Bekanntlich folgen Opernstoffe oft komplizierten Mustern, wobei sich die Geschichten in wenigen Sätzen erzählen lassen. Dass die Spannung trotzdem über drei Stunden anhalten kann, liegt am Zusammenspiel von Stoff, Musik und Bildern, und vielleicht auch an dem, was man als Zuschauer hinzufügt, was einen berührt und nicht mehr aus dem Sinn gehen will.
Die Geschichte der 1840 uraufgeführten Grand-Opéra «La Favorita» von Gaetano Donizetti ist auf den ersten Blick schnell erzählt: Fernando und Leonora lieben sich und können nicht zusammen kommen – eine an den rigiden gesellschaftlichen Normen scheiternde Liebesgeschichte. Historischer Hintergrund ist die christliche Reconquista, die Rückeroberung der iberischen Halbinsel von den Arabern. Die St.Galler Inszenierung setzt weniger auf Gefühlsromantik als auf die Chiffren der Macht, die das individuelle Schicksal fest in der Hand hält. Dieser Ansatz ist an sich spannend. Indem die Liebesromanze aus dem Vordergrund gerückt wird, ermöglicht sie einen tieferen Blick in die vertrackte Symbolik des mittelalterlichen Gesellschaftsbilds.
Totenschädel und Hibiskusblüte
Mit opulenten Bildern allein wie Kreuz, Kardinalsstock, Totenschädel und Hibiskusblüte findet diese Symbolik aber einen eher oberflächlichen Ausdruck. Das Symbol der übergrossen Hand, die in zwei ineinander greifenden Ringen gleichsam aus einem Schlund zu wachsen scheint, wirkt in Guy Montavons Inszenierung penetrant. Solche Bedeutungshaftigkeit, die durch Massenszenen und durch die Schwere stummer Prozessionen, aber auch durch Lichtkontraste erreicht werden will, bleibt unglaubwürdig, da die Personen auf der Bühne unverbunden und ihre körperlich-sprachlichen Interaktionen blass wirken.
Dieser Eindruck ist auch einer Openair-Ästhetik geschuldet, die keinen Raum für Intimität lässt. Handlung, Musik und Bild werden in der Klosterhof-Kulisse trotz treffender Anspielung auf den klerikalen Rahmen kaum als Einheit wahrgenommen. In den knapp drei Stunden wird nicht plausibel, warum Fernando Leonora lieben muss, warum König Alfonso sie so schnell hergibt, warum sie Fernando am Schluss reumütig ins Kloster folgt.
Vieles im Bühnenbild (Hank Irwin Kittel, Uta Meenen und Guido Petzold) scheint schlecht zu funktionieren. Es erinnert uns wechselweise an Spaceship-ähnliche Gebilde à la Disneyland, dann wieder präsentiert es kastilisches Lokalkolorit mit totenkopfbehängten Mönchskutten. So laviert die Regie zwischen Kostümfilm und Regietheater. Die Protagonisten wirken durch die labyrinthischen, spinnfadenähnlichen Luftwege eher verloren – eine Orientierungslosigkeit, die aber unfreiwillig wirkt.
Starke Solistinnen
Trotz perfektem Zusammenspiel von Soli, Chor, Sinfonieorchester St. Gallen (Leitung Attilio Tomasello, Chor-Einstudierung Michael Vogel) und Stimmen, die spielend durch den Sommerabendwind tragen, bleibt der Gesamteindruck etwas musicalhaft, klanglich untermalt, künstlich. Am körperlichsten wirken die Chorszenen, die kraftvoll die Höhepunkte markieren (Chor des Theaters St. Gallen, Opernchor St. Gallen, Theaterchor Winterthur und Prager Philharmonischer Chor). Arthur Espiritu als Fernando überzeugt nach etwas angestrengtem Beginn ab der zweiten Arie in allen Tonlagen. Elena Maximova (Leonora) brilliert in der Tiefe, klingt aber manchmal undeutlich in ihrer Diktion. Paolo Gavanelli als Alfonso hat zu Beginn Schwierigkeiten in der Stimmpräsenz und Intonation, steigert sich aber bei den ausgedehnten Solopassagen. Ein Wunder stimmlicher Leichtigkeit ist die Sopranistin Lavinia Bini als Ines, dies im schönen Klangkontrast mit der erdigen Tiefe Matt Boehlers als Baldassare.
Im Finale des letzten Akts der Oper stellt sich eine Intensität ein, die in ihrer Stille und Schlichtheit zum Höhepunkt dieser Produktion führt. Das Duett zwischen Leonora und Fernando – eigentlich sind es Monologe, in denen die zwei Liebenden zur tragischen Einheit finden – geht einem tatsächlich nicht mehr aus dem Sinn, sodass, trotz aller Fragen zur tieferen Begründung dieser Inszenierung, die musikalische Leistung letztendlich beeindruckt.
Weitere Aufführungen: 24., 27., 28. Juni, 2. und 4. Juli
theatersg.ch
Bilder: Hans Jörg Michel
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