Maurizio
Er war jahrelang Capo in der St.Galler Fankurve. Hier erzählt Maurizio Mammone seine Geschichte, die von Gewalt und Drogen handelt, von Schlägereien mit Faschos, von Träumen und verschwundenen Orten in dieser Stadt. Und vom Gefühl, irgendwie aus der Zeit gefallen zu sein.
Ladina Bischof hat Mauri auf einem Stadtspaziergang begleitet und diesen fotografisch festgehalten.
Ich habe immer gewusst, dass irgendwann mal Schluss ist. Dass es weniger wird. Aber grad so aus dem Ganzen rausgerissen zu werden, war schon sehr heftig. So heftig, dass es besser war, ganz Abstand zu nehmen. Es hat mir das Herz rausgerissen, dazustehen, nicht für die Mannschaft da sein zu können, für die Jungs in der Kurve, die sich alle den Arsch aufreissen, alles geben für den FC St.Gallen.
Im Spital hatten sie mir gesagt, ich hätte Glück gehabt, keine Blutvergiftung erwischt zu haben. Vom Bauch ins Herz, das gehe höchstens eine bis zwei Stunden. Dann bist du tot. Anfangs waren es nur Schmerzen im Bauch, ein bakterieller Infekt. Aber es ist dann immer schlimmer geworden. Mittlerweile habe ich fünf Operationen hinter mir, zwischendurch hatte ich sogar einen künstlichen Darmausgang. Am Ende konnten sie mir aber nicht sagen, was es genau ist. Und, naja, eben wegen dieser ganzen Geschichte konnte ich nur noch selten ins Stadion.
Einmal hatten sie mir gesagt, sie wüssten nicht, ob sie nochmals operieren können. Man müsse zuerst mit der Krankenkasse abklären, ob sie den Eingriff bezahle. Ich hatte immer mal wieder Probleme mit solchen Dingen: Krankenkasse, Steuern, mir war das lange scheissegal. Ich habe einfach nichts bezahlt.
Aber ich bin mich an Schmerzen gewöhnt. Ich habe eine grosse psychische Stärke, sie steckt vielleicht nicht in meinem Körper, aber in meinem Herz und meinem Kopf. Und ich bin es gewohnt, immer weiterzumachen, daran zu glauben, dass es irgendwie weitergeht. Woher das kommt? Ich glaube, das hat schon in der Kindheit begonnen.
Ich bin 1980 im Kantonsspital St.Gallen zur Welt gekommen. Und getauft wurde ich in der Missione Catolica in St.Fiden. Aufgewachsen bin ich im Linsebühl. Das war noch ein komplett anderes Quartier als heute, es war damals ein bisschen wie die kleine Schwester der Zürcher Langstrasse. Es gab Stripclubs, bestimmt 10 oder 15 Sexläden und Rockerclubs. Und es gab auch noch eine kleine Post, dazu eine Bäckerei, später kamen die ersten Hanfläden auf. Wir wohnten an der Linsebühlstrasse 27a, der Eingang lag in einem kleinen Innenhof, gleich neben dem Haus, wo heute die Freikirche ist. Von meinem Kinderzimmer aus sah ich direkt auf die Kanti.
Wir waren im Quartier etwa 30 Kinder oder auch mehr. Beim «Bienehüsli» kamen wir oft vorbei, das stand auf dem Parkplatz neben der Offenen Kirche. Ich habe noch die Bilder im Kopf von Junkies, die in einer kaputten Hütte zusammensitzen, sich Schüsse setzen oder einfach ganz offen Heroin knallen. Menschen irgendwo zwischen Leben und Tod. Gleich in der Nähe, rund um den Kantipark, hatten wir unser Paradies. Wir spielten Versteckis in der Tiefgarage, sind durch die Schule gerannt. Die Wiese neben der Kantonsschule war damals noch nicht eingezäunt, da spielten wir Fussball. Mein Bruder hat da mal einen Töff angezündet.
Zur Schule sind wir zuerst ins Hadwig, später haben sie dann das Spelterini gebaut. Ich habe immer zu spüren bekommen, dass ich irgendwie nicht dazugehörte. In der Primarschule noch weniger, aber in der Oberstufe, da warst du einfach immer der Tschingg.
Mammone. Die haben mich nie mit dem Vornamen gerufen. Dass mich die Lehrer nicht mochten, hatte sicher auch was mit meinen zwei älteren Brüdern zu tun. Der mittlere, Marcello, ist schnell in die Drogenszene abgerutscht, hat nicht nur selber konsumiert, sondern auch gedealt, schon sehr früh. Für mich war das toll, ich musste nie was selber kaufen, er hat mir alles geschenkt. Der ältere hat geklaut, war gewalttätig. Und dann dachten sie in der Schule halt: Der kann eh nicht viel besser sein, wenn er aus der gleichen Familie kommt.
Marcello war immer der gewalttätigere meiner Brüder. Aus dem Nichts konnte der auf dich losgehen und dich aufs Übelste verprügeln. Einmal hat er sich die Knöchel gebrochen, als er mir auf den Hinterkopf schlug. Weisst du, ich mochte Gewalt nie. Aber wenn du in Situationen kommst, wo du dich wehren musst, geht es halt nicht anders. Zuhause aber, bei meinem Vater, da hast du dich nicht gewehrt, da hast du einfach eingesteckt.
Mein Vater ist mit 16 aus Italien nach St.Gallen gekommen. Sein Vater war früh gestorben und er als ältestes von sechs Kindern musste darum schon früh arbeiten, um seiner Mutter zu helfen. Das muss anfangs der 70er-Jahre gewesen sein. Er arbeitete zuerst im «Seeger», das damals noch ein Hotel war, später hat er in der GEMA gearbeitet, die später zur Firma Armstrong wurde. Das Fabrikgebäude stand in der Nähe des neuen Stadions.
Mein Vater hat nie viel von sich erzählt. Wenn er am Abend nach Hause kam, wollte er einfach nur fernsehen. Er hat als Metallabkanter gearbeitet, hat Verschalungen montiert. Und am Abend wollte er einfach nur seine Ruhe. Du musst dir vorstellen: Wir waren vier Geschwister, alle sehr lebendig. Und wenn du dann von der Arbeit nach Hause kommst, nach was weiss ich wie vielen Stunden Arbeit, dann hast du keinen Bock auf Lärm. Ich habe ziemlich schnell gelernt, dass es in diesen Momenten besser ist, ruhig zu sein, sonst gabs auf die Fresse. Und es gab oft auf die Fresse.
Ich habe meiner Mutter vorgeworfen, dass sie das zugelassen hat. Aber natürlich hatte sie auch Angst vor ihm, auch sie wurde immer wieder geschlagen. Sie hatte immer zwei, drei Jobs, hat etwa im Kino Tiffany gleich nebenan als Putzfrau gearbeitet. Und musste sich auch noch um uns kümmern.
Wir hatten nie viel Geld, mussten auf jeden Rappen schauen. Wir hatten auch nie irgendwelche Markenkleider. Wir waren die Mammones, wir konnten uns prügeln. Und wir konnten euch die Waren besorgen, die ihr braucht. Ja, Gewalt war schon immer sehr präsent bei mir im Leben. Ob in der Schule oder zu Hause, du musstest immer mit Gewalt kommunizieren. Es war die Sprache, mit der man so oft mit mir gesprochen hat. Und irgendwann habe ich gelernt, selber in dieser Sprache zu sprechen.
Mit 15 oder 16, ich weiss das nicht mehr so genau, bin ich von zu Hause weg und habe bei meiner ersten Freundin und ihren Eltern gelebt. Sie war 12, als wir zusammengekommen sind. Ihre Familie hat mich unterstützt, mir Halt gegeben. Etwas, was ich zu Hause vermisst hatte.
Zu dieser Zeit bin ich auch an meine ersten Raves gegangen. Bevor ich geraucht habe, hatte ich schon Ecstasy genommen. Da waren ich und mein Bruder Marcello wieder beste Freunde. Ich habe von ihm alles geschenkt gekriegt, ich hätte 20 Pillen pro Abend schlucken können. So habe ich die Schweiz kennengelernt: Wir sind von Stadt zu Stadt gereist, immer mit dem Zug, haben in irgendwelchen Fabrikhallen die Nächte durchgemacht. Das war Mitte der 90er-Jahre. Wir waren oft in der «Färberei» im Sittertal, dort, wo jetzt die Kunstgiesserei steht. Da gab es viele Raves. Und plötzlich hiess es, man müsse ins «Galaxy» nach Luzern, nach Zürich natürlich auch, ins Volkshaus, nach Bern, nach Roggwil auf das alte Gugelmann-Areal, nach Payerne auf das alte Militärgelände. Unsere Mutter wusste nichts davon. Sie dachte, wir schlafen bei Kollegen.
In den Zügen konntest du damals noch rauchen. Da waren dann alle: die Herisauer, die Rorschacher, einfach alle. Am Schluss hattest du einen Zug voller Raver. Du kannst dir das nicht vorstellen, die Stimmung, wenn du durch den Zug gegangen bist, von Abteil zu Abteil. Da lief dann Hardcore oder House. Und natürlich hast du alles gekriegt – zu Spottpreisen. Wenn du die richtigen Leute kanntest, gabs die Pille für acht bis zehn Franken. Ecstasy, weiss man ja, das ist die Droge der Liebe. Es war ein Zug voller Liebe, voller zugeballerter Leute, es war unglaublich.
Auch in St.Gallen war einiges los, gerade rund um den Hauptbahnhof. Im «Abstellgleis», einem kleinen Keller mit Toilette und Bar. Oder dem Badhaus neben der Lokremise. Da gab es immer mal wieder Raves. Nicht wirklich illegal, aber auch nicht bewilligt.
Die Zeit der Raves, der Drogen, war dieselbe Zeit, als ich auch in der Pfadi war und im Dom ministrierte. Ich bin mit Religion aufgewachsen, im Sommer sind wir oft mit der Heilsarmee ins Sommerlager gegangen. Uns wurde dann immer gesagt, du machst das für dich, für deine Familie, für Gott. Ich weiss nicht mehr, was mich dazu bewogen hat, da mitzumachen. Vielleicht war es eine Form von Sündenerlass.
Aber es war auch eine enge, strenge Welt. Diese klaren Richtlinien, die Zehn Gebote. Beim Ministrieren wusstest du immer genau, was du zu tun hast und was nicht.
Ich habe mir damals keine grossen Gedanken über die Zukunft gemacht. Natürlich hatte ich auch Angst, weil ich gesehen habe, wie viele abgestürzt sind. So wie mein Bruder Marcello, der wirklich einen klassischen Absturzweg gegangen ist. Von irgendwelchen Pillen ist er ziemlich schnell beim Sugarrauchen und dann beim Heroin gelandet. Als ich 18 war, hatte er schon fast alles durchgemacht, war im Platanenhof, in irgendwelchen Programmen, wo sie mit Jugendlichen auf Hochsee fuhren, um sie von den Drogen wegzubringen.
Er erzählte mir ein paar Mal, dass er sich den goldenen Schuss setzen will. Und er hat es auch ein paar Mal probiert. Was ihm immer Kraft und Energie gab, war das Fussballding. Das gab ihm auch Rückhalt. Ich glaube, nur darum ist er nie ganz abgestürzt. Es hat ihn am Leben gehalten. Als wir nach 1998 zum ersten Mal wieder einmal in einen Cupfinal gekommen sind, gegen Luzern, genau nach diesem Final ist er gestorben. 2021 war das. Als hätte er darauf gewartet, dass wir diesen verdammten Pokal holen. Aber es hat leider nicht funktioniert.
Ich habe erlebt, wie Kollegen aus meinem Umkreis den Drogen nicht widerstehen konnten. Die einen haben sich wieder gefangen. Aber es gab zu viele, die aus dem Scheiss nie wieder rausgekommen sind. Warum ich nicht abgestürzt bin? Keine Ahnung. Ich hätte genauso gut auch abstürzen können. Vielleicht war es meine Liebe zum Leben, die Angst, dass zu schnell zu viel kaputt gehen könnte.
Mein Traum als Kind war es immer, im Zirkus als Clown zu arbeiten, Menschen zum Lachen zu bringen. Und ich singe und zeichne gerne. Ich wäre auch gerne Tänzer geworden oder hätte etwas mit Musik gemacht. Natürlich hast du andere Möglichkeiten, wenn Geld da ist. Du kannst dein Kind fördern, kannst es in den Klavierunterricht schicken oder in den Zeichnungskurs. Wenn du weniger Geld hast, so wie bei uns, dann ist das halt schwieriger. Natürlich merke ich jetzt auch mit meinen Kindern, dass ich zu einer anderen Klasse gehöre.
Ich habe mein Leben lang immer gearbeitet. Als 10-Jähriger hab’ ich bei den Marktständen für einen Fünfliber pro halbe Stunde Gitter geschleppt. Später habe ich Zeitungen verteilt. Nach der Schule habe ich zuerst ein Praktikum bei der «Schmatzinsel» gemacht, die damals zur Bäckerei Schwyter gehörte. Die war da, wo nachher lange der «City Kebab» drin war und heute die «Hoy»-Bar. Ich hätte eigentlich ein Jahr als Praktikant im Service und in der Küche arbeiten sollen. Aber von Anfang an musste ich nur in der Abwaschküche arbeiten. Einmal wollten sie mich das Treppenhaus von Hand mit einer Bürste schrubben lassen. Irgendwann realisierte ich, dass ich für die einfach eine billige Arbeitskraft war. Also habe ich gekündigt.
Ich habe dann ein paar Monate im «Filou» gearbeitet und dann eine Lehre als Tonträgerverkäufer im «Z-Records» begonnen. Uns wurde immer gesagt, ihr macht den schönsten Verkäuferjob überhaupt. Ihr verkauft Träume. Und ich konnte wirklich etwas machen, was ich schon immer liebte, etwas mit Musik. Dass du den ganzen Tag Musik hören kannst in deinem eigenen CD-Shop, das ist das Geilste, was dir passieren kann in der Lehre. Du hast dich den ganzen Tag mit Leuten über Musik unterhalten, hast dich gefreut wie ein kleines Kind, wenn ein Paket mit neuen CDs angekommen ist.
Als ich die Lehre machte, gab es schon den Citydisc und später den Media Markt, wo sie CDs zu Schundpreisen verscherbelt haben. Wir mussten halt noch 29.50 pro CD verlangen, im Citydisc hast du dafür 18 oder 20 Franken bezahlt. Wobei wir damals wohl mehr Hasch als CDs verkauft haben. Ich denke, das darf ich jetzt erzählen. Der ehemalige Besitzer ist vor einiger Zeit gestorben.
So mit 25 oder 26 habe ich begonnen, in der Bar eines Kollegen zu arbeiten. Der hat mir dann auch das Wirtepatent bezahlt. Später habe ich mit einem Freund eine Weinlounge draussen in Bruggen eröffnet, die mehr schlecht als recht lief. Danach habe ich für ein paar Monate für einen Freund gearbeitet, im «Landhaus». Er hatte das Hotel gemietet und suchte noch jemanden für die Bar. Ich habe da gearbeitet, bis der Typ eines Tages das ganze Inventar ausräumte und verscherbelte.
Ich habe noch an anderen Orten gearbeitet, im Media Markt, im Dock unten, dieser Recyclinganlage, und wieder in der Weinlounge. Bis mich irgendwann ein Kollege fragte, ob ich nicht den «Ritter» übernehmen wolle. Und so bin ich hier Geschäftsführer geworden. Aber den «Ritter» gibt es nicht mehr. Neu heisst der Laden «Um die Ecke» und soll aber keine Fussballkneipe mehr sein. Vielmehr ein Ort fürs Quartier, wo sich alle wohl fühlen.
Als ich meine Lehre abschloss, war das auch die Zeit, als es in der Stadt und in der Region verdammt viele Faschos gab. Das hast du als Italo natürlich gespürt. Wir waren Secondos, hingen mit Albanern, Türken, Jugos, Spaniern rum. Wir waren auch Grabenhallegänger. Und wir begannen dann immer stärker, uns zu wehren gegen die Nazis. Immer wieder kam es zu Auseinandersetzungen. Einmal vor dem ehemaligen «Africana», dort beim «Goliath» unten. 50 Nazis gegen 50 von uns.
Zum Teil gab es schon Leute, Türken oder Italiener zum Beispiel, die rechts dachten, die fanden, es habe zu viele Afrikaner und so. Aber wir standen dann doch gemeinsam da gegen die Faschos, weil du wusstest, du bist auch ein Ausländer, dein Vater ist auch als Immigrant in die Schweiz gekommen. So hat sich das mit der Zeit ergeben. Wo es auch nur das kleinste Anzeichen gab, dass Faschos da sind, haben wir uns immer sofort zusammengetan, beobachtet, was sie tun. Und sind dann auf sie los. Am St.Gallerfest zum Beispiel. Wir haben uns nie als organisierte politische Gruppe verstanden. Aber wir haben uns dann allmählich in diese politischen Sachen reinbewegt.
Am 1. Mai sind wir öfters nach Zürich gefahren oder dann auch 2001 nach Landquart an die Anti-WEF-Demo. Wir waren mit meiner Fangruppierung da. Wir waren klar links, klar antikapitalistisch. Wir wollten irgendwann nicht mehr einfach nur an Raves oder an die Street Parade gehen, sondern auch an Demos.
Einmal sind wir mit dem Zug nach Chur gereist und wollten nach der Demo wieder zurück. In Landquart ist der Zug nicht mehr weitergefahren. Plötzlich haben Polizisten angefangen, Tränengas und Rauchmaterial – oder was auch immer das war – in die Abteile zu werfen. Sie haben uns auf die Gleise getrieben, wo schon eine Reihe Polizisten stand, alle mit Gummischrot im Anschlag, auf Gesichtshöhe gezielt. Wir mussten dann mit erhobenen Armen auf einen Platz gehen, wo sie uns alle kontrollierten.
Natürlich radikalisiert dich sowas. Du verlierst den Glauben an den Rechtsstaat. Du bist an einer Demo, willst deine Meinung ausdrücken, bist noch jung und denkst, ey, irgendwas mit unserem Planeten stimmt doch nicht. Und machst auch noch alles, was die Demoveranstalter dir sagen. Und dann wirst du mit einem Fingerschnips eingesackt und sie können mit dir tun, was sie wollen. Du bist in dem Moment gar nichts mehr wert. Dann denkst du schon, vielleicht gehe ich besser wieder an die Street Parade. Weisst du, was ich meine? Es ist ja eigentlich ein falscher Gedanke, aber entweder radikalisierst du dich und sagst dir «jetzt erst recht» – oder eben, «nein, das will ich mir nicht geben».
Einmal sind wir an eine Fascho-Demo gefahren. Wir haben denen geschrieben, anonym natürlich, und gesagt, wir hätten Interesse, an die Demo zu kommen. Man musste da durch gewisse Treffpunkte geschleust werden. Das war auch die Anfangszeit der Chats, das gab es vorher noch nicht. Sie haben uns dann den Treffpunkt geschickt. Und wir sind hingefahren und haben sie zusammengeschlagen.
St.Gallen war zu dieser Zeit schon eine kleine Hochburg für Faschos. Was sie alle vereinte, war der Fussball. Die haben sich immer am Wochenende im Stadion getroffen, oder auch an der Olma. Im Stadion gab es damals noch Affenlaute, Bananenwürfe. Es gab Leute, die mit «gegen links»-Pullis rumstolziert sind, dir den Joint aus der Fresse geschlagen und gesagt haben, was rauchst du da für Negerdrogen?! Wir waren die Scheiss-Tschinggen, Scheiss-Jugos oder die Afrikaner.
Wir haben mit der Zeit immer stärker begonnen, denen auch im Stadion eine Ansage zu machen und ihnen zu sagen: Ihr seid hier nicht willkommen. Du musstest das ja fast mit Gewalt machen. Ich wüsste nicht, wie man jemanden sonst so radikal von einem öffentlichen Platz fernhalten kann. Wie soll das sonst gehen? Du musstest einfach die ganze Zeit Präsenz zeigen.
Natürlich gab es am Anfang auch Stress, den gab es eigentlich immer. Es hiess dann, die Scheiss-Secondos, die Ausländer. Das war am Anfang ziemlich übel. Wir sind immer mal wieder aneinandergeraten. Mit der Zeit hat sich das gelegt, weil die gemerkt haben, dass sie uns auch brauchen, wir auch hingestanden sind, wenn irgendwelche Zürcher in den Block kamen. Und sie haben auch gemerkt, dass wir uns nicht mehr alles gefallen lassen.
Wir, das sind vor allem die Secondos. Vorher sind viele von uns gar nicht ins Stadion gegangen, auch weil viele Fans von Clubs aus den jeweiligen Ländern waren: Du warst Fan von Milan, Galatasaray oder Barcelona oder sonstwem, aber bestimmt nicht St.Gallen-Fan.
Wir haben dann begonnen, anderen Secondos, anderen Jugendlichen davon zu erzählen. Ich meine, es ist ja cool, wenn du Juve oder Inter geil findest, deine Familie kommt vielleicht ursprünglich aus Napoli oder wie meine aus Rom. Aber du lebst ja eigentlich hier, bist St.Galler, du bist hier aufgewachsen. Hier sind wir alle gemeinsam.
Du kannst dir das heute gar nicht mehr vorstellen, wie verklemmt, verschlossen das alles war im Stadion. Selbst wenn die Schweizer Nationalmannschaft gespielt hat, musstest du die Schweizer immer etwas aus der Reserve locken, auch im Espenmoos. Alle erzählen immer, was für ein Hexenkessel das früher war. Aber als ich begonnen habe, ins Stadion zu gehen, war die Stimmung richtig übel. Vielleicht wurde es gegen Basel oder GC mal ein bisschen lauter, aber sonst war es ziemlich langweilig. Wir hatten in Italien die -Ultrakultur erlebt, diese Liebe zum Verein, dieses Miteinander laut sein, den Gegner einschüchtern, das war für uns etwas so Faszinierendes. Das wollten wir auch in St.Gallen.
Mit dem Meistertitel 2000 hat sich das etwas geändert. Die ganze Euphorie verbreitete sich wie ein Flächenbrand. Und wir haben irgendwann eine eigene Gruppierung gegründet, in einer Wohnung im Sägegässli im Linsebühl. Die Rechten wollten damals im Stadion bestimmen, wer was darf und was nicht, und einen auf Macker machen. Wir sind gekommen und haben gesagt: «Wir machen, worauf wir Bock haben. Und es gibt niemanden, der uns was zu sagen hat.»
Nach einem Auswärtsspiel in La Chaux-de-Fonds habe ich ein zweijähriges Stadionverbot erhalten. Wir haben uns mit der Polizei angelegt. Am Bahnhof haben wir sie etwa eine halbe Stunde lang mit Steinen beworfen. Später sind sie in unseren Zug gekommen und haben auf uns eingeprügelt. Mein ältester Bruder war von oben bis unten übersät mit blauen Flecken. Das war die übelste Auswärtsfahrt, die ich erlebt habe. Pure Gewalt.
Nachdem das Stadionverbot abgelaufen ist, bin ich Capo geworden. Gewisse Leute hatten immer ihre Mühe mit dem alten Capo und seiner Art. Ihm fehlte diese italienische Mentalität. Dann wurde ihm auch ziemlich rabiat mitgeteilt, dass wir keinen Bock mehr darauf haben. Es wurde sowieso oft nicht lange gequatscht und auch einfach mal zugeschlagen. Wir hatten nicht geplant, dass ich danach Capo werde. Aber es hat sich dann einfach so ergeben – bei einem Auswärtsspiel in Thun. Aber ich hab über die ganzen Jahre auch immer ziemlich viel Gegenwind und Skepsis aus der Szene gespürt.
Was mich so fasziniert an dem Ganzen? Ich habe mir die Frage schon 1000 Mal gestellt. Vielleicht ist es ganz einfach: Es ist ein Pulk, etwas Zusammengeschlossenes, du hast ein Gefühl des Miteinanders. Das macht dich stark. Du bist wie eine Familie, die aufeinander schaut und sich beschützt. Vielleicht zieht es auch Junge an, die aus einer Familie kommen, in der sie nicht wirklich Rückhalt haben, es nicht immer ein harmonisches Zusammenleben gibt, man niemanden hat, der zu einem steht.
Bei vielen ist das auch eine Übergangsphase im Leben, wo du in deiner Jugend fünf Jahre dabei bist. Andere verlieren sich komplett darin. Natürlich ist das auch ein maskulines Phänomen, dass du in einer Gruppe sein musst. So fühlst du dich stärker. Das siehst du auch bei irgendwelchen Rockern oder Banden. Wirklich was geändert bezüglich Frauen in der Kurve hat sich nicht. Natürlich führen wir gewisse Diskussionen, die wir früher nicht geführt haben. Das ist auch gut. Aber die Kurve besteht ja auch heute noch fast ausschliesslich aus Männern, gestandenen Männern, wenn du so willst. Das macht einfach was aus. Natürlich fasziniert mich diese Masse auch. Du gehst irgendwo hin und verteidigst etwas, deinen Namen, deine Stadt, den Ort, wo du aufgewachsen bist.
Marcello, mein Bruder, war auch Teil der Szene. Er hat immer gerne Scheisse gebaut, Böller aus den Fenstern geworfen, sich fast selber irgendwelche Körperteile abgejagt, einfach aus Blödheit. Aber er hat das immer auch aus einer totalen Liebe zum Ganzen getan. Wir haben uns auch im Stadion oder Extrazug immer mal wieder geprügelt, zum Spass und zur Abschreckung der anderen. Du musstest irgendwie deine Energie rauslassen, wenn du keinen Gegner hattest. Und du wolltest dir natürlich auch Respekt verschaffen in der Szene.
Es ist schon crazy, wenn ich mir das überlege, wie fest mich diese Scheiss-Gewalt mein ganzes Leben lang begleitet hat, auch wenn ich persönlich nie Fan davon war. Ich glaube schon, dass es etwas mit Anerkennung zu tun hat. Immer dann, wenn du mal ein wenig zugelangt hast, hast du gespürt, dass die anderen merken, es ist besser für sie, wenn sie ihre Klappe halten.
Du musst dich in dieser Ellbogengesellschaft immer behaupten, und wenn du es intellektuell nicht kannst, dann musst du es halt körperlich machen. Und natürlich haben wir die Gewalt auch verherrlicht, gerade als Jugendliche. Wir haben uns Filme von Rocky oder Rambo angeschaut und fanden das irgendwie cool.
Ich weiss doch auch nicht, wie ich jemandem, der irgendwo in seiner Villa in Rotmonten wohnt, erklären soll, wieso wir das alles machen. Oft ist es einfach ein Adrenalinschub. Eigentlich sind wir Junkies. Einmal haben wir uns bei einem Spiel der U-21 von St.Gallen im Gründenmoos mit 100 GC-lern geprügelt, einfach so. Ich war zu dem Zeitpunkt schon zwei, drei Tage wach und komplett zugeballert.
2024 bin ich nochmals Vater geworden. Es ist jetzt das dritte Kind. Als wir uns zum ersten Mal zum Gespräch getroffen hatten, lebte meine älteste Tochter nicht mehr hier bei uns. Jetzt ist sie aber wieder da. Auch sie hatte es nicht wirklich einfach. Ihre Mutter und ich sind immer wieder aneinandergeraten, hatten beide mit Alkoholproblemen zu kämpfen. Sie hat den ganzen Scheiss von Anfang an miterlebt und ist halt wohl auch dadurch irgendwie immer wieder angeeckt in der Schule. Sie ist eine kleine Rebellin, hat Mühe mit Cheffiguren. Mag sein, dass das irgendwie im Blut liegt bei ihr.
Seit letztem September ist sie nicht mehr zur Schule gegangen. Sie war auch schon im Platanenhof, weil die Polizei automatisch eingeschaltet wird, wenn Kinder nicht mehr zur Schule gehen. Ich habe immer versucht, so wenig autoritär wie möglich zu sein, eine Freundschaft aufzubauen. Ich weiss nicht, ob es besser gewesen wäre, da manchmal eine etwas härtere Schiene zu fahren. Sie wurde zigmal von der Polizei gesucht und abgeholt und dann zu uns gebracht. Und dann ist sie eben im Platanenhof gelandet. Für etwa drei Monate. Das ist echt wie ein Knast dort. Du merkst hier einfach wieder: Wenn du Geld hast, dann schickst du dein Kind einfach in ein Internat, ein Gymnasium oder irgendwohin, wo es ihm gut geht und es gehegt und gepflegt wird. Und wenn du das nicht hast, dann bist du auf den Staat angewiesen. Und wenn der halt mal sagt, nein, jetzt hab ich kein Geld dafür, dann musst du schauen, wo du bleibst.
Sie hat irgendwann ihre Chance gepackt und ist vom Platanenhof abgehauen. Sie ist einfach übers Feld gerannt, ihr Freiheitsdrang war zu gross. Mir war immer wichtig, dass ich mit meinen Kindern so viel Zeit wie möglich verbringe. Wir konnten zwar nie gross in den Urlaub fahren, aber ich glaube, es gibt wenige Kinder, die so viel Zeit mit ihrem Elternteil verbracht haben wie meine.
Letztens war ich mit meinem Kleinen am Spiel im Stadion. Und dann hat sich einer beklagt und gesagt, der Kleine habe im Block nichts zu suchen. Das sind dann dieselben, die sagen, Frauen hätten in der Kurve nichts zu suchen. Da geht es um ein Bild von der Kurve, ein Bild, das aus lauter Männern bestehen soll. Und da stört dann natürlich ein kleines Kind. Das kann ich nicht verstehen.
Ich bin aktuell nicht mehr Capo der Kurve. Manchmal frage ich mich, ob ich nicht doch hätte weitermachen sollen, obwohl ich gesundheitliche Probleme habe, nochmals Vater geworden bin. Schliesslich haben wir auch so viel bewegt, so viel geleistet. Aber ich spüre auch, dass sich vieles geändert hat im Stadion. Die Lockerheit von früher ist weg. Alles ist professioneller. Vielleicht passe ich da nicht mehr rein, so ehrlich muss ich sein zu mir. Es hat mir das Herz zerrissen, das zu realisieren.
Aber für mich ist auch klar: Es braucht diesen Ort, wo man ein bisschen rebellisch sein, auch mal über die Stränge schlagen kann. Hier erlebst du Dinge, die du sonst im Alltag nie erlebst, wenn du jeden Tag brav arbeiten und dann nach Hause gehst. Sonst bist du nur ein Roboter und machst, was man dir sagt.
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Das St.Galler Theater Trouvaille entdeckt den Musiker und Juristen Mani Matter neu. «’S isch einisch eine gsy»– 90 Jahre Mani Matter verbindet zahlreiche Lieder und literarische Texte des Berners zu einem abendfüllenden Programm. Saiten hat mit dem Theaterleiter Matthias Flückiger gesprochen.
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Caline Aoun interessieren die Momente der Veränderung, die Übergänge und Zustände. Ihre Ausstellung in Kunstmuseum und Kunsthalle Appenzell wird zum Ende der sechsmonatigen Laufzeit eine andere sein als zu Beginn.
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