Emanzipation in geometrischer Form
Das Kunsthaus Bregenz zeigt in der neuen Ausstellung Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Torkwase Dyson. Ausgangspunkt ihrer grossformatigen geometrischen Skulpturen und poetischen Malereien bildet das Leben und die Befreiung Schwarzer Menschen.
Torkwase Dyson Skulptur im Kunsthaus Bregenz (Bild pd/Markus Tretter, Courtesy of the artist)
Sacht schwebt die Skulptur ganz nah über dem Boden und erstreckt sich immer grösser werdend über die Köpfe der Besucher:innen hinweg hinauf zur Decke und durch sie hindurch. So scheint es zumindest. Torkwase Dyson nutzt auch den geschlossenen Raum zwischen den Ebenen und lässt ihre Figur gedanklich dort weiterexistieren, wo der echte Ausstellungsraum schon längst aufgehört hat.
Die Künstlerin aus Chicago hat einen interessanten Ansatz, wie sie Räume mit ihren monumentalen Skulpturen teilt und dabei das Gefühl vermittelt, der umgebende Platz verteile sich neu. Tiefschwarz ragen die Figuren von der Decke herab und vom Boden hinauf. Sie sind robust und strahlen gleichzeitig eine Fragilität aus – so wie sie über dem Boden hängen und spielerisch in der Schwerkraft balancieren. Oder wie der Kunsthaus-Direktor Thomas Trummer im Gespräch mit der Künstlerin sagt: «You stress, you challenge gravity. » So überwinde Torkwase Dyson die Gesetze der Physik durch die subjektive Vorstellungskraft.
Torkwase Dyson zählt zu den bedeutendsten Künstler:innen weltweit. In ihren Werken greift sie auf, welche Position Schwarze Menschen in der Gesellschaft einnehmen – in einer direkten, zeitlosen und unmittelbaren Form: «Wer darf sich wo aufhalten, wer Räume erschaffen, wer kann sich auf allen Ebenen frei bewegen, wer wird kontrolliert, eingeschränkt oder ausgeschlossen?», beschreibt das Kunsthaus die Fragen, die abstrakt in den Werken der Künstlerin umrissen werden. Dyson selbst nennt ihre Skulpturen «Hypershapes».
Torkwase Dyson ist 1973 geboren und lebt in Beacon, New York. Mit der Ausstellung im KUB sind ihre Werke zum ersten Mal in Österreich zu sehen. Mit weiteren Arbeiten ist die Künstlerin noch bis zum 22. November auf der Biennale Arte 2026 «In Minor Keys» in Venedig vertreten.
Die Künstlerin in Bregenz (Bild: pd/Miro Kuzmanovic)
Diese architektonischen Formen sind in Dysons Theorie des «Black Compositional Thought» verankert und «Ausdruck der selbstbestimmten Emanzipation Schwarzer Menschen aus der durch Sklaverei bis in die Gegenwart geprägten Geografie Nordamerikas», erklärt der Pressetext. Die segelförmigen Elemente der Skulpturen verweisen in ihrer Gestalt auch auf den Bau von Sklavenschiffen und darauf, wie diese Ingenieurskunst dazu verwendet wurde, um Kapital aus den Menschen zu schöpfen. «Meine Neugier liegt vor allem darin, wie insbesondere Schwarze Menschen sich aus Infrastrukturen und Architekturen der Erniedrigung befreien können», erklärt die Künstlerin.
Die Verortung im Raum und auch in der Leere des Raums ist auch Thema in Dysons Acrylmalereien, die genau wie die Skulpturen nicht an den Rändern der Leinwände aufhören, sondern von einem Gemälde zum nächsten übergehen. Wie Koordinaten führen die Linien von einem Punkt zum anderen, geben den Weg vor, den die Künstlerin in die Welt hineingezeichnet hat. Hinter den kleinen Punkten, Farbtupfern, hinter den Kreisen und Formen im grossen Nichts schimmert der dunkle Hintergrund in blauen und schwarzen Texturen und färbt sich über den Tag im eintreffenden Tageslicht heller – und vielleicht sogar in ein rötliches Braun. Denn je nach Perspektive und Abstand der Betrachtenden zum Werk eröffnen die verschiedenen Schichten des Gemalten im Bild liegende Schatten und Dimensionen.
Linien verbinden die Werke (Bild: pd/Markus Tretter, Courtesy of the artist)
Diese abstrakten Gemälde erinnern an eine atmosphärische Mischung aus Weltall und Tiefseelandschaft. Es sind Bilder, die sich nicht festlegen, sondern das Licht – wie es kommt – aufnehmen und es den Betrachtern farblich zurückwerfen. Dadurch funktionieren Dysons Gemälde natürlich hervorragend im sich verändernden Lichteinfall des Gebäudes. Die spezielle Tageslichtarchitektur des Kunsthaus Bregenz ist wie gemacht für diese farblich wechselhaft dynamische Situation, die Dyson in den Bildern erschaffen hat. Und tatsächlich hat die Künstlerin ihre Werke direkt im Tageslicht an den Wänden des Kunsthauses in Bregenz gemalt und fertiggestellt.
«Torkwase Dyson»: bis Sonntag, 24. Januar 2027, Kunsthaus KUB, Bregenz.
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