Maurizio

Er war jahrelang Capo in der St.Galler Fankurve. Hier erzählt Maurizio Mammone seine Geschichte, die von Gewalt und Drogen handelt, von Schlägereien mit Faschos, von Träumen und verschwundenen Orten in dieser Stadt. Und vom Gefühl, irgendwie aus der Zeit gefallen zu sein.

Ladina Bischof hat Mauri auf einem Stadtspaziergang begleitet und diesen fotografisch festgehalten.

Ich ha­be im­mer ge­wusst, dass ir­gend­wann mal Schluss ist. Dass es we­ni­ger wird. Aber grad so aus dem Gan­zen raus­ge­ris­sen zu wer­den, war schon sehr hef­tig. So hef­tig, dass es bes­ser war, ganz Ab­stand zu neh­men. Es hat mir das Herz raus­ge­ris­sen, da­zu­ste­hen, nicht für die Mann­schaft da sein zu kön­nen, für die Jungs in der Kur­ve, die sich al­le den Arsch auf­reis­sen, al­les ge­ben für den FC St.Gal­len.

Im Spi­tal hat­ten sie mir ge­sagt, ich hät­te Glück ge­habt, kei­ne Blut­ver­gif­tung er­wischt zu ha­ben. Vom Bauch ins Herz, das ge­he höchs­tens ei­ne bis zwei Stun­den. Dann bist du tot. An­fangs wa­ren es nur Schmer­zen im Bauch, ein bak­te­ri­el­ler In­fekt. Aber es ist dann im­mer schlim­mer ge­wor­den. Mitt­ler­wei­le ha­be ich fünf Ope­ra­tio­nen hin­ter mir, zwi­schen­durch hat­te ich so­gar ei­nen künst­li­chen Darm­aus­gang. Am En­de konn­ten sie mir aber nicht sa­gen, was es ge­nau ist. Und, na­ja, eben we­gen die­ser gan­zen Ge­schich­te konn­te ich nur noch sel­ten ins Sta­di­on.

Ein­mal hat­ten sie mir ge­sagt, sie wüss­ten nicht, ob sie noch­mals ope­rie­ren kön­nen. Man müs­se zu­erst mit der Kran­ken­kas­se ab­klä­ren, ob sie den Ein­griff be­zah­le. Ich hat­te im­mer mal wie­der Pro­ble­me mit sol­chen Din­gen: Kran­ken­kas­se, Steu­ern, mir war das lan­ge scheiss­egal. Ich ha­be ein­fach nichts be­zahlt.

Aber ich bin mich an Schmer­zen ge­wöhnt. Ich ha­be ei­ne gros­se psy­chi­sche Stär­ke, sie steckt viel­leicht nicht in mei­nem Kör­per, aber in mei­nem Herz und mei­nem Kopf. Und ich bin es ge­wohnt, im­mer wei­ter­zu­ma­chen, dar­an zu glau­ben, dass es ir­gend­wie wei­ter­geht. Wo­her das kommt? Ich glau­be, das hat schon in der Kind­heit be­gon­nen.

«Die ha­ben dich nie mit dem Vor­na­men ge­ru­fen»

Ich bin 1980 im Kan­tons­spi­tal St.Gal­len zur Welt ge­kom­men. Und ge­tauft wur­de ich in der Mis­sio­ne Ca­to­li­ca in St.Fi­den. Auf­ge­wach­sen bin ich im Lin­se­bühl. Das war noch ein kom­plett an­de­res Quar­tier als heu­te, es war da­mals ein biss­chen wie die klei­ne Schwes­ter der Zür­cher Lang­stras­se. Es gab Strip­clubs, be­stimmt 10 oder 15 Sex­lä­den und Ro­cker­clubs. Und es gab auch noch ei­ne klei­ne Post, da­zu ei­ne Bä­cke­rei, spä­ter ka­men die ers­ten Hanf­lä­den auf. Wir wohn­ten an der Lin­se­bühl­stras­se 27a, der Ein­gang lag in ei­nem klei­nen In­nen­hof, gleich ne­ben dem Haus, wo heu­te die Frei­kir­che ist. Von mei­nem Kin­der­zim­mer aus sah ich di­rekt auf die Kan­ti.

Wir wa­ren im Quar­tier et­wa 30 Kin­der oder auch mehr. Beim «Bie­nehüs­li» ka­men wir oft vor­bei, das stand auf dem Park­platz ne­ben der Of­fe­nen Kir­che. Ich ha­be noch die Bil­der im Kopf von Jun­kies, die in ei­ner ka­put­ten Hüt­te zu­sam­men­sit­zen, sich Schüs­se set­zen oder ein­fach ganz of­fen He­ro­in knal­len. Men­schen ir­gend­wo zwi­schen Le­ben und Tod. Gleich in der Nä­he, rund um den Kan­ti­park, hat­ten wir un­ser Pa­ra­dies. Wir spiel­ten Ver­steckis in der Tief­ga­ra­ge, sind durch die Schu­le ge­rannt. Die Wie­se ne­ben der Kan­tons­schu­le war da­mals noch nicht ein­ge­zäunt, da spiel­ten wir Fuss­ball. Mein Bru­der hat da mal ei­nen Töff an­ge­zün­det.

Zur Schu­le sind wir zu­erst ins Had­wig, spä­ter ha­ben sie dann das Spel­te­ri­ni ge­baut. Ich ha­be im­mer zu spü­ren be­kom­men, dass ich ir­gend­wie nicht da­zu­ge­hör­te. In der Pri­mar­schu­le noch we­ni­ger, aber in der Ober­stu­fe, da warst du ein­fach im­mer 
der Tschingg. 

Mam­mo­ne. Die ha­ben mich nie mit dem Vor­na­men ge­ru­fen. Dass mich die Leh­rer nicht moch­ten, hat­te si­cher auch was mit mei­nen zwei äl­te­ren Brü­dern zu tun. Der mitt­le­re, Mar­cel­lo, ist schnell in die Dro­gen­sze­ne ab­ge­rutscht, hat nicht nur sel­ber kon­su­miert, son­dern auch ge­dealt, schon sehr früh. Für mich war das toll, ich muss­te nie was sel­ber kau­fen, er hat mir al­les ge­schenkt. Der äl­te­re hat ge­klaut, war ge­walt­tä­tig. Und dann dach­ten sie in der Schu­le halt: Der kann eh nicht viel bes­ser sein, wenn er aus der glei­chen Fa­mi­lie kommt.

Mar­cel­lo war im­mer der ge­walt­tä­ti­ge­re mei­ner Brü­der. Aus dem Nichts konn­te der auf dich los­ge­hen und dich aufs Übels­te ver­prü­geln. Ein­mal hat er sich die Knö­chel ge­bro­chen, als er mir auf den Hin­ter­kopf schlug. Weisst du, ich moch­te Ge­walt nie. Aber wenn du in Si­tua­tio­nen kommst, wo du dich weh­ren musst, geht es halt nicht an­ders. Zu­hau­se aber, bei mei­nem Va­ter, da hast du dich nicht ge­wehrt, da hast du ein­fach ein­ge­steckt.

«Ir­gend­wann ha­be ich sel­ber ge­lernt, in die­ser Spra­che zu spre­chen»

Mein Va­ter ist mit 16 aus Ita­li­en nach St.Gal­len ge­kom­men. Sein Va­ter war früh ge­stor­ben und er als äl­tes­tes von sechs Kin­dern muss­te dar­um schon früh ar­bei­ten, um sei­ner Mut­ter zu hel­fen. Das muss an­fangs der 70er-Jah­re ge­we­sen sein. Er ar­bei­te­te zu­erst im «See­ger», das da­mals noch ein Ho­tel war, spä­ter hat er in der GEMA ge­ar­bei­tet, die spä­ter zur Fir­ma Arm­strong wur­de. Das Fa­brik­ge­bäu­de stand in der Nä­he des neu­en Sta­di­ons.

Mein Va­ter hat nie viel von sich er­zählt. Wenn er am Abend nach Hau­se kam, woll­te er ein­fach nur fern­se­hen. Er hat als Me­tall­ab­kan­ter ge­ar­bei­tet, hat Ver­scha­lun­gen mon­tiert. Und am Abend woll­te er ein­fach nur sei­ne Ru­he. Du musst dir vor­stel­len: Wir wa­ren vier Ge­schwis­ter, al­le sehr le­ben­dig. Und wenn du dann von der Ar­beit nach Hau­se kommst, nach was weiss ich wie vie­len Stun­den Ar­beit, dann hast du kei­nen Bock auf Lärm. Ich ha­be ziem­lich schnell ge­lernt, dass es in die­sen Mo­men­ten bes­ser ist, ru­hig zu sein, sonst gabs auf die Fres­se. Und es gab oft auf die Fres­se.

Ich ha­be mei­ner Mut­ter vor­ge­wor­fen, dass sie das zu­ge­las­sen hat. Aber na­tür­lich hat­te sie auch Angst vor ihm, auch sie wur­de im­mer wie­der ge­schla­gen. Sie hat­te im­mer zwei, drei Jobs, hat et­wa im Ki­no Tif­fa­ny gleich ne­ben­an als Putz­frau ge­ar­bei­tet. Und muss­te sich auch noch um uns küm­mern.

Wir hat­ten nie viel Geld, muss­ten auf je­den Rap­pen schau­en. Wir hat­ten auch nie ir­gend­wel­che Mar­ken­klei­der. Wir wa­ren die Mam­mo­nes, wir konn­ten uns prü­geln. Und wir konn­ten euch die Wa­ren be­sor­gen, die ihr braucht. Ja, Ge­walt war schon im­mer sehr prä­sent bei mir im Le­ben. Ob in der Schu­le oder zu Hau­se, du muss­test im­mer mit Ge­walt kom­mu­ni­zie­ren. Es war die Spra­che, mit der man so oft mit mir ge­spro­chen hat. Und ir­gend­wann ha­be ich ge­lernt, sel­ber in die­ser Spra­che zu spre­chen.

«Viel­leicht war es auch ei­ne Form des Sün­den­er­las­ses»

Mit 15 oder 16, ich weiss das nicht mehr so ge­nau, bin ich von zu Hau­se weg und ha­be bei mei­ner ers­ten Freun­din und ih­ren El­tern ge­lebt. Sie war 12, als wir zu­sam­men­ge­kom­men sind. Ih­re Fa­mi­lie hat mich un­ter­stützt, mir Halt ge­ge­ben. Et­was, was ich zu Hau­se ver­misst hat­te.

Zu die­ser Zeit bin ich auch an mei­ne ers­ten Ra­ves ge­gan­gen. Be­vor ich ge­raucht ha­be, hat­te ich schon Ec­sta­sy ge­nom­men. Da wa­ren ich und mein Bru­der Mar­cel­lo wie­der bes­te Freun­de. Ich ha­be von ihm al­les ge­schenkt ge­kriegt, ich hät­te 20 Pil­len pro Abend schlu­cken kön­nen. So ha­be ich die Schweiz ken­nen­ge­lernt: Wir sind von Stadt zu Stadt ge­reist, im­mer mit dem Zug, ha­ben in ir­gend­wel­chen Fa­brik­hal­len die Näch­te durch­ge­macht. Das war Mit­te der 90er-Jah­re. Wir wa­ren oft in der «Fär­be­rei» im Sit­ter­tal, dort, wo jetzt die Kunst­gies­se­rei steht. Da gab es vie­le Ra­ves. Und plötz­lich hiess es, man müs­se ins «Ga­la­xy» nach Lu­zern, nach Zü­rich na­tür­lich auch, ins Volks­haus, nach Bern, nach Rogg­wil auf das al­te Gu­gel­mann-Are­al, nach Pay­erne auf das al­te Mi­li­tär­ge­län­de. Un­se­re Mut­ter wuss­te nichts da­von. Sie dach­te, wir schla­fen bei Kol­le­gen.

In den Zü­gen konn­test du da­mals noch rau­chen. Da wa­ren dann al­le: die He­ri­sau­er, die Ror­scha­cher, ein­fach al­le. Am Schluss hat­test du ei­nen Zug vol­ler Ra­ver. Du kannst dir das nicht vor­stel­len, die Stim­mung, wenn du durch den Zug ge­gan­gen bist, von Ab­teil zu Ab­teil. Da lief dann Hard­core oder House. Und na­tür­lich hast du al­les ge­kriegt – zu Spott­prei­sen. Wenn du die rich­ti­gen Leu­te kann­test, gabs die Pil­le für acht bis zehn Fran­ken. Ec­sta­sy, weiss man ja, das ist die Dro­ge der Lie­be. Es war ein Zug vol­ler Lie­be, vol­ler zu­ge­bal­ler­ter Leu­te, es war un­glaub­lich.

Auch in St.Gal­len war ei­ni­ges los, ge­ra­de rund um den Haupt­bahn­hof. Im «Ab­stell­gleis», ei­nem klei­nen Kel­ler mit Toi­let­te und Bar. Oder dem Bad­haus ne­ben der Lok­re­mi­se. Da gab es im­mer mal wie­der Ra­ves. Nicht wirk­lich il­le­gal, aber auch nicht be­wil­ligt.

Die Zeit der Ra­ves, der Dro­gen, war die­sel­be Zeit, als ich auch in der Pfadi war und im Dom mi­nis­trier­te. Ich bin mit Re­li­gi­on auf­ge­wach­sen, im Som­mer sind wir oft mit der Heils­ar­mee ins Som­mer­la­ger ge­gan­gen. Uns wur­de dann im­mer ge­sagt, du machst das für dich, für dei­ne Fa­mi­lie, für Gott. Ich weiss nicht mehr, was mich da­zu be­wo­gen hat, da mit­zu­ma­chen. Viel­leicht war es ei­ne Form von Sün­den­er­lass.

Aber es war auch ei­ne en­ge, stren­ge Welt. Die­se kla­ren Richt­li­ni­en, die Zehn Ge­bo­te. Beim Mi­nis­trie­ren wuss­test du im­mer ge­nau, was du zu tun hast und was nicht.

«War­um ich nicht ab­ge­stürzt bin? Kei­ne Ah­nung.»

Ich ha­be mir da­mals kei­ne gros­sen Ge­dan­ken über die Zu­kunft ge­macht. Na­tür­lich hat­te ich auch Angst, weil ich ge­se­hen ha­be, wie vie­le ab­ge­stürzt sind. So wie mein Bru­der Mar­cel­lo, der wirk­lich ei­nen klas­si­schen Ab­sturz­weg ge­gan­gen ist. Von ir­gend­wel­chen Pil­len ist er ziem­lich schnell beim Su­gar­rau­chen und dann beim He­ro­in ge­lan­det. Als ich 18 war, hat­te er schon fast al­les durch­ge­macht, war im Pla­ta­nen­hof, in ir­gend­wel­chen Pro­gram­men, wo sie mit Ju­gend­li­chen auf Hoch­see fuh­ren, um sie von den Dro­gen weg­zu­brin­gen.

Er er­zähl­te mir ein paar Mal, dass er sich den gol­de­nen Schuss set­zen will. Und er hat es auch ein paar Mal pro­biert. Was ihm im­mer Kraft und En­er­gie gab, war das Fuss­ball­ding. Das gab ihm auch Rück­halt. Ich glau­be, nur dar­um ist er nie ganz ab­ge­stürzt. Es hat ihn am Le­ben ge­hal­ten. Als wir nach 1998 zum ers­ten Mal wie­der ein­mal in ei­nen Cup­fi­nal ge­kom­men sind, ge­gen Lu­zern, ge­nau nach die­sem Fi­nal ist er ge­stor­ben. 2021 war das. Als hät­te er dar­auf ge­war­tet, dass wir die­sen ver­damm­ten Po­kal ho­len. Aber es hat lei­der nicht funk­tio­niert.

Ich ha­be er­lebt, wie Kol­le­gen aus mei­nem Um­kreis den Dro­gen nicht wi­der­ste­hen konn­ten. Die ei­nen ha­ben sich wie­der ge­fan­gen. Aber es gab zu vie­le, die aus dem Scheiss nie wie­der raus­ge­kom­men sind. War­um ich nicht ab­ge­stürzt bin? Kei­ne Ah­nung. Ich hät­te ge­nau­so gut auch ab­stür­zen kön­nen. Viel­leicht war es mei­ne Lie­be zum Le­ben, die Angst, dass zu schnell zu viel ka­putt ge­hen könn­te.

«Uns wur­de im­mer ge­sagt: Ihr ver­kauft Träu­me»

Mein Traum als Kind war es im­mer, im Zir­kus als Clown zu ar­bei­ten, Men­schen zum La­chen zu brin­gen. Und ich sin­ge und zeich­ne ger­ne. Ich wä­re auch ger­ne Tän­zer ge­wor­den oder hät­te et­was mit Mu­sik ge­macht. Na­tür­lich hast du an­de­re Mög­lich­kei­ten, wenn Geld da ist. Du kannst dein Kind för­dern, kannst es in den Kla­vier­un­ter­richt schi­cken oder in den Zeich­nungs­kurs. Wenn du we­ni­ger Geld hast, so wie bei uns, dann ist das halt schwie­ri­ger. Na­tür­lich mer­ke ich jetzt auch mit mei­nen Kin­dern, dass ich zu ei­ner an­de­ren Klas­se ge­hö­re.

Ich ha­be mein Le­ben lang im­mer ge­ar­bei­tet. Als 10-Jäh­ri­ger hab’ ich bei den Markt­stän­den für ei­nen Fünf­li­ber pro hal­be Stun­de Git­ter ge­schleppt. Spä­ter ha­be ich Zei­tun­gen ver­teilt. Nach der Schu­le ha­be ich zu­erst ein Prak­ti­kum bei der «Schmatz­in­sel» ge­macht, die da­mals zur Bä­cke­rei Schwy­ter ge­hör­te. Die war da, wo nach­her lan­ge der «Ci­ty Ke­bab» drin war und heu­te die «Hoy»-Bar. Ich hät­te ei­gent­lich ein Jahr als Prak­ti­kant im Ser­vice und in der Kü­che ar­bei­ten sol­len. Aber von An­fang an muss­te ich nur in der Ab­wasch­kü­che ar­bei­ten. Ein­mal woll­ten sie mich das Trep­pen­haus von Hand mit ei­ner Bürs­te schrub­ben las­sen. Ir­gend­wann rea­li­sier­te ich, dass ich für die ein­fach ei­ne bil­li­ge Ar­beits­kraft war. Al­so ha­be ich ge­kün­digt.

Ich ha­be dann ein paar Mo­na­te im «Fi­lou» ge­ar­bei­tet und dann ei­ne Leh­re als Ton­trä­ger­ver­käu­fer im «Z-Re­cords» be­gon­nen. Uns wur­de im­mer ge­sagt, ihr macht den schöns­ten Ver­käu­fer­job über­haupt. Ihr ver­kauft Träu­me. Und ich konn­te wirk­lich et­was ma­chen, was ich schon im­mer lieb­te, et­was mit Mu­sik. Dass du den gan­zen Tag Mu­sik hö­ren kannst in dei­nem ei­ge­nen CD-Shop, das ist das Geils­te, was dir pas­sie­ren kann in der Leh­re. Du hast dich den gan­zen Tag mit Leu­ten über Mu­sik un­ter­hal­ten, hast dich ge­freut wie ein klei­nes Kind, wenn ein Pa­ket mit neu­en CDs an­ge­kom­men ist.

Als ich die Leh­re mach­te, gab es schon den Ci­ty­disc und spä­ter den Me­dia Markt, wo sie CDs zu Schund­prei­sen ver­scher­belt ha­ben. Wir muss­ten halt noch 29.50 pro CD ver­lan­gen, im Ci­ty­disc hast du da­für 18 oder 20 Fran­ken be­zahlt. Wo­bei wir da­mals wohl mehr Hasch als CDs ver­kauft ha­ben. Ich den­ke, das darf ich jetzt er­zäh­len. Der ehe­ma­li­ge Be­sit­zer ist vor ei­ni­ger Zeit ge­stor­ben.

So mit 25 oder 26 ha­be ich be­gon­nen, in der Bar ei­nes Kol­le­gen zu ar­bei­ten. Der hat mir dann auch das Wir­te­pa­tent be­zahlt. Spä­ter ha­be ich mit ei­nem Freund ei­ne Wein­lounge draus­sen in Brug­gen er­öff­net, die mehr schlecht als recht lief. Da­nach ha­be ich für ein paar Mo­na­te für ei­nen Freund ge­ar­bei­tet, im «Land­haus». Er hat­te das Ho­tel ge­mie­tet und such­te noch je­man­den für die Bar. Ich ha­be da ge­ar­bei­tet, bis der Typ ei­nes Ta­ges das gan­ze In­ven­tar aus­räum­te und ver­scher­bel­te.

Ich ha­be noch an an­de­ren Or­ten ge­ar­bei­tet, im Me­dia Markt, im Dock un­ten, die­ser Re­cy­cling­an­la­ge, und wie­der in der Wein­lounge. Bis mich ir­gend­wann ein Kol­le­ge frag­te, ob ich nicht den «Rit­ter» über­neh­men wol­le. Und so bin ich hier Ge­schäfts­füh­rer ge­wor­den. Aber den «Rit­ter» gibt es nicht mehr. Neu heisst der La­den «Um die Ecke» und soll aber kei­ne Fuss­ball­knei­pe mehr sein. Viel­mehr ein Ort fürs Quar­tier, wo sich al­le wohl füh­len.

«50 Na­zis ge­gen 50 von uns»

Als ich mei­ne Leh­re ab­schloss, war das auch die Zeit, als es in der Stadt und in der Re­gi­on ver­dammt vie­le Fa­schos gab. Das hast du als Italo na­tür­lich ge­spürt. Wir wa­ren Se­con­dos, hin­gen mit Al­ba­nern, Tür­ken, Ju­gos, Spa­ni­ern rum. Wir wa­ren auch Gra­ben­hal­legän­ger. Und wir be­gan­nen dann im­mer stär­ker, uns zu weh­ren ge­gen die Na­zis. Im­mer wie­der kam es zu Aus­ein­an­der­set­zun­gen. Ein­mal vor dem ehe­ma­li­gen «Af­ri­ca­na», dort beim «Go­li­ath» un­ten. 50 Na­zis ge­gen 50 von uns.

Zum Teil gab es schon Leu­te, Tür­ken oder Ita­lie­ner zum Bei­spiel, die rechts dach­ten, die fan­den, es ha­be zu vie­le Afri­ka­ner und so. Aber wir stan­den dann doch ge­mein­sam da ge­gen die Fa­schos, weil du wuss­test, du bist auch ein Aus­län­der, dein Va­ter ist auch als Im­mi­grant in die Schweiz ge­kom­men. So hat sich das mit der Zeit er­ge­ben. Wo es auch nur das kleins­te An­zei­chen gab, dass Fa­schos da sind, ha­ben wir uns im­mer so­fort zu­sam­men­ge­tan, be­ob­ach­tet, was sie tun. Und sind dann auf sie los. Am St.Gal­ler­fest zum Bei­spiel. Wir ha­ben uns nie als or­ga­ni­sier­te po­li­ti­sche Grup­pe ver­stan­den. Aber wir ha­ben uns dann all­mäh­lich in die­se po­li­ti­schen Sa­chen rein­be­wegt.

Am 1. Mai sind wir öf­ters nach Zü­rich ge­fah­ren oder dann auch 2001 nach Land­quart an die An­ti-WEF-De­mo. Wir wa­ren mit mei­ner Fan­grup­pie­rung da. Wir wa­ren klar links, klar an­ti­ka­pi­ta­lis­tisch. Wir woll­ten ir­gend­wann nicht mehr ein­fach nur an Ra­ves oder an die Street Pa­ra­de ge­hen, son­dern auch an De­mos.

Ein­mal sind wir mit dem Zug nach Chur ge­reist und woll­ten nach der De­mo wie­der zu­rück. In Land­quart ist der Zug nicht mehr wei­ter­ge­fah­ren. Plötz­lich ha­ben Po­li­zis­ten an­ge­fan­gen, Trä­nen­gas und Rauch­ma­te­ri­al – oder was auch im­mer das war – in die Ab­tei­le zu wer­fen. Sie ha­ben uns auf die Glei­se ge­trie­ben, wo schon ei­ne Rei­he Po­li­zis­ten stand, al­le mit Gum­mi­schrot im An­schlag, auf Ge­sichts­hö­he ge­zielt. Wir muss­ten dann mit er­ho­be­nen Ar­men auf ei­nen Platz ge­hen, wo sie uns al­le kon­trol­lier­ten.

Na­tür­lich ra­di­ka­li­siert dich so­was. Du ver­lierst den Glau­ben an den Rechts­staat. Du bist an ei­ner De­mo, willst dei­ne Mei­nung aus­drü­cken, bist noch jung und denkst, ey, ir­gend­was mit un­se­rem Pla­ne­ten stimmt doch nicht. Und machst auch noch al­les, was die De­mo­ver­an­stal­ter dir sa­gen. Und dann wirst du mit ei­nem Fin­ger­schnips ein­ge­sackt und sie kön­nen mit dir tun, was sie wol­len. Du bist in dem Mo­ment gar nichts mehr wert. Dann denkst du schon, viel­leicht ge­he ich bes­ser wie­der an die Street Pa­ra­de. Weisst du, was ich mei­ne? Es ist ja ei­gent­lich ein fal­scher Ge­dan­ke, aber ent­we­der ra­di­ka­li­sierst du dich und sagst dir «jetzt erst recht» – oder eben, «nein, das will ich mir nicht ge­ben».

Ein­mal sind wir an ei­ne Fa­scho-De­mo ge­fah­ren. Wir ha­ben de­nen ge­schrie­ben, an­onym na­tür­lich, und ge­sagt, wir hät­ten In­ter­es­se, an die De­mo zu kom­men. Man muss­te da durch ge­wis­se Treff­punk­te ge­schleust wer­den. Das war auch die An­fangs­zeit der Chats, das gab es vor­her noch nicht. Sie ha­ben uns dann den Treff­punkt ge­schickt. Und wir sind hin­ge­fah­ren und ha­ben sie zu­sam­men­ge­schla­gen.

«Und es gibt nie­man­den, der uns was zu sa­gen hat»

St.Gal­len war zu die­ser Zeit schon ei­ne klei­ne Hoch­burg für Fa­schos. Was sie al­le ver­ein­te, war der Fuss­ball. Die ha­ben sich im­mer am Wo­chen­en­de im Sta­di­on ge­trof­fen, oder auch an der Ol­ma. Im Sta­di­on gab es da­mals noch Af­fen­lau­te, Ba­na­nen­wür­fe. Es gab Leu­te, die mit «ge­gen links»-Pul­lis rum­stol­ziert sind, dir den Joint aus der Fres­se ge­schla­gen und ge­sagt ha­ben, was rauchst du da für Ne­ger­dro­gen?! Wir wa­ren die Scheiss-Tsching­gen, Scheiss-Ju­gos oder die Afri­ka­ner.

Wir ha­ben mit der Zeit im­mer stär­ker be­gon­nen, de­nen auch im Sta­di­on ei­ne An­sa­ge zu ma­chen und ih­nen zu sa­gen: Ihr seid hier nicht will­kom­men. Du muss­test das ja fast mit Ge­walt ma­chen. Ich wüss­te nicht, wie man je­man­den sonst so ra­di­kal von ei­nem öf­fent­li­chen Platz fern­hal­ten kann. Wie soll das sonst ge­hen? Du muss­test ein­fach die gan­ze Zeit Prä­senz zei­gen.

Na­tür­lich gab es am An­fang auch Stress, den gab es ei­gent­lich im­mer. Es hiess dann, die Scheiss-Se­con­dos, die Aus­län­der. Das war am An­fang ziem­lich übel. Wir sind im­mer mal wie­der an­ein­an­der­ge­ra­ten. Mit der Zeit hat sich das ge­legt, weil die ge­merkt ha­ben, dass sie uns auch brau­chen, wir auch hin­ge­stan­den sind, wenn ir­gend­wel­che Zür­cher in den Block ka­men. Und sie ha­ben auch ge­merkt, dass wir uns nicht mehr al­les ge­fal­len las­sen.

Wir, das sind vor al­lem die Se­con­dos. Vor­her sind vie­le von uns gar nicht ins Sta­di­on ge­gan­gen, auch weil vie­le Fans von Clubs aus den je­wei­li­gen Län­dern wa­ren: Du warst Fan von Mi­lan, Ga­la­ta­sa­ray oder Bar­ce­lo­na oder sonst­wem, aber be­stimmt nicht St.Gal­len-Fan.

Wir ha­ben dann be­gon­nen, an­de­ren Se­con­dos, an­de­ren Ju­gend­li­chen da­von zu er­zäh­len. Ich mei­ne, es ist ja cool, wenn du Juve oder In­ter geil fin­dest, dei­ne Fa­mi­lie kommt viel­leicht ur­sprüng­lich aus Na­po­li oder wie mei­ne aus Rom. Aber du lebst ja ei­gent­lich hier, bist St.Gal­ler, du bist hier auf­ge­wach­sen. Hier sind wir al­le ge­mein­sam.

Du kannst dir das heu­te gar nicht mehr vor­stel­len, wie ver­klemmt, ver­schlos­sen das al­les war im Sta­di­on. Selbst wenn die Schwei­zer Na­tio­nal­mann­schaft ge­spielt hat, muss­test du die Schwei­zer im­mer et­was aus der Re­ser­ve lo­cken, auch im Es­pen­moos. Al­le er­zäh­len im­mer, was für ein He­xen­kes­sel das frü­her war. Aber als ich be­gon­nen ha­be, ins Sta­di­on zu ge­hen, war die Stim­mung rich­tig übel. Viel­leicht wur­de es ge­gen Ba­sel oder GC mal ein biss­chen lau­ter, aber sonst war es ziem­lich lang­wei­lig. Wir hat­ten in Ita­li­en die -Ul­tra­kul­tur er­lebt, die­se Lie­be zum Ver­ein, die­ses Mit­ein­an­der laut sein, den Geg­ner ein­schüch­tern, das war für uns et­was so Fas­zi­nie­ren­des. Das woll­ten wir auch in St.Gal­len.

Mit dem Meis­ter­ti­tel 2000 hat sich das et­was ge­än­dert. Die gan­ze Eu­pho­rie ver­brei­te­te sich wie ein Flä­chen­brand. Und wir ha­ben ir­gend­wann ei­ne ei­ge­ne Grup­pie­rung ge­grün­det, in ei­ner Woh­nung im Sä­ge­gäss­li im Lin­se­bühl. Die Rech­ten woll­ten da­mals im Sta­di­on be­stim­men, wer was darf und was nicht, und ei­nen auf Ma­cker ma­chen. Wir sind ge­kom­men und ha­ben ge­sagt: «Wir ma­chen, wor­auf wir Bock ha­ben. Und es gibt nie­man­den, der uns was zu sa­gen hat.»

Nach ei­nem Aus­wärts­spiel in La Chaux-de-Fonds ha­be ich ein zwei­jäh­ri­ges Sta­di­on­ver­bot er­hal­ten. Wir ha­ben uns mit der Po­li­zei an­ge­legt. Am Bahn­hof ha­ben wir sie et­wa ei­ne hal­be Stun­de lang mit Stei­nen be­wor­fen. Spä­ter sind sie in un­se­ren Zug ge­kom­men und ha­ben auf uns ein­ge­prü­gelt. Mein äl­tes­ter Bru­der war von oben bis un­ten über­sät mit blau­en Fle­cken. Das war die übels­te Aus­wärts­fahrt, die ich er­lebt ha­be. Pu­re Ge­walt.

Nach­dem das Sta­di­on­ver­bot ab­ge­lau­fen ist, bin ich Ca­po ge­wor­den. Ge­wis­se Leu­te hat­ten im­mer ih­re Mü­he mit dem al­ten Ca­po und sei­ner Art. Ihm fehl­te die­se ita­lie­ni­sche Men­ta­li­tät. Dann wur­de ihm auch ziem­lich ra­bi­at mit­ge­teilt, dass wir kei­nen Bock mehr dar­auf ha­ben. Es wur­de so­wie­so oft nicht lan­ge ge­quatscht und auch ein­fach mal zu­ge­schla­gen. Wir hat­ten nicht ge­plant, dass ich da­nach Ca­po wer­de. Aber es hat sich dann ein­fach so er­ge­ben – bei ei­nem Aus­wärts­spiel in Thun. Aber ich hab über die gan­zen Jah­re auch im­mer ziem­lich viel Ge­gen­wind und Skep­sis aus der Sze­ne ge­spürt.

Was mich so fas­zi­niert an dem Gan­zen? Ich ha­be mir die Fra­ge schon 1000 Mal ge­stellt. Viel­leicht ist es ganz ein­fach: Es ist ein Pulk, et­was Zu­sam­men­ge­schlos­se­nes, du hast ein Ge­fühl des Mit­ein­an­ders. Das macht dich stark. Du bist wie ei­ne Fa­mi­lie, die auf­ein­an­der schaut und sich be­schützt. Viel­leicht zieht es auch Jun­ge an, die aus ei­ner Fa­mi­lie kom­men, in der sie nicht wirk­lich Rück­halt ha­ben, es nicht im­mer ein har­mo­ni­sches Zu­sam­men­le­ben gibt, man nie­man­den hat, der zu ei­nem steht.

Bei vie­len ist das auch ei­ne Über­gangs­pha­se im Le­ben, wo du in dei­ner Ju­gend fünf Jah­re da­bei bist. An­de­re ver­lie­ren sich kom­plett dar­in. Na­tür­lich ist das auch ein mas­ku­li­nes Phä­no­men, dass du in ei­ner Grup­pe sein musst. So fühlst du dich stär­ker. Das siehst du auch bei ir­gend­wel­chen Ro­ckern oder Ban­den. Wirk­lich was ge­än­dert be­züg­lich Frau­en in der Kur­ve hat sich nicht. Na­tür­lich füh­ren wir ge­wis­se Dis­kus­sio­nen, die wir frü­her nicht ge­führt ha­ben. Das ist auch gut. Aber die Kur­ve be­steht ja auch heu­te noch fast aus­schliess­lich aus Män­nern, ge­stan­de­nen Män­nern, wenn du so willst. Das macht ein­fach was aus. Na­tür­lich fas­zi­niert mich die­se Mas­se auch. Du gehst ir­gend­wo hin und ver­tei­digst et­was, dei­nen Na­men, dei­ne Stadt, den Ort, wo du auf­ge­wach­sen bist.

«Ei­gent­lich sind wir Jun­kies»

Mar­cel­lo, mein Bru­der, war auch Teil der Sze­ne. Er hat im­mer ger­ne Scheis­se ge­baut, Böl­ler aus den Fens­tern ge­wor­fen, sich fast sel­ber ir­gend­wel­che Kör­per­tei­le ab­ge­jagt, ein­fach aus Blöd­heit. Aber er hat das im­mer auch aus ei­ner to­ta­len Lie­be zum Gan­zen ge­tan. Wir ha­ben uns auch im Sta­di­on oder Ex­tra­zug im­mer mal wie­der ge­prü­gelt, zum Spass und zur Ab­schre­ckung der an­de­ren. Du muss­test ir­gend­wie dei­ne En­er­gie raus­las­sen, wenn du kei­nen Geg­ner hat­test. Und du woll­test dir na­tür­lich auch Re­spekt ver­schaf­fen in der Sze­ne.

Es ist schon cra­zy, wenn ich mir das über­le­ge, wie fest mich die­se Scheiss-Ge­walt mein gan­zes Le­ben lang be­glei­tet hat, auch wenn ich per­sön­lich nie Fan da­von war. Ich glau­be schon, dass es et­was mit An­er­ken­nung zu tun hat. Im­mer dann, wenn du mal ein we­nig zu­ge­langt hast, hast du ge­spürt, dass die an­de­ren mer­ken, es ist bes­ser für sie, wenn sie ih­re Klap­pe hal­ten.

Du musst dich in die­ser Ell­bo­gen­ge­sell­schaft im­mer be­haup­ten, und wenn du es in­tel­lek­tu­ell nicht kannst, dann musst du es halt kör­per­lich ma­chen. Und na­tür­lich ha­ben wir die Ge­walt auch ver­herr­licht, ge­ra­de als Ju­gend­li­che. Wir ha­ben uns Fil­me von Ro­cky oder Ram­bo an­ge­schaut und fan­den das ir­gend­wie cool.

Ich weiss doch auch nicht, wie ich je­man­dem, der ir­gend­wo in sei­ner Vil­la in Rot­mon­ten wohnt, er­klä­ren soll, wie­so wir das al­les ma­chen. Oft ist es ein­fach ein Ad­re­na­lin­schub. Ei­gent­lich sind wir Jun­kies. Ein­mal ha­ben wir uns bei ei­nem Spiel der U-21 von St.Gal­len im Grün­den­moos mit 100 GC-lern ge­prü­gelt, ein­fach so. Ich war zu dem Zeit­punkt schon zwei, drei Ta­ge wach und kom­plett zu­ge­bal­lert.

«Sonst bist du nur ein Ro­bo­ter»

2024 bin ich noch­mals Va­ter ge­wor­den. Es ist jetzt das drit­te Kind. Als wir uns zum ers­ten Mal zum Ge­spräch ge­trof­fen hat­ten, leb­te mei­ne äl­tes­te Toch­ter nicht mehr hier bei uns. Jetzt ist sie aber wie­der da. Auch sie hat­te es nicht wirk­lich ein­fach. Ih­re Mut­ter und ich sind im­mer wie­der an­ein­an­der­ge­ra­ten, hat­ten bei­de mit Al­ko­hol­pro­ble­men zu kämp­fen. Sie hat den gan­zen Scheiss von An­fang an mit­er­lebt und ist halt wohl auch da­durch ir­gend­wie im­mer wie­der an­ge­eckt in der Schu­le. Sie ist ei­ne klei­ne Re­bel­lin, hat Mü­he mit Chef­fi­gu­ren. Mag sein, dass das ir­gend­wie im Blut liegt bei ihr.

Seit letz­tem Sep­tem­ber ist sie nicht mehr zur Schu­le ge­gan­gen. Sie war auch schon im Pla­ta­nen­hof, weil die Po­li­zei au­to­ma­tisch ein­ge­schal­tet wird, wenn Kin­der nicht mehr zur Schu­le ge­hen. Ich ha­be im­mer ver­sucht, so we­nig au­to­ri­tär wie mög­lich zu sein, ei­ne Freund­schaft auf­zu­bau­en. Ich weiss nicht, ob es bes­ser ge­we­sen wä­re, da manch­mal ei­ne et­was här­te­re Schie­ne zu fah­ren. Sie wur­de zig­mal von der Po­li­zei ge­sucht und ab­ge­holt und dann zu uns ge­bracht. Und dann ist sie eben im Pla­ta­nen­hof ge­lan­det. Für et­wa drei Mo­na­te. Das ist echt wie ein Knast dort. Du merkst hier ein­fach wie­der: Wenn du Geld hast, dann schickst du dein Kind ein­fach in ein In­ter­nat, ein Gym­na­si­um oder ir­gend­wo­hin, wo es ihm gut geht und es ge­hegt und ge­pflegt wird. Und wenn du das nicht hast, dann bist du auf den Staat an­ge­wie­sen. Und wenn der halt mal sagt, nein, jetzt hab ich kein Geld da­für, dann musst du schau­en, wo du bleibst.

Sie hat ir­gend­wann ih­re Chan­ce ge­packt und ist vom Pla­ta­nen­hof ab­ge­hau­en. Sie ist ein­fach übers Feld ge­rannt, ihr Frei­heits­drang war zu gross. Mir war im­mer wich­tig, dass ich mit mei­nen Kin­dern so viel Zeit wie mög­lich ver­brin­ge. Wir konn­ten zwar nie gross in den Ur­laub fah­ren, aber ich glau­be, es gibt we­ni­ge Kin­der, die so viel Zeit mit ih­rem El­tern­teil ver­bracht ha­ben wie mei­ne.

Letz­tens war ich mit mei­nem Klei­nen am Spiel im Sta­di­on. Und dann hat sich ei­ner be­klagt und ge­sagt, der Klei­ne ha­be im Block nichts zu su­chen. Das sind dann die­sel­ben, die sa­gen, Frau­en hät­ten in der Kur­ve nichts zu su­chen. Da geht es um ein Bild von der Kur­ve, ein Bild, das aus lau­ter Män­nern be­stehen soll. Und da stört dann na­tür­lich ein klei­nes Kind. Das kann ich nicht ver­ste­hen.

Ich bin ak­tu­ell nicht mehr Ca­po der Kur­ve. Manch­mal fra­ge ich mich, ob ich nicht doch hät­te wei­ter­ma­chen sol­len, ob­wohl ich ge­sund­heit­li­che Pro­ble­me ha­be, noch­mals Va­ter ge­wor­den bin. Schliess­lich ha­ben wir auch so viel be­wegt, so viel ge­leis­tet. Aber ich spü­re auch, dass sich vie­les ge­än­dert hat im Sta­di­on. Die Lo­cker­heit von frü­her ist weg. Al­les ist pro­fes­sio­nel­ler. Viel­leicht pas­se ich da nicht mehr rein, so ehr­lich muss ich sein zu mir. Es hat mir das Herz zer­ris­sen, das zu rea­li­sie­ren.

Aber für mich ist auch klar: Es braucht die­sen Ort, wo man ein biss­chen re­bel­lisch sein, auch mal über die Strän­ge schla­gen kann. Hier er­lebst du Din­ge, die du sonst im All­tag nie er­lebst, wenn du je­den Tag brav ar­bei­ten und dann nach Hau­se gehst. Sonst bist du nur ein Ro­bo­ter und machst, was man dir sagt.

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