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Von Mischwesen und Menschen

In ihrem zweiten Roman Chimäre erzählt die österreichisch-schweizerische Autorin Sarah Kuratle von Alice und Gregor, die in einer dystopischen Welt nach sich selbst suchen. Eine Geschichte wie ein Fiebertraum, verfasst in verdichteter Sprache. 

Die Autorin Sarah Kuratle hat ein neues Buch geschrieben (Bild: pd)

Die Autorin Sarah Kuratle hat ein neues Buch geschrieben (Bild: pd)

Gol­de­ne, ge­schwun­ge­ne Let­ter schim­mern auf dem Co­ver, das in er­di­gen Tö­nen das Ge­mäl­de ei­nes kör­per­lo­sen Kop­fes zeigt. Schon beim ers­ten Blick stellt sich die Fra­ge: Was ist das, ei­ne Chi­mä­re? Der Text selbst gibt früh Ant­wort: «Halb Was­ser, halb Wind, ei­ne Chi­mä­re, das will sie auch sein. Wenn sie auf­taucht, ein Vo­gel. Ab­sinkt, ein Fisch.»

Sie – das ist Ali­ce, ei­ne der bei­den Prot­ago­nist:in­nen. In kur­zen Ka­pi­teln folgt man ab­wech­selnd Ali­ce und Gre­gor, ih­rem Freund und Ver­trau­ten, den sie, kurz be­vor die Hand­lung ein­setzt, zu­rück­ge­las­sen hat. Ge­mein­sam leb­ten sie für un­be­stimm­te Zeit auf ei­ner In­sel in ei­ner an­ge­deu­tet dys­to­pi­schen Welt. 

Auf der In­sel gibt es das Kol­leg, wo Schü­ler ler­nen, Pflan­zen zu pfle­gen und zu er­hal­ten. Sie ist nur per Ru­der­boot er­reich­bar, jen­seits liegt ei­ne wei­te, teils ver­wüs­te­te Land­schaft, und ir­gend­wo auch die Stadt, aus der die bei­den stam­men.

Auf der Su­che nach dem Ich

Ge­mäss Du­den ist ei­ne Chi­mä­re un­ter an­de­rem ein Misch­we­sen aus der grie­chi­schen My­tho­lo­gie – Lö­we, Schlan­ge und Zie­ge in ei­nem. Ali­ce ist eben­falls ei­ne Art Misch­we­sen: Auf der In­sel muss­te sie sich als Jun­ge und spä­ter jun­ger Mann aus­ge­ben und nann­te sich Alo­is. Auch vor Gre­gor ver­barg sie ih­re Iden­ti­tät. Nach ih­rem Weg­gang streift sie durch Fluss­land­schaf­ten, auf der Su­che nach sich selbst und nach der Mut­ter, die sie einst auf die In­sel ge­bracht und sich selbst über­las­sen hat.

Gre­gor hin­ge­gen hält sich meist im so­ge­nann­ten Ar­chiv der Saa­ten und im Gar­ten auf, um­ge­ben von Grün. Er will die Din­ge mes­sen und ord­nen, wäh­rend Alo­is die Kon­tu­ren lie­ber über­malt. Ein­mal er­in­nert sich Gre­gor, wie Alo­is zu ihm sag­te: «(…) die­se En­den gibt es nicht, das weisst du selbst. Im Gan­zen sind die Gär­ten ei­ne Pflan­ze. Selbst die Welt.» Und gleich dar­auf füg­te er hin­zu, halb ge­sagt, halb nur ge­dacht, so wie es im Buch durch­gän­gi­ges Stil­mit­tel ist und gra­fisch durch Kur­siv­set­zung dar­ge­stellt wird: «(…) aber was wis­se er schon von der Welt, auf ei­ner In­sel.»

Wie im Fie­ber­traum

Bil­dungs­sprach­lich kann Chi­mä­re auch Trug­bild oder Hirn­ge­spinst be­deu­ten. In der Bio­lo­gie wie­der­um ist es ein Or­ga­nis­mus oder ein­zel­ner Trieb aus ge­ne­tisch ver­schie­de­nen Zel­len. Kur­at­le greift in­di­rekt al­le drei De­fi­ni­tio­nen auf: Max bei­spiels­wei­se, den Ali­ce un­ter­wegs auf dem Fest­land trifft, ist halb Mensch, halb Vo­gel, gleich­zei­tig Di­rek­tor des Kol­legs und – wie sich spä­ter zeigt – Va­ter von Te­ra, der jun­gen Frau, die wäh­rend Ali­ces Ab­we­sen­heit bei Gre­gor lebt und von ihm schwan­ger wird. 

Al­les hängt ir­gend­wie zu­sam­men, oh­ne ei­ner kla­ren, auf den ers­ten Blick sicht­ba­ren Struk­tur zu fol­gen – wie ein Or­ga­nis­mus, der aus vie­len un­ter­schied­li­chen Zel­len be­steht. Die Pod­cas­te­rin und frü­he­re SRF-Li­te­ra­tur­re­dak­to­rin Es­ther Schnei­der nennt den Ro­man ei­nen «Fie­ber­traum», und viel­leicht ist dies die na­he­lie­gends­te Les­art von Kur­at­les Chi­mä­re.

Ob­wohl The­men wie Ras­sis­mus, Um­welt­zer­stö­rung, Rol­len­bil­der und Ka­pi­ta­lis­mus an­klin­gen, ver­folgt der Text kei­ne die­ser Spu­ren kon­se­quent. Sät­ze blei­ben oft Hül­le, wie hier, als Ali­ce in der Stadt auf ei­ne son­der­ba­re Run­de trifft:

« Wem ge­hört das Haus, fragt Ali­ce. Ei­ne Frau, grü­ne Fin­ger, die Fin­ger­nä­gel an den Schlä­fen, gibt zur Ant­wort, nie­man­dem, auch dem Ha­sen nicht. Ei­ne an­de­re er­gänzt, die Er­de in Be­sitz auf­zu­tei­len ist ver­rückt.» Ein Ge­spräch, das grund­sätz­lich In­ter­es­se weckt, en­det im Pla­ka­ti­ven. 

Ein fluider Plot 

Wo liegt also die Essenz von Chimäre? Geht es um Alices und Gregors Traumata – die Mutter, die Alice ohne bekannten Grund allein liess; den jahrelangen Missbrauch, den Gregor ertragen musste? Um ihre Transformation, die der Text nur andeutet; um ein Coming-of-Age? Um die Liebe zwischen ihnen, die sich erst entfalten kann, als Alois als Alice auf die Insel zurückkehrt? Oder geht es primär um die Verwüstung der Welt und das Ringen der Menschen darum, sich in ihr zurechtzufinden? Alle diese Fragen hängen freilich zusammen, doch keine führt zu einer klaren Antwort – dafür verzweigt sich der Plot in zu viele Richtungen. 

Vielleicht ist das der Punkt: Man hält sich am besten ans Fluide, ans Wasser – und an die Sprache. Denn Kuratles Sprache ist ambitioniert. Es scheint, als versuchte sie die Verwischung des Eindeutigen, die Alice so wichtig ist, sprachlich nachzuvollziehen. Verben werden bewusst weggelassen, Sätze ineinandergeschoben und Bedeutungen ins Rutschen gebracht. Das führt manchmal ins Leere, oder es entstehen ungewöhnliche Bilder, wie gegen Ende, als Alice auf dem Rückweg zur Insel ist:

«Mit der Stirn stösst sie an Äste, einen Stamm und ein Boot. Sie taucht auf. Die Reise in die Stadt war an ihrem Ende ein Abschied, am Anfang war sie es nicht, ist sich Alice jetzt sicher. Sie empfindet Traurigkeit und Vorfreude. Gregor, Namen auf der Lippe, Alois, klettert sie zurück, Alice, Max. Sträucher kratzen ihr Gesicht auf. Blutrot. Mehr, nicht genug bekommt sie von den Beeren. Dem Blauen. Reste um ihren Mund, in ihren Händen, küsst sie sich selbst.»

Wer sich auf den Fiebertraum, das Märchenhafte und Unvorhersehbare einlässt und sich nicht scheut vor einer Sprache, die zuweilen kryptisch wirkt, könnte Gefallen finden. Chimäre ist weder Fisch noch Vogel – halb Wasser, halb Luft.

Sara Kuratle: Chimäre. Otto Müller Verlag, Salzburg 2025.
Lesung mit der Autorin: 10. September, 19.30 Uhr, Vorarlberger Landestheater, T-Café, Bregenz.
saiten.ch/kalender

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Zwi­schen Kunst und Kör­per 

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Von Sieglinde Wöhrer,
Jala Wahid Smile maniacally were alive Sieglinde Woehrer

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Ana­ly­se des müt­ter­li­chen Wahn­sinns

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Ja­kob Stutz, Volks­schrift­stel­ler und Re­form­päd­ago­ge mit «zwie­späl­ti­gem» Cha­rak­ter: Ihn lässt Ex-Kel­ler­büh­nen­lei­ter Mat­thi­as Pe­ter 150 Jah­re nach sei­nem Tod noch ein­mal auf­le­ben – un­ter an­de­rem in Tro­gen, wo Stutz im Ge­fäng­nis sass.

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Das Mit­tel­mass fei­ern

Auf sei­nem neu­en Al­bum Th­ree Chords and a Shaking Hand be­singt der Rhein­ta­ler Sin­ger-Song­wri­ter Mo Klé die ge­gen­wär­ti­ge De­bat­ten­kul­tur, Re­gen­stür­me und Selbst­ak­zep­tanz. Die Al­bum­tau­fe fin­det am 7. No­vem­ber im st.gal­li­schen Bahn­hof Brug­gen statt.

Von Vera Zatti,
Artist Picture Mo Kle 2 Credits Johannes Gruber

FC St.Gal­len vs. Ser­vet­te 2:1 - Nicht bril­liert, aber ge­won­nen

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Senf

«Wir le­ben in ei­ner ver­blö­de­ten Mei­nungs­welt!»

Alex­an­der Vel­ja­nov ist die un­ver­wech­sel­ba­re Stim­me der Dark-Wa­ve-Band Dei­ne La­kai­en. Mit sei­nem neu­en So­lo­al­bum gas­tiert er am 9. No­vem­ber in Frau­en­feld. Ein Ge­spräch über Schub­la­den, Lü­ge, Wahr­heit und die Fra­ge, was Mu­sik mit un­se­rem Mensch­sein zu tun hat. 

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VELJANOV 2018 03

Zumthor plant in Wildhaus

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur fürs Tog­gen­burg

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Steinmodell 2

Die SP setzt auf Pe­ter Oli­bet

Ein Wahl­gang ge­nüg­te: Die SP der Stadt St.Gal­len schickt Pe­ter Oli­bet ins Ren­nen um die Nach­fol­ge von Stadt­rat Pe­ter Jans. Er er­hielt 109 von 182 Stim­men. In der Fra­ge­run­de ging es um Spar­po­li­tik, be­zahl­ba­re Woh­nun­gen und die Fra­ge, wie viel Op­po­si­ti­on ein künf­ti­ges Re­gie­rungs­mit­glied noch ma­chen kann.

Von Philipp Bürkler,
Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
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Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
Gu Kas Pa Ro 26 385960 Email Orginal 2

Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft