Kategorie
Autor:innen
Jahr

Kopftheater im Kreidefelsen

Theaterszenen mitten in Kunstwerken: Das verspricht das Projekt «Città irreale». Die für Februar geplante Ausstellung in der St.Galler Lokremise ist zwar im Aufbau, aber, wie alles, verschoben. Beim Warten: Bilder vom Aufbau und ein Gespräch mit dem Schauspielteam des Theaters St.Gallen.
Von  Peter Surber
Sara Masüger: «Kreidefelsen auf Rügen 1818», im Aufbau in der Kunstzone der Lokremise. (Bild: Nadia Veronese)

Der Ausstellungstitel passt in die Corona-Gegenwart: «Città irreale». Aufgehen sollte die Schau am 7. Februar, eine Woche später wären die theatralischen Interventionen zu den ausgestellten Werken gefolgt. Alles irreal oder jedenfalls unrealistisch – die Eröffnung muss warten, bis Kulturhäuser wieder geöffnet werden können. Aber dann soll es rasch gehen, die Werke werden in diesen Tagen aufgebaut, und das Theater probt für den hoffentlich bald realen Tag X.

Masügers Kreidefelsen

Ein Schlund. Ein eisig anmutender Tunnel. Zuhinterst ein schwarzes Loch. 15 Meter lang, zwei Meter hoch und dann immer niedriger werdend: Die Installation der Innerschweizer Künstlerin Sara Masüger sieht schon auf Fotos bedrohlich aus. Kreidefelsen auf Rügen 1818, eine Hommage an Caspar David Friedrichs berühmtes Gemälde, ist seit letztem Jahr im Besitz des Kunstmuseums St.Gallen. Ihre wahre Grösse zeigt sich in der Lokremise; die Rekonstruktion ist umso mehr Millimeterarbeit.

«Città irreale»: Start unbestimmt

Streams des Theaters im Februar: theatersg.ch

«Città irreale» versammelt weitere ähnlich imposante Kunst-Räume. Jessica Stockholders Vortex in the Play of Theater with Real Passion ist ein Legoland für Riesen, eine Anlage aus farbigen Containern, Holztischen, Duplosteinen, Scheinwerfer, einem Theatervorhang, einer Parkbank und so weiter. Von Bob Gramsma ist die begehbare Rekonstruktion einer Swissair-Kabine zu sehen oder eine Kammer aus Matratzen mit Kühlschrank-Tür.

Dazu kommen Skulpturen von Nina Beier und Alex Hanimann (aus seinem 2019 im Kunstmuseum gezeigten Conversation Piece) und die Beobachtungskabine von Christoph Büchel. Büchel schuf 2002 auch die Installation The House of Friction im Wasserturm der Lokremise.

Nachstehend ein Einblick in die Arbeiten zur Ausstellung in der Lokremise: Sara Masüger beim Aufbau ihres Kreidefelsens, Bob Gramsma installiert die Swissair-Kabine, Jessica Stockholders Containerlandschaft. (Bilder: Nadia Veronese/Kunstmuseum St.Gallen)

In diese Kunstwerke also wird interveniert. Die teils begehbaren Werke hätten allein schon theatralische Qualitäten, sagt Schauspieldirektor Jonas Knecht, der zusammen mit Anja Horst Regie führt. Was in Gramsmas eigenartiger Matratzenwelt, in Masügers Kreidekanal oder Aug in Aug mit einer Hanimann-Figur genau passieren wird, wolle man aber nicht verraten.

Die Corona-Pandemie gebe – unvermeidlich und unausgesprochen – den Hintergrund her, sagt Julie Paucker. Sie ist als freischaffende Dramaturgin für dieses Projekt engagiert und schreibt zusammen mit Maria Ursprung auch die Texte.

Das Publikum wird per Kopfhörer in einer Art Audiowalk durch die Werke geführt. Es erhält teils Werkinformationen, aber gerät darüber hinaus in fremdartige Szenen hinein, wird Teil eines Theatergeschehens. Einsamkeit oder schwierige Zweisamkeit, Hygiene, Klaustrophobie, Eingesperrtsein: Die Assoziationen werden zwangsläufig pandemie-nah sein. Jonas Knecht sieht Corona als «Trigger zum Nachdenken über die eigene Position im Leben».

Jonas Knecht: «Es ist keine Notlösung, sondern eine eigenständige, der Zeit angepasste Technik.»

Ursprünglich waren diese Szenen live gedacht, vom Schauspielensemble in der Ausstellung gespielt. «Città irreale» sollte zum 10-Jahr-Jubiläum der Lokremise letzten September Premiere haben. Corona verhinderte das und veränderte die Anlage: Gestaffelte Parcours für kleine Publikumsgruppen waren als nächstes geplant, bis auch diese Idee begraben werden musste. Statt live kommen die Szenen nun per Hörspur.

Knecht ist froh, dass so die schon bei «Lugano Paradiso» erprobte Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum in der Lok doch noch gerettet werden könne. Und er vertraut darauf, dass das Publikum die neue Form als vollwertig erleben werde. «Es ist keine Notlösung, sondern eine eigenständige, der Zeit angepasste Technik, die faszinierende Möglichkeiten bietet.»

Unterwegs mit Kevin Kunstkopf

Aufgenommen werden die Texte, Geräusche und Klänge per Kunstkopf-Mikrofonen, einer Technik, die durch die Arbeiten der kanadischen Künstlerin Janet Cardiff (ua. ihren Ittingen Walk) bekannt geworden ist. Sie kommt maximal nahe an das reale Hörerlebnis des Menschen heran und schafft starke akustische Raumerlebnisse. «Kevin Kunstkopf» haben die St.Galler ihren Hightech-Mitspieler getauft.

Anja Horst: «Wie man Sprechtheater pandemietauglich machen kann, darüber denken wir ununterbrochen nach.»

Wird es einem da im Matratzenhäuschen nicht unheimlich? Nicht ausgeschlossen, sagt Co-Regisseurin Anja Horst. Die Situation spiele mit der Thematik von Nähe und Distanz, auch mit Gefühlen von Ausgeliefertsein – und passe damit in die Corona-Lage hinein, in der wir alle stecken. Eine Ahnung davon hatte im Dezember das nur gerade zweimal gespielte Stück Die lächerliche Finsternis in der Lokremise vermittelt, wo das Publikum teils ebenfalls per Kopfhörer mithörte. Das kann einem ganz schön nahe gehen; das Spiel allerdings war dort live.

Vorerst ist aus dem geplanten Start Mitte Februar nichts geworden. «Wir beginnen, sobald die Museen wieder offen sind», verspricht Jonas Knecht. Das Projekt ist so angelegt, dass es selbst für eine einzelne Person stattfinden kann. Auch der übrige Spielplan des Theaters ist einmal mehr über den Haufen geworfen. Wie man Sprechtheater pandemietauglich machen kann, «darüber denken wir ununterbrochen nach», sagt Anja Horst.

Julie Paucker: «Vielleicht muss man noch viel erfinderischer werden.»

Momentan kann zumindest geprobt werden – den Schauspielerinnen und Schauspielern fehle allerdings die Bühne, das Livemoment, von dem ihre Kunst lebt. Und streamen hält das St.Galler Leitungsteam nicht für einen tauglichen Ersatz, insbesondere nicht für komplexe Inszenierungen wie die Orestie, die schon letzten Frühling und jetzt wieder im Januar Premiere hätte haben sollen und die zwingend auf ein präsentes, sich mit den Fragen des Stücks beschäftigendes Publikum angelegt sei.

Möglich seien aber kleinere, kamerataugliche Formate. «Und vielleicht muss man noch viel erfinderischer werden», sagt Julie Paucker. Die zweite Welle werfe noch einmal grundsätzlicher Fragen nach der Zukunft der Theaterformen auf als die erste.

Dieser Beitrag erscheint im Februarheft von Saiten.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Should I Stay or Should I go

Es geht um uns Men­schen und un­ser son­der­ba­res und ver­hee­ren­des Ver­hal­ten. «Hu­mans» heisst die gros­se Ein­zel­aus­stel­lung des Ost­schwei­zer Künst­lers Olaf Breu­ning. Vie­le Ar­bei­ten sind spe­zi­ell für die Schau im Mu­se­um Al­ler­hei­li­gen in Schaff­hau­sen ent­stan­den. 

Von  Ursula Badrutt
2025 06 02 Ausstellungsaufnahmen 14

25 Jah­re Rock am Wei­er

In Wil fand am Wo­chen­en­de das Rock am Wei­er statt. Seit 25 Jah­ren gibt es das Fes­ti­val, und trotz in­zwi­schen grös­se­rer Na­men ist es im­mer noch kos­ten­los. Ein Ver­ein or­ga­ni­siert es nicht-pro­fit­ori­en­tiert und för­dert re­gio­na­le Acts. Un­se­re Au­torin ist an den Ort ih­rer mu­si­ka­li­schen So­zia­li­sa­ti­on zu­rück­ge­kehrt. Ei­ne Re­por­ta­ge. 

Von  Elisa Faes
Rock am weier elisa faes 1

Kolumne: 24/7 Traumacore

Spring Is Co­ming Wi­th A 425mg Pas­si­ons­blu­men-Dra­gée In The Mouth

Von  Mia Nägeli

Ausstellung im Museum Rosenegg

Fri­sches Wis­sen fürs Mu­se­um

Von  Vera Zatti
Uu Kirchenfenster

Kabarett in Herisau

Apo­ka­lyp­se ist auch nicht al­les

Von  Vera Zatti
P1200733 x jpg

«Es geht dar­um, sich sei­ner Pri­vi­le­gi­en be­wusst zu sein»

De­bat­ten um Ma­chis­mus, Deepf­ake-Por­nos, häus­li­che Ge­walt und Fe­mi­zi­de sind bei­na­he all­täg­lich. Was kön­nen Män­ner ge­ra­de tun, wenn sie un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht ge­ra­ten? Frau­en­haus­lei­te­rin Kat­ja Häm­mer­li Kel­ler, Flo­rance Hil­de­brand vom fe­mi­nis­ti­schen Streik­kol­lek­tiv Thur­gau und Ma­nu­el Ben­ja­min Leh­mann vom Fo­rum Mann dis­ku­tie­ren Lö­sungs­an­sät­ze.

Von  Daria Frick , Bilder:  Lea Le
Bildschirmfoto 2026 06 11 um 12 25 26

Kommentar zur SVP-Chaosinitiative

Aus­län­der:in­nen sind nicht nach­hal­tig

Von  Christoph Keller
Nachhaltigkeitsinitiative

30 Jah­re Ar­chi­tek­tur­ver­mitt­lung

Das AFO, das Ar­chi­tek­tur Fo­rum Ost­schweiz, dis­ku­tiert und ver­mit­telt seit 30 Jah­ren Bau­kul­tur. Am kom­men­den Frei­tag wird das Ju­bi­lä­um ge­fei­ert und die neus­te Ar­ti­kel­se­rie der gu­ten Bau­ten als Buch prä­sen­tiert.

Von  René Hornung
2511 Gutes Bauen 1 Ladina Bischof

Im zwei­ten An­lauf: Kan­tons­rat sagt Ja zu Mi­na­sa 

Mi­na­sa be­kommt al­so doch Geld aus dem Lot­te­rie­fonds: Der Kan­tons­rat hat dem von Sai­ten und Thur­gau­kul­tur.ch auf­ge­bau­ten Pro­jekt, das den gröss­ten Ver­an­stal­tungs­ka­len­der der Ost­schweiz er­mög­licht, die Fi­nan­zie­rung für drei wei­te­re Jah­re ge­si­chert.

Von  David Gadze
Kantonsrat Sommersession 2026 Benjamin Manser St Galler Tagblatt

«Wer hält uns da­von ab, frei zu sein?»

In­na Shev­chen­ko fragt im Do­ku­men­tar­film Girls and Gods, ob die mo­no­the­is­ti­schen Welt­re­li­gio­nen mit Fe­mi­nis­mus ver­ein­bar sind. Auf der Su­che nach Ant­wor­ten be­geg­net sie wi­der­sprüchli­chen Theo­rien und mu­ti­gen Frau­en. Und bleibt nicht nur stil­le Be­ob­ach­te­rin.

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 10 um 15 01 03

In eigener Sache

Ein Be­kennt­nis zu Mi­na­sa 

Von  Marc Jenny

Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative

Über­frem­dungs­ge­heul im Dau­er­loop

Von  Daria Frick

Theateraufführung

Des Nachts im Wal­de

Von  Vera Zatti
VLT Sujet WEB Sommenacht2

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Hor­ror un­ter dem Mi­kro­skop

Von  Jeremias Heppeler

Vie­le Spu­ren und ein Tat­ort

Ein paar Fe­dern, ein an­ge­knab­ber­ter Tan­nen­zap­fen, ein Stück Plas­tik: Tie­re und Men­schen hin­ter­las­sen Spu­ren. Die­sen wid­met das Na­tur­mu­se­um St.Gal­len sei­ne ak­tu­el­le Son­der­aus­stel­lung «Spu­ren – Fähr­ten, Frass und Fe­dern».

Von  Vera Zatti
1 Intro Dachs 20260515 NM SPUREN  Urs Bucher

Wor­an soll man noch glau­ben?

In ei­ner neu­en Aus­stel­lung wagt sich das Kunst­mu­se­um Thur­gau in der Kar­tau­se It­tin­gen an ei­ne Neu­ver­mes­sung des Ver­hält­nis­ses von Kunst und Re­li­gi­on.

Von  Michael Lünstroth
O0 A5990 02

St.Gal­len plant Kon­sum­raum für Sucht­kran­ke

Hin­ter dem St.Gal­ler Haupt­bahn­hof soll ein Kon­sum­raum für Men­schen mit schwe­ren Sucht­er­kran­kun­gen ent­ste­hen. Die­se Wo­che ha­ben die Stadt und die Stif­tung Sucht­hil­fe An­woh­ner:in­nen ein­ge­la­den, um ei­nen ers­ten Dia­log zu star­ten. 

Von  Philipp Bürkler
Liegeschaft Lagerstrasse 2 4

Auf der Ziel­ge­ra­den

Es ist sei­ne letz­te Ses­si­on nach zehn Jah­ren im St.Gal­ler Kan­tons­rat. SP-Kul­tur­po­li­ti­ker Mar­tin Sai­ler setzt künf­tig ganz auf den Zel­tai­ner. Das Geld für den Neu­bau in Wild­haus ist fast zu­sam­men, 2027 soll es los­ge­hen.

Von  Peter Surber
Foto1 Zeltainer

Im di­gi­ta­len Dschun­gel zu Hau­se

Die An­sied­lung des In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land in St.Gal­len ist Pie­ro Sti­nel­li zu ver­dan­ken. Er kon­tak­tier­te vor zehn Jah­ren die Ver­ant­wort­li­chen von ar­chi­ve.org aus ei­ge­nem An­trieb. In den 90er-Jah­ren war der Mit­grün­der von Va­di­an.net und Klang und Kleid ein In­ter­net­pio­nier.

Von  David Gadze
2606 Internet Archive pino stinelli andri voehringer

Ohm41 stellen wieder aus

Kunst auf der Kip­pe

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 03 um 11 14 39