Die Welt ist immer Herisau
In seinem zweiten Krimi schickt Christian Johannes Käser den Polizisten Jock Kobel erneut auf eine Ermittlung im Appenzellerland. Ein Roman, der geschickt eine Brücke zwischen Tradition und Progression baut und dabei immer wieder poetisches Potential entfaltet.
Auch Appenzeller Mitternacht, das zweite Abenteuer des Herisauer Autors Christian Johannes Käser um den Polizisten Jock Kobel, ist mit reichlich lokalem Ambiente ausgestattet. Der Text beginnt mit dem Blick auf den Alpstein und zeigt uns weitere bekannte Orte wie den Barfussweg oder im Nachbarkanton die Grabenhalle. Zwischendurch benutzen die Charaktere dialektale Ausdrücke, was die Immersion erhöht.
Zentral sind im neuesten Fall die Appenzeller Silvesterchläuse – einer von ihnen wird in Urnäsch erschossen. Durch die Ermittlungen erfährt Jock mehr über die Kultur des Chlausens, was diese den Menschen bedeutet und wo Reibung entsteht, weil manche fordern, dass auch Frauen am Brauch teilnehmen dürfen. Jock ist fasziniert davon: «Manchmal wünschte sich Jock einen solchen direkten, klaren Patriotismus. Diese kritiklose Überhöhung der Schweiz.»
Doch ihm ist bewusst, dass es keine einfachen Lösungen gibt. Ist er nach Appenzell zurückgekehrt, um bestimmten Ereignissen in Zürich zu entfliehen, so sieht er sich im Laufe der Ermittlungen wieder mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Musik spielt in seinem Leben eine tragende Rolle. Durch sie kann er sich seinen Emotionen stellen und ein Tor ins Jetzt schlagen. Doch er muss auch lernen, dass er nicht ewig vor seinen Dämonen fliehen kann.
Während Jock als unkonventioneller Ermittler dadurch an Tiefe gewinnt, muten andere Charaktere überzogen an. Wenn beispielsweise Jocks Chefin vor einem Verhör die Kinder eines Verdächtigen trifft und ohne Erlaubnis auf deren Trampolin Saltos macht oder das Ermittlerduo einem Hund namens Ueli begegnet, ist das unglaubwürdig und bildet einen Kontrast zum ansonsten ernsten Mordfall. Gleichzeitig können jene Momente durch ihre Absurdität wiederum sehr lustig sein und dem ländlichen Flair zugutekommen.
Parallel zu Jocks Erzählung gibt es einen zweiten Handlungsstrang, der überwiegend in den 1970er-Jahren spielt und aus der Ich-Perspektive von einer gewissen Viktoria Züger geschildert wird. Diese Erzählebene beschäftigt sich ebenfalls mit dem Konflikt zwischen Tradition und Veränderung. Viktoria ist eine junge, rebellische Filmemacherin, die die alte, bünzlige Ordnung umwerfen möchte. Über historische Referenzen wie die RAF, intellektuelle Anspielungen von Kant bis Beauvoir sowie die Schilderung dringlicher künstlerischer Ambitionen gelingt es Käser, ein stimmiges Bild jener Zeit zu zeichnen.
Die beiden Handlungsstränge wirken anfangs voneinander unabhängig, doch je mehr sich die Hinweise verdichten, desto mehr fliessen sie ineinander, was die Spannung steigert und zum Miträtseln einlädt. Wenn die Ebenen schliesslich aufeinanderprallen, steht einem gelungenen Finale, in der sowohl die Täterperson als auch Jocks persönliche Dämonen bekämpft werden müssen, nichts mehr im Weg.
Käser schafft mit seinem neuen Buch also nicht nur einen spannenden Lokalkrimi und einen Kompromiss zwischen Tradition und Progression, sondern auch eine Geschichte über einen Mann, der noch immer seinen Platz sucht. Einen Mann, der sich allmählich zu öffnen beginnt, ohne seinen bissigen Humor zu verlieren, und für den Herisau sowie das ganze Appenzellerland eine faszinierende, poetisch anmutende Welt bleibt.
Christian Johannes Käser: Appenzeller Mitternacht – Jock Kobel und die Schatten der Queen. Erscheint am Donnerstag, 8. Oktober. Atlantis Verlag, Zürich 2026. Lesungen: Donnerstag, 22. Oktober, 19 Uhr, Stuhlfabrik, Herisau (Buchvernissage); Freitag, 13. November, 19 Uhr, Bibliothek, Steinach; Freitag, 27. November, 19 Uhr, Stadtbibliothek, Gossau.
atlantisliteratur.ch
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