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Rassismus betrifft nie nur die anderen

Am Freitag war die schweizerisch-ghanaische Soziologin und Autorin Anja Nunyola Glover zu Gast im Square an der HSG. Sie las aus ihrem Buch Was ich dir nicht sage, sprach über mangelndes Rassismusbewusstsein im Bildungssystem und räumte mit verbreiteten Irrglauben auf.

(Bild: co)

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Gleich zu Be­ginn des Abends stellt Glover klar, wor­um es ihr geht: «Der gröss­te Irr­tum ist, dass Ras­sis­mus nur dann exis­tiert, wenn je­mand bos­haft und ab­sicht­lich ras­sis­tisch ist.» Um ras­sis­tisch zu han­deln, brau­che es näm­lich kei­ne bös­wil­li­ge Ab­sicht. Ge­nau das macht den Be­griff für vie­le un­be­quem: Ras­sis­mus ist nicht pri­mär ein Pro­blem ex­tre­mer Ein­zel­fäl­le, son­dern sei tief in ge­sell­schaft­li­chen und kul­tu­rel­len Struk­tu­ren ver­an­kert.

Denn ab­ge­se­hen von über­zeug­ten und ver­irr­ten Rechts­extre­mist:in­nen oder an­de­ren Ak­teu­ren am rech­ten Rand, die be­wusst ei­ne ras­sis­ti­sche Ideo­lo­gie ver­tre­ten, han­delt im All­tag wohl kaum je­mand ab­sicht­lich ras­sis­tisch. Ge­ra­de dar­in lie­ge aber das Pro­blem, so die An­ti-Ras­sis­mus-Trai­ne­rin.

Ob es Ras­sis­mus in der Schweiz denn über­haupt ge­be, sei ei­ne der Fra­gen, die ihr be­son­ders häu­fig ge­stellt wür­den, schreibt Glover auch in ih­rem Buch Was ich dir nicht sa­ge. Ih­re Ant­wort dar­auf ist ein­deu­tig: «Es exis­tiert wohl kaum ein All­tags­be­reich oh­ne Ras­sis­mus.»

Zum Buch

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An­ja Nu­n­yo­la Glover: Was ich dir nicht sa­ge. 2024 im Ei­gen­ver­lag er­schie­nen.

nu­n­yo­la.ch

Ras­sis­mus ist für Glover kein Rand­phä­no­men und nicht in ers­ter Li­nie ein Pro­blem ein­zel­ner «bö­ser» Men­schen. Es ist vor al­lem ein struk­tu­rel­les Pro­blem. Ras­sis­mus prägt In­sti­tu­tio­nen, Spra­che, Er­war­tun­gen, Bil­der und Nor­men – oft so selbst­ver­ständ­lich, dass die­je­ni­gen, die sich in die­sen Struk­tu­ren be­we­gen, es nicht ein­mal mer­ken. «Mit mei­nem Buch woll­te ich denn auch nicht Ein­zel­fäl­le be­schrei­ben, son­dern Ras­sis­mus als struk­tu­rel­les Pro­blem ein­ord­nen», sagt sie.

Buch in der Du-Form ge­schrie­ben

Die­se Per­spek­ti­ve ver­schiebt den Fo­kus weg von der in­di­vi­du­el­len mo­ra­li­schen Schuld hin zur ge­sell­schaft­li­chen Ver­ant­wor­tung. Es geht nicht nur um per­sön­li­che Hal­tun­gen, son­dern um Sys­te­me – und um die Fra­ge, wie die­se Sys­te­me tag­täg­lich re­pro­du­ziert wer­den. In die­sem Sinn un­ter­schei­det Glover auch klar zwi­schen ras­sis­ti­scher Ideo­lo­gie und ras­sis­ti­schem Han­deln. «Nicht al­le Men­schen sei­en Ras­sist:in­nen», sagt sie, «aber al­le han­del­ten ras­sis­tisch», oh­ne es zu wol­len oder über­haupt zu be­mer­ken. 

Auch des­halb ist die Form ih­res Bu­ches so di­rekt. Glover schreibt kon­se­quent in der Du-Form. «Ich du­ze al­le. Auch mich selbst», sagt sie. Der Ver­lag ha­be ihr da­von ab­ge­ra­ten, weil die­se Per­spek­ti­ve un­ge­wohnt und «nicht li­te­ra­risch sei». Sie hat sich trotz­dem da­für ent­schie­den, und das Buch – das be­reits vor ei­nem Jahr er­schie­nen ist – wur­de wohl ge­ra­de auch we­gen die­ser un­ge­wohn­ten Per­spek­ti­ve ein Best­sel­ler. Das «Du» schafft Nä­he, aber es lässt auch kei­ne be­que­me Di­stanz zu. Es macht klar: Ras­sis­mus ist nichts, das nur an­de­re be­trifft.

Ur­sprüng­lich woll­te Glover ei­nen au­to­fik­tio­na­len Ro­man schrei­ben. Nun sei es eher ein Sach­buch oder ei­ne Art Es­say-Samm­lung ge­wor­den, so ge­nau weiss sie das sel­ber nicht. Die­se Of­fen­heit passt auch zum Abend im Squa­re, der eben­falls nicht wie ei­ne klas­si­sche Le­sung da­her­kommt und von Fach­stel­le Di­ver­si­ty, Equa­li­ty & In­clu­si­on an der Uni­ver­si­tät St. Gal­len mit­or­ga­ni­siert wur­de. Glover liest, er­zählt, lacht und be­rich­tet von per­sön­li­chen Er­leb­nis­sen und Er­fah­run­gen im Ge­spräch mit Squa­re-Pro­gramm­che­fin Me­la­nie Oșan.

Dass das Buch über­haupt ent­stan­den ist, hat auch mit ei­ner schwie­ri­gen Zeit in ih­rem Le­ben zu tun. Sie ha­be lan­ge un­ter star­ken Rü­cken­schmer­zen ge­lit­ten, ver­rät sie. «Zeit­wei­se konn­te ich nicht mehr ar­bei­ten und auch nicht mehr vor Men­schen spre­chen oder Work­shops ge­ben.» Aber ge­ra­de das Schrei­ben des Bu­ches ha­be ihr ge­hol­fen, die Rü­cken­schmer­zen zu hei­len. «Viel­leicht ist das nicht be­son­ders wis­sen­schaft­lich», er­klärt sie la­chend, «aber mit dem Schrei­ben wur­den die Schmer­zen we­ni­ger.»

Ras­sis­mus als ei­ge­ne in­ter­na­li­sier­te Er­fah­rung

Als «light-skin­ned Schwar­ze Frau», wie sie sich im Buch be­schreibt, ist Glover mit Ras­sis­mus­er­fah­run­gen kon­fron­tiert, seit sie den­ken kann. Ihr Va­ter stammt aus Gha­na, ih­re Mut­ter aus dem lu­zer­ni­schen Wil­li­s­au. Sie er­zählt von ih­rer Kind­heit und Ju­gend, wie sie da­mals un­ter ho­hen Er­war­tun­gen und dem fa­mi­liä­ren Druck auf­wuchs. «Mein Va­ter hat ei­ne me­ri­to­kra­ti­sche Welt­sicht ver­tre­ten, wo­nach man es im Le­ben zu et­was brin­gen kann, wenn man sich nur ge­nug an­strengt», so die Pro­jekt­lei­te­rin am In­ter­dis­zi­pli­nä­ren Zen­trum für Ge­schlech­ter­for­schung (IZFG) der Uni­ver­si­tät Bern.

Der Druck war gross: Sie soll­te mög­lichst per­fekt Deutsch spre­chen, Eng­lisch am bes­ten flies­send mit rich­ti­gem bri­ti­schem Ak­zent. Auch ihr eu­ro­päi­scher Vor­na­me An­ja sei nicht zu­fäl­lig ge­wählt wor­den, son­dern soll­te ihr bes­se­re Chan­cen er­mög­li­chen. «Wenn es nach mei­nem Va­ter ging, soll­te ich am bes­ten An­wäl­tin wer­den oder in St.Gal­len Wirt­schaft stu­die­ren.» Im­mer­hin ha­be sie es nun mit die­ser Ver­an­stal­tung an die HSG ge­schafft, er­klärt Glover schmun­zelnd.

Für die Wis­sen­schaft­le­rin und Pod­cas­te­rin ist ihr Va­ter ein idea­les Bei­spiel für in­ter­na­li­sier­ten Ras­sis­mus: Da­mit meint sie die ver­in­ner­lich­te Vor­stel­lung, als so­ge­nann­te ras­si­fi­zier­te Per­son – al­so als Ras­sis­mus­be­trof­fe­ne:r – nicht zu ge­nü­gen, sich dop­pelt be­wei­sen zu müs­sen und nur dann an­er­kannt zu wer­den, wenn man mög­lichst we­nig auf­fällt. In­ter­na­li­sier­ter Ras­sis­mus macht vor nie­man­dem halt. Selbst bei Men­schen, die wir lie­ben, oder in Ad­op­tiv­fa­mi­li­en gibt es Ras­sis­mus.

Ras­sis­mus in Bil­dung und Psy­cho­the­ra­pie noch im­mer ei­ne Sel­ten­heit

Dass Ras­sis­mus ein struk­tu­rel­les Phä­no­men ist, das in den Köp­fen in­ter­na­li­siert ist, zeigt auch die Tat­sa­che, wie im Bil­dungs­sys­tem da­mit um­ge­gan­gen wird – oder bes­ser: da­mit nicht um­ge­gan­gen wird. Glover fin­det kla­re Wor­te: «Im Lehr­plan 21 kommt der Be­griff Ras­sis­mus kein ein­zi­ges Mal vor.» Wenn an Schu­len dar­über ge­spro­chen wird, dann oft nur, weil sich ein­zel­ne en­ga­gier­te Lehr­per­so­nen oder Stu­die­ren­de dem The­ma aus ei­ge­ner In­itia­ti­ve an­neh­men. Ver­bind­li­che Struk­tu­ren feh­len aus ih­rer Sicht weit­ge­hend.

Square-Programmchefin Melanie Oșan (links) moderierte das Gespräch mit Anja Nunyola Glover. (Bild: bü)

Square-Programmchefin Melanie Oșan (links) moderierte das Gespräch mit Anja Nunyola Glover. (Bild: bü)

Ei­nen wei­te­ren Nach­hol­be­darf sieht Glover auch im Be­reich der Psy­cho­the­ra­pie. Noch im­mer sei­en The­ra­peut:in­nen nicht auf Ras­sis­mus-Fra­gen sen­si­bi­li­siert. Vie­le ras­si­fi­zier­te Men­schen wür­den the­ra­peu­ti­sche Hil­fe des­halb gar nicht erst in An­spruch neh­men, ob­wohl ei­ne the­ra­peu­ti­sche Ver­ar­bei­tung der Er­fah­run­gen sehr wich­tig wä­re. Oft sei die Angst gross, von The­ra­peut:in­nen nicht ver­stan­den zu wer­den, so Glover. Wer Ras­sis­mus er­lebt, müs­se dann oft zu­erst die ei­ge­ne Si­tua­ti­on er­klä­ren, ein­ord­nen und recht­fer­ti­gen. «Die­ser Zu­satz­auf­wand soll­te nicht bei den Be­trof­fe­nen lie­gen.»

Auch po­li­tisch zeigt sie sich skep­tisch. Zwar ge­be es 2026 erst­mals ei­ne na­tio­na­le Stra­te­gie ge­gen Ras­sis­mus und An­ti­se­mi­tis­mus, doch oh­ne aus­rei­chen­de öf­fent­li­che fi­nan­zi­el­le Mit­tel wer­de die­se Stra­te­gie kaum mehr als ein Sym­bol blei­ben.

Um­ge­kehr­ter Ras­sis­mus ge­gen Weis­se gibt es nicht

Wäh­rend des Abends räumt Glover noch mit ei­nem wei­te­ren Irr­glau­ben auf. Auf ei­ne Pu­bli­kums­fra­ge, ob weis­se Men­schen – bei­spiels­wei­se in ei­nem afri­ka­ni­schen Land – denn nicht auch Ras­sis­mus er­le­ben könn­ten, ant­wor­tet Glover klar und deut­lich: Ras­sis­mus er­le­ben nur ras­si­fi­zier­te Men­schen, Per­so­nen al­so, die als nicht weiss wahr­ge­nom­men wer­den. Men­schen mit weis­ser Haut­far­be er­le­ben kei­nen Ras­sis­mus.

Ent­schei­dend da­bei: «Weiss­sein ist kein bio­lo­gi­scher Zu­stand, son­dern ein ge­sell­schaft­li­ches Kon­strukt.» Es wur­de his­to­risch von weis­sen Ge­sell­schaf­ten ge­schaf­fen, weil es ei­ne so­zia­le Funk­ti­on er­füllt – näm­lich Macht­ver­hält­nis­se zu ord­nen und zu sta­bi­li­sie­ren. Weiss­sein wur­de be­reits vor Jahr­hun­der­ten als eu­ro­pä­isch und christ­lich de­fi­niert. «Al­les, was da­von ab­wich, wur­de als ‹nicht weiss› ka­te­go­ri­siert», er­klärt die Kul­tur­wis­sen­schaft­le­rin. Wenn Weis­se in ei­nem an­de­ren Land aus­ge­grenzt wer­den, hand­le es sich um Dis­kri­mi­nie­rung oder Frem­den­feind­lich­keit, aber nicht um struk­tu­rel­len Ras­sis­mus, so ih­re Ant­wort auf die Fra­ge aus dem Pu­bli­kum.

En­ge Ver­bin­dung von Ras­sis­mus und Se­xis­mus

Der Abend hät­te wohl noch ei­ni­ge Stun­den wei­ter­ge­hen kön­nen, und die The­men wä­ren trotz­dem nicht aus­ge­gan­gen. Ein zen­tra­ler Punkt ist für Glover denn auch die Ver­bin­dung von Ras­sis­mus und Se­xis­mus. Ge­ra­de Schwar­ze Frau­en sei­en oft von Se­xis­mus be­trof­fen, et­wa durch stär­ke­re Se­xua­li­sie­rung oder da­durch, dass sie in fe­mi­nis­ti­schen De­bat­ten – ins­be­son­de­re auch un­ter weis­sen Fe­mi­nist:in­nen – oft nicht mit­ge­meint sei­en. «Wenn über Gleich­stel­lung ge­spro­chen wird, geht es häu­fig dar­um, mehr weis­se Frau­en in Füh­rungs­po­si­tio­nen zu brin­gen – nicht aber grund­sätz­lich um mehr Di­ver­si­tät.»

Der Abend im Squa­re und ins­be­son­de­re auch das le­sens­wer­te Buch Was ich dir nicht sa­ge ge­ben ei­nen tie­fe­ren Ein­blick in den all­täg­li­chen, un­be­wuss­ten und ver­in­ner­lich­ten Ras­sis­mus. An­ja Nu­n­yo­la Glover zeigt uns – uns mehr­heit­lich nicht von Ras­sis­mus be­trof­fe­nen Men­schen –, dass es nicht reicht, le­dig­lich ei­ne an­ti-ras­sis­ti­sche Hal­tung zu ha­ben, son­dern dass wir auch das Be­wusst­sein schär­fen müs­sen, ge­sell­schaft­li­che Zu­stän­de nicht ein­fach als ge­ge­ben hin­zu­neh­men. Es ist ei­ne Ein­la­dung, ge­nau­er hin­zu­se­hen – und die ei­ge­ne Rol­le dar­in nicht län­ger aus­zu­klam­mern und Ak­ti­vis­mus nicht län­ger nur an­de­ren zu über­las­sen.

Eman­zi­pa­ti­on in geo­me­tri­scher Form

Das Kunst­haus Bre­genz zeigt in der neu­en Aus­stel­lung Ar­bei­ten der US-ame­ri­ka­ni­schen Künst­le­rin Tork­wa­se Dys­on. Aus­gangs­punkt ih­rer gross­for­ma­ti­gen geo­me­tri­schen Skulp­tu­ren und poe­ti­schen Ma­le­rei­en bil­det das Le­ben und die Be­frei­ung Schwar­zer Men­schen.

Von Sieglinde Wöhrer,
Torkwase Dyson EG Y3 A3594 Foto Markus Tretter

Vom Ges­tern in die Zu­kunft tau­chen

Wie stehts heu­te um die Gleich­stel­lung? Und wie war das frü­her? Die Pop-up-Aus­stel­lung «Frau­en­spu­ren im Hal­len­bad» in Gos­sau ar­bei­tet ein Stück Ge­sell­schafts­ge­schich­te auf. Zeigt, wo es heu­te noch hakt, und dass es nicht blei­ben muss, wie es ist.

Von Vera Zatti,
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Kolumne: 24/7 Traumacore

Ich bin Bra­ve­he­art (Mel Gib­son ty­pe shit)

Von Mia Nägeli,

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Kein Kom­pli­ment

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