Ersatzwahl in den Stadtrat: Vorentscheid fällt an SP-Nominationsversammlung
Am 29. Oktober entscheidet die SP der Stadt St.Gallen, wen sie in die Ersatzwahl um den Stadtratssitz von Peter Jans schickt. Was ursprünglich wie eine Formalität aussah, hat sich zu einem spannenden Rennen entwickelt. Mit offenem Ausgang.
Wer folgt auf Peter Jans? Peter Olibet, Alexandra Akeret oder Chompel Balok? Oder verliert die SP im Februar gar einen Sitz im Stadtrat an die Bürgerlichen? (Illustration: Saiten-Grafik)
Mitte 2027 tritt Stadtrat Peter Jans nach zwölf Jahren aus der St.Galler Stadtregierung zurück. Der dannzumal 67-jährige SP-Politiker sitzt seit April 2015 als Nachfolger von Fredy Brunner (FDP) in der Stadtsanktgaller Exekutive. Am 28. Februar des nächsten Jahres wird sein Nachfolger gewählt. Von Anfang an klar war, dass die SP ihren zweiten Stadtratssitz verteidigen will. Neben Jans ist sie mit Stadtpräsidentin Maria Pappa im Gremium vertreten. Die St.Galler SP-Stadtpartei ist seit einigen Jahren im Höhenflug. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie den Sitz halten kann, ist daher gross.
Klar ist auch, dass die Bürgerlichen im Stadtrat wieder mehr Gewicht bekommen wollen. Derzeit sitzt für sie einzig Bildungsdirektor Mathias Gabathuler (FDP) in der fünfköpfigen Exekutive. Ob, wie und mit wem FDP, Mitte und SVP bei der Ersatzwahl von Ende Februar antreten wollen, ist offen. Angekündigt wurden nach dem Bekanntwerden des Rücktritts von Peter Jans Gespräche. Für die Bürgerlichen taktisch ideal wäre eine einzelne, starke Kandidatur, hinter die sich alle drei Parteien stellen können. So ein Bündnis ist bisher in der Stadt aber nie zustande gekommen.
Doch zurück zur SP. Als ihr möglicher nächster Kandidat für den Stadtrat wird seit einigen Jahren Peter Olibet gehandelt. Nachdem er sein Interesse an einer Kandidatur angemeldet hatte, schien die Kandidatensuche bereits gelaufen zu sein. Alle, die so dachten, haben die Rechnung allerdings ohne andere mögliche Kandidierende gemacht. Aus der Partei meldeten nämlich neben Peter Olibet auf einen entsprechenden Aufruf hin bis Anfang September weitere durchaus valable Personen, eine Frau und drei Männer, ihr Interesse am Amt an.
Nach Gesprächen der Findungskommission und der Parteileitung mit den fünf Interessent:innen zogen sich Stadtparlamentarier Gallus Hufenus und Kreisparteipräsident Bruno Zanvit zurück. Damit stehen gemäss Vorschlag der Parteileitung an der Nominationsversammlung vom 29. Oktober noch Peter Olibet, Chompel Balok und Alexandra Akeret zur Auswahl. Die SP-Basis steht vor der Qual der Wahl, und das Nominationsverfahren ist alles andere als eine Formalität. Die Mitgliederversammlung von Ende Oktober dürfte im Gegenteil spannend werden.
«Für die Ersatzwahl von Peter Jans nominiert wird jene Person, die in der Parteibasis am besten mobilisiert», sagt einer, der die SP seit Jahrzehnten kennt. Das wissen auch die drei Kandidierenden. Entsprechend aktiv sind sie unter anderem in Sozialen Medien. Wer das Nominationsrennen gewinnt, ist derzeit völlig offen. Die Parteileitung jedenfalls rechnet mit einem grossen Interesse der Basis am Nominationsverfahren. Deshalb findet die Mitgliederversammlung für einmal im Adlersaal in St.Georgen statt. Er fasst offiziell 250 Personen, hat aber auch schon mehr Publikum aufgenommen.
Wie viele der rund 600 städtischen SP-Mitglieder die Nomination der Stadtratskandidatur anziehen wird, ist auch für Kenner der Partei schwer abschätzbar. Um die 200 werden es sicher sein, es können aber je nach Wirkung der Mobilisierung durch die Kandidierenden auch mehr werden. Personen, die jetzt kurzfristig als Reaktion auf die Ausgangslage für die Stadtratsnomination Mitglied werden wollen, werden nicht darunter sein. Gesuche für eine SP-Mitgliedschaft müssen an einer Vorstandssitzung bestätigt werden, und eine solche findet vor dem 29. Oktober nicht mehr statt.
Dass die Prognose so schwierig ist, wen die SP-Basis ins Rennen um den Stadtratssitz schickt, hängt damit zusammen, dass jede der zur Nomination antretenden Personen «spezifische Vernetzungen» hat. Die drei sind langjährige, aktive und bei verschiedensten Themen engagierte SP-Politiker:innen. Alle drei sind innerhalb der Partei bestens bekannt und weisen grosse Bekanntenkreise auf. Wie stark sich das in der Mobilisierung für die Nominationsversammlung bei jedem von ihnen niederschlagen wird, ist aber schwer zu sagen. Und: Wer sehr aktiv ist, wird nicht von allen im Umfeld geschätzt.
Von Peter Olibet etwa wird gesagt, dass er durch seine direkte und dezidierte Art, aber auch durch seine Reaktion auf Widerspruch einzelne Genossinnen oder Genossen auch schon vor den Kopf gestossen hat. Alexandra Akeret, die in Diskussionen sehr pointiert auftritt, wird nachgesagt, dass sie manchmal «einen ruppigen Stil» pflege. Chompel Balok gilt als charmant und ausgeglichen, was ihm teilweise wieder als «Harmoniebedürfnis» vorgeworfen wird. Seit die drei kandidieren, gilt für sie wohl gleichermassen: «Allen Leuten Recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann.»
Wichtiger als einzelne Vorurteile wird für den Ausgang der Nominationsversammlung Ende Oktober aber sowieso das Gesamtpaket sein, das jeder der drei Antretenden bietet. Für eine Kandidatur geeignet sind alle drei. Olibet, Akeret und Balok haben sehr gute bis gute Chancen, im Wahlkampf bestehen zu können und den Sitz von Peter Jans Ende Februar für die SP zu sichern. Hilfreich werden dabei nicht nur ihre Qualitäten sein, ausschlaggebend für den Erfolg ist ganz sicher die Wähler:innenstärke der SP in der Stadt St.Gallen.
Derzeit wohl am breitesten öffentlich bekannt ist im Feld der möglichen SP-Kandidierenden Peter Olibet. Der 50-Jährige hat lange politische Erfahrung. Der ausgebildete Lehrer war schon Sekretär der Kantonalpartei sowie Präsident und Co-Präsident der Stadtpartei. In diesen Funktionen hat er etliche Wahl- und Abstimmungskämpfe erfolgreich geprägt. Peter Olibet sitzt seit 2015 im St.Galler Stadtparlament und gilt dort als eines der einflussreichsten Mitglieder. In verfahrenen Situationen war er oft daran beteiligt, über Parteigrenzen hinweg tragfähige Kompromisse zu schmieden.
Olibet gilt als gewiefter und durchsetzungsstarker politischer Taktiker mit Gestaltungswille. Für seine politische Überzeugung, aber auch für seine Partei und ihre politischen Ziele hat er in der Vergangenheit viel Zeit und Energie investiert. Sein bisheriger politischer Werdegang machen ihn für langjährige Beobachter:innen der Stadtpolitik zu jenem Kandidaten, der genau das mitbringen würde, was der fünfköpfigen Stadtregierung in der aktuellen Zusammensetzung zu oft fehlt: politische Erfahrung und damit ein Gefühl für das politisch Machbare.
Chompel Balok kennt die Verwaltungsarbeit auch aus leitender Position. Der 52-jährige Betriebsökonom und Soziologe war seit 2009 in der St.Galler Kantonsverwaltung tätig, zuletzt als stellvertretender Generalsekretär im Departement des Innern von SP-Regierungsrätin Laura Bucher. Er kennt die Mechanismen innerhalb einer Verwaltung, die politische Entscheide umzusetzen hat. Seit August arbeitet Balok als Stabschef der Kreisschulbehörde Zürichberg in der Stadt Zürich. Der Schulkreis umfasst 13 Schulen, 4'400 Schüler:innen und 1'000 Mitarbeitende.
Dem St.Galler Stadtparlament gehört Chompel Balok seit 2021 an. Dort hat er mit verschiedenen Vorstössen auf sich aufmerksam gemacht. Unter anderem setzte er sich dabei zusammen mit anderen erfolgreich für die Senkung von Einbürgerungshürden ein. Er engagiert sich zudem im Vorstand des Mieterinnen- und Mieterverbands. Er will zwar nicht auf diesen Aspekt reduziert werden, im parteiinternen Nominationsverfahren könnte Chompel Balok sein Migrationshintergrund – er hat tibetische Wurzeln – aber ebenfalls Stimmen bringen.
Am meisten überrascht hat, dass auch Alexandra Akeret ihr Interesse an der Nachfolge von Peter Jans angemeldet hat. Dies, weil sein Sitz im Stadtrat als derjenige der SP-Männer gilt. Trotzdem hat die als kämpferisch bekannte Feministin und Gewerkschafterin Chancen auf eine Nomination. Unterstützung wird sie mit Sicherheit seitens der Frauenbewegung und aus Gewerkschaftskreisen erfahren. Und dass sie als rotes Tuch für bürgerliche Stadtpolitiker:innen gilt, könnte ihr zusätzliche Stimmen vom linken Parteiflügel eintragen.
Die 53-jährige Akeret war von 2013 bis 2025 Mitglied im St.Galler Stadtparlament. 2021 präsidierte sie den Rat. Bei den Gesamterneuerungswahlen im Herbst 2024 erhielt sie am meisten Stimmen aller Kandidierenden. Im Frühling 2024 wurde sie in den St.Galler Kantonsrat gewählt. Akeret arbeitete ab Ende 2019 als Gewerkschaftssekretärin beim VPOD. Seit März 2025 ist sie Gewerkschaftssekretärin der Gewerkschaft des Verkehrspersonals (SEV). 2023 war sie als Gewerkschaftssekretärin etwa mit bissiger Kritik an Kündigungen im Kantonsspital St.Gallen in den Schlagzeilen.
Wer der drei macht am 29. Oktober das Rennen? Auch langjährige Beobachter:innen der Stadtpolitik, die sonst beim politischen Kaffeesatzlesen rasch bei der Hand sind, wagen keine Prognose. Das gilt auch für Parteigänger:innen der SP. Entscheiden werde die Parteibasis, und deren Verhalten sei bei der Ausgangslage für die Stadtratsnomination schwer vorherzusagen. Einige Befragten vermuten immerhin, dass es zum Showdown zwischen Peter Olibet und Alexandra Akeret kommen könnte. Dies, weil sie länger im politischen Geschäft und bekannter sind als Chompel Balok.
Klar ist, dass die SP-Mitgliederversammlung Spannung verspricht. Das genaue Wahlprozedere ist noch in Abklärung. Am Anfang des Traktandums 3 «Nomination Ersatzwahl in den Stadtrat» werden die Kandidierenden und ihre Unterstützer:innen das Wort haben. Danach dürfte es für die Bestimmung der Kandidatur für den 28. Februar 2027 mehrere Wahlgänge brauchen. Sicher ist: Die folgenden Parolenfassungen zu Abstimmungen über die dritte Etappe der Modernisierung der Verkehrsbetriebe und die Parkgebühr-Initiative dürften rascher und ohne Aufregung über die Bühne gehen.
Und was passiert, wenn das Rennen zwischen zwei Kandidierenden ganz knapp ausfällt? Liegt die Verlegenheitslösung einer Zweier-Kandidatur drin? Einer, der der SP seit Jahrzehnten angehört, hält dies für «sehr unwahrscheinlich». Und das hat Gründe: Mit einer solchen Kandidatur flog die SP 2012 aus dem Stadtrat. Ein Zweierticket für einen vakanten Sitz geht nämlich in einer Majorzwahl auf jeden Fall nicht auf. Die beiden linken Kandidaturen würden sich gegenseitig Stimmen nehmen, wovon eine ernsthafte Kandidatur, hinter der alle Bürgerlichen stünden, nur profitieren könnte.
Ob es eine solche erfolgversprechende Kandidatur von FDP, Mitte und SVP geben wird, ist offen. Seit Bekanntwerden des Rücktritts von Peter Jans und der Ankündigung von Gesprächen war von den Bürgerlichen nicht mehr viel zu hören. Abgesehen einmal von Appellen im «St.Galler Tagblatt», dass sie sich für einen Wahlerfolg zusammenraufen müssten. Die Ruhe auf dieser Seite erstaunt allerdings nicht: Am Zug ist die SP-Stadtpartei. Erst wenn am 29. Oktober klar geworden ist, wie sie in die Ersatzwahl gehen will, ist mit einer konkreten Ansage von bürgerlicher Seite zu rechnen.
Chancen und Strategie von FDP, Mitte und SVP werden auch davon abhängig sein, gegen wen man antreten müsste. Ernsthafte bürgerliche Kandidierende für einen Stadtratssitz werden ihre Chancen bei dieser Ersatzwahl genau prüfen, bevor sie in ein Wahlrennen steigen. Und das könnte auch ein Problem für ein bürgerliches Ticket für den 28. Februar 2027 sein. Es würde nicht überraschen, wenn FDP, Mitte und SVP Mühe bekunden würden, jetzt mehr als eine Verlegenheitskandidatur aufzubauen oder letztlich sogar auf eine Kandidatur verzichten.
Es ist absehbar, dass der parteilose Baudirektor Markus Buschor Ende 2028 zurücktreten wird. Damit wäre er bei den Erneuerungswahlen 2028 zu ersetzen. Klar ist auch, dass die SP, wenn sie bei der Ersatzwahl für Peter Jans punktet, nicht ernsthaft einen dritten Sitz im Stadtrat beanspruchen kann. Die Wahlchancen für einen starken Kandidierenden der einigen Bürgerlichen sind damit in zwei Jahren auf jeden Fall besser als jetzt: 2028 muss man ernsthaft wohl höchstens mit grüner Konkurrenz rechnen. Und die zu schlagen dürfte einfacher sein als eine Kandidatur der stärksten Stadtpartei.
Am 29. Oktober entscheidet die SP der Stadt St.Gallen, wen sie in die Ersatzwahl um den Stadtratssitz von Peter Jans schickt. Was ursprünglich wie eine Formalität aussah, hat sich zu einem spannenden Rennen entwickelt. Mit offenem Ausgang.
Jock Kobels zweiter Fall
Musik
Heppelers Bestiarium
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
Die Stadt St.Gallen muss sparen und will das historische Volksbad nach der Wiedereröffnung des Hallenbads Blumenwies schliessen. Dabei verspricht die Stadt seit über 40 Jahren die Sanierung.
Die St.Galler Regierung spart gegen ihren Willen weitere 60 Millionen Franken ein und rechnet für 2027 mit einem Plus von 55 Millionen Franken. Kulturelle Arbeit wird dabei weiter prekarisiert – mit einer grossen Ausnahme.
Filminstallation über Vergänglichkeit
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.