Kategorie
Autor:innen
Jahr

Theater Konstanz: Unlocked im Wartezustand

«Wir brauchen gerade jetzt die Kulturorte als Kristallisationspunkte für unsere gesellschaftlichen Diskurse»: Das sagt die Intendantin des Theaters Konstanz, Karin Becker, zur Frage der Wiedereröffnung der Kulturhäuser. Saiten hat ihr drei Fragen gestellt.
Von  Peter Surber , 

Der Bundesrat hat letzten Mittwoch über erste Lockerungen des Kultur-Lockdowns entschieden. Museen gehen auf – die veranstaltete Kultur muss hingegen weiter warten. Saiten hat eine Reihe von Ostschweizer Kulturveranstalter*innen nach ihrer Einschätzung befragt, die Antworten dazu hier. Sie fielen klar aus: «Wir sind bereit».

Die drei Fragen haben wir auch über die Grenze hinweg dem Theater Konstanz gestellt. In Deutschland stehen Lockerungen zur Zeit noch in den Sternen – hier gilt eine 7-Tage-Inzidenz von unter 35 Fällen als Massstab für Lockerungen. Am 3. März ist ein nächster Coronagipfel der Bundeskanzlerin mit den Ländern geplant. Intendantin Karin Becker sagt, was und wie ab April live gespielt werden könnte – und setzt in der Zwischenzeit auf digitale Formate.

Karin Becker, die neue Konstanzer Intendantin. (Bild: Ilja Mess)

 

Wie beurteilen Sie aus Ihrer Institution die aktuelle Situation?

Karin Becker: Was bleibt? Wenn wir wieder über Lockerungen sprechen, muss die Kultur dabei im Blick sein. Nicht nur, weil wir aus der Kultur heraus natürlich rufen: «Lasst uns spielen», sondern auch, weil die Kultur besonders geschützt und wertvoll ist. Ich hoffe sehr, dass das Bewusstsein in unserer Gesellschaft dafür da ist, dass wir gerade jetzt die Kulturorte als Kristallisationspunkte für unsere gesellschaftlichen Diskurse brauchen. Wir stehen vor Entscheidungen und Diskussionen, die sehr fundamental sein werde.

Wir hatten am Theater Konstanz schon im Herbst zum Spielzeitstart nachweislich greifende Hygienekonzepte für den laufenden Betrieb umgesetzt. Wir wissen um den Ernst der Lage und mit welcher Sorgfalt und welchen Reaktionen der weiteren Ausbreitung des Corona-Virus entgegengetreten werden muss. Für Theater-, Konzert-, Kino- und Museumsbesucher besteht allerdings kein belegbar erhöhtes Infektionsrisiko, da der Mindestabstand von mindestens 1,5 Meter sowie der Frischluftaustausch gewährleistet sind. Personalisierte Tickets ermöglichen zudem die Nachverfolgung und Unterbrechung von Infektionsketten.

Dennoch können wir nicht abschätzen, wie die deutsche Bundesregierung und die Länder in den nächsten Wochen bezüglich Öffnung der Kulturbetriebe entscheiden. Durch diese Planungsunsicherheit erstellen wir seit November einen Spielplan nach dem anderen. Kaum ist er erstellt, muss wieder umgeplant werden.

Es gibt die Forderung nach räumlich differenzierter Zulassung von Veranstaltungen. In der Schweiz ist es das «Basler Modell», das für die baldige Öffnung von Veranstaltungsorten einen Stufenplan vorschläg. In Deutschland ist ein modulares Konzept lanciert worden, mit dem Wissenschaft, Sport und Kultur wieder öffnen könnten, von 25 Prozent Auslastung bis hin zu Vollbesetzung. Was taugen diese Vorschläge aus Ihrer Sicht?

Wir hatten ja schon zu Beginn der Spielzeit 2/3 der Bestuhlung im Zuschauerraum des Stadttheaters ausgebaut und kleine Zuschauerinselchen für jeweils 1, 2 oder 3 Personen, die gemeinsam ins Theater kommen, geschaffen. So könnten wir auch wieder weitermachen. Und natürlich streben wir auch wieder das Sommertheater auf dem Münsterplatz an, auch hierfür gab und gibt es ausgeklügelte Hygienemassnahmen für das Spielen im Freien.

Wann wäre Ihre Institution bereit zum Start? Und für wieviele Besucherinnen und Besucher?

Starten könnten wir quasi sofort. Doch da wir derzeit nicht in persönlichen Kontakt zu unserem Publikum treten können, haben wir für Februar und März eine digitale Offensive gestartet: «Theater unlocked». Auf unserer Homepage theaterkonstanz.de finden sich Podcasts, ein Blog des neugegründeten «Stadtensemble» oder ein Gang durch das Theater mit Figuren aus unseren Stücken. Man kann sich unsere Eröffnungsproduktion Jeder stirbt für sich allein ansehen und es wird sogar zwei Vollmonde – die late-night Vorstellung in unserem Rahmenprogramm – als Livestreams geben. Und dann natürlich «Let’s Ally», unser Festival Female Artists vom 6. bis 8. März. Leider mussten wir aufgrund der Pandemie auch hier entscheiden, dieses digital umzusetzen.

Nach unserer aktuellen Planung könnten wir ab 1. April mit den nächsten Premieren beginnen. Es ist bitter und schmerzt, aber wir müssen einige Produktionen, die zum Teil bereits fertig geprobt sind, in die nächste Spielzeit verschieben, z.B. unser Familienstück, den Wunschpunsch. Das war schon eine harte Entscheidung, dass wir das gerade den Kindern und Familien nicht zeigen konnten. Aber es ist noch genug «übrig», etwa Licht im Kasten mit Christine Urspruch oder REVOLution, was unsere Hausregisseurin Franziska Autzen gerade probt, in der Spiegelhalle.

In allen drei Spielstätten – Stadttheater, Spiegelhalle und Werkstatt – und auch auf der Freilichtbühne wird die Zuschauerkapazität zunächst nur 30 % betragen. Das heisst zum Beispiel für das Stadttheater, dass wir hier jeweils nur etwa 100 Plätze anstatt knapp 400 anbieten können.

 

Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
DSC02464

Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
Gu Kas Pa Ro 26 385960 Email Orginal 2

Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
IMG 1890 2

«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

Der Ver­ein Lat­tich im Gü­ter­bahn­hof­are­al St.Gal­len fei­ert das 10-Jahr-Ju­bi­lä­um. Noch im­mer kämpft er mit Ein­spra­chen. Der Vor­stand der Grün­dungs­pha­se hat auf­ge­ge­ben. Seit gut ei­nem Jahr bil­den Adel­heid Kar­li und Flo­rim Ša­ba­ni das Co-Prä­si­di­um.

Von Andi Giger, Bilder: Nayla Baumgartner,
2610 Redeplatz

Nachruf auf Urs Ullmann

«Wir nann­ten ihn ‹Sun­ny› we­gen sei­nes auf­ge­stell­ten Ge­müts»

Von Urs Oskar Keller,
Urs Ullmann Maerz 2023 Altnau Urs Oskar Keller

Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun

Vom Le­ben und Schrei­ben

Von Sieglinde Wöhrer,
Bildschirmfoto 2026 10 19 um 15 34 04

Wenn Mu­se­ums­ob­jek­te ei­nen neu­en Sinn be­kom­men

Ei­ne ben­zin­be­trie­be­ne Glüh­bir­ne? Ein ro­bus­tes Schnaps­glas? Oder ein Kat­zen­hals­band, das die Raub­tie­re vom Vö­gel­fan­gen ab­hal­ten soll? Im His­to­ri­schen Mu­se­um Thur­gau schlum­mern ei­ni­ge Ge­gen­stän­de, de­ren Funk­ti­on auf den ers­ten Blick nicht ganz klar ist. Tho­mas Götz, Mar­ti­na Hü­gi und Ste­fan Kel­ler muss­ten die­se am Icon Po­et her­aus­fin­den.

Von Judith Schuck,
Icon Poet Judith Schuck

Lang­sam­keit als Mo­tor

Die St.Gal­ler Rock­band The Black Salt ver­öf­fent­licht ihr zwei­tes Al­bum. Und ver­ab­schie­det sich ein Stück­weit von ih­ren An­fän­gen.

Von David Gadze,
Theblacksalt1

Fah­nen der Ver­gäng­lich­keit

Die Welt ist in ste­tem Wan­del. Und man­che Ver­än­de­run­gen sind ir­rever­si­bel – Glet­scher schmel­zen, Tier- und Pflan­zen­ar­ten ster­ben aus. Die Aus­stel­lung «Flim­mern» wid­met sich der Be­wusst­wer­dung die­ses Wan­dels – und dem Schmerz, den er aus­löst.

Von Judith Schuck,
Flimmern Blossom 0 2 von Hoa Luo Patrik Muchenberger

Du­bio­se Zah­len zum Au­to­bahn­aus­bau

Die Grund­la­gen, mit de­nen die Be­für­wor­ter:in­nen die drit­te Au­to­b­anhröh­re durch den Ro­sen­berg in St.Gal­len und die Teil­span­ge mit dem An­schluss im Gü­ter­bahn­hof­are­al for­dern, ba­sie­ren auf frag­wür­di­gen Zah­len. Zu die­sem Schluss kommt der Raum- und Ver­kehrs­pla­ner Tho­mas Hug-Di Le­na.

Von René Hornung,
Anschluss gueterbahnhof

Bücherherbst: Réduit von Alexander Raschle

Hoff­nung in ei­ner ver­stei­ner­ten Welt

Von Richard Butz,
Bildschirmfoto 2026 10 28 um 16 11 18

Grüs­se aus ei­nem kom­pli­zier­ten Land

Die St.Gal­ler Tanz­kom­pa­nie fei­er­te ver­gan­ge­nen Sams­tag mit From Eng­land wi­th Love Pre­mie­re. Das Stück wagt sich aber­mals aus dem Gleich­schritt – mit un­miss­ver­ständ­li­chen Ges­ten.

Von Andi Giger,
From England with Love

Eman­zi­pa­ti­on in geo­me­tri­scher Form

Das Kunst­haus Bre­genz zeigt in der neu­en Aus­stel­lung Ar­bei­ten der US-ame­ri­ka­ni­schen Künst­le­rin Tork­wa­se Dys­on. Aus­gangs­punkt ih­rer gross­for­ma­ti­gen geo­me­tri­schen Skulp­tu­ren und poe­ti­schen Ma­le­rei­en bil­det das Le­ben und die Be­frei­ung Schwar­zer Men­schen.

Von Sieglinde Wöhrer,
Torkwase Dyson EG Y3 A3594 Foto Markus Tretter