Ich bin nicht eure Metapher

Der letz­te Tag im März ist der In­ter­na­tio­nal Trans­gen­der Day of Vi­si­bi­li­ty. Hap­py fuck­ing vi­si­bi­li­ty to me, ich brauch die Sicht­bar­keit ja, für Auf­trä­ge und Prei­se, fürs Ver­kau­fen von Kunst und Spie­len von Kon­zer­ten, weil mein Sicht­bar­sein da­für sorgt, dass que­e­re Cu­ties in Bi­blio­the­ken das Sai­ten in die Hand neh­men (lie­be Grüs­se). Sicht­bar­keit ist not­wen­dig, it’s part of the job.

Der Trans­gen­der Day of Vi­si­bi­li­ty ent­stand vor et­was mehr als zehn Jah­ren, als die Schweiz trans Men­schen noch zwangs­ste­ri­li­sier­te und die­se in Fil­men bes­ten­falls als Freaks, eher aber als Mör­der ge­zeich­net wur­den. Die Zu­nah­me an po­si­ti­ver Sicht­bar­keit hat seit­her für klei­ne Schrit­te bei der Gleich­be­rech­ti­gung ge­sorgt und dank ein­fa­che­rer An­pas­sung des Ge­schlechts auf dem Pass und auch we­gen des En­des des Ste­ri­li­sa­ti­ons­zwangs tau­chen mehr trans Men­schen in Sta­tis­ti­ken auf, aber auch in theo­re­ti­schen Tex­ten und So­cial-Me­dia-In­fos­li­des. Nicht mehr nur als Mör­der:in­nen, aber auch nicht im­mer als Men­schen, son­dern ge­ra­de in tra­di­tio­nell lin­ken Krei­sen auch als Din­ge, die auf­grund ih­rer rei­nen Exis­tenz to­tal re­vo­lu­tio­när, pro­gres­siv und sub­ver­siv sei­en. We­gen des Gen­ders und so, ihr ver­steht.

«Wenn es nach mir gin­ge, soll­ten hier nur noch trans Men­schen stu­die­ren, da­für wür­de ich auch mei­nen Platz auf­ge­ben», sag­te kürz­lich ei­ne Stu­den­tin zu mir und sah mich er­war­tungs­voll an, jo­king but not jo­king. Wenn ein Kunst­pro­jekt, bei dem ich be­tei­ligt bin, För­der­gel­der be­an­tragt, ist es den an­de­ren Be­tei­lig­ten stets wich­tig, mei­ne Gen­der­que­er­ness im An­schrei­ben zu er­wäh­nen. In Aka­de­mie und Hoch­kul­tur ist trans Iden­ti­tät ein gern ge­se­he­nes theo­re­ti­sches Ac­ces­soire ge­wor­den, ist ed­gy und avant­gar­dis­tisch und steht in Dos­siers, Saal­tex­ten und Re­den an De­mos als Me­ta­pher für den Um­sturz von so gut wie al­lem: Kör­pe­ridea­len, des Ge­sund­heits­sys­tems, gar des Pa­tri­ar­chats its­elf. Die Tran­se killt al­les, nicht mehr als Mör­de­rin wie frü­her, son­dern jetzt als Me­ta­pher. Pro­gress, right?

«Da­bei wird kon­se­quent igno­riert, dass man­che von uns in den Me­ta­phern le­ben müs­sen», bringt es Luce de­Li­re in ih­rem Es­say Bey­ond Re­pre­sen­ta­tio­nal Ju­s­ti­ce auf den Punkt (emp­foh­le­nes fur­ther re­a­ding nach die­ser Ko­lum­ne). Wenn ich Ein­kau­fen ge­he oder in der Bi­blio­thek ar­bei­te, ist das kei­ne Re­vo­lu­ti­on und kei­ne Me­ta­pher für ir­gend­was, son­dern ein­fach sehr stres­sig, denn mit stei­gen­der Sicht­bar­keit ist auch die Ge­fahr mas­siv ge­stie­gen. Al­lein im letz­ten Jahr ha­ben sich die Mor­de an trans Ak­ti­vist:in­nen ver­dop­pelt, und wie wir aus den Saal­tex­ten eben­so wie aus den Re­den rech­ter Po­li­ti­ker:in­nen wis­sen: Al­lein die Exis­tenz als trans Per­son ist ak­ti­vis­tisch und re­vo­lu­tio­när. We­gen des Gen­ders und so, ihr ver­steht.

Des­halb wün­sche ich mir jähr­lich zum Trans­gen­der Day of Vi­si­bi­li­ty ganz an­ti­zy­klisch in mei­nem All­tag ein biss­chen un­sicht­ba­rer und da­für in cis­fe­mi­nis­ti­schen Tex­ten et­was sicht­ba­rer zu sein – und zwar als Per­son mit Ge­füh­len und Ge­fähr­dung und nicht als Me­ta­pher für eu­re po­li­ti­schen oder künst­le­ri­schen An­lie­gen.

Mia Nä­ge­li, 1991, ar­bei­tet nach ei­ner Jour­na­lis­mus­aus­bil­dung und ein paar Jah­ren bei ver­schie­de­nen Me­di­en heu­te in der Mu­sik­bran­che in der Kom­mu­ni­ka­ti­on, als Ton­tech­ni­ke­rin und als Mu­si­ke­rin. Seit Herbst 2024 stu­diert sie Kunst in Wien.

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