Die Kolonien in Afrika, Asien und Amerika waren ein einziger grosser Raubzug. Dem materiellen Diebstahl von Rohstoffen und Kunstgütern folgte die geistige Enteignung und der Mord an Millionen Menschenleben. Die meisten afrikanischen Kolonien wurden erst vor 60 Jahren unabhängig (eine Unabhängigkeit, die durch fortwährende Ausbeutung von Ressourcen und Arbeitskräften fraglich ist). Dies scheint eine Ewigkeit her. Dass mein Vater noch unter dem britischen Regime gelebt und Hymnen an die junge Königin Elizabeth von England gesungen hat, wirkt bizarr.
Die Aneignung ist ein raffinierterer Diebstahl, da sie sich als freundliche Einvernahme tarnt. In der Einvernahme von Kultur kuschelt sich die Appropriation in eine Decke der Empathie, die die Menschen gleich zu machen vorgibt. Wir alle sind Katari, Araber, Afrikaner, Schwule, Behinderte, Arbeitsmigranten – gerade so wie es Fifa Boss Infantino in einem malignen «Sprechdurchfall» von sich gab.
Sich etwas zu eigen machen, das man nicht ist und nicht errungen und nicht erlitten hat, ist gravierender als einfacher Diebstahl. Im Akt der Appropriation versteckt sich der Vorwand, das Angeeignete gehöre im Prinzip bereits einem, es handle sich also nicht um ein Enteignen, sondern um Mitgefühl oder Verständnis gegenüber dem anderen. Der Zufall unserer Geburt und die damit verbundenen Privilegien oder Nachteile sind obsolet angesichts des kulturellen Mixes, der uns täglich umgibt. Und der Prämisse, Kultur manifestiere sich erst in der Begegnung mit dem anderen.
Gegen diese Wald- und Wiesenseligkeit mit Rastazöpfen und Herzchen tritt das Argument des geistigen Erbes an, das vorgibt, durch Blut exklusive Rechte auf Kultur reklamieren zu dürfen. Tatsächlich bringt Schwarz zu sein heute nicht nur Nachteile. Damit eine Oper mit so konstruiertem Plot wie der «Anonyme Liebhaber» begeistern kann, muss sie entweder wahnsinnig gut inszeniert oder Schwarz sein.
Wie andere klassische Opern, und doch besonders
Die Story – ein Schwarzer Adliger vermag aus Scheuheit seine Liebe zu einer Adligen nicht zu gestehen – endet, mit den typischen Kapriolen vielfacher Verwechslungen, weder im Happy End noch wirklich tragisch. Mit hohem Tempo und viel Abwechslung sorgt sie für gute Unterhaltung, fällt aber kaum aus dem Rahmen gefälliger Opernlibretti.
Letzte Vortellung: 9. Dezember, im UM!BAU St.Gallen
theatersg.ch
So unterscheidet sich L’Amant anonyme (Der anonyme Liebhaber) nicht von anderen klassischen Opern, deren hanebüchene Stoffe nicht viel mehr als Kasperle-Theater für eine minder adlige Klasse darstellen, die sich im gesellschaftlichen Umbruch am Spiel schöner Musik orientiert und damit eine Ordnung bewahren will, die zusammenzubrechen droht.
Trotzdem ist der «Fall Bologne» ein besonderer: Wie konnte ein Schwarzer Komponist mit Hang zu revolutionären Ideen in einer so rigiden und ungerechten Gesellschaft wie dem Ancien Régime bestehen? Wie war es ihm möglich, als Chevalier, Charmeur und Musiklehrer der Königin Marie Antoinette gefördert zu werden und seine Werke mit den besten Orchestern aufzuführen?
In der Inszenierung von Femi Elufowoju jr. wird die Opernhandlung (Libretto von François-Georges Fouque Deshayes nach einer Geschichte von Stéphanie Félicté de Genlis) mit der Biographie Bolognes verknüpft. Die Regie verwandelt die naive Geschichte in ein autobiographisches Zeugnis Bolognes, dank dem sich unter der Hülle bezaubernder Melodien eine beissende Gesellschaftskritik verbirgt.
Der junge anonyme Liebhaber Joseph (Joshua Stewart) ist nicht irgendein französischer Adliger, sondern der Komponist Joseph Bologne selbst. Die Unmöglichkeit, eine weisse Frau zu heiraten, spiegelt seine ureigene Erfahrung mit dem rassistischen «code noir».
Was dies bedeutete, ist im Programmheft festgehalten, in dem sich Bolognes Biografie tatsächlich wie eine Heldengeschichte liest. 1745 auf der Karibikinsel Guadeloupe als illegitimes Kind des französischen Plantagenbesitzers George de Bologne Saint-Georges und der aus dem Senegal stammenden Sklavin Nanon geboren, hatte er das Herz am rechten Fleck – er stand aber auf der falschen Seite.
Joseph Bologne war Schwarz und lebte, quasi «naturalisiert», bei den Weissen. Er war Teil des Ancien Régime, hatte aber Sympathien für die Revolutionäre. Er führte eine aus karibischen Schwarzen bestehende Revolutionslegion, wurde aber aufgrund seiner Verbindung zum Ancien Régime inhaftiert. Schliesslich wurde er im Kampf an der Seite des legendären Toussaint Louverture gegen die spanischen Kolonialherren von Santo Domingo beinah hingerichtet.
Unter diesem Vorzeichen klingen die hellen Klänge und die wie dahinplätschernden Nummern-Arien plötzlich dunkel und erzeugen eine Betroffenheit, die von der Regie mit pantomimischer Ironie aufgelöst wird und im Kontrast zum an Kitsch nicht zu überbietenden Bühnenbild steht. Mittels Erklär-Sequenzen wird der Erzählfluss immer wieder gebremst, wobei diese Reflexionen etwas betulich und allzu pädagogisch wirken.
Optisch strotzt diese Oper an reizvollen Symbolen und Gesten (Bühne und Kostüm: ULTZ): das Weiss von Puder und Kleidern im Kontrast zum Schwarz des Chevaliers, der Widerspruch einer verklemmt sexualisierten Gesellschaft, die sich in engen Miedern, überdimensionierten Hinterteilen, Reifenröcken, Strümpfen und Perücken zusammenschwitzt. All dies wird durch Momente köstlichen Slapsticks angereichert.
Das Team der Solist:innen ist hervorragend. In ihrer engagierten Interpretation wirkt das zentrale Vokalquintett überschäumend und vermittelt eine Klanggewalt, welche in dieser Inszenierung die bekannten Muster nett-höfischen Spiels übersteigt.
Sinfonieorchester St.Gallen und Chor des Theaters St.Gallen unter der Leitung von Kazem Abdullah begleiten federnd, lustvoll und nah an den Solist:innen. Nach anfänglichen leichten Intonationstrübungen wirkt der Klang frisch und transparent, die schönen Instrumentalsoli, oft als Verlängerung der vokalen, geben den lichtvollen und raketenhaft auffahrenden Klängen Kontur und Balance.
Im Sog dieser Musik überzeugt Florina Ilie als Léontine mit schauspielerischer Präsenz und voller Strahlkraft in allen Lagen. Auch Äneas Humm als Chevalier d’Eon fasziniert durch Tempo, Witz und kontrastreicher Expressivität. Libby Sokolowski als Dorothée singt transparent und mit präziser, heller Tongebung.
Leider gelingt die Darstellung des Protagonisten Joseph weniger gut. Trotz tadellosem Gesang vermag Joshua Stewart die Tragik der Persönlichkeit Bolognes nicht zu verkörpern. Der Schluss der Oper wirkt wie aufgehoben, dies aber weniger im Sinne eines Suspense, sondern als Leerstelle, als ob die Geschichte nach einer Anknüpfung suchte. Vielleicht ist die Schwierigkeit gerade die, dass sie nur ein Schwarzer komponieren konnte und singen muss.
Grosses Verdienst und seine Fallstricke
Zweifellos hinterlässt Joseph Bologne, der «Chevalier de Saint-Georges», ein grosses Erbe, aber wem gehört es? Kann eine Aneignung, die nicht enteignen will, als Erbe weitergegeben werden? Oder liegt das Problem gerade darin, dass wir dieses Erbe im Kollektiv nicht verkörpern, jedoch die Last subjektiv zu gross ist? Eine Appropriation dessen, was einem selbst gehört, ist ein schwieriges Unterfangen, welches die Motive des Lebens des anderen und des Lebens gesellschaftlicher Abläufe über die eigene Lebenswelt stellen möchte. Wir Schwarze sind ihm, Bologne, als Erb:innen so nah wie die Weissen, aber vielleicht ist nur durch die schwarze Haut erahnbar, was vor 250 Jahren der «code noir» bedeuten mochte.
Es ist ein grosses Verdienst des Theaters St.Gallen, nach 250 Jahren eine Oper von Bologne auf einer europäischen Bühne aufzuführen. Mit dem Motto «SAY HIS NAME» ist dieser erstaunliche Schwarze Komponist tatsächlich ein bisschen ins Rampenlicht gerückt, und es wird offensichtlich, wie bedeutend er für die Entwicklung der Klassik war.
Die Wiederentdeckung Bolognes war überfällig, aber eine gesellschaftliche Rehabilitierung gibt es hier nicht. Die Frage des Rassismus sollte uns immer wieder neu konfrontieren, aber eine Inszenierung, welche die Frage der Hautfarbe vor dem Drama der Story stellt und ebendiese Story so explizit mit der Lebensgeschichte des Komponisten vermischt, riskiert von der Musik wegzurücken. Gerade weil der inhärente Rassismus in dieser Geschichte so klar durchdringt, schmälert der enge Blick auf sie die musikalische Grösse Bolognes. Es ist ein Blick der Ausklammerung, der in gefährliche Nähe zur Appropriation geraten kann.
Äneas Humm (Ophémon), Libby Sokolowski (Dorothee), Florine Ilie (Léontine), Joshua Stewart (Joseph), Christopher Sokolowski (Colin), Jennifer Panara (Jeannette)
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