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Konstanz: Wo sich Theater und Politik reiben

«THEATER_MACHT_POLITIK» heisst das Buch des Konstanzer Theaterdirektors Christoph Nix. Diese Woche wurde es in Konstanz debattiert, gleichentags hat die Stadt dem Theater eine Gagenerhöhung gestrichen.
Von  Peter Surber , 
Christoph Nix, Theaterintendant, vor «seinem» Stadttheater. (Bild: «Südkurier»)

Das Theater Konstanz dürfte eine der wenigen Bühnen sein, die in ihren News den Tod des Maximo Lider gemeldet haben. «Das Theater», heisst es dort wörtlich, «nimmt Anteil am Tode von Fidel Castro.»

Konstanz hatte die Spielzeit 2014/2015 unter das Motto «¡Hasta la victoria siempre!» gestellt und sich unter anderem mit Kuba und der Revolution auseinandergesetzt. Es wurde dann auch zum 16. Festival del Teatro de la Habana 2015 eingeladen. Frühere, bis heute nachhaltige Kooperationen gab es auch zwischen Konstanz und afrikanischen Theatermachern.

Das ist typisch für eine Bühne, die sich mitten in der Welt positioniert und entsprechend immer auch politisch agiert. Intendant Christoph Nix hat diese Haltung jetzt in einem Buch ausgeführt mit dem mehrdeutigen Titel THEATER_MACHT_POLITIK. Am Dienstagabend wurde es im Theater selber vorgestellt und hochkarätig debattiert; mit dabei waren Stephan Märki, Direktor von Konzert und Theater Bern und langjähriger Intendant in Weimar, sowie der Chefredaktor der Zeitschrift «Theater der Zeit», Harald Müller, in dessen Verlag das Buch auch erschienen ist.

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Christoph Nix: THEATER_MACHT_POLITIK, Verlag Theater der Zeit Berlin 2016, Fr. 24.40

Schlechte Zeiten fürs Theater

Theater ist für Nix selbstverständlich politisch, insofern, als hier Fragen des Lebens und des Zusammenlebens öffentlich verhandelt werden. Theater – allerdings nicht sein eigenes in Konstanz – sei in den letzten Jahren aber zunehmend unpolitischer geworden. Die Ursachen sieht Nix in den neoliberalen Denkstrukturen, die überall dominieren, im Primat des Geldes über die Inhalte, in der Diskreditierung der öffentlichen Institutionen und in einer alle Bereiche des öffentlichen Lebens umfassenden «Verdinglichung», in deren Folge sich auch in der Kunst zunehmend ein neuer Typus herausbilde: jener des «Kulturangestellten». «Die Politik hat es geschafft, die Theater zu bändigen».

Für einen Theatermann wie Nix, dem Harald Müller ein «tragödisches Selbstverständnis» attestierte, sind das schlechte Zeiten. Wortreich wurde in der Debatte denn auch an die «guten Zeiten» erinnert: die 20er-Jahre, aber auch die letzten Jahre der DDR, als das Theater mit einer ganz anderen Dringlichkeit als öffentliche Stimme auftrat und wahrgenommen wurde.

Seither aber beobachtet Müller zumindest in Deutschland einen eigentlichen «Notstand». Zum Beispiel im ostdeutschen Frankfurt an der Oder: 2000 wird ein prächtiger Neubau, das Kleist-Theater, eröffnet, im gleichen Jahr schafft die Stadt das Ensemble ab, der Neubau wird zum «leeren Kasten», Gastspiele sollen es richten. Ähnlich in der Stadt Brandenburg – Müller sieht mit Sorge, dass im Gegenzug dafür in jedem mittleren Ort ein Festival aus dem Boden gestampft wird und immer mehr auf Events statt Kontinuität gesetzt wird.

Neuer Rückschlag im Kampf um Mindestgagen

Und dann wird es konkret, und Nix redet sich in Rage bei der Frage, ob es Druckversuche von Seiten der Politik gebe. Natürlich habe es die gegeben, und jeder in der Stadt wisse das. Die Zeitschrift «Trojaner» war ein Beispiel, mit der das Theater frech in die Konstanzer Lokalpolitik dreingeredet hat und Nix dafür gescholten wurde. Auch für das jetzt geschlossene Kino Scala ging das Theater mit auf die Strasse.

Oder die Forderung nach Mindestgagen: 2015 hat das Theater sie gestellt, das Stadtparlament lehnte ab, Nix führte die Mindestgagen darauf hin auf eigene Faust ein, ein neuerlicher Antrag wurde jetzt am 6. Dezember, wenige Stunden vor der abendlichen Podiumsdiskussion, in der Haushaltsdebatte wiederum abgelehnt.

Die Gagenfrage ist für Nix einerseits zentral für die Schauspieler – notabene: Es geht um 2000 Euro statt bisher 1800, kein wirklich existenzsichernder oder gar familienfreundlicher Lohn. Andrerseits sei die Frage aber auch grundsätzlich von Belang, nämlich: Wieviel Wertschätzung erhält das Theater von seinen Stadtoberen? Nach elf Jahren im Amt klang Nix an diesem Abend einigermassen fatalistisch: Das Publikum stehe zwar hinter «seinem» Theater, nicht aber die politischen Akteure, mit denen zu diskutieren ihm zunehmend die Lust fehle. Für aussenstehende Ohren blieb da allerdings ein Widerspruch. Der Theaterdirektor klagt einerseits über Eingriffe – und vermisst andrerseits, dass von Seiten der «herrschenden Politik» keinerlei inhaltliche Auseinandersetzung mit der Theaterarbeit stattfinde.

Vom Sparbudget, das am Dienstag verabschiedet wurde, ist im übrigen nicht das Theater allein betroffen. Auch andere Institutionen oder Projekte müssen auf höhere Beiträge verzichten: die Jazz- und Rockschule, das Jugendzentrum, ein neues Festival, Schul- oder Strassensanierungen.

Gratwanderung zwischen Geld und Kunst

Nicht anpasserisch, aber pragmatisch stellt sich der Berner Intendant Stephan Märki dem Spardruck und der Forderung nach besseren Auslastungszahlen: «Die Gratwanderung besteht darin, mit den vorhandenen Mitteln das grösstmögliche künstlerische Risiko einzugehen.» Nix seinerseits betont mehrfach, er sei kein Kulturpessimist. Und er lobt das Theater als den Ort, an dem die grossen Lebensthemen einerseits zugespitzt würden – der andrerseits aber deren Konsequenzen mildere. «Wir spielen nur» – dies jedoch mit allem politischen Ernst.

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Christoph Nix vor der Konstanzer «Imperia». (Bild: SWR)

Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
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Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
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Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
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«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

Der Ver­ein Lat­tich im Gü­ter­bahn­hof­are­al St.Gal­len fei­ert das 10-Jahr-Ju­bi­lä­um. Noch im­mer kämpft er mit Ein­spra­chen. Der Vor­stand der Grün­dungs­pha­se hat auf­ge­ge­ben. Seit gut ei­nem Jahr bil­den Adel­heid Kar­li und Flo­rim Ša­ba­ni das Co-Prä­si­di­um.

Von Andi Giger, Bilder: Nayla Baumgartner,
2610 Redeplatz

Nachruf auf Urs Ullmann

«Wir nann­ten ihn ‹Sun­ny› we­gen sei­nes auf­ge­stell­ten Ge­müts»

Von Urs Oskar Keller,
Urs Ullmann Maerz 2023 Altnau Urs Oskar Keller

Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun

Vom Le­ben und Schrei­ben

Von Sieglinde Wöhrer,
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Wenn Mu­se­ums­ob­jek­te ei­nen neu­en Sinn be­kom­men

Ei­ne ben­zin­be­trie­be­ne Glüh­bir­ne? Ein ro­bus­tes Schnaps­glas? Oder ein Kat­zen­hals­band, das die Raub­tie­re vom Vö­gel­fan­gen ab­hal­ten soll? Im His­to­ri­schen Mu­se­um Thur­gau schlum­mern ei­ni­ge Ge­gen­stän­de, de­ren Funk­ti­on auf den ers­ten Blick nicht ganz klar ist. Tho­mas Götz, Mar­ti­na Hü­gi und Ste­fan Kel­ler muss­ten die­se am Icon Po­et her­aus­fin­den.

Von Judith Schuck,
Icon Poet Judith Schuck

Lang­sam­keit als Mo­tor

Die St.Gal­ler Rock­band The Black Salt ver­öf­fent­licht ihr zwei­tes Al­bum. Und ver­ab­schie­det sich ein Stück­weit von ih­ren An­fän­gen.

Von David Gadze,
Theblacksalt1

Fah­nen der Ver­gäng­lich­keit

Die Welt ist in ste­tem Wan­del. Und man­che Ver­än­de­run­gen sind ir­rever­si­bel – Glet­scher schmel­zen, Tier- und Pflan­zen­ar­ten ster­ben aus. Die Aus­stel­lung «Flim­mern» wid­met sich der Be­wusst­wer­dung die­ses Wan­dels – und dem Schmerz, den er aus­löst.

Von Judith Schuck,
Flimmern Blossom 0 2 von Hoa Luo Patrik Muchenberger

Du­bio­se Zah­len zum Au­to­bahn­aus­bau

Die Grund­la­gen, mit de­nen die Be­für­wor­ter:in­nen die drit­te Au­to­b­anhröh­re durch den Ro­sen­berg in St.Gal­len und die Teil­span­ge mit dem An­schluss im Gü­ter­bahn­hof­are­al for­dern, ba­sie­ren auf frag­wür­di­gen Zah­len. Zu die­sem Schluss kommt der Raum- und Ver­kehrs­pla­ner Tho­mas Hug-Di Le­na.

Von René Hornung,
Anschluss gueterbahnhof

Bücherherbst: Réduit von Alexander Raschle

Hoff­nung in ei­ner ver­stei­ner­ten Welt

Von Richard Butz,
Bildschirmfoto 2026 10 28 um 16 11 18

Grüs­se aus ei­nem kom­pli­zier­ten Land

Die St.Gal­ler Tanz­kom­pa­nie fei­er­te ver­gan­ge­nen Sams­tag mit From Eng­land wi­th Love Pre­mie­re. Das Stück wagt sich aber­mals aus dem Gleich­schritt – mit un­miss­ver­ständ­li­chen Ges­ten.

Von Andi Giger,
From England with Love

Eman­zi­pa­ti­on in geo­me­tri­scher Form

Das Kunst­haus Bre­genz zeigt in der neu­en Aus­stel­lung Ar­bei­ten der US-ame­ri­ka­ni­schen Künst­le­rin Tork­wa­se Dys­on. Aus­gangs­punkt ih­rer gross­for­ma­ti­gen geo­me­tri­schen Skulp­tu­ren und poe­ti­schen Ma­le­rei­en bil­det das Le­ben und die Be­frei­ung Schwar­zer Men­schen.

Von Sieglinde Wöhrer,
Torkwase Dyson EG Y3 A3594 Foto Markus Tretter