Die Absurdität des Wartens
Pure Zeitverschwendung oder endlich mal eine Pause im durchgetakteten Rhythmus der Tage? Drei Performer:innen nähern sich dem Phänomen des Wartens künstlerisch-wissenschaftlich an.
Neugierig darauf, was sie bei der Laboreröffnung von Micha Stuhlmann, Christoph Luchsinger und Thomas Kessler im Kult-X erwartet, stehen die Besucher:innen am Freitagabend im Gang vor dem Raum K. Das Dreierteam recherchierte und probierte intensiv aus, was es mit dem Warten auf sich hat, und stellt seine bisherigen Ergebnisse erstmals im Kreuzlinger Kult-X vor.
Ausgangspunkt ist das absurde Theaterstück Warten auf Godot von Samuel Beckett aus dem Jahr 1953. Sinnentleerte Sätze, die nur um ihrer selbst Willen von den Landstreichern Vladimir und Estragon geäussert werden – sie machen etwas mit uns Sinnsuchenden, aber die Offenheit des Stücks entzieht uns die eine fixe Sinnzuschreibung immer wieder.
Schön absurd geht es auch bei der Laboreröffnung in Kreuzlingen zu: Die drei Kunstschaffenden treten in weissen Forscherkitteln auf den Flur. Mit ernsten Gesichtern verteilen sie Wartenummern und tippen auf ihren Geräten herum, bevor das Publikum oder die Laborratten – welche Rolle die Wartenden haben, ist noch unklar – den Saal betreten dürfen und auf der Tribüne Platz nehmen.
Die Kreuzlinger Performance-Künstlerin Micha Stuhlmann pinselt gerade noch die letzten Striche von «Ein Versuch über das Warten» auf eine Leinwand, dann verschwinden die Drei im anderen Raum und überlassen die Anwesenden sich selbst. Stille, vereinzeltes Flüstern, Räuspern – ist das Teil der Versuchsanordung? Unterschiedliche Gefühle kommen auf, von Erleichterung, dass endlich mal nichts geschieht, eine volle Woche ruhig ausklingen kann, von: was für eine Zeitverschwendung! Was könnte ich mit dieser Zeit alles anfangen? Nachrichten auf dem Handy checken, was Richtiges erleben! Die Zeit sinnvoll nutzen (was auch immer das bedeuten mag).
Was dann folgt, ist eine offenbar durchinszenierte Perfomance unter Einbezug des Publikums, bei der alle Personen zu ihrer anfangs verteilten Nummer werden und sich nach dieser immer wieder neu sortieren müssen. Die Anweisung, wie, wo und wer sitzt gibt der Weinfelder Experimental-Musiker Thomas Luchsinger durch sein selbstgebautes Sprachrohr, bestehend aus verschiedenen Trompeten, die mit Schläuchen untereinander verbunden sind, eine Seite zum Reinsprechen, und drei Trompeten als Empfänger fürs Ohr. Der Ablauf der Versuche ist auf einem Flipchart notiert. Auf einem Tisch stehen unterschiedliche Zeit- und Taktmesser, Metronome, Abreisskalender, Sanduhren jeglicher Dauer, Eieruhren, Schuhe, die beim Gehen Klackergeräusche machen und damit ebenfalls einen Takt angeben.
Als Behüter:innen der Zeit müssen alle Anwesenden ihre jeweilige Sanduhr bewachen, «sie müssen immer am Laufen sein», mahnt Thomas Kessler. Fragebögen werden verteilt, und gewissenhaft ausgefüllt. Diese werden von Luchsinger und Stuhlmann entgegengenommen, sorgfältig abgestempelt und anschliessend von Kessler geschreddert. Ein Moment der Irritierung – Kommentare wie «das war jetzt aber eine gute Aktion» bis hin zu Frustration und Empörung über diese sinnzerstörende Handlung.
Am Ende der Performance löst das Trio auf: Der Schredder war manipuliert, alle Fragebögen sind noch intakt und fliessen in die weiteren Recherchen zur Wissenschaft oder Kunst des Wartens ein. «Mit den Laboreröffnungen wollten wir unsere Forschungen zum Warten der Öffentlichkeit zugänglich machen und ein paar Sachen ausprobieren», erklärt Micha Stuhlmann im Nachgang. Was als fertige, durchinszenierte Performance rüberkam, sei ein beweglicher Prozess gewesen, stets anpass- und veränderbar, am Freitag in Kreuzlingen anders als am Sonntag, wo eine zweite Laboreröffnung im Goldenen Dachs in Weinfelden stattfand.
Dieser ersten öffentlichen Präsentation von Zwischenergebnissen sollen weitere Versuche und Annäherungen rund ums Warten folgen. Zum Beispiel wird die Thurgauer Tänzerin Jana Dünner zum Projekt hinzustossen und den Schwerpunkt auf Tanz legen.
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