«Wir wollen einiges auffrischen. Beim letzten Mal hatten Sie ja, wie soll ich sagen, etwas Nachholbedarf.» Die Frau, schlicht-elegantes Kleid, hohe Stiefel, freundliche Stimme, wartet nicht auf Antwort. «Könnten Sie sich bitte hier hinlegen.» «Was tut man nach einem Unfall?» «Weiter. Erste Hilfe.» Und so weiter, Schlag auf Schlag.
Schauspielerin Judith Cuénod wendet sich beim Sprechen mal nach links, mal nach rechts, mal nach vorne – mehrere Kameras werden ihr Gesicht in unterschiedlichen Positionen festhalten. Ihre Dialogpartnerin Renate ist unsichtbar, Diana Denglers Stimme kommt aus dem Off.
Eine Szene später spielt Judith Cuénod das Unfallopfer. Drei Scheinwerfer werden gerichtet, auf die ideale Helligkeit getestet, Regisseur Olivier Keller und Filmer Kevin Graber geben letzte Anweisungen, dann: Klappe.
Klingt nach Film, ist aber Theater.
Der kleinere Saal 2 der Lokremise ist für die Proben und Aufnahmen in ein veritables Film- und Tonstudio umgewandelt worden: Kabel überall, Monitoren, Laptops, Kameras, Scheinwerfer und mittendrin die Kulissen eines Zimmers füllen den Raum. Fürs Publikum wäre kein Platz – und damit hatte alles auch angefangen: mit der Pandemie, die das Publikum aus den Theaterräumen ausgeschlossen hat.
An dem Tag, an dem wir die Probe besuchen, dem 24. Februar, wäre die Premiere des Stücks der jungen Autorin Maria Ursprung geplant gewesen. Schon früh habe das Team aber entschieden: Spielen geht nicht, im Februar und auch im März nicht, und verschieben oder streamen war keine Option, erklärt Dramaturg Patric Bachmann in einer Dreh- beziehungsweise Spielpause.
So haben das Theater St.Gallen und das Aargauer freie Theater Marie als Koproduzenten aus dem Stück ein Hybrid-Format entwickelt: eine Mischung aus Theaterszenen, Filmdreh und Hörspielsequenzen. Einen «filmischen Essay» könnte man es vielleicht nennen, sagt Bachmann. Kein Spielfilm, aber auch kein abgefilmtes Theater. Eine Form, gesucht und gefunden, ein bisschen wie der «Schleifpunkt» im Auto, der dem Stück den Titel gibt.
Ein Monat Postproduktion
In zweimonatigen Proben, zuerst per Zoom, dann live mit Maske und Abstand, in der Schlussphase dann im filmischen Ernstfallmodus kam das Material zusammen, ein weiterer Monat wird jetzt für die Postproduktion eingesetzt. Geräusche werden hinzukommen, das Resultat wird ein Puzzle aus Bild- und Tonsequenzen, realen und surrealen Passagen sein.
Diana Dengler, Judith Cuénod, Tabea Buser.
Und das könnte, so der Probeneindruck, erstaunlich gut zur Story passen. Schleifpunkt ist eine Art Psychokrimi, bei dem sich die Realitätsebenen zunehmend verwischen.
Fahrlehrerin Renate ist mit ihrer Tochter auf dem Beifahrersitz unterwegs, als sie eine unbekannte Frau anfährt. In einer Panikreaktion fährt sie die Bewusstlose zu sich nach Hause. Dort entwickelt sich zwischen Renate und dem namenlosen Unfallopfer, im Stück nur «SIE» genannt, ein Beziehungsknäuel, in dem Renate mehr und mehr die Kontrolle über ihr Leben verliert und in den auch die Tochter, die weg will, und ein Polizist, der Renates Nähe sucht, hineingezogen werden.
Was aus diesem Stück als «normales» Theater geworden wäre, kann Patric Bachmann nicht sagen. Gegen die neue Form sträube sich der Stoff jedenfalls nicht – und die Möglichkeit, mit ausgefeilten technischen Mitteln und mit Video- und Audio-Profis zu arbeiten, sei für sie als Theaterleute höchst attraktiv.
Die Bühnenqualitäten wiederum bringen die Schauspielerinnen hinein. Sie spielen die Szenen vollständig durch, nicht unterbrochen wie bei Filmdrehs: eine Parforceleistung, wie man Judith Cuénod und Diana Dengler bei den Aufnahmesessions anmerkt. Weiter mit dabei im beklemmenden Kammerspiel sind Tabea Buser und Matthias Albold.
Das Unheimliche im Unauffälligen
Maria Ursprung stammt aus Solothurn, hat als Dramaturgin in Basel und Hamburg gearbeitet und ist als freie Regisseurin und Autorin tätig. Schleifpunkt entstand im Rahmen der Stückförderung «Dramenprozessor» und wurde zu den Autorentheatertagen 2020 am Deutschen Theater Berlin eingeladen.
In dieser Spielzeit ist Ursprung dank dem Förderprogramm «Stück Labor», das St.Gallen zusammen mit anderen Schweizer Bühnen ausrichtet, als Hausautorin am hiesigen Theater engagiert. «Ihre Inszenierungen sind geprägt von der Suche nach dem Unheimlichen im Unauffälligen, nach leisem Humor in der Tragödie und nach Reduktion und Schärfe in der Sprache», schreibt das Theater St.Gallen.
Salon 1: 5. März, 20 Uhr, Livestream Salon 2: 11. März 20 Uhr, Livestream Salon 3: 21. April, 19 Uhr, Livestream
Premiere (Live-Anlass und Online-Stream): 21. April, 20 Uhr, Theater Winkelwiese Zürich. Vom 21. April an ist Schleifpunkt einen Monat lang online zu sehen. Finissage: 21. Mai, Bühne Aarau und Theater St.Gallen
theatersg.ch
Diesen Freitag gibt Maria Ursprung online Auskunft über ihr Stück. Zusammen mit dem Autor Andreas Sauter von «Dramenprozessor» und mit Ensemblemitgliedern bestreitet sie einen ersten von mehreren «Salons», die die Produktion begleiten. Das Publikum kann per Chat teilnehmen. Am 11. März wird im zweiten Salon über die Produktionsmethode informiert und Einblick in erste Szenen geboten. Ab 21. April folgt ein dritter Salon über die Nicht-Aufführungen des Stücks in Berlin, Graz, Aarau, St.Gallen und Zürich. Ab dann ist Schleifpunkt einen Monat lang online abrufbar.
Diana Dengler und Tabea Buser im Tonstudio.
Hat eine solche Theaterform, «erzählt für Bildschirm und Kopfhörer», wie das Theater die Produktion im Untertitel nennt, Zukunft? Patric Bachmann meint ja – künftig werde es wohl parallel neben konventionellen Inszenierungen solche multimedialen Formate geben, je nach Stoffen und Situation. Corona habe einen Prozess beschleunigt, der sowieso in Gang war, der sonst aber langsamer passiert wäre.
Die Pandemie bringt noch weitere Initiativen voran: Unter dem Leitwort «Neustart Kultur» hat der Deutsche Literaturfonds ein Unterstützungsprogramm für Bühnenschriftsteller*innen ins Leben gerufen. Der Ausfall von Produktionen oder die Besuchereinschränkungen führten zu einer viel geringeren Reichweite und Wahrnehmbarkeit der dramatischen Literatur, heisst es zur Begründung. Das Programm sieht vor, dass Theatertexte auf die theatereigenen Webseiten gestellt werden und somit einem breiteren Publikum zugänglich sind. So ist auch Schleifpunkt hier als vollständiger Text zugänglich.
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