Kategorie
Autor:innen
Jahr

Theater am Schleifpunkt

In der Lokremise wird gerade das Theater neu erfunden: Das Stück Schleifpunkt von Maria Ursprung um eine Fahrlehrerin im Krisenmodus wird als Online-Produktion, «erzählt für Bildschirm und Kopfhörer» inszeniert. Am Freitag gibt es per Stream erste Eindrücke.
Von  Peter Surber
Szene mit Diana Dengler (vorn) und Judith Cuénod. (Bilder: Jos Schmid)

«Wir wollen einiges auffrischen. Beim letzten Mal hatten Sie ja, wie soll ich sagen, etwas Nachholbedarf.» Die Frau, schlicht-elegantes Kleid, hohe Stiefel, freundliche Stimme, wartet nicht auf Antwort. «Könnten Sie sich bitte hier hinlegen.» «Was tut man nach einem Unfall?» «Weiter. Erste Hilfe.» Und so weiter, Schlag auf Schlag.

Schauspielerin Judith Cuénod wendet sich beim Sprechen mal nach links, mal nach rechts, mal nach vorne – mehrere Kameras werden ihr Gesicht in unterschiedlichen Positionen festhalten. Ihre Dialogpartnerin Renate ist unsichtbar, Diana Denglers Stimme kommt aus dem Off.

Eine Szene später spielt Judith Cuénod das Unfallopfer. Drei Scheinwerfer werden gerichtet, auf die ideale Helligkeit getestet, Regisseur Olivier Keller und Filmer Kevin Graber geben letzte Anweisungen, dann: Klappe.

Klingt nach Film, ist aber Theater.

Der kleinere Saal 2 der Lokremise ist für die Proben und Aufnahmen in ein veritables Film- und Tonstudio umgewandelt worden: Kabel überall, Monitoren, Laptops, Kameras, Scheinwerfer und mittendrin die Kulissen eines Zimmers füllen den Raum. Fürs Publikum wäre kein Platz – und damit hatte alles auch angefangen: mit der Pandemie, die das Publikum aus den Theaterräumen ausgeschlossen hat.

An dem Tag, an dem wir die Probe besuchen, dem 24. Februar, wäre die Premiere des Stücks der jungen Autorin Maria Ursprung geplant gewesen. Schon früh habe das Team aber entschieden: Spielen geht nicht, im Februar und auch im März nicht, und verschieben oder streamen war keine Option, erklärt Dramaturg Patric Bachmann in einer Dreh- beziehungsweise Spielpause.

So haben das Theater St.Gallen und das Aargauer freie Theater Marie als Koproduzenten aus dem Stück ein Hybrid-Format entwickelt: eine Mischung aus Theaterszenen, Filmdreh und Hörspielsequenzen. Einen «filmischen Essay» könnte man es vielleicht nennen, sagt Bachmann. Kein Spielfilm, aber auch kein abgefilmtes Theater. Eine Form, gesucht und gefunden, ein bisschen wie der «Schleifpunkt» im Auto, der dem Stück den Titel gibt.

Ein Monat Postproduktion

In zweimonatigen Proben, zuerst per Zoom, dann live mit Maske und Abstand, in der Schlussphase dann im filmischen Ernstfallmodus kam das Material zusammen, ein weiterer Monat wird jetzt für die Postproduktion eingesetzt. Geräusche werden hinzukommen, das Resultat wird ein Puzzle aus Bild- und Tonsequenzen, realen und surrealen Passagen sein.

Diana Dengler, Judith Cuénod, Tabea Buser.

Und das könnte, so der Probeneindruck, erstaunlich gut zur Story passen. Schleifpunkt ist eine Art Psychokrimi, bei dem sich die Realitätsebenen zunehmend verwischen.

Fahrlehrerin Renate ist mit ihrer Tochter auf dem Beifahrersitz unterwegs, als sie eine unbekannte Frau anfährt. In einer Panikreaktion fährt sie die Bewusstlose zu sich nach Hause. Dort entwickelt sich zwischen Renate und dem namenlosen Unfallopfer, im Stück nur «SIE» genannt, ein Beziehungsknäuel, in dem Renate mehr und mehr die Kontrolle über ihr Leben verliert und in den auch die Tochter, die weg will, und ein Polizist, der Renates Nähe sucht, hineingezogen werden.

Was aus diesem Stück als «normales» Theater geworden wäre, kann Patric Bachmann nicht sagen. Gegen die neue Form sträube sich der Stoff jedenfalls nicht – und die Möglichkeit, mit ausgefeilten technischen Mitteln und mit Video- und Audio-Profis zu arbeiten, sei für sie als Theaterleute höchst attraktiv.

Die Bühnenqualitäten wiederum bringen die Schauspielerinnen hinein. Sie spielen die Szenen vollständig durch, nicht unterbrochen wie bei Filmdrehs: eine Parforceleistung, wie man Judith Cuénod und Diana Dengler bei den Aufnahmesessions anmerkt. Weiter mit dabei im beklemmenden Kammerspiel sind Tabea Buser und Matthias Albold.

Das Unheimliche im Unauffälligen

Maria Ursprung stammt aus Solothurn, hat als Dramaturgin in Basel und Hamburg gearbeitet und ist als freie Regisseurin und Autorin tätig. Schleifpunkt entstand im Rahmen der Stückförderung «Dramenprozessor» und wurde zu den Autorentheatertagen 2020 am Deutschen Theater Berlin eingeladen.

In dieser Spielzeit ist Ursprung dank dem Förderprogramm «Stück Labor», das St.Gallen zusammen mit anderen Schweizer Bühnen ausrichtet, als Hausautorin am hiesigen Theater engagiert. «Ihre Inszenierungen sind geprägt von der Suche nach dem Unheimlichen im Unauffälligen, nach leisem Humor in der Tragödie und nach Reduktion und Schärfe in der Sprache», schreibt das Theater St.Gallen.

Salon 1: 5. März, 20 Uhr, Livestream
Salon 2: 11. März 20 Uhr, Livestream
Salon 3: 21. April, 19 Uhr, Livestream

Premiere (Live-Anlass und Online-Stream): 21. April, 20 Uhr, Theater Winkelwiese Zürich. Vom 21. April an ist Schleifpunkt einen Monat lang online zu sehen. Finissage: 21. Mai, Bühne Aarau und Theater St.Gallen

theatersg.ch

Diesen Freitag gibt Maria Ursprung online Auskunft über ihr Stück. Zusammen mit dem Autor Andreas Sauter von «Dramenprozessor» und mit Ensemblemitgliedern bestreitet sie einen ersten von mehreren «Salons», die die Produktion begleiten. Das Publikum kann per Chat teilnehmen. Am 11. März wird im zweiten Salon über die Produktionsmethode informiert und Einblick in erste Szenen geboten. Ab 21. April folgt ein dritter Salon über die Nicht-Aufführungen des Stücks in Berlin, Graz, Aarau, St.Gallen und Zürich. Ab dann ist Schleifpunkt einen Monat lang online abrufbar.

Diana Dengler und Tabea Buser im Tonstudio.

Hat eine solche Theaterform, «erzählt für Bildschirm und Kopfhörer», wie das Theater die Produktion im Untertitel nennt, Zukunft? Patric Bachmann meint ja – künftig werde es wohl parallel neben konventionellen Inszenierungen solche multimedialen Formate geben, je nach Stoffen und Situation. Corona habe einen Prozess beschleunigt, der sowieso in Gang war, der sonst aber langsamer passiert wäre.

Die Pandemie bringt noch weitere Initiativen voran: Unter dem Leitwort «Neustart Kultur» hat der Deutsche Literaturfonds ein Unterstützungsprogramm für Bühnenschriftsteller*innen ins Leben gerufen. Der Ausfall von Produktionen oder die Besuchereinschränkungen führten zu einer viel geringeren Reichweite und Wahrnehmbarkeit der dramatischen Literatur, heisst es zur Begründung. Das Programm sieht vor, dass Theatertexte auf die theatereigenen Webseiten gestellt werden und somit einem breiteren Publikum zugänglich sind. So ist auch Schleifpunkt hier als vollständiger Text zugänglich.

Offener Brief an die Bundespolitik

Wir wol­len Rech­te, kei­ne Al­mo­sen

Von  Christoph Keller

In­no­va­ti­on ge­hört zur DNA

Das Fi­gu­ren­thea­ter St.Gal­len wird 70. Was sich ver­än­dert hat, war­um Pup­pen Kin­der wie Er­wach­se­ne fas­zi­nie­ren und wie man auch Ju­gend­li­che er­rei­chen kann: ein Ge­spräch zum Ju­bi­lä­um.

Von  Peter Surber
Hochdruck Crasch Polizei 04665

Mit Sound und Vi­su­als ge­gen den Öko­kol­laps

Die zwei­te Aus­ga­be des au­dio­vi­su­el­len Fes­ti­vals Su­s­ur­rus in der Mü­le­nen­schlucht wid­met sich der «mehr-als-mensch­li­chen» Mit­welt. Mit akus­ti­schen und per­for­ma­ti­ven In­ter­ven­tio­nen er­kun­det das Fes­ti­val neue For­men der Be­zie­hung zwi­schen Mensch und Na­tur. 

Von  Lilli Kim Schreiber
DSC3137

Un­ter­schied und Wir­kung

In der Aus­stel­lung «Die lei­sen Un­ter­schie­de» im Haus zur Glo­cke in Steck­born be­fas­sen sich fünf Künst­ler:in­nen mit der Wahr­neh­mung von Un­ter­schie­den. 

Von  Vera Zatti
03 Schuetz Chraeje n un Gwaage ss Foto

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Cy­borg-Ka­ker­la­ken

Von  Jeremias Heppeler

Fu­rio­ses Klang­ge­wit­ter

Mit dem En­sem­ble TAK aus New York gas­tier­te am Diens­tag ein Neue-Mu­sik-Quin­tett von Welt­rang im St.Gal­ler Kult­bau. Or­ga­ni­siert vom Zy­klus Con­tra­punkt, hät­te der Abend mehr Pu­bli­kum ver­dient. Ein Bubble-Pro­blem?

Von  Peter Surber
Contrapunkt 1 martin fluege

Ne­an­der­tha­ler:in, ge­hüllt in Pink 

Das St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um öff­net in der neu­en Aus­stel­lung «Ste­reo­ty­pes: Ne­an­der­tha­le­rin» den Blick auf die­se Stein­zeit­men­schen. Die Schau mit viel Pink ver­knüpft ge­schickt Spiel mit Wis­sen­schaft und Ver­gan­gen­heit mit Ge­gen­wart.

Von  Vera Zatti
Stereotypes Kulturmuseum 2026 1

Neue Sai­son un­ter be­son­de­ren Vor­zei­chen

Das Thea­ter an der Gren­ze in Kreuz­lin­gen star­tet heu­te in die neue Spiel­zeit. Kürz­lich ver­starb die prä­gen­de Co-Prä­si­den­tin An­na Rink. Aus­ser­dem fällt der bis­he­ri­ge Spiel­ort im Kul­tur­zen­trum Kult-X bis En­de 2027 weg. Wie der Ver­ein die­se Hür­den meis­tert, er­zäh­len Prä­si­den­tin Vro­ni El­len­br­oek und Klaus Okraf­ka aus der Pro­gramm­lei­tung im In­ter­view.

Von  Judith Schuck
Theater an der Grenze Klaus Ofraka und Vroni Ellenbroek

FC St.Gal­len vs. FC Si­on – St. Gal­len un­ter­liegt Si­on mit 0:3

St. Gal­len star­te­te gut in die Par­tie, agier­te aber oft­mals zu um­ständ­lich ge­gen tief ver­tei­di­gen­de Sit­te­ner und blieb letzt­lich glück­los. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Dampf auf dem Kes­sel

Auf sei­nem neu­en So­lo­al­bum the­ma­ti­siert Ma­nu­el Stahl­ber­ger die Über­hit­zung. Die kli­ma­ti­sche, die ge­sell­schaft­li­che, die po­li­ti­sche. Ge­mein­sam mit Bit-Tu­ner hat der St.Gal­ler Mu­si­ker da­für ei­nen düs­te­ren, elek­tro­ni­schen Sound ge­fun­den.

Von  David Gadze
Manuel stahlberger bit tuner heiss pd

Von War­te­häus­chen und ehe­ma­li­gen Te­le­fon­ka­bi­nen

An Klein­bau­ten ge­hen wir oft acht­los vor­bei: Bus­war­te­häus­chen, öf­fent­li­che WCs, nicht mehr ge­brauch­te Te­le­fon­ka­bi­nen oder Feu­er­wehr- und Stras­sen­wär­ter­ma­ga­zi­ne. Ak­tu­ell gibt es da­zu ei­ne Aus­stel­lung im 1. Stock des Rat­hau­ses St.Gal­len.

Von  René Hornung
2 Tramhaeuschen Schibenertor

«Wie ein Vor­film des­sen, was auf uns zu­kom­men könn­te»

Bis 2050 will die Stadt St.Gal­len kli­ma­neu­tral sein. Ka­rin Hun­ger­büh­ler und To­bi­as Fi­scher-Künz­ler von der Dienst­stel­le Um­welt und En­er­gie be­ant­wor­ten Fra­gen zur be­vor­ste­hen­den Kli­ma­wo­che und zum Kli­ma­schutz in der Stadt.

Von  Reto Voneschen , Bilder:  Sara Spirig
2609 Redeplatz Karin Tobias 01

Metz­ger, En­gel, Him­mel und Tan­te Bergs Ro­sen­ge­büsch

Ani­ta Zim­mer­mann ali­as Lei­la Bock prägt die St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne seit Jahr­zehn­ten – als Künst­le­rin, als Ver­mitt­le­rin, als Er­mög­li­che­rin. Sie hat Wi­der­stän­de über­wun­den und an­de­re Künst­ler:in­nen im­mer wie­der her­aus­ge­for­dert. Ei­ne Wür­di­gung

Von  Angela Kuratli , Bilder:  Ladina Bischof
2609 Anita Zimmermann SAI2602 1308 C WEB

«Nicht neu er­fin­den, was funk­tio­niert»

Die St.Gal­ler Mu­se­ums­nacht fin­det in die­sem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Ju­bi­lä­um blickt Ver­eins­prä­si­den­tin Bar­ba­ra Af­fol­ter zu­rück und nach vor­ne. Sie sagt, was die Mu­se­ums­nacht bis heu­te aus­macht und wo­hin sie sich ent­wi­ckeln soll.

Von  Marion Loher
Museumsnacht Kunstmuseum pd

Le­bens­be­ja­hen­de Wer­ke im Kunst­zeug­haus

Die Aus­stel­lung «Vol­ler Le­ben» des Ver­eins IG Hal­le Rap­pers­wil wirft Schlag­lich­ter auf künst­le­ri­sche Schaf­fens­pro­zes­se und ih­re Ver­bin­dun­gen zur Na­tur.

Von  Lilli Kim Schreiber
Regula Syz 2

Kolumne: Stimmrecht

St.Gal­len in den Au­gen ei­nes Sol­da­ten

Von  Liliia Matviiv

Kunst­ki­osk trifft Nacht­klub 

Der St.Gal­ler Kunst­ki­osk wird fünf­zehn Jah­re alt. Ge­fei­ert wird das mit ei­ner Ju­bi­lä­ums­aus­stel­lung im ehe­ma­li­gen Tif­fa­ny Night Club. Die Ver­nis­sa­ge ist am 12. Sep­tem­ber. Sai­ten hat schon vor der Er­öff­nung vor­bei­ge­schaut.

Von  Vera Zatti
01 Gruppenfoto Kurationsteam 15 Jahre Kunstkiosk QUERFORMAT

Musiktheater

Auf See im Park­haus

Von  Vera Zatti
Bild 08 07 24 um 07 42

Ein tem­po­rä­res Kunst­haus am Ro­ten Platz

Zum 36-jäh­ri­gen Be­stehen sei­ner Ga­le­rie Macel­le­ria d'ar­te trans­for­miert Fran­ces­co Bo­n­an­no ein leer­ste­hen­des Ge­bäu­de am Ro­ten Platz in St.Gal­len in ein bun­tes Haus vol­ler Kunst. Was als klei­nes Pro­jekt be­gann, wuchs zu ei­nem Ge­mein­schafts­werk von fast 100 Kunst­schaf­fen­den. 

Von  Lilli Kim Schreiber
Kunsthaus am roten platz lilli kim schreiber 1

Das Schö­ne an der Pro­vinz

St.Gal­len und Lu­zern ha­ben mehr ge­mein­sam, als man zu­nächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Sai­ten-Re­dak­ti­on in St.Gal­len un­ter­wegs.

Von  Giulia Bernardi Robyn Muffler  und  Raphael Albisser , Bilder:  Claudia Schildknecht
2609 Staetevergleich 4 D3 A9291