Ich bin Braveheart (Mel Gibson type shit)
Ich bin die mutigste Person der Welt. Ich traue mich oft tagelang nicht aus der Wohnung raus, weil wieder eine trans Frau ins Krankenhaus geprügelt wurde, weil wieder Nazis aufmarschieren, hie und da auch wegen weniger alltäglicher Dinge. Ich bin Monate bis Jahre in die gleiche Person verknallt und traue mich kaum, danach zu handeln. Trotzdem: Ich bin die mutigste Person der Welt. Zumindest wenn es nach euch geht. Ich bin fucking Braveheart.
In meinem Schreiben, meiner Musik, meiner Kunst zeige ich, wer ich bin, was ich fühle, was ich tue, wie ich denke oder aussehe. Das ist kein Alleinstellungsmerkmal, viele machen das. Und bei vielen geht das auch kommentarlos durch, die Selbstporträts oder das Schreiben über eigene Liebe und fremden Hass. Aber ich kriege bei allem, was ich mache, die immergleiche Nachricht: So mutig, wow.
Weshalb? Weil ich etwas zu krank, zu behindert, zu trans bin, etwas zu divergent von der Normgesellschaft, ganz allgemein gesagt: etwas zu hässlich. Und wer hässlich ist, braucht Mut. Wenn ich erzähle, wie es mir geht, ist das mutig, denn wenn es einem so geht (traurig), behält man das doch besser für sich. Wenn ich erzähle, wie ich aussehe, ist das mutig, denn wenn man so aussieht (trans), behält man das doch besser für sich. Wenn ich erzähle, wie ich liebe, ist das mutig, denn wenn man so liebt (traumatisiert), behält man das doch besser für sich. Wenn ich erzähle, wie ich behandelt wurde, ist das mutig, denn wenn man so behandelt wurde (vergewaltigt), behält man das doch besser für sich. Das will ja niemand sehen, in der Kleinstadt genauso wenig wie im Feminismus, und am allerwenigsten in der eigenen Verantwortung.
Wenn mir Journalisten, Familie, Fans, Ärzte, Dozentinnen, Serviceangestellte, Dates, Beamte sagen, wie mutig es sei, so auszusehen, so zu sprechen, so zu denken, dann sagen sie: Boah, du bist so anders, krass, dass du das bist, das gehört sich doch nicht so – darf man das? Was da spricht: internalisierte Verachtung für Kranke, Behinderte, Randständige. Nichts Neues, das haben die meisten von uns tief eingebrannt bekommen. Und das im Kindheitsalter von den Eltern gelernt zu haben, ist nicht die eigene Schuld. Aber es weiterzutragen oder gar Betroffenen an den Kopf zu werfen, ist sehr wohl die eigene Schuld. Egal, ob das nun meine Versicherung ist, die mir wiederholt schreibt, wie mutig ich doch sei, trans zu sein, oder Redaktionen, die mir wiederholt sagen, wie mutig es doch sei, über mein Leiden zu sprechen.
Dabei will ich wirklich nicht mutig sein. Und ich bins auch nicht. Ich kann ja nichts dafür, Aussehen, Krankheit, Behinderung, ich hab ach so wenig meiner Identität selbst geschaffen. Ich zu sein, ist nicht mutig, ich kann ja kaum anders. Nicht mehr ich zu sein, das wäre mutig. Aber egal wie häufig ihr mir im Subtext klar macht, dass das die akzeptablere Option wäre – den Gefallen tue ich euch nicht.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Mein Hot Girl Summer begann und endete in einem Queensize-Ausstellungsbett bei Ikea. Meine Plateau-Schuhe lagen auf der Blumenmuster-Bettwäsche, um mich herum ein farblich passender Schlafzimmer-Querschnitt mit Holzkommode, Spiegel, Lesesessel und saisonaler Dekoration sowie zwei…
Alles begann in den Kleinstädten des Alpenvorlandes und alle Wege führen zu ihnen zurück. Nachdem ich in der Ostschweiz geboren, sozialisiert und traumatisiert worden war, ging ich da auch in Therapie. Ich begann in St.Gallen, dann kamen Kreuzlingen und Frauenfeld, dann gings westwärts,…
«I can’t think of anything worth writing / I just write to you / So that you know that I am alive / And that cinders always remain / Where there once was a fire» 1984 setzte die Sängerin Elena López aus Briefen, die sie nie abgeschickt hatte, die Lyrics des Operating-Theatre-Songs Spring…
Ich bin krank. Repeat after me: Ich bin krank. Bin ich schon lange, muss es aber trotzdem erwähnen, wieder und wieder: Ich bin krank. Sieht man mir nicht an, heisst es dann. Lucky Me, denn wenn die Leute checken, dass ich krank bin, sagen sie nur: Du bist krank. Wieder und…
Der letzte Tag im März ist der International Transgender Day of Visibility. Happy fucking visibility to me, ich brauch die Sichtbarkeit ja, für Aufträge und Preise, fürs Verkaufen von Kunst und Spielen von Konzerten, weil mein Sichtbarsein dafür sorgt, dass queere Cuties in Bibliotheken…
I wanna be beautiful. Obviously, right? Aber das zu sagen, fühlt sich falsch an. Schönheit sei vergänglich, heisst es bei Disney und den Buchreligionen, wahre Schönheit komme von innen, heisst es in Songs von Christina Aguilera bis Gölä, intelligent und lieb sein sei wichtiger, heisst es,…
2026 ist das neue 2016, die Gen Z ist alt genug für eine erste Nostalgiewelle, aber das Meme ist eh schon wieder vorbei, wenn der Text erscheint: Das Internet ist schnell, aber vergisst nie, vergass auch vor zehn Jahren schon nicht. 2016 gruben Fans einen frühen, gelöschten MySpace-Song…
2026 will ich mehr Christentum und mehr Knutschen. Bessere Vorsätze als irgendwas mit Gym, right? Derzeit arbeite ich das Dialectical Behavior Therapy Skills Workbook durch, eine enge Freundin von mir macht The Artist's Way, und hie und da landen ihre Suche nach Kreativität und meine nach…
Wie stehts heute um die Gleichstellung? Und wie war das früher? Die Pop-up-Ausstellung «Frauenspuren im Hallenbad» in Gossau arbeitet ein Stück Gesellschaftsgeschichte auf. Zeigt, wo es heute noch hakt, und dass es nicht bleiben muss, wie es ist.
Theater
Johanna und Szilamer arbeiten seit vier Jahren als Erntehelfer:innen in Fruthwilen. In ihrer Heimat Rumänien ist die wirtschaftliche Lage angespannt und die körperliche Arbeit auf dem Feld sind sie gewohnt.
Am 29. Oktober entscheidet die SP der Stadt St.Gallen, wen sie in die Ersatzwahl um den Stadtratssitz von Peter Jans schickt. Was ursprünglich wie eine Formalität aussah, hat sich zu einem spannenden Rennen entwickelt. Mit offenem Ausgang.
Jock Kobels zweiter Fall
Musik
Heppelers Bestiarium
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
Die Stadt St.Gallen muss sparen und will das historische Volksbad nach der Wiedereröffnung des Hallenbads Blumenwies schliessen. Dabei verspricht die Stadt seit über 40 Jahren die Sanierung.
Die St.Galler Regierung spart gegen ihren Willen weitere 60 Millionen Franken ein und rechnet für 2027 mit einem Plus von 55 Millionen Franken. Kulturelle Arbeit wird dabei weiter prekarisiert – mit einer grossen Ausnahme.
Filminstallation über Vergänglichkeit