Pray on my spine / it’s a rosary
2026 will ich mehr Christentum und mehr Knutschen. Bessere Vorsätze als irgendwas mit Gym, right? Derzeit arbeite ich das Dialectical Behavior Therapy Skills Workbook durch, eine enge Freundin von mir macht The Artist's Way, und hie und da landen ihre Suche nach Kreativität und meine nach Überlebensfähigkeit bei den gleichen Dingen: was Cutes basteln, allein spazieren gehen – oder an irgendwas glauben. Dass Rosalía eben erst mit Lux eines der bestrezensierten Alben dieses Jahrtausends released hat und darauf ebenso cunt served wie auch religionsgeschichtliche Deepcuts, passt also perfekt.
In Rosalías Christentum finde ich mich auch wieder, ohne Misogynie, Homophobie oder Patriarchat, schliesslich dürfen wir Gott nicht den Faschos überlassen, sondern sehen ihn lieber durch die Augen der weiblichen Heiligen der letzten Jahrtausende, so wie das Rosalía macht. Beispielsweise anhand von Olga von Kiew, der Rachekönigin schlechthin, und that’s a match, denn ich brauche den Glauben auch deshalb, weil es unsere Gesellschaft nicht hinkriegt, Gerechtigkeit oder Reparation zu schaffen, weil vier von hundert Tätern sexualisierter Gewalt verurteilt werden, und das Wissen, dass mein Vergewaltiger und all die Vergewaltiger meiner Freundinnen ungeschoren davonkommen – how should I ever trust society again? Deshalb: Gott vergelts, irgendjemand muss ja den Müll rausbringen.
Also warf ich mich ins Bibelübersetzungs-Rabbithole, bestellte mir die angeblich angenehmste davon («New Revised Standard Version») und einen Stapel queerer Theologien. Ich tat das bei einem anderen Buchladen als jenem, bei dem ich meine lesbian romance novels besorge, because I was ashamed, nicht wegen Sünde oder so, sondern ashamed, weil Glauben trotz dem Rosalía-Album in queeren Kreisen nicht grad das Beliebteste ist – or so I thought.
Ein paar Tage später ging ich das erste Mal mit der Bibel in der Tasche aus, schliesslich hatte ich noch einen weiteren Vorsatz, das mit dem Knutschen, wahrscheinlich eine komplexere Sache, mit mehr Beteiligten als nur Gott und mir, und ich habe auch schon lange nicht mehr gedated und hatte also aus Nervosität das vermutlich entspannteste Setting gewählt: 10 Uhr vormittags, zwei Stunden Zeit zwischen zwei Seminaren, zwei Kaffees und vielleicht auch eine Frucht aus der Uni-Mensa, ganz besinnlich, it's still Christmas somewhere, right? Als ich dann erwähnte, dass ich grad tief ins Christentum reinfalle, meinte mein Date nur «hot» und lächelte und zog mich kurz danach im Aufzug nah an sich heran und wir knutschten und ich dachte, dass die Bibel in meiner Juicy-Couture-Tasche gleich vibrieren oder brennen würde, aber Gott war wohl okay damit und wie Rosalía auf Lux singt: «A mi Dios escucharé / Mis Jimmy Choos / yo las tiraré», ganz gehorsam ein paar Tage später die Juicy-Tasche in die Ecke geworfen und die Scham hinterher, «pray on my spine / it's a rosary», und mein Date sagte, die Kreuz-Ohrringe seien auch total hot und also gleich beide Vorsätze auf einmal erfüllt, Gott vergelts, 2026, wir gehen rein.
Mia Nägeli, 1991, arbeitet nach einer Journalismusausbildung und ein paar Jahren bei verschiedenen Medien heute in der Musikbranche in der Kommunikation, als Tontechnikerin und als Musikerin. Seit Herbst 2024 studiert sie Kunst in Wien.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Weihnachten bringt für mich immer den Tod. Und natürlich auch Schlemmerfilet, geschmolzenen Käse und Weihnachtslieder, aber eben auch den Tod. Meine Familie geht kaum auf den Friedhof, nur zu Heiligabend, wenn alle von Prosecco und Wein und Kirschschnaps und einem schlecht gesungenen…
Das Teilen und Tauschen von Medikation hat in der trans Community Tradition. Weil Ärzt:innen auch mal aufgrund des Aussehens oder Verhaltens (zu weiblich? zu wenig weiblich?) die Behandlung verbieten, weil die Wartezeit auf einen Ersttermin auch mal Jahre dauern kann, weil mehr und mehr…
I’m bad with birthdays. Diese Kolumne schreibe ich an meinem Geburtstag, am ersten Tag meiner ersten Ferien seit Jahren – ich bin ebenso schlecht mit Ferien wie mit Geburtstagen. Deshalb fahre ich seit ein paar Jahren an meinem Geburtstag weg, auch dieses Jahr, und am Morgen, nachdem…
Das Naturmuseum St.Gallen eröffnet Mitte November zum zehnjährigen Bestehen seines Neubaus den Ausstellungsbereich «Mensch und Universum». Zwischen Klimakrise und Sternenhimmel geht es um eine ziemlich grosse Frage: Wo stehen wir eigentlich?
Seit zehn Jahren gibt es die Residency in der Bibliothek Andreas Züst im Alpenhof, diesem so schwer zu fassenden Ort in Innerrhoden. Der runde Geburtstag wird nun mit einem vielfältigen Festival gefeiert.
Bevor die Kunsthalle St.Gallen im Dezember wegen Umbauarbeiten voraussichtlich bis April 2027 schliesst, dreht sie nochmals voll auf. In der Ausstellung «House of Change: Pre-Construction-Warm-Up-Galore» präsentiert sie im laufenden Monat ein dichtes, buntes Programm an Kunst und Kultur.
In der Ausstellung «Smile maniacally we’re alive» verbindet Jala Wahid scheinbar getrennte Welten. Sie schlägt darin eine Brücke zwischen Erinnerung, Emotion, Wissenschaft und Politik.
Die erneuten Sparvorschläge der St.Galler Regierung stossen auf breite Ablehnung. Die Kulturszene solidarisiert sich gegen die Abbaupläne. Die Kulturlobby hat sich in Stellung gebracht. Obs hilft?
Kunstausstellung
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller