Vom Gestern in die Zukunft tauchen
Wie stehts heute um die Gleichstellung? Und wie war das früher? Die Pop-up-Ausstellung «Frauenspuren im Hallenbad» in Gossau arbeitet ein Stück Gesellschaftsgeschichte auf. Zeigt, wo es heute noch hakt, und dass es nicht bleiben muss, wie es ist.
Der Fensterfront entlang durch die Geschichte (Bild: pd/Marc Baumann)
Fürs Schwimmen im See ist es heuer ein bisschen kalt und Wasser hats nach wie vor wenig. Da ists gerade gut, lädt die Projektgruppe Frauenspur Gossau zu einer Pop-up-Ausstellung ins ehemalige Hallenbad Rosenau in Gossau ein. In «Frauenspuren im Hallenbad» geht es aber nicht um Schwimmtraining oder AquaFit, sondern um einen Tauchgang durch die Schweizer Gesellschaftsgeschichte.
Entstanden ist die Idee zur Schau bereits vor 1,5 Jahren. Nach den beiden Büchern Frauenspuren (2021) und Frauenwege(2023) über Gossauer Frauen sei die Ausstellung für die Projektgruppe der logische Schritt gewesen, so die Projektleiterin Brigitte Hollenstein-Gemperle. «Wir hatten so viel Material. Das wollten wir einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen.» Vergangenes Jahr konnten sie das Hallenbad für eine Zwischennutzung gewinnen, denn bereits da war klar, dass das Gebäude ab Sommer 2026 leer stehen würde.
Gestemmt hat das zehnköpfige Team das ambitionierte Projekt vollständig im Ehrenamt. «Wir sind eine initiative Gruppe und wir sind ehrgeizig. Mit unserer Arbeit wollen wir die Menschen erreichen und Diskussionen anregen», sagt Hollenstein-Gemperle. «Gemeinsam tragen wir zu einem Vorwärts in der Gleichstellung bei und können etwas bewegen», ergänzt Marion Loher, die Teil des Projektteams ist. Als Frauengruppe diese Solidarität zu leben und aktiv zu werden, sei bereichernd.
Fast biblisch nimmt die Schau ihren Anfang mit einer Schlange. 60 Meter lang, eigenhändig gestrickt von zwei Projektmitgliedern, windet sie sich durchs gelb-blaue Hallenbadfoyer. Sie steht für 300'000 Jahre Menschheitsgeschichte, jeder Zentimeter entspricht 50 Jahren. Unsere heutige Gesellschaftsform macht da nur ein kleines Stück aus. Das verdeutliche, wie jung unsere Art zu leben sei, sagt Hollenstein-Gemperle. Gerade neuere Forschung zeige, dass Menschen in der Urzeit geschlechtsunabhängig organisiert waren. «Alle haben alles gemacht. Das Gemeinwohl war wichtig.» Die Schlange liefert also gleich eine erste Erkenntnis: So wies jetzt ist, wars nicht immer.
Vom Foyer tritt man ein ins altbekannte Schwimmhallensetting. Frisierstation, Schliessfächer für Wertgegenstände, Garderobe, Spinde, Duschen. Man kennts, nur nach Chlor riechts nicht mehr. «Wir haben die vorhandene Infrastruktur für die Ausstellungsszenografie genutzt», erklärt Marion Loher. Die Frisierstation aus rosa Marmor und mit grossem Spiegel schafft die Verbindung in die Vergangenheit. «Hinter jedem Menschen steht eine Frau, die Spuren hinterlassen hat. Welche ist es bei Ihnen?», fragt der Ausstellungstext die Besucher:innen. Auf bunten Post-its stehen zahlreiche Antworten: «Mami», «Oma», «Mutter Teresa», «Ikkimel». Folgt man der Spur der Vorfahrinnen, führt diese zwangsläufig in die Vergangenheit. Und da, im 19. Jahrhundert, setzt das erste Ausstellungskapitel «Frauen gestern» ein.
Zügig führen knapp gehaltene Infotexte der Fensterfront entlang durch etwa zweihundert Jahre Schweizer Gesellschaftsgeschichte. Pink hervorgehoben sind ausgewählte Fakten. «Dinge, die viele heute nicht mehr wissen», so Brigitte Hollenstein-Gemperle. Etwa, dass Lehrerinnen in manchen Kantonen bis in die 1950er-Jahre gezwungen waren, nach der Heirat ihre Stelle aufzugeben. Oder, dass sexuelle Gewalt in der Ehe in der Schweiz bis 1992 nicht strafbar war und erst seit 2004 als Offizialdelikt gilt. Verschiedene Gegenstände ergänzen diese Zeitreise. «Sie beziehen sich auf Alltagssituationen aus der Lebensrealität der Frauen von damals», beschreibt es Hollenstein-Gemperle. Da ist ein Waschzuber, ein Teeservice oder zwei Bravos von 1971. Wer mag, darf sogar durchblättern.
Durch die Zeit geht es vorbei an Schliessfächern, die sich mit Vorurteilen befassen. Vorbei an den Garderoben, in denen man Zeitzeuginnen lauschen kann, die aus ihrem Leben in und um Gossau erzählen. Von einer ungewollt zahlreichen Kinderschar, weil Verhütung keine Option war. Vom fehlgeschlagenen Staubsaugerkauf, weil die Entscheidungshoheit beim Ehemann lag.
Dann erreicht man die Nullerjahre und blickt der Fensterfront entlang zurück. Es hat sich einiges getan in Bezug auf Frauenrechte, aber es war ein steiniger Weg. «Diese gesellschaftlichen Strukturen zu durchbrechen, erforderte unheimlich viel Mut und Geduld. Man kann sich heute kaum mehr vorstellen, wie starr diese Rollenbilder waren», reflektiert Hollenstein-Gemperle.
Heute sind Frauen und Männer gleichberechtigt, aber noch längst nicht gleichgestellt. Mit harten Kennzahlen verdeutlicht das Kapitel «Frauen heute» das bekannte Ungleichgewicht. Frauen verdienen in der Schweiz im öffentlichen Sektor im Schnitt 12 Prozent weniger als Männer. Frauen arbeiten rund dreimal häufiger Teilzeit als Männer. Und rund 60 Prozent der Arbeitszeit von Frauen ist unbezahlte Arbeit.
In Geschäftsleitungen sind Frauen nach wie vor untervertreten, obwohl mittlerweile mehr Frauen als Männer über einen Hochschulabschluss verfügen. «Gut ausgebildete Frauen leisten nach der Familiengründung oft Care-Arbeit und können ihre Karriere nur teilweise oder eben nicht mehr verfolgen», so Loher. Ein Symptom der Wirklogik unseres Gesellschaftssystems? Care-Arbeit ist, egal wie man es dreht und wendet, ein wichtiger Pfeiler dieses Systems. Und irgendwer muss diese Care-Arbeit leisten. Da kann man sich schon fragen, inwiefern die viel gepriesene Vereinbarkeit von Beruf und Familie unter dieser Prämisse tatsächlich umsetzbar ist.
Arbeiten der Maitlisek Gossau, entstanden in Kooperation mit der Künstlerin Karin K. Bühler (Bild: pd/Marc Baumann)
Der Gedanke hallt noch nach, während man in das Kapitel «Frauen morgen» eintritt. Zwischen bunten Hallenbad-Spinden prangen da nicht minder bunte Plakate mit Schriftzügen. Gestaltet von einer Klasse der Maitlisek Gossau in Kooperation mit der Künstlerin Karin K. Bühler. «Knappi Kleidig isch kei Iladig» steht da in schwarz-pinken Lettern. In Schwarz-Weiss mit petrolfarbenen Akzenten: «Min Körper, mini Entscheidig». Die bunte Leichtigkeit steht im Kontrast zu den Aussagen. Kurze Gedichte begleiten die Botschaften, gehen unter die Haut. «Lass mich,… laut sagen, was ich denke und fühle. (…) nein sagen, wenn sich etwas für mich nicht richtig anfühlt. (…) ohne Angst leben.» Unbehagen, Bedauern, aber auch Wut machen sich breit. Heute 14- bis 15‑Jährige müssen noch fast das Gleiche fordern, wie Frauen vor zehn, zwanzig, dreissig Jahren.
Es ist ernüchternd: Noch immer bleibt viel zu tun. Fast könnte man in Resignation verfallen, wäre da nicht die Utopie-Brause. «Utopien regen zum Nachdenken an: Wie kann unsere Welt gerechter, nachhaltiger und lebenswerter sein?», heisst es hier in Gossau. Also überlassen wir das Spekulieren nicht nur der Börse, sondern imaginieren wir uns eine bessere Welt. Um diese zu erreichen, ist laut Ausstellung das Hinsehen ein erster Schritt. Ein zweiter wäre wohl ins Handeln kommen. Solidarisch miteinander. Für alle, die noch kommen. Frei nach dem Motto: So wies jetzt ist, wars nicht immer und es muss auch nicht so bleiben.
«Frauenspuren im Hallenbad»: bis Donnerstag, 31. Dezember, jeweils Freitag, Samstag und Sonntag, 11 bis 17 Uhr, Ehemaliges Hallenbad Rosenau, Gossau.
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