Kampfsport als Safe Space
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
(Bilder: Malena Widmer)
Plötzlich umschlingen sich die Kämpfer. Sie schmiegen die Köpfe eng aneinander, nicht zärtlich, sondern sich gleichzeitig Knietritte verpassend, bis die Ringrichterin sie an den Nacken packt und auseinanderzieht. Sie trägt ein Fight-Back-Shirt und gibt Signale für Beginn und Ende der Kampfsequenzen. Am Schluss reisst sie unter johlendem Applaus die Faust des Gewinners in die Luft.
Das ist das Fight Back: «Das erste emanzipatorische, antifaschistische und queerfeministische Kampfsportturnier St.Gallens!», wie es die Moderator:innen zu Beginn euphorisch ankündigen. Dafür sind an jenem grauen Herbstnachmittag Kämpfer:innen aus vier Ländern und 15 Städten angereist. In der alten Kreuzbleiche-Halle ist es warm, die Stimmung laut, das Licht farbig. In der Mitte ist ein Kampfring aufgebaut, an den Wänden fletscht der Logo-Tiger des Events seine Zähne, vor seinen Augen schweben türkise Herzchen.
«Es gibt genügend gewaltverherrlichende, rechte und faschistische Menschen, die Kampfsport machen und auch Events organisieren. Wir wollen nicht mit solchen Leuten auf die Matte und an gemeinsame Events», sagt N., Teil des Organisationsteams. Deshalb haben sie und weitere Kampfsportinteressierte es nun in die Hand genommen und in St.Gallen ein Turnier organisiert, das ihren Grundwerten entspricht. Konkret heisst das: «Nicht ein klassisch martialischer Event, sondern ein Safe-Space für alle Sportinteressierten, der niederschwellig zugänglich ist. Es sollen sich alle absolut wohlfühlen, egal welchen Geschlechts und welcher Herkunft.»
Die Organisator:innen wollen damit verdeutlichen, dass Kampfsport auch eine emanzipatorische Seite habe, für queere Menschen und FLINTA*-Personen offen sein könne und «man auch als Cis-Mann nicht mit irgendwelchen Idioten ins Gym muss, wenn man Kampfsport machen möchte», so N.
Eine Art linkes Reclaiming des Kampsports also? Die österreichische Extremismusforscherin Julia Ebner veröffentlichte anfangs dieses Monats ihr Buch Von Fitness zu Faschismus und untersuchte darin unter anderem, welche Rolle Fitness und Kampfsport in der Radikalisierung von jungen Männern heutzutage spielt. Spoiler: keine unbedeutende. Sie habe in den letzten Jahren immer mehr bemerkt, wie extremistische Bewegungen versuchen würden, Fitness, Kampfsport oder Sport generell für sich zu kapern und für ihre politische Zwecke auszunutzen, sagte Ebner kürzlich in einem Interview mit der «Republik».
«Die Kampsportszene ist anfällig für mackeriges Verhalten und selbstdarstellende, problematische Männlichkeit», findet M., der am Fight Back als Kämpfer antritt. Mit Events wie demjenigen heute setze man dem etwas entgegen.
Kurz darauf steht er selbst im Ring: M. und sein Gegner messen sich in K1, einer Art des Kickboxens. Faustschläge, Tritte und Kniestösse werden dabei ausgetauscht, oft in hohem Tempo und kompliziert wirkenden Kombinationen. Muay Thai hingegen, der zweite Stil, der an dem Tag gekämpft wird, ist grundsätzlich weniger hektisch und beinhaltet mehr erlaubte Techniken. Zentral ist dabei der sogenannte Clinch: Die Kämpfer:innen halten sich an Nacken oder Armen und versuchen sich durch Kniestösse gegenseitig die Balance zu rauben.
Während die Kämpfe durchaus eindrücklich und auf Laien brutal wirken mögen, ist der Kontext an diesem Nachmittag immer wieder überraschend herzlich. Im Ring prallen die Fäuste mit dumpfem Klatschen von den geballten Fäustlingen und manchmal auch den Gesichtern ab, bald blutet die erste Nase. Sobald die Glocken aber das Ende des Kampfes einläuten, folgen lange Umarmungen, die Ringrichterin macht ein Gruppenfoto der Kämpfenden und ihrer Teams, wie sie sich nun lächelnd die Arme um die Schultern legen.
Und als es dann einmal doch passiert und ein Kämpfer knocked-out in der Ringecke hängt, scheint es seinem Gegner ziemlich leid zu tun. Der Kampf wird sofort abgebrochen, an dem heutigen Turnier ist der Knie-zu-Kopf-Tritt, der dazu geführt hat, nämlich nicht erwünscht – viel Verständnis von allen Seiten dazu.
Auch Besucher:innen finden die Stimmung in der Kreuzbleiche an dem Tag «mega nice». «Sonst ist es im Kampfsport schon mal so, dass der Respekt nicht so da ist. Deshalb ist es umso schöner, dass es heute so offen und herzlich zu und her geht», beschreibt es eine Besucherin, die auch selbst Kampfsport betreibt.
Grund dafür ist mitunter, dass ans Fight Back nur ausgewählte Gyms eingeladen wurden, die ähnliche Einstellungen verfolgen. «Grundsätzlich haben wir nur Kämpfende hier, die unsere Werte einer diskriminierungsfreien, friedlichen Gesellschaft teilen», so L., auch Teil des Organisationsteams. L. betont, dass es beim Fight Back in erster Linie um den Sport gehe. «Bis zu einem gewissen Grad ist Sport aber oft politisch. Wir leben in einer Zeit, in der es Solidarität und Lösungen für gewisse Probleme braucht.»
Trainerin S. aus Leipzig sieht das ähnlich: «Es gibt aktuell einen klaren Bedarf nach emanzipatorischen Sporträumen und eine krasse Unterrepräsentation von feministischen Angeboten im Kampfsport.» Dabei sei es doch gerade heutzutage, in Zeiten von Manosphere und Femiziden wichtig, dass diese Möglichkeit der Selbstermächtigung und Selbstverteidigung zugänglich sei, insbesondere für FLINTA*-Personen, stimmt ihr eine Trainerin aus St.Gallen zu.
In dem Moment treten zwei Kämpferinnen in den Ring, ihre zu Zöpfen geflochtenen Haare schwingen bei den wuchtigen und schnell aufeinanderfolgenden Schlägen hinter ihnen her. Fuss in die Rippen, Faust an die Schläfen, immer wieder anerkennendes Brummen oder begeisterter Zwischenapplaus aus dem Publikum. In den kurzen Pausen zwischendurch sind die Betreuer:innen sofort zur Stelle, mit einem Schweisstuch wedeln sie den Kämpferinnen Luft zu und reden ermutigend auf sie ein. Dann fliegen die Beine wieder hoch durch die Lüfte und verteilen gezielte Tritte.
So geht es in der Kreuzbleiche-Halle noch länger weiter. «Wir schauen mal, wie es läuft. Vielleicht gibt es nächstes Jahr nochmals eine Ausgabe. Bis jetzt ist es echt schön, wir sind happy», so L. Ähnliche Events gebe es an immer mehr Orten, international sowie in Schweizer Städten, die Nachfrage scheint zu wachsen. Der Kampfsport wird offensichtlich doch nicht Mackern und Faschist:innen überlassen.
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