Bettina Pousttchi, die 1971 in Mainz geboren wurde und von 1995 bis 1999 an der Kunstakademie Düsseldorf bei Rosemarie Trockel sowie Gerhard Merz studierte, bewegt sich im künstlerischen Dreieck von Video, Installation und Skulptur. Thematisch setzt sie sich mit soziologischen sowie historischen Fragen auseinander, betrachtet Zeit und Raum unter einem globalen Aspekt.
2150 m² Fotomontage
Seit bald zehn Jahren erregt sie mit grossformatigen fotografischen Arbeiten Aufsehen. So errichtete sie mit «Echo» (2009/2010) an der Fassade der Temporären Kunsthalle in Berlin den kurz zuvor abgerissenen Palast der Republik in Gestalt einer gigantischen Fotoinstallation aufs Neue. Als bisher grösste Arbeit dieser Art ist «The City» aus dem Jahr 2014 zu nennen: eine Fotomontage, die als imaginäre Skyline die ganze Welt als Stadt zusammenfasst. Zu sehen sind darauf die zehn zum damaligen Zeitpunkt weltweit höchsten Wolkenkratzer. Pousttchi verhüllte hierfür das Wolfsburger Schloss in Niedersachsen auf drei Seiten mit einer 2150 m² grossen Fotoplane.
Neben ihrem fotografischen Schaffen befasst sich die heute in Berlin lebende Künstlerin intensiv mit Skulpturen. Oft nutzt sie für ihre dreidimensionalen Werke alltägliche Gegenstände aus dem öffentlichen Raum, Absperrgitter oder Strassenpfosten. Ein bisschen à la «Ready-mades»: Sie selbst bezeichnet diese Dinge als «Stadtmöbel», die sie bearbeitet, transformiert und mit neuen Inhalten füllt. Bereits 2009 zeigte Pousttchi auf der Biennale in Venedig im Rahmen der Ausstellung «Glasstress» eine Skulptur aus transparentem Sicherheitsglas und Absperrgittern.
Unbemannte Kontrollposten
Was Pousttchi an «Stadtmöbeln» bis heute so spannend findet, lässt aufhorchen. Denn die Künstlerin beschreibt Gitter und Pfosten als eine Art «unbemannter Kontrollposten» im Aussenraum. Es seien Elemente, die regulierten, wie man sich draussen zu bewegen hat. Elemente mit Schutz- oder Abwehrfunktion. Jedenfalls solche, die den menschlichen Freiraum beeinflussten, ohne dass man dies bewusst merke.
Um Schutz und Überwachung und ob beides wirklich machbar ist, geht es auch in ihrer von Roland Wäspe kuratierten Arbeit in der Lokremise. Für diese raumgreifende Installation holt die Künstlerin die 9/11 gefallenen Twin-Towers ins Gebäude. Sie bilden das Zentrum als zwei grossflächige Fotodrucke, wobei man erst beim genauen Hinschauen erkennt, dass die bearbeiteten schwarz-weissen Folien die Türme des zerstörten World Trade Centers zeigen. Die Drucke befestigt Pousttchi hoch über den Köpfen, lässt diese aber nicht an der Wand herunterhängen, sondern holt sie weit in den Raum hinein. Wie schon bei «Suspended Mies» (2017) legt sie einen Grossteil der meterlangen filigranen Folien wie eine Schleppe auf dem Boden aus.
Bettina Pousttchi «Protection»: bis 17. Juni, Lokremise St.Gallen. Vernissage: 16. Februar, 18.30 Uhr kunstmuseumsg.ch
Andreas Sauter Lugano Paradiso: Premiere 22. März, 19.30 Uhr theatersg.ch
Rechts und links der Fotobahnen sind Skulpturen positioniert: Aus bekannten «Stadtmöbeln» eben. Einige Objekte sind hochglanzpoliert, andere pulverbeschichtet. Alle sind gequetscht, zerbeult, mit dem Hammer bearbeitet. Nun winden sie sich und schlingen sich umeinander. Dass erstmals auch Fahrradständer und Baumschutzbügel dabei sind, hat seinen Grund. Mit ihnen wird der Charakter des Regulierenden und Kontrollierenden von Absperrungen um den Aspekt des Haltgebens und der Schutzbedürftigkeit erweitert. Und hoch über allem thront eine Überwachungskamera. Ist sie echt und filmt die Besucher? Oder ist sie Attrappe und bloss Teil der Installation? Was würde das eine oder andere bedeuten? Ein kleines, feines Detail ist sie in jedem Fall.
Schutz und Gitter
Jedes Element innerhalb von «Protection», vom verdrehten Veloständer bis hin zu den kaum erkennbaren Twin-Towers, könnte man als Icon verstehen. Und jedes regt an, sich auf dieses weite Themenfeld hinaus zu wagen und eigene Gedanken darüber zuzulassen. Das fängt klein an bei «Schützen Schutzgitter Bäume»? Geht weiter mit «Macht Kameraüberwachung dunkle Ecken sicher»? Und es gipfelt letztlich in Fragen wie «Könnte das World Trade Center heute noch stehen? Und wäre die Welt eine andere, hätte der Sturz der Twin-Towers nicht den Terror eingeläutet, wie wir ihn heute fürchten? Lebten wir dann ohne Überwachung, wie wir sie nun kennen»? Ganz zuletzt steht man da, mit der einen grossen Ungewissheit: «Macht Überwachung, wie auch immer sie geschieht, die Welt zu einem besseren Ort?»
Es sind schwierige Überlegungen zu einem heissen Thema. Antworten, was richtig oder falsch sei, gibt die Künstlerin nicht. Dafür eröffnet sie mit «Protection» einen Raum, in dem Gedanken Anlauf nehmen können für weite Sprünge. Einen Raum, der den Besucher fordert, sich diesem Thema zu stellen und persönlich Position zu beziehen. Und sie öffnet einen Raum, der eindrücklich macht, dass hier noch lange nicht zu Ende gedacht ist.
Die ganze Lok als Überwachungsraum
Im Rahmen des Kooperations-Projekts von Museum, Kino und Theater hat Schauspieldirektor Jonas Knecht für die Lokremise das Bühnenstück Lugano Paradiso in Auftrag gegeben hatte. Pousttchis Arbeit soll sich für dieses als einer der Schauplätze eignen, ohne als Bühnenbild angelegt zu sein oder gar auf Eigenständigkeit zu verzichten. Das von Autor Andreas Sauter geschriebene, dokumentarisch fundierte Stück schlägt weite Bögen von der Geheimarmee P 26 bis zur Fichenaffäre, von den Beziehungen Schweiz-DDR bis zu heutigen Überwachungsszenarien. Es wird im Theatersaal, in der Kunstausstellung und im Kinok gespielt. Das Kinok nimmt das Thema seinerseits auf.
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