr 2020 wurde eine Schildkröte entdeckt, die zumindest zu Teilen die Gene von Lonesome George teilte. Vielleicht besteht ja doch noch Hoffnung.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Reiche Menschen tragen in einem absurden Mass zum Klimawandel und der Zerstörung unseres Planeten bei. Das ist ein Fakt. Und da die Regierungen unseres Planeten einen Teufel tun, die Superreichen adäquat zu besteuern oder in irgendeiner anderen Art und Weise zur Rechenschaft zu ziehen, scheint…
Selbstverständlich wollen wir das Bestiarium frei von Clickbait halten, aber bei einer Schlagzeile der Marke «Warum sind die Hunde in Tschernobyl blau?» wird auch der integerste Tierkolumnist schwach. Zu aufregend sind die Bilder, die sich umgehend vor dem inneren Auge auftun: Kunterbunt…
Das schwedische Start-up Corvid Cleaning ging Ende des letzten Jahres viral, weil es eine Maschine entwickelt hatte, die Krähen im Austausch für eingesammelte Zigarettenstummel mit Leckereien belohnte. Eine Art Pfandautomat für Rabenvögel! Die Vögel sind ohnehin berühmt und berüchtigt für ihre…
Die Angst geht um im indischen Bundesstaat Jharkhand: Ein Serientäter hat alleine im noch jungen Jahr 2026 über 20 Menschen durch stumpfe Gewalt getötet. Profiler beschreiben den Verdächtigen als männlich, jung und unberechenbar. Das Grauen schlug nachts und mit unbeschreiblicher Brutalität zu…
Geständnis vorab: Die Idee, diesen Text zu schreiben, wurde vor allem von der Tatsache befeuert, dass «Cappuccino-Bär» einfach eine zuckersüsse Artenbeschreibung ist.
Tatsächlich bezeichnet die Kaffee-Referenz aber den realen Hybriden aus Eisbär und Grizzly, der seit einigen Jahren im…
Hast du schon einmal einen Biber Fallschirmspringen sehen? Nein? Ich auch nicht! Um dieses Ereignis bestaunen zu können, müsste man mittels Zeitreise zu einem sehr spezifischen Zeitpunkt in der Geschichte springen. Genauer gesagt ins Jahr 1949 in Northern Idaho. Damals nämlich warf das…
Autor:innen des Horrorgenres bedienen sich seit jeher der Ästhetik der Insektenwelt. Legendäre Monsterdesigns wie der Xenomorph in Alien, die Bugs in Starship Troopers oder «It» in Resident Evil…
Es klingt wie das Szenario eines 80er-Jahre Science-Fiction-Spionage-Thrillers: Auf Satellitenaufnahmen des russischen Flottenstützpunkts Sewastopol waren 2022 eindeutig die Umrisse von zwei gigantischen Netzkäfigen zu erkennen, die irgendwie so gar nicht ins Bild des mächtigen…
Okay, das wird jetzt ein bisschen abgefahren. Da doom-scrollte ich vor einigen Tagen unschuldig durch die Untiefen der Algorithmen, als mich plötzlich folgende Schlagzeile kalt erwischte: «Forscher haben einen Mini-Tauchanzug für Cyborg-Kakerlaken entwickelt.» Der Blick in den Kalender verriet…
Jock Kobels zweiter Fall
Musik
Heppelers Bestiarium
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
Die Stadt St.Gallen muss sparen und will das historische Volksbad nach der Wiedereröffnung des Hallenbads Blumenwies schliessen. Dabei verspricht die Stadt seit über 40 Jahren die Sanierung.
Die St.Galler Regierung spart gegen ihren Willen weitere 60 Millionen Franken ein und rechnet für 2027 mit einem Plus von 55 Millionen Franken. Kulturelle Arbeit wird dabei weiter prekarisiert – mit einer grossen Ausnahme.
Filminstallation über Vergänglichkeit
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.
Die Ausstellung «Beyond the Manosphere. Masculinities today» im Kunstmuseum St.Gallen untersucht, wie Männlichkeit dargestellt, geprägt und gelebt wird. Und zeigt dabei auch ihre Widersprüchlichkeit.