Kategorie
Autor:innen
Jahr

Twin Towers in der Lok

Wieviel Überwachung braucht das Volk? Die deutsche Künstlerin Bettina Pousttchi wirft die Frage in der Installation «Protection» in der St.Galler Lokremise auf. Heute ist Vernissage, Theater und Kinok ziehen im März nach. von Doro Haarer
Von  Gastbeitrag
Bild: Sebastian Stadler

Bettina Pousttchi, die 1971 in Mainz geboren wurde und von 1995 bis 1999 an der Kunstakademie Düsseldorf bei Rosemarie Trockel sowie Gerhard Merz studierte, bewegt sich im künstlerischen Dreieck von Video, Installation und Skulptur. Thematisch setzt sie sich mit soziologischen sowie historischen Fragen auseinander, betrachtet Zeit und Raum unter einem globalen Aspekt.

2150 m² Fotomontage

Seit bald zehn Jahren erregt sie mit grossformatigen fotografischen Arbeiten Aufsehen. So errichtete sie mit «Echo» (2009/2010) an der Fassade der Tempo­rä­ren Kunst­halle in Berlin den kurz zuvor abge­ris­se­nen Palast der Repu­blik in Gestalt einer gigantischen Foto­in­stal­la­tion aufs Neue. Als bisher grösste Arbeit dieser Art ist «The City» aus dem Jahr 2014 zu nennen: eine Fotomontage, die als imaginäre Skyline die ganze Welt als Stadt zusammenfasst. Zu sehen sind darauf die zehn zum damaligen Zeitpunkt weltweit höchsten Wolkenkratzer. Pousttchi verhüllte hierfür das Wolfsburger Schloss in Niedersachsen auf drei Seiten mit einer 2150 m² grossen Fotoplane.

Neben ihrem fotografischen Schaffen befasst sich die heute in Berlin lebende Künstlerin intensiv mit Skulpturen. Oft nutzt sie für ihre dreidimensionalen Werke alltägliche Gegenstände aus dem öffentlichen Raum, Absperrgitter oder Strassenpfosten. Ein bisschen à la «Ready-mades»: Sie selbst bezeichnet diese Dinge als «Stadtmöbel», die sie bearbeitet, transformiert und mit neuen Inhalten füllt. Bereits 2009 zeigte Pousttchi auf der Biennale in Venedig im Rahmen der Ausstellung «Glasstress» eine Skulptur aus transparentem Sicherheitsglas und Absperrgittern.

Unbemannte Kontrollposten

Was Pousttchi an «Stadtmöbeln» bis heute so spannend findet, lässt aufhorchen. Denn die Künstlerin beschreibt Gitter und Pfosten als eine Art «unbemannter Kontrollposten» im Aussenraum. Es seien Elemente, die regulierten, wie man sich draussen zu bewegen hat. Elemente mit Schutz- oder Abwehrfunktion. Jedenfalls solche, die den menschlichen Freiraum beeinflussten, ohne dass man dies bewusst merke.

Um Schutz und Überwachung und ob beides wirklich machbar ist, geht es auch in ihrer von Roland Wäspe kuratierten Arbeit in der Lokremise. Für diese raumgreifende Installation holt die Künstlerin die 9/11 gefallenen Twin-Towers ins Gebäude. Sie bilden das Zentrum als zwei grossflächige Fotodrucke, wobei man erst beim genauen Hinschauen erkennt, dass die bearbeiteten schwarz-weissen Folien die Türme des zerstörten World Trade Centers zeigen. Die Drucke befestigt Pousttchi hoch über den Köpfen, lässt diese aber nicht an der Wand herunterhängen, sondern holt sie weit in den Raum hinein. Wie schon bei «Suspended Mies» (2017) legt sie einen Grossteil der meterlangen filigranen Folien wie eine Schleppe auf dem Boden aus.

Bettina Pousttchi «Protection»: bis 17. Juni, Lokremise St.Gallen.
Vernissage: 16. Februar, 18.30 Uhr
kunstmuseumsg.ch

Andreas Sauter Lugano Paradiso: Premiere 22. März, 19.30 Uhr
theatersg.ch

Rechts und links der Fotobahnen sind Skulpturen positioniert: Aus bekannten «Stadtmöbeln» eben. Einige Objekte sind hochglanzpoliert, andere pulverbeschichtet. Alle sind gequetscht, zerbeult, mit dem Hammer bearbeitet. Nun winden sie sich und schlingen sich umeinander. Dass erstmals auch Fahrradständer und Baumschutzbügel dabei sind, hat seinen Grund. Mit ihnen wird der Charakter des Regulierenden und Kontrollierenden von Absperrungen um den Aspekt des Haltgebens und der Schutzbedürftigkeit erweitert. Und hoch über allem thront eine Überwachungskamera. Ist sie echt und filmt die Besucher? Oder ist sie Attrappe und bloss Teil der Installation? Was würde das eine oder andere bedeuten? Ein kleines, feines Detail ist sie in jedem Fall.

Schutz und Gitter

Jedes Element innerhalb von «Protection», vom verdrehten Veloständer bis hin zu den kaum erkennbaren Twin-Towers, könnte man als Icon verstehen. Und jedes regt an, sich auf dieses weite Themenfeld hinaus zu wagen und eigene Gedanken darüber zuzulassen. Das fängt klein an bei «Schützen Schutzgitter Bäume»? Geht weiter mit «Macht Kameraüberwachung dunkle Ecken sicher»? Und es gipfelt letztlich in Fragen wie «Könnte das World Trade Center heute noch stehen? Und wäre die Welt eine andere, hätte der Sturz der Twin-Towers nicht den Terror eingeläutet, wie wir ihn heute fürchten? Lebten wir dann ohne Überwachung, wie wir sie nun kennen»? Ganz zuletzt steht man da, mit der einen grossen Ungewissheit: «Macht Überwachung, wie auch immer sie geschieht, die Welt zu einem besseren Ort?»

Es sind schwierige Überlegungen zu einem heissen Thema. Antworten, was richtig oder falsch sei, gibt die Künstlerin nicht. Dafür eröffnet sie mit «Protection» einen Raum, in dem Gedanken Anlauf nehmen können für weite Sprünge. Einen Raum, der den Besucher fordert, sich diesem Thema zu stellen und persönlich Position zu beziehen. Und sie öffnet einen Raum, der eindrücklich macht, dass hier noch lange nicht zu Ende gedacht ist.

Die ganze Lok als Überwachungsraum

Im Rahmen des Kooperations-Projekts von Museum, Kino und Theater hat Schauspieldirektor Jonas Knecht für die Lokremise das Bühnenstück Lugano Paradiso in Auftrag gegeben hatte. Pousttchis Arbeit soll sich für dieses als einer der Schauplätze eignen, ohne als Bühnenbild angelegt zu sein oder gar auf Eigenständigkeit zu verzichten. Das von Autor Andreas Sauter geschriebene, dokumentarisch fundierte Stück schlägt weite Bögen von der Geheimarmee P 26 bis zur Fichenaffäre, von den Beziehungen Schweiz-DDR bis zu heutigen Überwachungsszenarien. Es wird im Theatersaal, in der Kunstausstellung und im Kinok gespielt. Das Kinok nimmt das Thema seinerseits auf.

Mit Sound und Vi­su­als ge­gen den Öko­kol­laps

Die zwei­te Aus­ga­be des au­dio­vi­su­el­len Fes­ti­vals Su­s­ur­rus in der Mü­le­nen­schlucht wid­met sich der «mehr-als-mensch­li­chen» Mit­welt. Mit akus­ti­schen und per­for­ma­ti­ven In­ter­ven­tio­nen er­kun­det das Fes­ti­val neue For­men der Be­zie­hung zwi­schen Mensch und Na­tur. 

Von  Lilli Kim Schreiber
DSC3137

Un­ter­schied und Wir­kung

In der Aus­stel­lung «Die lei­sen Un­ter­schie­de» im Haus zur Glo­cke in Steck­born be­fas­sen sich fünf Künst­ler:in­nen mit der Wahr­neh­mung von Un­ter­schie­den. 

Von  Vera Zatti
03 Schuetz Chraeje n un Gwaage ss Foto

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Cy­borg-Ka­ker­la­ken

Von  Jeremias Heppeler

Fu­rio­ses Klang­ge­wit­ter

Mit dem En­sem­ble TAK aus New York gas­tier­te am Diens­tag ein Neue-Mu­sik-Quin­tett von Welt­rang im St.Gal­ler Kult­bau. Or­ga­ni­siert vom Zy­klus Con­tra­punkt, hät­te der Abend mehr Pu­bli­kum ver­dient. Ein Bubble-Pro­blem?

Von  Peter Surber
Contrapunkt 1 martin fluege

Ne­an­der­tha­ler:in, ge­hüllt in Pink 

Das St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um öff­net in der neu­en Aus­stel­lung «Ste­reo­ty­pes: Ne­an­der­tha­le­rin» den Blick auf die­se Stein­zeit­men­schen. Die Schau mit viel Pink ver­knüpft ge­schickt Spiel mit Wis­sen­schaft und Ver­gan­gen­heit mit Ge­gen­wart.

Von  Vera Zatti
Stereotypes Kulturmuseum 2026 1

Neue Sai­son un­ter be­son­de­ren Vor­zei­chen

Das Thea­ter an der Gren­ze in Kreuz­lin­gen star­tet heu­te in die neue Spiel­zeit. Kürz­lich ver­starb die prä­gen­de Co-Prä­si­den­tin An­na Rink. Aus­ser­dem fällt der bis­he­ri­ge Spiel­ort im Kul­tur­zen­trum Kult-X bis En­de 2027 weg. Wie der Ver­ein die­se Hür­den meis­tert, er­zäh­len Prä­si­den­tin Vro­ni El­len­br­oek und Klaus Okraf­ka aus der Pro­gramm­lei­tung im In­ter­view.

Von  Judith Schuck
Theater an der Grenze Klaus Ofraka und Vroni Ellenbroek

FC St.Gal­len vs. FC Si­on – St. Gal­len un­ter­liegt Si­on mit 0:3.

St. Gal­len star­te­te gut in die Par­tie, agier­te aber oft­mals zu um­ständ­lich ge­gen tief ver­tei­di­gen­de Sit­te­ner und blieb letzt­lich glück­los. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Dampf auf dem Kes­sel

Auf sei­nem neu­en So­lo­al­bum the­ma­ti­siert Ma­nu­el Stahl­ber­ger die Über­hit­zung. Die kli­ma­ti­sche, die ge­sell­schaft­li­che, die po­li­ti­sche. Ge­mein­sam mit Bit-Tu­ner hat der St.Gal­ler Mu­si­ker da­für ei­nen düs­te­ren, elek­tro­ni­schen Sound ge­fun­den.

Von  David Gadze
Manuel stahlberger bit tuner heiss pd

Von War­te­häus­chen und ehe­ma­li­gen Te­le­fon­ka­bi­nen

An Klein­bau­ten ge­hen wir oft acht­los vor­bei: Bus­war­te­häus­chen, öf­fent­li­che WCs, nicht mehr ge­brauch­te Te­le­fon­ka­bi­nen oder Feu­er­wehr- und Stras­sen­wär­ter­ma­ga­zi­ne. Ak­tu­ell gibt es da­zu ei­ne Aus­stel­lung im 1. Stock des Rat­hau­ses St.Gal­len.

Von  René Hornung
2 Tramhaeuschen Schibenertor

«Wie ein Vor­film des­sen, was auf uns zu­kom­men könn­te»

Bis 2050 will die Stadt St.Gal­len kli­ma­neu­tral sein. Ka­rin Hun­ger­büh­ler und To­bi­as Fi­scher-Künz­ler von der Dienst­stel­le Um­welt und En­er­gie be­ant­wor­ten Fra­gen zur be­vor­ste­hen­den Kli­ma­wo­che und zum Kli­ma­schutz in der Stadt.

Von  Reto Voneschen , Bilder:  Sara Spirig
2609 Redeplatz Karin Tobias 01

Metz­ger, En­gel, Him­mel und Tan­te Bergs Ro­sen­ge­büsch

Ani­ta Zim­mer­mann ali­as Lei­la Bock prägt die St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne seit Jahr­zehn­ten – als Künst­le­rin, als Ver­mitt­le­rin, als Er­mög­li­che­rin. Sie hat Wi­der­stän­de über­wun­den und an­de­re Künst­ler:in­nen im­mer wie­der her­aus­ge­for­dert. Ei­ne Wür­di­gung

Von  Angela Kuratli , Bilder:  Ladina Bischof
2609 Anita Zimmermann SAI2602 1308 C WEB

«Nicht neu er­fin­den, was funk­tio­niert»

Die St.Gal­ler Mu­se­ums­nacht fin­det in die­sem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Ju­bi­lä­um blickt Ver­eins­prä­si­den­tin Bar­ba­ra Af­fol­ter zu­rück und nach vor­ne. Sie sagt, was die Mu­se­ums­nacht bis heu­te aus­macht und wo­hin sie sich ent­wi­ckeln soll.

Von  Marion Loher
Museumsnacht Kunstmuseum pd

Le­bens­be­ja­hen­de Wer­ke im Kunst­zeug­haus

Die Aus­stel­lung «Vol­ler Le­ben» des Ver­eins IG Hal­le Rap­pers­wil wirft Schlag­lich­ter auf künst­le­ri­sche Schaf­fens­pro­zes­se und ih­re Ver­bin­dun­gen zur Na­tur.

Von  Lilli Kim Schreiber
Regula Syz 2

Kolumne: Stimmrecht

St.Gal­len in den Au­gen ei­nes Sol­da­ten

Von  Liliia Matviiv

Kunst­ki­osk trifft Nacht­klub 

Der St.Gal­ler Kunst­ki­osk wird fünf­zehn Jah­re alt. Ge­fei­ert wird das mit ei­ner Ju­bi­lä­ums­aus­stel­lung im ehe­ma­li­gen Tif­fa­ny Night Club. Die Ver­nis­sa­ge ist am 12. Sep­tem­ber. Sai­ten hat schon vor der Er­öff­nung vor­bei­ge­schaut.

Von  Vera Zatti
01 Gruppenfoto Kurationsteam 15 Jahre Kunstkiosk QUERFORMAT

Musiktheater

Auf See im Park­haus

Von  Vera Zatti
Bild 08 07 24 um 07 42

Ein tem­po­rä­res Kunst­haus am Ro­ten Platz

Zum 36-jäh­ri­gen Be­stehen sei­ner Ga­le­rie Macel­le­ria d'ar­te trans­for­miert Fran­ces­co Bo­n­an­no ein leer­ste­hen­des Ge­bäu­de am Ro­ten Platz in St.Gal­len in ein bun­tes Haus vol­ler Kunst. Was als klei­nes Pro­jekt be­gann, wuchs zu ei­nem Ge­mein­schafts­werk von fast 100 Kunst­schaf­fen­den. 

Von  Lilli Kim Schreiber
Kunsthaus am roten platz lilli kim schreiber 1

Das Schö­ne an der Pro­vinz

St.Gal­len und Lu­zern ha­ben mehr ge­mein­sam, als man zu­nächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Sai­ten-Re­dak­ti­on in St.Gal­len un­ter­wegs.

Von  Giulia Bernardi Robyn Muffler  und  Raphael Albisser , Bilder:  Claudia Schildknecht
2609 Staetevergleich 4 D3 A9291

Auf der Su­che nach (Un)Ru­he

Von St.Gal­len bis nach Süd­afri­ka. Ein Ost­schwei­zer Ehe­paar reist im Land­ro­ver De­fen­der um die Welt. Ih­re Er­leb­nis­se hal­ten die Bau­mel­ers mit ei­ner Ka­me­ra fest. Nun er­scheint ihr Film Im­mer wei­ter in Ost­schwei­zer Ki­nos – ei­ne ehr­li­che Do­ku­men­ta­ti­on, der ei­ne Ein­ord­nung gut ge­tan hät­te.

Von  Daria Frick
B 8

«Open House St.Gallen»

Of­fe­ne Tü­ren – tie­fe Ein­bli­cke

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 17 40