Unter dem Titel Starke Schweizer Frauen erschien 2021 im Limmat Verlag ein Band mit dreissig von Daniele Muscionico verfassten Frauenporträts. Von dessen Buchdeckel blickt respekteinflössend die grosse Meret Oppenheim in die Welt. Und ja, über den patriotisch angehauchten Titel und den Grund, weshalb «Stärke» bei Frauen eigentlich explizit betont werden muss, sollte man sich weiter streiten.
Nun legt die mehrfach ausgezeichnete Journalistin Muscionico mit einem zweiten Band Starke Schweizer Frauen zwanzig Porträts nach, den Titel ergänzt sie mit dem Zusatz Pionierinnen. Dieser Buchumschlag zeigt die Pilotin und Flugpionierin Margret Fusbahn-Billwiler. Im Fliegermantel und mit Kompass um den Hals, die eine Hand am Rotorblatt eines Flugzeugs. Die St.Gallerin stellte in den 1920er und 30er Jahren mehrere Rekorde auf, sammelte Flugshow-Pokale, unternahm mehrmonatige Langstreckenflüge, kam bis nach Südafrika.
Und darum geht es: Nach bewährtem Starke Schweizer Frauen Rezept – Titel, Vorspann, Bild, Kurzbiographie, Faktenblock– versammelt die Autorin (fast ausschliesslich) Geschichten von Frauen, die in unterschiedlichen Bereichen und zu unterschiedlichen Zeiten auf die eine oder andere Art als Pionierinnen gelten können. Frauen, die sich über vorgegebene Rollenbilder hinwegsetzten, dadurch Neues erlebt und Neues geschafft haben.
Von Pilotinnen und elitären Rassistinnen
Dabei verklärt Muscionico die ausgewählten Schicksale weder zu weiblichen Erfolgsgeschichten noch deren Hauptfiguren zu tadellosen Heldinnen. Dass die Aristokratin und Kämpferin für politische Gleichstellung Meta von Salis eine elitäre Rassistin war, tritt ebenso klar zutage wie die Tatsache, dass die Frau auf dem Buchumschlag sich nicht für Frauenrechte interessierte. Margret Fusbahn-Billwiler wollte einfach fliegen.
Sie war eine herausragende Pilotin, eine Abenteurerin und folgte stur ihrer Leidenschaft. Sie war angepasst und behauptete, sie verstehe selbstverständlich nichts von Technik. Sie flog immer zusammen mit ihrem ersten Ehemann, dem sie meistens auch das Reden überliess. Sie gehöre «nicht zu den Frauenrechtlerinnen, die sich durch Emanzipation weit über den Mann gestellt haben» so der Ehemann. Zumindest gegenüber der Öffentlichkeit bestätigte Fusbahn-Billwiler damit das Rollenverständnis der Zeit. In ihrer zweiten Ehe musste sie dann nicht mehr nur die Klappe halten, sondern wohl auch auf dem Boden bleiben.
Frauen aus der Oberschicht
Wie die Historikerin Elisabeth Joris in ihrem erhellenden Vorwort einräumt, handelt es sich bei kaum einer Porträtierten um eine Angehörige der Unterschicht. Die Äbtissin und Kunstmäzenin Katharina von Zimmern, die der Stadt Zürich das Frauenmünsterkloster schenkte, oder die Habsburger Politikerin Agnes von Ungarn, von frauenfeindlichen Literaten und Denkern zum «blutrünstigen Weibsstück» erklärt, gehörten dem (Hoch-)Adel an, Erbinnen aus Bankiers- und Industriellenfamilien des 19. und 20. Jahrhunderts, wie die erwähnte fliegende Fabrikantentochter Margret Fusbahn, dem (Gross-)Bürgertum. Ihnen stand nicht nur der Weg zu teuren Hobbies, sondern auch zu (anfangs vor allem kultureller) Bildung offen.
Ob Euphemia Stadlin in den Reigen dieser privilegierten Frauen passt? Ist es nicht zynisch, die Zugerin «Pionierin» zu nennen? Als 18-Jährige der Hexerei angeklagt, überlebte sie Monate der Folterhaft. Sie weigerte sich, ein Geständnis abzulegen. Bei ihrer Entlassung hatte die Obrigkeit sie zur Invalidin gemacht. Von derselben Obrigkeit bekam sie zehn Jahre lang Almosen, bis der Scharfrichter sie «kurieren» sollte und sie aus den Akten verschwand.
Ausrufezeichen
Die Autorin lässt viele der immer nach dem gleichen Schema gebauten biographischen Texte mit einem dumpfen Paukenschlag wie bei Stadlin ausklingen – oder steigt direkt mit einer anderen Schlüsselszene ein und rollt von da den persönlichen und geschichtlichen Hintergrund aus. Das funktioniert nicht immer gleich gut. Wer es gern der Reihe nach hat, dürfte sich mit dieser Form schwertun und liest besser zuerst den kurzen Faktenblock, der die einzelnen Porträts abrundet. Sonst kann es passieren, dass man in den biographischen, im Präsens gehaltenen Fliesstexten den chronologischen Faden verliert, nicht mehr weiss, welcher Giacometti nun welcher Generation angehörte oder sich wegen verirrter Fachbegriffe versehentlich in der Vor- statt der Zwischenweltkriegszeit wähnt.
Dank historischer, frauenrechtsrelevanter Fakten, die in den Text eingeflossen sind, bleibt die Lektüre nicht bloss informativ und kurzweilig, sie macht auch Lust auf mehr. Dass die Eigenwilligkeit und der Mut der erinnerten Frauen so erstaunlich sind, wie die Ungerechtigkeiten, mit denen sie leben mussten, himmelschreiend, mag zumindest einen Teil der vielen Ausrufezeichen erklären, die manchmal an irritierender Stelle und in seltsamer Häufung über die 184 Seiten verstreut sind. Möge ihr Ruf gehört und noch viele weitere Frauenleben ins öffentliche Bewusstsein gerückt werden – da gehören sie hin.
Daniele Muscionico: Starke Schweizer Frauen, Pionierinnen. Limmat Verlag, Zürich 2025.
Lesung mit Autorin: 19. November, 20 Uhr, Kafi Otmar, St.Gallen und 3. Dezember, 19 Uhr, Kellertheater, Winterthur.